Nächste Station: Mond

Ein Zukunftsszenario zur bevorstehenden Besiedlung des Erdtrabanten

NASA Die braun-graue und leicht verschwommene Mondoberfläche, über der sehr knapp am Horizont die fast volle blau leuchtende Erde steht.

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Stellen wir uns einmal vor, der Mond wurde besiedelt. Es gibt dort eine internationale Basis, wie derzeit von vielen Raumfahrtagenturen geplant. Wie sähe es in dieser ersten Siedlung der Menschheit auf einem anderen Himmelskörper aus? Ein Zukunftsszenario.

Ein Gastbeitrag von Weltraumreporter Karl Urban

Das Sirren ist ohrenbetäubend. Es fährt ihr durch Mark und Bein und das soll es auch: Yue Xú war noch nie eine Frühaufsteherin, was hier, 380.000 Kilometer von der Erde entfernt, nicht einfacher geworden ist. Auf dem Mond herrschen zwei Wochen lang Tageslicht, wonach alles zwei Wochen lang in dunkler Nacht versinkt, nur beleuchtet von der fernen Erdkugel. Fluchend richtet sie sich auf. „Es ist 7:00 Uhr Universalmondzeit, Yue“, flötet die KI-Stimme ihrer Assistentin. „Sei doch still“, murmelt Yue und richtet sich in ihrer Schlafkoje mühsam auf, woraufhin der Lärm verstummt. Der Raum erhellt sich automatisch. Das System hat erkannt: Die Astronautin ist wach. Ihre Schicht auf dem Human Lunar Outpost (HLO) wird in Kürze beginnen.

Als früher Flüge ins All noch ausschließlich von Regierungen bezahlt wurden und unbeschreiblich teuer waren, wählte die Bodenkontrolle für jeden Astronauten ein eigenes Wecklied aus. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Angekleidet betritt Yue einen der vielen Tunnel, über die die Wohnquartiere mit allerlei Laboren, Sporteinrichtungen und der Zentrale verbunden sind. Die Basis ähnelt jetzt, im Jahr 2039, jener Idee, die vor zwei Jahrzehnten ein Vertreter der staatlich finanzierten Raumfahrtagenturen propagiert hatte. Mittlerweile ist der HLO wirklich zu einem Dorf geworden. Yue schmunzelt bei diesem Gedanken, während sie den langen fensterlosen Gang entlang schreitet, denn äußerlich erinnert nichts an dieser Station an ein Dorf mit vielen Dächern und einem Gotteshaus. Der HLO liegt komplett verborgen unter meterdickem Vulkangestein, in einem alten Lavatunnel, als Schutz vor der Strahlung.

Der Weg zur Eröffnung dieses lunaren Dorfs war steinig gewesen. Anfang des Jahrhunderts hatten sich alle möglichen Regierungen, Firmen und sogar einzelne Superreiche eingebildet, den Mond für ihre eigenen Zwecke bereisen und ausbeuten zu können. Nachdem Raumsonden bis 2020 erschöpfende Informationen über die Oberfläche übertragen hatten, waren erste primitive Landesonden mit Astronautinnen gefolgt, kaum sicherer als die Konservendose von Mondpionier Neil Armstrong. Jeder kochte sein Süppchen: keine Nation, kein Unternehmen scherte sich um den anderen. Eine Zeit lang ging das auch gut, bis schließlich ein US-Milliardär auf der Mondrückseite abstürzte – und nur dank einer beherzten chinesischen Crew gerettet werden konnte. Rückblickend betrachtet war das der Anfang von allem: vom weit erstreckten lunaren Dorf tief unter der Oberfläche. Nach dem Unfall bündelten die Akteure ihre Pläne. Erst dann begann die lunare Wirtschaft zu wachsen, bis schließlich kaum noch finanzielle Zuschüsse von der Erde nötig waren.

Yue betritt die geräumige Zentrale der Basis, begrüßt die Kommandantin mit einem Nicken und begibt sich in einen von einem Dutzend Arbeitsbereiche. Sie lässt sich auf einen Stuhl fallen – sanft, hier oben fällt alles sanft – und verschafft sich einen Überblick über die letzte Nacht. Die autonomen Fahrzeuge haben ganze Arbeit geleistet: Vier neue Radioempfänger wurden auf der Mondrückseite installiert. Über das Leitungsnetz, das mittlerweile fast 500 Kilomter lang ist, gelangen alle Daten der winzigen Radioteleskope direkt in die Basis. Es ist eines der neueren internationalen Forschungsprojekte, die mittlerweile in die Basis gekommen sind und die noch etwas staatliche Gelder auf den Mond spülen. Die Mondrückseite ist völlig von irdischer Störstrahlung abgeschirmt und daher ideal geeignet, Signale aus dem jungen Universum aufzufangen. Diese Messungen wären auf der Erde niemals möglich.

