„Mit Prognosen sind wir vorsichtig geworden“

Die Wissenschaftshistorikerin Sabine Höhler im Gespräch

Die Erde geht über dem Mond auf - ein Foto von Apollo 8, aufgenommen an Heiligabend 1968. Foto: NASA Apollo 8 fotografiert 1968, wie die Erde über dem Mond aufgeht.

Unser Blick auf die Welt verändert sich. In den 1960er- und 1970er-Jahren verglichen viele die Erde mit einem Raumschiff: zerbrechlich, schützenswert, aber steuerbar. Das passte in die Zeit, erklärt die Historikerin Sabine Höhler vom Königlichen Institut für Technologie in Stockholm. Heute zweifeln wir hingegen an unserem Wissen und an der Kontrollierbarkeit.

Frau Höhler, es heißt, Science Fiction beschäftige sich gar nicht mit der Zukunft, sondern mit der Gegenwart.

Das sehe ich auch so, und diese Ansicht wird durch die Forschung gestützt. Für manche ist zwar die Hauptattraktion, dass Science Fiction neue Technologien gebiert. Aber aus meiner Sicht ist Science Fiction in erster Linie eine Form der Selbstverständigung in der Gesellschaft. Die Autoren experimentieren. Sie zeigen, dass es anders sein könnte, als es jetzt ist. Sie nutzen die Weiten des Weltraums, um Dinge möglich zu machen, die es auf der Erde nicht gibt. Sie behandeln die großen Fragen der Menschheit, und es sind immer auch die Fragen ihrer Zeit. Heute geht es um den Klimawandel, die Gentechnik oder die Künstliche Intelligenz. Die Autoren fragen, was wirklich ist und was den Menschen ausmacht. In den 1970er-Jahren drehte sich hingegen alles um die Probleme der 1970er-Jahre: Bevölkerungswachstum, Umweltverschmutzung und die schwindenden Ressourcen.


Der Club of Rome, der kürzlich 50 Jahre alt wurde, hat damals davor gewarnt, dass alles auf einen Kollaps zulaufe, wenn die Menschheit nicht das Ruder herumreißt.

Als Historikerin tue ich mich schwer damit, den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome mit dem Wissen der Gegenwart zu bewerten. Jede Zeit hat ihre Weise, die Prognosen sinnvoll zu finden. Damals war es erstmals möglich, die Welt im Computer zu simulieren, was den Prognosen eine neue Beweiskraft verlieh. Das hat den Wissenschaftlern Autorität verliehen und ihre Aussagen sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Auch heute sehen übrigens nicht wenige die Welt am Abgrund – nur denken sie heute an den Klimawandel.


Wie sinnvoll sind Prognosen, wenn wir letztlich nicht wissen können, was die Zukunft bringt?

Oft geht es gar nicht darum, die Zukunft exakt vorherzusagen, sondern darum, das Spektrum möglicher Entwicklungspfade auszuloten. In den Projektionen zum globalen Klimawandel laufen die Pfade schon in einer nahen Zukunft von fünf bis zehn Jahren erheblich auseinander. Mit der Vorlaufzeit wachsen auch die Unsicherheiten. Wir kennen das von Wahlprognosen oder aus der Wettervorhersage. Trotzdem sind Vorhersagen sinnvoll, denn sie laden zur Verständigung über gewünschte und problematische Zukünfte ein und zeigen Pfadabhängigkeiten auf, machen also deutlich, wie unsere gegenwärtigen Entscheidungen die Entscheidungsmöglichkeiten von morgen beeinflussen. In diesem Sinne haben sowohl die wissenschaftliche Prognostik als auch Science Fiction eine zukunftsgestaltende Funktion.

Sabine Höhler, Jahrgang 1966, hat an den Universitäten Karlsruhe und Braunschweig studiert und sich an der Universität Darmstadt im Fach Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte habilitiert. Seit 2011 forscht sie am Königlichen Institut für Technologie in Stockholm.
Sabine Höhler, Jahrgang 1966, hat an den Universitäten Karlsruhe und Braunschweig studiert und sich an der Universität Darmstadt im Fach Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte habilitiert. Seit 2011 forscht sie am Königlichen Institut für Technologie in Stockholm.
privat

Haben die starken Prognosen von damals an der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft gekratzt?

Das haben sie. Auch die Probleme durch die wachsende Bevölkerung sind nicht so dramatisch, wie sie etwa Paul Ehrlich in seinem Buch „Die Bevölkerungsbombe“ darstellte. Es gibt zwar weiterhin schreckliche Hungersnöte, aber das Ende Menschheit ist nicht in Sicht. Trotzdem muss man festhalten: Wir verwenden heute im Prinzip dieselbe Technik, um Prognosen zu erstellen. Nur sind die Techniken verfeinert worden: Wir haben mehr Daten und bessere Computer. Wir machen Vorhersagen über kürzere Zeiträume. Und wir sprechen von mehreren möglichen Zukünften statt von einer klaren Prognose. Die Wissenschaft ist also vorsichtig geworden. Wenn wir heutzutage extreme Prognosen hören, dann beruht das meist auf einer übersteigerten Interpretation der eigentlichen Voraussage.


