Ein bisschen Optimismus

Rezension von Harald Welzers Buch „Alles könnte anders sein“

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In seinem neuen Buch beschreibt der Sozialwissenschaftler Harald Welzer eine Utopie für unsere Gesellschaft: Wir können nachhaltig leben, ohne die Natur auszubeuten. Wir müssen bloß anfangen und sollten nicht auf Politik und Wirtschaft warten. Doch am Ende werden wir für eine wirkliche Transformation der Gesellschaft alle Kräfte brauchen.

Vor einigen Tagen ist die Verkehrskommission der Bundesregierung damit gescheitert, einen Plan vorzulegen, der die Klimaschutzziele für das Jahr 2030 erfüllt. Die Arbeit sei ja noch nicht abgeschlossen, tröstet die Kommission in einer Stellungnahme. Man kann darüber enttäuscht sein, dass es wieder einmal nicht gelungen ist, etwas zu vereinbaren, was praktisch alle für nötig halten. Ist es nicht eine zentrale Aufgabe der Politik, diese Probleme zu lösen? Doch Harald Welzer empfiehlt eine optimistischere Sicht auf die Dinge: Wenn man etwas erreichen will, darf man nicht dauernd klagen und den Schuldigen für die Blockade suchen. Man muss einfach anfangen – und zwar selbst. „Geschichte ereignet sich nämlich nicht, wenn man zuvor alles durchdacht hat“, schreibt der Sozialwissenschaftler und Publizist in seinem neuen Buch „Alles könnte anders sein“. „Sie wird gemacht, indem man vom Pfad abweicht.“

Ein Einwand liegt auf der Hand: Zeigt nicht das Beispiel der Verkehrskommission aufs Neue, wie schwierig die Probleme unserer Zeit sind? Seit dem Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro, auf dem der erste Weltklimavertrag unterschrieben wurde, sind die CO2-Emissionen weltweit um mehr als 60 Prozent gestiegen – und sie steigen noch immer. Ist das nicht Grund genug zum Verzweifeln? Die Chance, den Temperaturanstieg wie vereinbart auf deutlich unter zwei Grad zu halten, liegt wegen des langen Zögerns inzwischen fast bei null. Es ist also nicht mehr fünf vor, sondern längst fünf nach zwölf.

Solchen Äußerungen begegnet Harald Welzer mit der Forderung, den Propheten des Untergangs endlich die Uhr wegzunehmen. Er beschreibt stattdessen eine alternative Lebenseinstellung, die es uns erleichtern würde, den Planeten nicht zu zerstören. Sein Ziel ist zu „restaurieren, was beschädigt worden ist“. Also den Plastikmüll wieder einsammeln, begradigte Flüsse renaturieren, den abgeholzten Regenwald wieder aufforsten und CO2-Emissionen einsparen. Hier sieht Welzer keinen hoffnungslosen Fall, sondern viele engagierte Menschen auf einem guten Weg. Sie versuchen, die Wachstumslogik der Wirtschaft zu durchbrechen, weil wir dadurch über Jahrzehnte die Ressourcen der Erde ausgebeutet haben.

Cover von Harald Welzers neuem Buch „Alles könnte anders sein“
Harald Welzers neues Buch „Alles könnte anders sein“
S. Fischer Verlag

Zu Welzers Lebenseinstellung gehören Solidarität, Freundlichkeit und natürlich Nachhaltigkeit. Vor allem ist jeder einzelne gefragt, darüber nachzudenken, was sie oder er beitragen kann. Niemand muss auf die Verkehrskommission warten, um seine persönliche Verkehrswende einzuleiten. Die Frage ist natürlich, wie weit das individuelle Engagement trägt: Lässt sich so die Welt retten? Für Welzer ist das zu hoch gegriffen: Er konzentriert sich auf das, was wir tatsächlich verändern können. Den Chinesen das Autofahren verbieten? Warum nicht lieber in deutschen Städten anfangen?, fragt Welzer zurück. Realismus bedeutet für ihn: „im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Reichweite Dinge verändern“. Er beschwert sich über „die Geringschätzung dessen, was man kann“, und er verweist darauf, dass sich niemand der Nachwelt bloß als Verbraucher empfehlen möchte. Wer wolle schon eine Todesanzeige, in der steht: „Fuhr einen Audi Q7 und machte fünf Aida-Kreuzfahrten und eine sogar mit der MS Europa“?

Welzer stützt sich in seiner Argumentation auf Erfahrungen mit seiner Stiftung Futurzwei, die Erfolgsgeschichten sammelt wie die des Landwirts Christian Hiß, der die erste Regionalwert-AG gründete. Diese Aktiengesellschaften kaufen mit dem Geld von Bürgern und Firmen Bauernhöfe, verpachten sie an Biobauern, gründen einen Bioladen oder bieten ein Gemüsekisten-Abo an. Vom Acker bis zum Teller soll alles in der Region bleiben. „Denn erst die immer weitere Zergliederung der Wertschöpfungskette macht ja jene Kultur der organisierten Verantwortungslosigkeit möglich, in der Produkte keine Geschichte mehr haben und rechenschaftslos verbraucht oder gleich entsorgt werden können“, kommentiert Welzer.

Die Beispiele machen Mut und man bekommt tatsächlich den Eindruck, die Welt könnte anders sein. Welzer beschreibt durchaus eine attraktive Zukunft. Für ihn folgen die nächsten Schritte aus einer realistischen Analyse des Status quo: So wie bisher kann es nicht weitergehen, aber die ökologische Maximalutopie überfordert uns. Also fangen wir am besten mit dem an, was möglich ist. Den Kapitalismus abschaffen und durch ein nachhaltiges Wirtschaftssystem ersetzen – das wird uns nicht gelingen. Aber einen Biobauernhof in der Nähe zu unterstützen – das geht. Trotzdem wird man den Verdacht nicht los, dass Welzer in seinen optimistischen Zukunftsszenarien etwas übersieht. Und der Verdacht ist berechtigt: Das Politische blendet er völlig aus, dabei brauchen wir auch hier Fortschritte.

Neben dem Engagement vieler Menschen benötigen wir eine Politik, die dieses Engagement fördert und es nutzt, um weitere Maßnahmen zu legitimieren. Wir müssen zum Beispiel aus der Subventionierung der fossilen Energien aussteigen. Und wir müssen die Schäden, die durch Treibhausgase entstehen, in die Preise der Produkte einberechnen. Derzeit versuchen die Schülerinnen und Schüler der #FridaysForFuture-Bewegung politischen Druck aufzubauen, aber die Erwachsenen tun sich weiterhin schwer damit.

Welzer argumentiert, dass politische Maßnahmen nicht zum Kern des Problems vordringen. Die Klimakonferenzen der Vereinten Nationen würden nur die Illusion wachhalten, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen werde, schreibt er. Aber will er sie wirklich abschaffen – die einzige Hoffnung auf einen international abgestimmten Klimaschutz? Macht er nicht genau das, was er seinen Kritikern vorwirft: „die Geringschätzung dessen, was man kann“? Politische Entscheidungen könnten den Klimaschutz deutlich voranbringen – diese Chance sollten wir nicht leichtfertig aufgeben. Das Zögern und Zaudern der nationalen wie internationalen Politik ist zwar frustrierend und wird in diesem Jahrhundert zu zahlreichen Naturkatastrophen führen, die wir hätten vermeiden können. Doch man möchte Harald Welzer hier eine Dosis seines eigenen Optimismus empfehlen: Wir sollten nicht auf den großen politischen Durchbruch warten, sondern mit realistischen Maßnahmen einfach anfangen.

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