Hitze in der Stadt

Ein Zukunftsszenario

Blick vom Stuttgarter Fernsehturm über die Innenstadt im Talkessel. Foto: iStock/wepix Blick vom Stuttgarter Fernsehturm über die Innenstadt im Talkessel.

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Stellen wir uns einmal vor, im Talkessel der Stuttgarter Innenstadt steigen die Temperaturen wieder einmal ins Unerträgliche. Das geschieht inzwischen so häufig, dass die Schulen kein Hitzefrei mehr geben. Begehren die Schüler gegen die Folgen des Klimawandels auf? In diesem Szenario beschreibt eine Lehrerin, was sie von ihrer Klasse lernt.

Das Klassenzimmer der 7b ist schon seit Tagen abgedunkelt, trotzdem ist die Temperatur auf 31 Grad gestiegen. Die Straßen und Gebäude Stuttgarts kühlen nachts nicht genügend ab, so dass sich die Hitzewelle von Tag zu Tag aufschaukelt. An der Decke des Klassenzimmers summen leise zwei Ventilatoren, ein Luftentfeuchter an der hinteren Wand brummt hingegen vernehmbar. Hitzefrei gibt es in solchen Fällen schon seit einigen Jahren nicht mehr, denn sonst würde der Unterricht zu häufig ausfallen. Als Entschädigung wurden die Sommerferien auf zehn Wochen verlängert.

Emilia Millenberg hat einen Text verteilt, den ihre Schüler in verteilten Rollen lesen sollen. Das Thema im Fach Sozialkunde ist heute der legendäre Klimagipfel von Suzhou, auf dem einst die Grundlagen der Klimadiplomatie neu justiert wurden. Auf dem Konferenzgelände zwischen den Kanälen und Gärten der hübschen chinesischen Stadt westlich von Schanghai beschloss die Staatengemeinschaft damals die Politik der tastenden Schritte: Jede Maßnahme wird erst im kleinen Rahmen ausprobiert und dann noch einmal in größerem Stil, bevor sie als Beitrag zum Klimaschutz anerkannt und gefördert wird.

Der europäische Unterhändler erläuterte in Suzhou das Prinzip mit einer Analogie: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich in einem dunklen Wald verlaufen. Wie kommen Sie wieder heraus?“, fragte er. „Sie gehen in die Richtung, in der der Wald lichter zu werden scheint. Doch vielleicht war der erste Eindruck falsch und dieser Weg führt Sie nur tiefer ins Dickicht. Also ändern Sie Ihre Strategie und probieren es erneut. Von den vielen Wegen, die Sie ausprobieren, wird Sie einer aus dem dunklen Wald führen. Und falls nicht, können Sie auf Ihre Partner hoffen, die in einer ähnlichen Situation stecken. Auch wenn wir sie im Wald nicht sehen, können wir uns doch mit ihnen verständigen. Wir sind nicht allein: Wir alle suchen nach einem Weg aus der Krise.“

Kein Reden mehr vom radikalen Umsteuern

Der Delegierte Ecuadors stand verärgert auf und unterbrach den Europäer. „Jeder sieht den richtigen Weg, er ist seit vielen Jahren ausgeschildert“, empörte er sich. Nicht wenige der rund 500 Delegierten im Saal klopften zustimmend auf den Tisch. „Die reichen Staaten haben den Klimawandel verursacht und müssen nun in klimafreundliche Technologien investieren“, erklärte der Ecuadorianer. Er fügte hinzu, dass er es wissen müsse, schließlich lebe er in einem Land, in dem es noch Wälder gebe, in denen man sich verlaufen könne. Doch der chinesische Verhandlungsleiter wies den Ecuadorianer zurecht: „Die Geschichte lehrt uns, dass jede Technologie auch unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Wir dürfen den Klimaschutz nicht gegen andere wichtige Ziele wie zum Beispiel die gesellschaftliche Stabilität ausspielen. Neue Technologien sind nur sinnvoll, wenn sie für alle Menschen einen Nutzen haben.“

