Auf dem Weg zur Verkehrswende

Beobachtungen bei einer Debatte der Zukunftsreporter in Düsseldorf

Ernst Schorn Eine alte Schreibmaschine und ein modernes Netzwerk

Die Zukunftsreporter -

ein Projekt von Carina Frey, Rainer Kurlemann und Alexander Mäder.

Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen.


Nachrichten im September 2019 aus Düsseldorf: Mehr als 200.000 Menschen beteiligen sich an der Demonstration zum Aktionstag von #FridaysForFuture. In der Altstadt wird eine SUV-Fahrerin von Passanten angepöbelt, die ihr Auto als viel zu groß und als CO2-Schleuder empfinden. Düsseldorf gilt als deutsche SUV-Hauptstadt, nirgendwo sind so viele Geländewagen pro Kopf angemeldet. Und die Stadt experimentiert. An einem Sonntag wird ein Bereich der Innenstadt wegen zahlreicher Veranstaltungen als komplett autofrei abgesperrt. Der Rat sucht seine Mehrheiten, damit eine dritte Umweltspur quer durch die Stadt eingerichtet werden kann, auf der dann Busse, Fahrräder und Autos mit mehr als drei Insassen fahren dürfen. Vermutlich werden sich dadurch zusätzliche Staus bilden, denn Düsseldorf ist an jedem Werktag das Ziel von mehr als 300.000 Pendlern. Andererseits schlägt ein Politiker Parkgebühren für Fahrräder vor, damit alle Verkehrsmittel gleich behandelt werden. Die Verkehrspolitik wird mit großer Wahrscheinlichkeit das entscheidende Thema für die Kommunalwahl im September 2020 bilden.

In diesem Umfeld haben die Zukunftsreporter zur Unterhausdebatte in die Zentralbibliothek am Bahnhof eingeladen. Das Thema: Mobilität. Nach einem kurzen Info-Block mit Beispielen stellen wir sechs Fragen mit einfachen Antworten - Ja oder Nein? Das Publikum soll Stellung beziehen, indem es sich auf die Stühle der Ja- oder der Nein-Seite setzt. Nach jeder Frage wechselt es die Plätze. Die Anordnung der Stühle lässt an Konfrontation denken, zwei Blöcke sitzen sich gegenüber. . Aber es wird eine konstruktive Diskussion.

Die Verteilung der Besucher auf die Antworten ist gewiss nicht repräsentativ. Wir fragen nach, wollen die Gründe wissen: Warum hat sich jemand für Ja oder für Nein entschieden? Schon die ersten Antworten zeigen: In Düsseldorf bilden die Besucher keine unversöhnlichen Lager.

"Fahren Sie gern Auto?" und "Brauchen wir die autofreie Stadt?" lauten die beiden ersten Fragen. Eine Frau im Publikum sitzt auf der Ja-Seite. Sie fährt gern Auto und befürwortet dennoch die autofreie Innenstadt. In der Innenstadt brauche man kein Auto, erklärt sie. Den Weg zur Arbeit legt sie schon heute mit ÖPNV oder Fahrrad zurück. Aber Auto fährt sie trotzdem gern, auf den weiten Strecken.


In der Zentralbibliothek Düsseldorf diskutieren Menschen über Mobilität und Verkehrswende.
Unterhausdebatte: Das Publikum hat sich für Ja oder Nein entschieden - Alexander Mäder fragt nach den Gründen.

Einige von denjenigen, die nicht gern Auto fahren, wollen trotzdem nicht auf den Pkw verzichten. Sie wollen aber nicht selbst am Steuer sitzen, sondern hoffen auf autonome Fahrzeuge. Dahinter steht die Erwartung, dass sich die Zeit im Auto sinnvoller nutzen lässt, als sie mit Schalten, Lenken und Bremsen zu verbringen. Die Zustimmung zur autofreien Stadt hängt von den Rahmenbedingungen ab: Was ist mit Lieferanten und welche Rechte bleiben den Anliegern? Bedeutet der Begriff autofrei, dass wirklich keine Autos unterwegs sind? Werden Straßen als Zufahrt zu Parkhäusern geöffnet bleiben? Wenn es einen allmählichen Umstellungsprozess gibt und feste Zeiten für Anlieferverkehr, können sich die meisten mit der Vorstellung anfreunden. Die Teilnehmer zeigen sich bereit zum Kompromiss, auch wenn es scharfe Spitzen gibt. Das Auto sei ein Werkzeug, mit dem man töten könne, deshalb gehöre es nicht in die Innenstadt, sagt einer. Andere freuen sich auf mehr Grünflächen, weniger Parkplätze und mehr Raum für die Menschen. Die Gleichberechtigung der verschiedenen Verkehrsmittel sei noch nicht gewährleistet.