Yue blickt hinüber zu ihren Kollegen, die mittlerweile ihre Plätze in der Zentrale eingenommen haben. Sie überwachen das Heer der tausenden Roboter und autonomen Systeme, über die die Basis verfügt und die neue unterirdische Wohlmodule errichten, Rohstoffen abbauen sowie Wasser oder Treibstoffe und Werkzeuge weitgehend automatisch produzieren. Daraufhin bringen automatische Transportschiffe einen Teil davon zur Station im cislunaren Raum zwischen Mond und Erde, wo längst neue Schiffe für die nächsten Schritte ins Sonnensystem vorbereitet werden. Hier auf dem Mond müssen Menschen nur noch gelegentlich eingreifen, einen Ablauf verbessern oder beschädigte Einheiten auswechseln lassen. Nachdenklich blickt Yue an die kuppfelförmige Decke: Wie lange Menschen hier wohl überhaupt noch gebraucht werden?

Auf große Pläne folgt die Rückbesinnung

Die Ideen, den Mond zu kolonisieren, sind alt: Im Roman Von der Erde zum Mond erzählt Jules Verne 1865, wie ein Verein von Artillerieexperten eine gewaltige Kanone nutzt, um Menschen auf den Mond zu schießen. Arthur C. Clarke beschäftigt sich in Um die Macht auf dem Mond mit dem fiktiven Zeitalter der Mondbesiedelung. Der Raumfahrt-Theoretiker Hermann Potočnik (Noordung) gab schon 1929 ein Buch mit detaillierten Plänen von Bergbaumaschinen auf dem Mond und ringförmigen Raumstationen heraus.

Die Landung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin am 20. Juli 1969 im Mare Tranquillitatis fußte also auf fast einem Jahrhundert literarischer und technischer Vordenker, mit einem entscheidenden Schönheitsfehler: Die US-Astronauten landeten nicht, um zu bleiben. Die neue Ära der Raumfahrt, mit Stationen auf dem Mond, gewaltigen Raumstationen im All und bald folgenden menschlichen Flügen zum Mars manifestierte sich nie. All jene Visionen verfolgte die NASA nur bis in die 1970er-Jahre ernsthaft, bis Politiker die Raumfahrtbehörden weltweit dazu brachten, auf bezahlbare Ziele umzuschwenken. Das Spaceshuttle und die sowjetischen Raumstationen ebneten einen anderen Weg - zur bemannten Raumfahrt von heute: Astronauten forschen zum Wohle der Menschen an Bord der Internationalen Raumstation (ISS), in einer lächerlichen Höhe von 400 Kilometern. Weit darüber hinaus sind sie nie wieder vorgestoßen.

Der nächste große Schritt für die Raumfahrt?

Ende der 2010er-Jahre nun bewegt sich die bemannte Raumfahrt erstmals seit der Mondlandung wieder massiv: Die ISS ist betagt, westliche Staaten suchen nach neuen Zielen und mehrere Schwellenländer stehen vor dem Sprung ins All. China ist sogar schon längst voll dabei. Die NASA plant seit einigen Jahren eine Raumstation im lunaren Orbit, der sich aus der Sicht von Administrator Jim Bridenstine möglichst alle Partnerstaaten der ISS anschließen sollten: das Lunar Orbital Platform-Gateway.

US-Unternehmen wiederum haben erkannt, dass es zumindest in den USA beim staatlich geförderten Wettbewerb etwas zu verdienen gibt: Das ehemalige Startup SpaceX ist einer der größten Profiteure dieser Entwicklung. Die Firma von Milliardär Elon Musk startet und landet heute Raketenstufen beinahe alle zwei Wochen und konnte damit – und dank lukrativer staatlicher Aufträge und Massenproduktion – im Handstreich den Preis für jedes ins All transportierte Kilogramm auf wenige tausend Dollar drücken. Das Programm Commercial Lunar Payload Services der NASA will mit einer vergleichbaren Strategie auch auf Flüge zum Mond bewerkstelligen und dabei kleine Startups groß machen: Raumfahrtagenturen sollen zukünftig nicht mehr Raumsonden in Form teurer Unikate auf die Reise schicken, sondern diese baukastenartig bei der Industrie kaufen, um das lunare Business in Schwung zu bringen. Der Google Lunar XPrize war ein erster derartiger Versuch, der noch scheiterte: Geldgeber Alphabet ließ den Wettbewerb um den ersten kommerziellen Rover auf der Mondoberfläche im März 2018 ohne Entscheidung beenden. Doch die Finalisten könnten dennoch zu den ersten erfolgreichen Mondunternehmen zählen: Die israelische Gruppe SpaceIL versuchte im April 2019 unter den Augen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine erste Landung auf dem Mond (sie stürzte ab). Das Berliner Startup PTScientists wiederum plant voraussichtlich 2020 gleich zwei Rover auf den Mond zu schießen, unter anderem gefördert von einem deutschen Automobilkonzern und einem Telekommunikationsanbieter.