Alle hatten damals ein Beispiel vor Augen: Kurz vor dem Klimagipfel hatte es in Arizona einen gewaltsamen Aufstand gegeben, der sich wochenlang nicht eindämmen ließ. Farmer hatten sich nach einer erneuten Missernte mit arbeitslosen Fabrikarbeitern zusammengetan, Straßen blockiert und Stromleitungen heruntergerissen. „Frag, was der Staat für Dich tun kann“, lautete die Parole der Aufständischen. Als sie ein Aufwindkraftwerk in der Wüste sprengten, ein Prestigeprojekt der liberalen Regierung, erschlug der 1000 Meter hohe Turm drei Arbeiter. Am Ende verabschiedeten die Delegierten des Klimagipfels einstimmig die Suzhou-Leitlinie, die allen Staaten von einem radikalen Umsteuern in der Klima- und Wirtschaftspolitik abriet und stattdessen ein ständiges Experimentieren im Kleinen empfahl.

„Warum hat ein Staat wie Deutschland die Treibhausgase nicht einfach verbieten können?“, fragt Millenberg, nachdem die Schüler den Text vorgelesen haben. „Weil keiner Lust dazu hatte“, ruft ein Schüler in die Klasse. „Die wollten es sich gut gehen lassen“, stimmt ein anderer zu. Millenberg nickt und nimmt eine Schülerin dran, die still aufgezeigt hat. „Meine Eltern haben mir gesagt, dass Deutschland keine Partner hatte. Wir hätten alles selbst bezahlen müssen, weil die anderen nicht mitgemacht haben.“ Diese Entschuldigungen bekommt man oft zu hören. Millenberg will gerade antworten, als die Rektorin in den Unterricht platzt und nach den drei Schülerinnen fragt, die heute fehlen. Josephine, Melanie und Shanti seien nicht entschuldigt und über ihre Phones auch nicht zu orten.

„Weiß jemand von Euch etwas darüber?“, fragt Millenberg. Die Klasse schweigt. Sie schweigt auffällig lange, so dass Millenberg, wie sie später berichten wird, Verdacht schöpft. Sie bittet die Rektorin, für eine Vertretung zu sorgen, und macht sich selbst auf die Suche. Vom Kretschmann-Gymnasium sind es nur gut zehn Minuten zum Rathausplatz, also nimmt sie das Rad. Um kurz vor elf Uhr sind die Straßen noch belebt und es gibt noch etwas Schatten. An einer Ampel spürt Millenberg die Wärmestrahlung, die von den Hausfassaden ausgeht. „Die Südseiten müssen wir verschatten“, hatte ihr Vater früher bei Spaziergängen oft gesagt. Doch auf den Sachverständigen des Umweltamts haben die Bauherren selten gehört. Sie wünschten sich helle Wohnungen. Dann biegt Millenberg in die Rotebühlstraße ein und fährt bergab. Der Fahrtwind tut ihr gut.

Das Rossbollengässle in Stuttgart - hier als 360-Grad-Panorama - zeigt musterhaft, wie sich die Stadt auf ein wärmeres Klima einstellen kann: Die Bäume im Innenhof werden einmal Jung und Alt Schatten spenden und die begrünte Fläche heizt sich nicht so stark auf. Unter den Spielgeräten und Sitzbänken liegt eine Tiefgarage für die Anwohner.
Das Rossbollengässle in Stuttgart - hier als 360-Grad-Panorama - zeigt musterhaft, wie sich die Stadt auf ein wärmeres Klima einstellen kann: Die Bäume im Innenhof werden einmal Jung und Alt Schatten spenden und die begrünte Fläche heizt sich nicht so stark auf. Unter den Spielgeräten und Sitzbänken liegt eine Tiefgarage für die Anwohner. Auf der Facebook-Seite @RiffZukunft finden Sie eine interaktive Version des Fotos.
A. Mäder

