Wie Deutschland über die Zukunft denkt

Beobachtungen beim Presseclub in Berlin.

Die Zukunftsreporter – Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen.

Wie wollen wir uns demnächst ernähren? Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Müssen wir die Informationen aus den Genen für unser Leben nutzen? Das sind nur drei Beispiele für viele wichtige Fragen zu unserer Zukunft.

Wir wollen als Zukunftsreporter die Diskussion über Themen der Zukunft anregen und fördern. Deshalb suchen wir den Kontakt mit den Lesern und mit allen, die sich für die Zukunft interessieren. Am ersten Sonntag im Februar waren die Zukunftsreporter als Gast im Presseclub in der Berliner Amerika-Gedenkbibliothek eingeladen. Wir haben uns für ein offenes Format entschieden, wollten dem Publikum im Salon der Bibliothek viel Platz zur Mitwirkung einräumen und nur den groben Rahmen vorgeben. Wir wollten wissen: Was denken Sie über die Zukunft und wie könnten Veränderungen möglich werden? Entsprechend stehen die Stimmen aus dem Publikum auch im Mittelpunkt des heutigen Berichts. Der Salon ist übrigens kein geschlossener Raum, sondern mitten im Betrieb der Bibliothek, die sonntags geöffnet ist. So kamen manche Gäste im Publikum eher zufällig in den Presseclub, aber sie diskutierten trotzdem gern mit. Die Highlights aus 90 Minuten.

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Was sind Ihre Themen der Zukunft?

In die Zukunft schauen - geht das? So hieß das Thema im Presseclub. Als Einstieg haben wir kurz über unsere Arbeit berichtet, dann war das Mikrofon offen für das Podium. Was sind Ihre Themen für die Zukunft? Die Antworten waren breitgefächert, sicher nicht repräsentativ, aber interessant.

„Ich habe immer gehört, irgendwann geht das Öl aus. Das würde mich mal interessieren, was dann kommt, auch wegen der Erderwärmung.“
„Stichwort culture clash: Werden wir die Kulturen und Religionen irgendwann mal miteinander verträglich bekommen auf der Welt?“
„Mich würde interessieren, ob wir es noch schaffen, die Klimagas-Emissionen zu reduzieren? Ob wir das zeitgerecht hinkriegen, damit man größere Katastrophen vermeiden kann.“
„Ich finde die Frage interessant, wie lange wir uns noch biologisch natürlich fortpflanzen werden. Und wann der Punkt kommt, ab dem das alles ausschließlich in-vitro passiert. Dann könnte der Mensch leicht manipuliert werden.“
„Wie schützen wir uns und unsere individuellen Werte unter den Bedingungen von technologischen Prozessen, die uns überrennen?“
„Meine Themen: Wird es Gott noch geben in der Zukunft? Ist der Tod noch relevant?“  
„Wie lässt sich das, was wir als Zivilisation begreifen, noch halten über die nächsten 50 oder 100 Jahre? Gibt es da nicht einen Systemkollaps? Das Problem für mich ist, dass wir uns als so genannte zivilisierte Menschen, als Menschheit begreifen – und sämtliche indigenen Völker, die dafür kämpfen die Umwelt zu erhalten, über den Haufen rennen. Dabei geht ja vielleicht unser Weg in die falsche Richtung.“

Was wollen wir essen?

Die Themen des Presseclubs ergaben sich aus der Diskussion und den Beiträgen der Teilnehmer. Ein inhaltlicher Schwerpunkt: Unsere Ernährung und die Produktion von Lebensmitteln. Viele Besucher sind mit der derzeitigen Situation unzufrieden. Fünf Statements zur Rolle des Verbrauchers, der Wirtschaft und der Politik.