All diesen Plänen ist gemein, dass sie bislang nur mäßig gut zusammenzupassen scheinen. Das betrifft auch Chinas ambitioniertes Mondprogramm, das vorläufig Anfang 2019 in der ersten Raumsonde auf der Mondrückseite gipfelte. Zunehmend integrieren die Chinesen dabei zwar internationale Experimente und zeigen damit, dass es längst nicht nur um nationales Prestige geht. In den USA wiederum scheinen politische Planspiele beim Mondprogramm in den Vordergrund zu rücken: Anders ist der Druck kaum zu erklären, mit dem Donald Trump und sein Raumfahrt-affiner Stellvertreter Mike Pence kürzlich das Startdatum des ersten bemannten Flugs zum Mond auf 2024 vorverlegen ließen, obwohl kaum ein Experte bis dahin einen sicheren Flug für machbar hält.

Abgesehen vom zeitlichen Vorlauf aber verweisen die Befürworter einer Basis darauf, dass der Mond der ideale Startpunkt für den Aufbruch der Menschheit ins Planetensystem wäre: In ständig beschatteten Kratern an den Polen entdeckten verschiedene Raumsonden Wassereis. Im Gestein gibt es zudem viel gebundenen Sauerstoff, der aufbereitet werden könnte, um die Astronauten einer Mondbasis zu versorgen. Mit Sauerstoff und Wasserstoff wiederum wäre Raketentreibstoff für den Rückflug vor Ort herstellbar.

Anders als noch in den 1960er-Jahren gibt es heute etliche Technologien, die eine Mondbasis einigermaßen autark machen könnten: 3D-Drucker für Gebäude könnten den Rohbau einer Mondbasis autonom errichten und dafür mit dem Regolith – also einfachem Mondstaub – ein lokales Baumaterial verwenden. Gewächshäuser würden die nötige pflanzliche Nahrung produzieren, zuletzt erprobt in einem chinesischen Studentenexperiment auf der Mondrückseite sowie im Mikrosatelliten EuCROPIS des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, in dem Tomatenpflanzen in Schwerelosigkeit heranwachsen. Dringend benötigte Werkzeuge könnten die Raumfahrer sich sogar aus ihren eigenen Abfällen herstellen. Ein kanadisches Forscherteam erprobte dazu genmanipulierte Escherichia coli-Bakterien, die aus menschlichem Kot den Grundstoff für einen 3D-Drucker produzieren: eine flüssige Chemikalie, aus der sich stabile Werkzeuge herstellen ließen. Der Transport von der Erde würde sich zusehends auf das Personal und allzu kompliziert herzustellende Geräte fokussieren, während die Grundbedürfnisse der Astronautinnen auf dem Mond gestillt werden würden: mit Nahrung, Wasser und Sauerstoff.

Viele offene Fragen

Ob es wirklich so kommt, hängt bislang von politischem Willen ab: US-Bürger dürfen bis heute keinesfalls mit ihren chinesischen Kollegen zusammenarbeiten. Die zunehmenden Spannungen auf der Erde setzen sich im All fort. Europas Raumfahrtagentur ESA agiert derzeit als Brückenbauer – doch die chinesische und US-amerikanischen Pläne scheinen nur schwer vereinbar zu sein. Dabei sind die natürlichen Herausforderungen für alle Staaten, Firmen und Milliardäre die gleichen: Der Mond ist so weit von der Erde entfernt, dass nach einem Unfall ein mehrtägiger Rückflug überstanden werden müsste. Die Erforschung psychischer Folgen bei langer Isolation hat erst begonnen. Und das Problem der Teilchenströme der Sonne und aus dem Kosmos ist bislang kaum gelöst: Zumindest während der langen Flüge müssten sich die Raumfahrer irgendwie vor allzu hohen Strahlendosen schützen können.

Vor allem aber geht es bei Monddorf ums Geld: Denn ob eine lunare Wirtschaft jemals unabhängig von der Erde operieren kann, ist fraglich. Dafür müsste eine Mondbasis Güter auf die Erde exportieren, was selbst im Falle wertvoller Metalle oder dem seltenen Gasisotop Helium-3 auf lange Zeit unwirtschaftlich bleiben dürfte.

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Karl Urban ist regelmäßiger Autor des Projektes Die Weltraumreporter.

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