In der stickigen Fußgängerzone hört sie schon bald den Lärm vom Rathausplatz. Die Luft flimmert über den Pflastersteinen. Der Rathausplatz, unter dem ein Weltkriegsbunker liegt, ist üblicherweise eine leere Fläche ohne Cafés. Jetzt drängen sich dort die Menschen in der Sonne, nur am gegenüberliegenden Ende bietet eine Baumgruppe Schatten. Von dort bahnen sich zwei Rettungswagen mit Blaulicht ihren Weg durch die Menge. Ein Sprecher auf dem Podium vor dem Eingang des Rathauses bittet darum, ihnen Platz zu machen. Zu diesem Zeitpunkt streiten sich hinter dem Podium die Verantwortlichen lautstark, ob sie die Demonstration abbrechen sollen: gerade jetzt, wo die internationale Bewegung endlich stark genug geworden ist, um öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Noch im vergangenen Jahr waren in Stuttgart nur einige hundert Demonstranten zusammengekommen.

In der Menschenmenge erkennt Millenberg zunächst niemanden. Sie läuft in einen Modeladen mit einer großen Fensterfläche zum Rathausplatz und dort in den ersten Stock. Sie scannt den Platz zusätzlich mit ihrem Phone, obwohl sie bekannte Menschen normalerweise schneller entdeckt als die elektronische Hilfe. Vielleicht ist es die Aufregung, aber dieses Mal summt das Phone zuerst und markiert einen Bereich am Rand des Platzes. Dann erkennt sie Shanti, die auf dem Boden liegt. Im Laufen weist sie ihr Phone an, Schule und die Eltern zu verständigen und einen zusätzlichen Notarzt anzufordern. Als sie bei den drei Schülerinnen ankommt, ist Shanti wieder bei Bewusstsein. Ein Demonstrant hat ihr eine Flasche Wasser über den Kopf gegossen.

Das Motto der Demo: „Siesta für alle“

Millenberg hilft, sie unter die Markise eines Geschäfts zu tragen. Auf dem Weg übergibt sich das Mädchen. Melanie ist rot im Gesicht und spricht kaum. Josephine läuft hingegen zurück und kehrt mit drei Schildern zurück, die sie an das Schaufenster lehnt. „Wer kühlt, heizt ein“, steht auf einem Schild mit dem Symbol einer durchgestrichenen Klimaanlage und „Don’t make things worse“ auf einem anderen. Auf dem dritten das Motto der internationalen Bewegung: „Siesta für alle“. „Wie lange seid ihr schon hier?“, will Millenberg wissen. „Seit heute Morgen schon“, antwortet Josephine. „Wir haben vor der Demo Flugblätter verteilt. Wir haben nicht einfach so die Schule geschwänzt, die Demo ist doch wichtig.“

Eine Verkäuferin eilt herbei und gibt den Mädchen Kältepacks, die sie sich dankbar an die Stirn pressen. In den Eingängen der Nachbargeschäfte liegen ebenfalls Demonstranten und werden versorgt. Weitere Rettungswagen sind zu hören und übertönen mit ihren Sirenen den Redner auf dem Podium. Am Nachmittag wird man 16 Kollabierte zählen, zwei mehr als beim Sommerfest der Stadt im vergangenen Jahr. Shanti muss eine halbe Stunde auf ihre Ambulanz warten, kurz darauf wird Melanie von ihrem Vater abgeholt.