„Vieles, worüber wir hier reden, ist unreflektierter Konsum. Wenn wir Fleisch oder Eier über Gentechnik produzieren, dann behalten wir unseren Konsum von Billig-Fleisch und Billig-Eiern bei. Wir wollen Döner für 1,95 Euro. Dass das nur Ratte sein kann, ist keinem bewusst, oder wir blenden es aus. Wenn wir das anders wollen, müssen wir es ganz anders machen.“
„Bei Lebensmitteln wird schnell der Ruf laut, wir Verbraucher müssen uns informieren und die Dinge kaufen, die verträglich sind. Aber wollen wir uns überhaupt in jeder Situation über jedes einzelne Lebensmittel informieren? Wollen wir nicht eher von unserem Staat verlangen, dass die Dinge, die man kaufen kann, auch in Ordnung sind?“
„Es gibt ein Dreieck aus Politik, Wirtschaft und Verbraucher – an allen drei Seiten wird gesteuert. Das kann funktionieren. Ein Beispiel: Warum gibt es heute in allen Supermärkten Bio-Produkte? Das war vor 15 Jahren noch nicht der Fall. Das hat mit unserer Haltung zu tun: wenn die sich ändert, wenn unser Bewusstsein sich ändert, dann verändert sich auch Politik.“
 „Es heißt immer, der Konsument ist schuld, denn er kauft das billige Fleisch. Aber es wird ihm auch angeboten. Wenn er es nicht zur Wahl hätte, würde er es auch nicht kaufen. Ich selber möchte ja aktiv sein. Ich freue mich, wenn ich Leute überzeugen kann, dass sie Jutebeutel verwenden. Aber ich möchte, dass Billig-Fleisch im Supermarkt überhaupt nicht mehr angeboten wird. Und so etwas steuert die Politik, da komme ich allein nicht mehr weiter.“
„Viele von uns können sich die Entscheidungsfreiheit in puncto Ernährung finanziell leisten. Aber die Eltern von Kindern, die in Armut leben, können sich nicht entscheiden. Wenn Billig-Lebensmittel nicht mehr existieren und die Qualität generell besser ist, dann muss man natürlich auch den Mindestlohn und die Sozialhilfe erhöhen, das ist logisch.“  
Anja Krieger und Rainer Kurlemann beim Presseclub in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin Kreuzberg.
Stefan Bartylla

Was kann der Einzelne tun, um die Zukunft zu gestalten?

„Entscheiden kann ich nur, was ich in meinem Leben mache. Das kann ich direkt machen. Ich kann entscheiden, ob ich Plastik kaufe, oder nicht. Ob ich im Supermarkt einkaufe oder auf den Wochenmarkt gehe. Ob ich fliege oder nicht. Aber ich muss Prioritäten setzen: Wenn ich nicht fliege, kann ich keine entfernteren Länder besuchen. Wenn ich Facebook nicht nutze, kann ich mich schlechter vernetzen. Ich setze Prioritäten und muss entscheiden, welche Entwicklung ich mittrage und welche nicht. Meine Erfahrung ist leider, dass das eigene Engagement nichts bringt. Die Bürgerbeteiligung, die Demonstrationen und all das, es ändert sich nichts auf der politischen Ebene. Da kann ich nichts bewirken, auch wenn alle klug reden.“
„Es wird viel darüber diskutiert, wie träge Politik ist. Aber wichtig ist auch der Aspekt, dass jeder Einzelne träge ist, dass wir alle Gewohnheitstiere sind. Das wird in vielen Debatten ausgeblendet. Ich spüre selbst, dass ich bestimmte Gewohnheiten nicht so schnell los werde. Ich finde es spannend, inwieweit der Einzelne sich schnell umstellen kann und möchte.“
„Unterschriftensammlungen im Internet wie Change.org oder campact, die erreichen was.“
„Ich möchte ein Beispiel für Bürgerbeteiligung aus Berlin bringen, leider ein frustrierendes Beispiel. Ich wohne in einer Straße, die man vor dem Durchgangsverkehr zu einem neuen Kaufhaus schützen wollte. Drei Termine gab es, da ist seitdem nichts passiert. Dann habe ich erfahren, es kommt eine Straßenbahn. Dafür werden die Radfahrer in eine Nebenstraße umgeleitet. Wir sind gefragt worden, aber diese Lösung wollten wir nicht.“  
„Die Diskussion ist erstaunlich davon getrieben, wie jeder Einzelne durch sein Verhalten die Zukunft aktiv beeinflussen kann. Das ist richtig, aber viele Dinge kommen über uns, ohne dass wir uns das vorher haben vorstellen können. Beispiele dafür sind der Zerfall des jugoslawischen Staates oder der Sowjetunion. Das hätte sich niemand vorstellen können. Ich frage mich, wie man Gesellschaften fit machen kann für diese Form der Szenarien, die einfach über einen kommen. Wie wir eine Art und Weise finden, damit zivilisiert umzugehen?“

Wir müssen reden, wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Aber wer eigentlich mit wem und vor allem wie?