Mit moderaten Prognosen können wir offenbar wenig anfangen.

Ja, wenn die Wissenschaft differenziert und verschiedene Faktoren und Entwicklungspfade berücksichtigt, dann wird das in den Medien oft zu einem linearen Trend umgewandelt, der weit in die Zukunft reicht und Verläufe dramatisiert. Denken Sie zum Beispiel an den Film „The Day After Tomorrow“ von Roland Emmerich, in dem das Versiegen des Golfstroms völlig unvermittelt eine Klimakatastrophe auslöst. Es geht oft darum, nach einer Katastrophe neu zu starten und die Gesellschaft von Grund auf neu aufzubauen. Davon scheint eine geheime Faszination auszugehen. Apokalypsen sind eingängiger als moderate Szenarien.


Sie haben die Metapher des Raumschiffs Erde untersucht, die in den 1970er- und 1980er-Jahren populär war. Was hat sich verändert?

Diese rhetorische Figur ist heute weitgehend verschwunden, weil sie nicht mehr als Beschreibung der Gegenwart taugt. Damals waren damit gleich mehrere Gedanken verbunden: Die Erde ist fragil wie eine Raumkapsel und muss geschützt werden. Sie ist zudem artifiziell: Die Umwelt wurde wie ein Lebenserhaltungssystem betrachtet, das moderne Wissenschaft und Technik beherrschen und bewirtschaften. Und es spielte der Gedanke an eine Arche mit, auf der wir zusammenleben – und irgendwohin reisen. Den linearen Fortschrittsgedanken und die Vorstellung der Steuerbarkeit halten wir heute aber nicht mehr für glaubwürdig. Wir sehen nicht in jeder technischen Innovation eine Verbesserung.


Die Welt ist so dynamisch und komplex, dass es hoffnungslos erscheint, sie kontrollieren zu wollen.

In den 1950er- und 1960er-Jahren dachten die Kybernetiker, sie könnten alles steuern, wenn sie nur die Parameter kennen. Und ich glaube, dass sich auch der Club of Rome zu diesem Gedanken hingezogen fühlte, auch wenn er das bestreitet. Man kann den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ so lesen, als müsse die Menschheit die Hebel so umlegen, dass der Kollaps vermieden und ein Gleichgewichtszustand hergestellt wird. Heute wissen wir jedoch, wie groß unser Unwissen ist und wie unsicher unsere Prognosen. Statt von Kontrolle sprechen wir heute von Resilienz: Wir stellen uns so auf, dass wir den nächsten Crash überleben können. Wir versuchen uns heute auf alles gefasst zu machen, aber wir fühlen uns auch zunehmend hilflos.


„Die Zukunftsreporter“ rufen dazu auf, die Zukunft zu gestalten.

Im Kleinen kann und sollte man das auch tun. In einem Ihrer ersten Szenarios schlagen Sie vor, für ein Baumwollkleid aus Pakistan fünf Euro mehr zu zahlen, um dort die Arbeits- und Umweltbedingungen zu verbessern. Von dieser Art sind unsere Möglichkeiten und wir sollten sie nutzen. Aber wir denken dabei an unsere Gegenwart und nahe Zukunft; wir denken nicht über die Zeit hinaus, die wir und die kommende Generation erleben werden – außer in der Science Fiction.


Wie lautet Ihre Prognose: Welches Konzept wird das „Raumschiff Erde“ ersetzen, um die Gegenwart zu beschreiben?

Das ist schwer zu sagen, weil wir in einer Übergangszeit stecken. Globalisierung und Vernetzung haben als Konzepte nicht weit getragen. Vielleicht hilft uns der Begriff des Anthropozäns weiter: der Mensch als geologisch wirksame Kraft auf dem Planeten. Als Geisteswissenschaftlerin interessiert mich daran nicht so sehr, an welchen Markern künftige Geologen das Erdzeitalter des Anthropozäns vom Holozän abgrenzen können – sei es durch Plastik oder radioaktiven Fallout. Aus meiner Sicht verdeutlicht der Begriff vielmehr, dass Mensch und Umwelt nicht mehr als separate Einheiten betrachtet werden können. Was wir tun, hat auch Konsequenzen für uns. Mikroplastik und toxische Stoffe reichern sich in unseren Körpern an. Wir haben die Macht, den Planeten zu gestalten – auch auf eine Weise, die unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören kann.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Sie finden unsere anderen Artikel auf dieser Seite.