Der Vater wendet sich an die Lehrerin und fragt, ob sie die Schülerinnen angestachelt habe. „Sie schienen ja zu wissen, wo Sie die Kinder finden.“ Millenberg erzählt, dass ihre 7b in der vergangenen Woche schon zwei Stunden zum Klimawandel hatte. „Die drei Mädchen waren immer gut vorbereitet, sie hatten sich offenbar in das Thema eingelesen“, sagt sie. „Und sie haben als einzige etwas Konstruktives beigetragen.“ „Die Schule schwänzen nennen Sie konstruktiv?“, fragt der Vater scharf. „Nein, Sie haben vorgeschlagen, früher mit dem Unterricht zu beginnen, um den Stoff vormittags durchzubekommen.“

„Andere Schulzeiten würden meinen Arbeitsalltag auf den Kopf stellen“, beklagt sich der Vater. „Ich arbeite doch auch durch.“ „In einem klimatisierten Büro?“, fragt Millenberg. Der Vater antwortet nicht, sondern bedankt sich knapp und verabschiedet sich. „Irgendjemand muss doch etwas tun“, hört Millenberg noch, wie sich Melanie gegen die ersten Anschuldigungen ihres Vaters verteidigt. In diesem Moment, schreibt Millenberg später in ihrem Feed, sei sie auf ihre Schülerinnen auch ein wenig stolz gewesen.

Inzwischen hat sich die Menschenmenge aufgelöst. Als Millenberg wieder bei ihrem Fahrrad ist, blickt sie hoch auf eine Anzeigentafel. Dort wird als neueste Nachricht der Innenminister Baden-Württembergs zu den Vorfällen des Vormittags zitiert: „Wenn schon Siesta, dann sollte man als Erstes Demonstrationen in der Mittagshitze verbieten.“


Im zweiten Teil dieses Beitrags erläutern wir Ihnen ausführlich die wissenschaftliche Basis für dieses Szenario. Die Reaktionen unserer Leserinnen und Leser zu diesem Szenario fassen wir hier zusammen. Wenn Sie die Arbeit der Zukunftsreporter fördern möchten, dann klicken Sie bitte auf den Button unten rechts.

In den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren stieg die Temperatur in der Stuttgarter Innenstadt an 25 bis 30 Tagen im Jahr gefühlt über 32 Grad. Mit diesem Schwellenwert arbeiten Stadtklimatologen, weil sich Menschen ab 32 Grad im Alltag typischerweise unwohl fühlen. In den 2030er-, 40er- und 50er-Jahren könnten es im Durchschnitt bis zu 60 Tage sein, hat man am Stuttgarter Amt für Umweltschutz anhand eines Klimamodells mit mittelstarkem Anstieg der Treibhausgasemissionen berechnet. Diese Berechnung beruht auf der Annahme eines starken Wirtschaftswachstums und zunehmender Vernetzung der Weltwirtschaft, aber auch einem steigenden Anteil erneuerbarer Energien. Hitzewellen, wie es sie natürlich auch schon heute gibt, dürften dann häufiger auftreten. Unser Zukunftsszenario oben nimmt eine mögliche Konsequenz dieses Klimawandels als Ausgangspunkt.

Ein deutschlandweiter Forschungsverbund namens „ReKliEs“ hat anhand von optimistischen und pessimistischen Szenarien einige zukünftige Kennzahlen zu Temperatur und Niederschlag im Land ermittelt. Dessen Computersimulationen arbeiten mit einem besonders engmaschigen Netz und können auch regionale Unterschiede ermitteln. Nur nach dem Temperaturprofil bemessen, wäre Stuttgart am Ende des Jahrhunderts so warm wie eine Stadt an der Adria oder in der Provence, falls die Emissionen noch lange weiter steigen sollten. Das weckt Urlaubsgefühle, doch man sollte beachten, dass man unter diesen Bedingungen täglich arbeiten müsste. Wir zeigen hier zwei Grafiken des ReKliEs-Projekts, in denen die Zahl der zusammenhängenden ungewöhnlich heißen Tage dargestellt wird. Als besonders heißt gilt ein Tag, wenn seine Temperatur so hoch ist wie die drei höchsten Temperaturen, die in den Jahren 1971 bis 2000 am jeweiligen Tag gemessen wurden. (Auf diese Weise werden auch besonders warme Perioden im Winter berücksichtigt.) Die Wärmeperiode oder Hitzewelle muss mindestens sechs Tage anhalten, damit sie in der Grafik gezählt wird.