Die meisten Teilnehmer waren sich einig, dass sich in Deutschland viel verändern muss. Das ist leicht gesagt, aber schwer umzusetzen. Ein paar Meinungen aus dem Presseclub.

„Wir können von der Jugend lernen. Letztlich geht es um Haltung, um Meinung, um Vorbilder. Wie möchte man die Welt gestalten? Wenn wir bei der Politik nicht weiterkommen, können wir uns überlegen, wie wir unsere Haltung über die neuen Medien viral machen können. Das lässt sich steuern, über Influencer und so weiter. Die Jugend weiß, wie man eine Meinung in die Bevölkerung transportiert.“   
„Wir wissen doch, wie Populismus funktioniert: Mit einfachen Antworten, damit erreicht man Menschen. Das geht ins Bewusstsein eines großen Teils der Bevölkerung. Wir müssen das Prinzip übertragen auf die Themen, die wir verbreiten wollen. Wenn uns das nicht gelingt, haben wir verloren.“ 
„Wir haben ein Bildungssystem, das stammt teilweise noch aus der Zeit der Industrialisierung. Damals gab es einen anderen Grund, worum Menschen zur Schule gehen sollen. Heute wissen wir aus der Neurobiologie, wie lernen funktioniert und wie Bildung eigentlich heutzutage sein müsste. Seit 25 Jahren gibt es diese Erkenntnisse und es passiert absolut nichts. Das nervt mich.“
„In unseren Schulen wird man das Curriculum nicht so schnell ändern können, dass genügend Wissen über neue Technologien bei den Kindern ankommt. Für mich ist es wichtig, dafür die sozialen Medien zu nutzen. Das könnte auch die Wissenschaftskommunikation leisten, mehr Austausch zwischen Wissenschaftlern und Schulen. Wenn man was ändern will, muss man unten anfangen. Mehr Respekt vor der Meinung der Kinder, sie unterstützen, eigenes Denken anregen. Das ist in Deutschland auch nicht so weit ausgeprägt.“

Müssen wir mehr reden - aber kommt die Debatte über neue Technologien nicht immer zu spät?

„Technologische Entwicklungen sind oftmals viel, viel schneller als gesellschaftliche Entwicklungen, soziale Diskussionen und demokratische Prozesse. Die haben verschiedene Geschwindigkeiten, das läuft alles nicht parallel. Das muss man im Auge behalten.“
„Es wurde gerade angesprochen, dass mehr im Vorfeld diskutiert werden soll, damit wir nicht überrannt werden von technischen Entwicklungen. Mich frustriert das, denn es gibt Themen, die schon seit Jahren wahnsinnig diskutiert werden. Wir wissen, wie Bildung besser laufen sollte, aber wir machen das nicht. Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner läuft. Deswegen meine Frage: Was bringt uns das Reden, wenn wir nichts machen?“
„Uns muss völlig klar sein, dass die Gesetzgebung da nicht parallel laufen kann. Klar ist auch, dass die Entwickler ihre Technologie nicht zurückhalten, wenn sie vermarktet werden kann. Die schnelle Verbreitung der Mobiltelefone ist ein Beispiel dafür. Man kann aber schon daraus lernen, wenn man schaut, was in diesem Prozess alles passiert ist, und daraus Ableitungen für die Zukunft treffen.“


Den kompletten Presseclub mit Rainer Kurlemann und Anja Krieger als Moderatoren können Sie als Audiofile auf der Webseite der Bibliothek Berlin hören. Die oben genannten Zitate sind nicht wörtlich so gesagt worden. Wir haben die mündliche Aussagen in eine sprachlich korrekte Form gebracht und die Aussagen teilweise gekürzt.

Der Podcast berichtet ebenfalls über den Presseclub im Rahmen der Sonntagsöffnung der Bibliotheken.

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