Immer wieder wird über die richtige Geschwindigkeit des Veränderungsprozesses debattiert. Dieser Punkt überlagert auch die nächsten beiden Fragen der Zukunftsreporter. Sind die grüne Welle für Bus und Bahn und die in Düsseldorf heftig diskutierte Umweltspur der richtige Weg zur Verkehrswende? Ist es möglich, ein System für den öffentlichen Nahverkehr zu errichten, das allen Bewohnern gefällt? Ein Mann, der sich für den Autoverkehr ausspricht, verweist darauf, dass Städte wie Kopenhagen und Amsterdam schon vor Jahrzehnten mit dem Aufbau der alternativen Infrastruktur begonnen hätten. Beide Metropolen gelten mit ihrem hohen Anteil an Radfahrern zu den europäischen Vorbildern für eine ökologische Verkehrswende. Kann Düsseldorf das schneller schaffen? Der Mann wehrt sich gegen die Hauruck-Methode und vor allem gegen Verbote. Damit der Umstieg von Auto auf Fahrrad oder ÖPNV gelingt, müssten erst die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden, sagt er. Dann überrascht der Mann die Gegenseite: Er sei durchaus bereit umzusteigen, aber nicht unter den heutigen Bedingungen.

Die Diskussion über die Möglichkeiten des Nahverkehrs liefert viele Anregungen zu einem möglichen neuen Szenario. Das ÖPNV-Netz der Zukunft könnte mit wenigen festen Linien auskommen, die dann in einer engen Taktung fahren. An den übrigen Haltestellen sammelt künstliche Intelligenz die Fahrtziele der Passagiere, berechnet aus allen Anfragen die effektivsten Touren und schickt autonome Busse los, die die Fahrgäste an ihr Ziel bringen. Diese Vision ist vielen Besuchern der Veranstaltung dann doch eine viel zu technische Utopie.

Über eine andere technische Frage wird in der Stadtbibliothek ebenfalls lange diskutiert. Aus welchen Quellen soll der Strom stammen, wenn die Autoflotte nicht mehr mit Verbrennungsmotoren, sondern elektrisch angetrieben wird.

Nach fast 90 Minuten mussten wir die Diskussion ausklingen lassen. Ein Fazit über richtige und falsche Antworten wollen wir nicht ziehen, diese Bewertung führt in die Irre. Wir haben eine Bereitschaft zum Kompromiss gesehen, Vielleicht ist das nicht typisch für alle Veranstaltungen dieser Art. Aber sie lässt hoffen, dass sich Wege finden lassen, die von vielen Menschen getragen werden. Die Mobilität und die Verkehrswende werden ein umstrittenes Thema bleiben, weil die Veränderung mit Verzicht auf Gewohnheiten einhergeht. Sicher gibt es viele technische Aspekte zu berücksichtigen, aber die engagierte Diskussion zeigt auch, wie sehr Emotionen im Verkehrsalltag eine Rolle spielen.

Die große Mehrheit der Zuhörer ist einer Meinung. Rainer Kurlemann fragt nach.

Die nächsten Veranstaltungen der Zukunftsreporter:

4. November 2019, Körber-Stiftung, Hamburg - Unterhausdebatte: Darf der Mensch seine Gene ändern?

7. November 2019, Zentralbibliothek Düsseldorf - Unterhausdebatte: Datenflut und künstliche intelligenz

15. November 2019, Forum St. Martin, Düsseldorf - Weinlesung: Welche Zukunft hätten Sie denn gern?

3. Dezember 2019, Stadtbücherei Stuttgart - Unterhausdebatte: Künstliche Intelligenz und wir

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