Die beiden Grafiken zeigen, wie im Verlauf des 21. Jahrhunderts die Wärmeperioden häufiger und länger werden könnten. Dieser Wert wird in der Klimaforschung mit „wsdi“ für „warm spell duration index“ abgekürzt. Jede Linie stellt den Verlauf einer Computersimulation dar: Ihre Spannweite ist groß, die Unsicherheit der Prognosen also beträchtlich. Das linke Szenario beruht auf der Annahme eines ehrgeizigen Klimaschutzes, wie ihn die Staatengemeinschaft im Abkommen von Paris vereinbart hat. Das rechte Szenario zeigt ein Weiter-so ohne nennenswerten Klimaschutz.
Die beiden Grafiken zeigen, wie im Verlauf des 21. Jahrhunderts die Wärmeperioden häufiger und länger werden könnten. Dieser Wert wird in der Klimaforschung mit „wsdi“ für „warm spell duration index“ abgekürzt. Jede Linie stellt den Verlauf einer Computersimulation dar: Ihre Spannweite ist groß, die Unsicherheit der Prognosen also beträchtlich. Das linke Szenario beruht auf der Annahme eines ehrgeizigen Klimaschutzes, wie ihn die Staatengemeinschaft im Abkommen von Paris vereinbart hat. Das rechte Szenario zeigt ein Weiter-so ohne nennenswerten Klimaschutz.
Forschungsprojekt ReKliEs

Die internationalen Klimagipfel finden seit 1995 jährlich statt. Auf dem 21. Gipfel im Dezember 2015 in Paris wurde ein Abkommen geschlossen, um den Temperaturanstieg deutlich zu bremsen (auf dieser Website wird es Paragraf für Paragraf erläutert). Alle Staaten der Welt haben das Abkommen unterzeichnet oder sind ihm später beigetreten, bis auf wenige haben es auch alle ratifiziert, also in geltendes nationales Recht umgewandelt. Das Prinzip funktioniert so: Jeder Staat entscheidet für sich, was er zum Klimaschutz beitragen kann, und muss diese Zusage alle fünf Jahre überprüfen und zumindest leicht anheben. Alle zwei Jahre muss er über seine Fortschritte berichten und alle fünf Jahre ziehen die Staaten gemeinsam Zwischenbilanz. Es sind keine Strafen vorgesehen, falls ein Land seine Ziele verfehlt, aber solche Fälle sollen transparent dokumentiert werden. Unser Zukunftsszenario basiert auf der Annahme, dass die Staatengemeinschaft in den kommenden Jahren die Emissionen deutlich, aber nicht stark genug senkt.

Parallel dazu verpflichtet der Pariser Weltklimavertrag alle Staaten zur Anpassung an den Klimawandel: Er fordert sie also auf, sich auf den nicht mehr abwendbaren Temperaturanstieg vorbereiten, der durch die Treibhausgase verursacht wird, die bereits in der Atmosphäre sind. Die Staaten sollen sich dabei gegenseitig unterstützen. Das Umweltamt Stuttgarts hat einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt. Darin finden sich Vorschläge wie begrünte Dächer und verschattete Fassaden. Es sei aber zum Beispiel auch mit feuchteren Wintern zu rechnen, in denen die Temperatur um null Grad liegt und es damit häufig friert und taut. Das könne Steine beschädigen und Pilze sprießen lassen. Nicht zuletzt empfehlen die Stadtklimatologen temperaturbeständigeren Asphalt, Rasen statt Schotter zwischen den Bahngleisen, Wasserspender an Straßenbahnhaltestellen und eine Verlängerung der Badesaison.

Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet mit einem deutlichen Anstieg des Strombedarfs in den kommenden Jahren. China, das schon heute fast doppelt so viel Strom verbraucht wie die EU, wird im Jahr 2040 fast das Dreifache benötigen. Indien dürfte, wenn alle Gesetze und geplanten Gesetzesänderungen umgesetzt werden, seinen Verbrauch bis dahin mehr als verdreifachen. Und auch in Afrika wird der Strombedarf wohl deutlich steigen – wenn auch von einem vergleichsweise niedrigen Niveau aus. Der Löwenanteil des zusätzlichen Stroms werde aus erneuerbaren Quellen stammen, sagt die IEA voraus. Doch auch die Produktion aus fossilen und nuklearen Brennstoffen dürfte zunehmen – es sei denn, man rechnet mit einer Revolution: Die Energieerzeugung wird so grundlegend umgestellt, wie es im Weltklimavertrag von Paris vereinbart worden ist. Vorangetrieben wird die Entwicklung des Stromverbrauchs durch den Einsatz von Klimaanlagen. Die IEA rechnet damit, dass in den kommenden Jahren etwa zehn Klimaanlagen pro Sekunde verkauft werden.

Der renommierte Stuttgarter Architekt Jörg Schlaich hat in den 1970er- und 1980er-Jahren das Konzept des Aufwindkraftwerks für ein Demonstrationsprojekt in Spanien genutzt. Es setzt auf den Kamineffekt: Unter einer riesigen Glasfläche wird Luft erwärmt und strömt in einem Turm in der Mitte der Fläche nach oben. Am Fuß des Turms treibt der Luftstrom Turbinen an, die Strom erzeugen. Je höher der Turm, umso effizienter arbeitet das Kraftwerk. Die Idee wurde von Politik und Wirtschaft jedoch nicht wirklich aufgegriffen. Vor einigen Jahren hat aber China ein solches Kraftwerk in Betrieb genommen.

Die Analogie mit dem Ausweg aus dem dunklen Wald, die der europäische Gesandte auf dem Klimagipfel in China vorstellt, stammt aus dem Buch „The Seasons Alter“ der beiden US-amerikanischen Philosophen Philip Kitcher und Evelyn Fox-Keller (hier geht es zu einer deutschsprachigen Rezension). Sie schreiben die ursprüngliche Idee dem Philosophen und Autor William James zu. Kitcher und Fox-Keller spüren in ihrem Buch den schwierigen ethischen Fragen nach, die der Klimawandel aufwirft. Sie schlagen unter anderem einen experimentier- und korrekturfreudigen Ansatz vor, weil man in einer komplexen und dynamischen Welt die Folgen seiner politischen Entscheidungen nicht immer vorhersehen könne. In diesem Szenario wird das Argument jedoch genutzt, um die nicht ausreichenden Erfolge der Staatengemeinschaft zu beschönigen: Man müsse halt vorsichtig vorgehen...

Über soziale und ethische Fragen rund um den Klimawandel informiert übrigens regelmäßig unsere Nachbar-Koralle „KlimaSocial“ auf der Plattform der RiffReporter. Dort ist zum Beispiel ein Interview mit einem Politologen zur Frage erschienen, wie man die demokratische Debatte am besten organisiert, damit sie zu guten Entscheidungen führt.

Zum Schluss zu den Kindern: Wird uns die nächste Generation vorwerfen, zu wenig gegen den Klimawandel getan zu haben? In diesem Szenario untersuchen wir einen anderen Gedanken, der aus dem Roman „The Children of Men“ von P.D. James entlehnt ist: Vielleicht wird die nächste Generation auch zynisch, weil sie zwar verhätschelt wird, aber letztlich davon ausgehen muss, dass früher alles besser war. So reagieren im Buch von P.D. James jedenfalls die „Omegas“, der letzte Geburtenjahrgang, bevor die Menschheit aus unerklärlichen Gründen plötzlich unfruchtbar wird.

Dieser Artikel erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporterhier geht's zu unseren weiteren Beiträgen.

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