Pflege und Job: Das Zeitdilemma

Die Menschen sollen mehr und länger arbeiten und sich gleichzeitig um die wachsende Zahl der Alten kümmern. Beides geht nicht. Ein Zukunftsszenario.

Die Zukunftsreporter –Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen.

Stellen wir uns einmal vor, Mitarbeiter könnten ihre pflegebedürftigen Angehörigen mit zur Firma bringen und sie dort betreuen lassen. Statt Betriebskindergärten gäbe es Betriebstagespflegestätten. Damit wäre vielen geholfen. Ein Zukunftsszenario.

Heute kommt ein neuer Gast. Frau Henning ist 87 Jahre alt und hat bis vor kurzem noch alleine gelebt. Dann stürzte sie unglücklich. Oberschenkelhalsbruch, Krankenhaus, Reha – davon hat sie sich nicht mehr erholt. Jetzt betreuen wir sie tagsüber in unserer Pfleta, so nennen wir die betriebseigene Pflegetagesstätte. Ihre Tochter bringt Frau Henning morgens um 8 Uhr mit dem Auto an die Tür. Eine Pflegerin nimmt die alte Frau mit einem Rollstuhl entgegen und bringt sie ins Haus. Während Frau Henning frühstückt, checkt ihre Tochter im Büro die neuen Mails.

In der Pfleta bieten wir ein vielfältiges Programm: Die Betreuerinnen lesen aus der Zeitung vor, sie machen jeden Tag mit den Gästen Gedächtnisübungen, basteln oder singen mit ihnen. Wer kann, hilft im Garten bei der Pflege der Blumen und Kräuter. Die Nachmittage sind frei für Spaziergänge und Spiele. Zweimal pro Woche kommt eine Physiotherapeutin und arbeitet mit unseren Gästen. Die meisten von ihnen werden zwischen 17 und 18 Uhr abgeholt. Wenn der Job es verlangt, können sie aber auch bis 20 Uhr bleiben. Da sind wir flexibel.

Früher war die Pfleta eine Kita. Auch damals wurde hier gespielt und gebastelt, und auch damals waren unsere Mitarbeiterinnen dankbar für das Angebot. Für uns als Firma war die Kita eine Notwendigkeit. Wir sind ein mittelgroßes Unternehmen und beschäftigen traditionell viele Frauen. Um ihnen zu ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten, brauchten wir die Kita. Heute ist das anders, heute brauchen wir die Pfleta.

Seit es den Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Kitaplatz gibt, bringen Eltern ihre Kinder lieber in die Kitas am Wohnort, wo auch die Freunde leben. Den  Betriebskindergarten aufrechtzuerhalten lohnte sich immer weniger. Gleichzeitig bemerkten wir in der Geschäftsführung, dass bewährte Mitarbeiterinnen zunehmend unbezahlten Urlaub nahmen oder versuchten, in Teilzeit zu wechseln. Bei unseren Führungskräften ist das schlecht möglich und so verloren wir einige Spitzenkräfte. Einige Abteilungsleiter beklagten sich über hohe Krankenstände. Andere beobachteten, dass Mitarbeiterinnen immer wieder kurzfristig den Arbeitsplatz verließen und wenig fokussiert arbeiteten. Wenn wir nachfragten, blieben die Antworten vage: „Familiäre Zwänge“ hieß es dann. Unser Unternehmen hat Schaden genommen, die Produktivität ist gesunken. Gleichzeitig kostete es uns viel Kraft und Geld, diese Stellen neu zu besetzen. Dass diese Frauen nebenher pflegen, wussten wir damals nicht.

Schon vor vier Jahren hörten unsere Personalverantwortlichen auf einer Fortbildung, wie viele Beschäftigte in Pflegeverantwortung stehen.  Dass unser Unternehmen konkret betroffen ist, wurde uns aber erst nach und nach klar. Wenn anderswo zehn Prozent der Beschäftigten pflegen, mussten auch etliche unserer Mitarbeiterinnen mit der Doppelbelastung leben. Wie viele, dazu fehlten uns Zahlen. Deshalb beschlossen wir, das Thema offensiv anzugehen. Wir organisierten Info-Nachmittage, stellten Pflegekoffer mit wichtigen Informationen zusammen und bildeten zwei Mitarbeiter zu Pflegelotsen weiter, die als erste Ansprechpartner dienen. Die Führungskräfte wurden angehalten, bei jedem Mitarbeitergespräch auf diese Angebote hinzuweisen.

Es dauerte ein bisschen, aber nach und nach meldeten sich erste Mitarbeiterinnen bei den Lotsen und baten um Rat. Zum Teil pflegten sie schon seit Jahren ihre Eltern – vor der Arbeit, nach der Arbeit, im Urlaub. Sie erzählten von dem großen Kraftakt, von der Schwierigkeit, bei einem Projekt konzentriert zu bleiben, auf Dienstreise zu gehen oder Abendtermine wahrzunehmen.

Damals fingen wir an zu überlegen, wie wir unsere Mitarbeiter besser unterstützen können. Gleitzeit, Arbeitszeitkonten, das gibt es hier schon. Dann kam uns die Idee mit der Pfleta. Der Gedanke dahinter: Wenn Mitarbeiter ihre pflegebedürftigen Angehörigen hier gut betreut wissen, können sie sich wieder auf die Arbeit konzentrieren – und bleiben dem Betrieb langfristig treu. Für uns ein deutlicher Wettbewerbsvorteil. Tatsächlich konnten wir dank der Pfleta schon einige Spezialistinnen gewinnen, die an ihrem alten Arbeitsplatz keine Betreuungsmöglichkeit hatten.

Seit zwei Jahren gibt es das Angebot, zwölf der 15 Plätze sind inzwischen belegt, obwohl die Mitarbeiter für die Betreuung fast so viel zahlen müssen wie auf dem freien Markt. Doch dort gibt es nach wie vor viel zu wenige freie Plätze. Was passiert, wenn unsere Plätze vergeben sind, wissen wir noch nicht. Bei kleinen Kindern ist es absehbar, wann sie die Kita verlassen. Bei pflegebedürftigen Menschen müssen wir flexibel sein. Gut denkbar, dass wir die Pfleta erweitern. Aber erstmal bieten wir jetzt eine Nachtpflege an: Das hilft unseren Mitarbeitern im Schichtdienst. Acht Anfragen haben wir schon. 

Der Hintergrund

Dieses Szenario greift ein Dilemma auf, vor dem wir im Moment stehen. Auf der einen Seite ist das Pflegesystem in Deutschland darauf ausgelegt, dass pflegebedürftige Menschen zu Hause von Angehörigen versorgt werden, wie die Zukunftsreporter in einem anderen Szenario zeigen. Auf der anderen Seite müssen mehr Menschen länger arbeiten, damit unsere Sozialsysteme nicht kollabieren. Doch wer pflegt, kann auf Dauer kaum Vollzeit arbeiten. Viele Pflegende – vor allem Frauen - reduzieren ihre Arbeit oder steigen ganz aus dem Job aus. Das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten, die Firmen auf Dauer sowieso nicht. Und für die Pflegenden bedeutet eine Jobaufgabe finanzielle Abhängigkeit und häufig soziale Isolation. Es müssen also neue Lösungen her. Doch viele Firmen wissen noch nicht einmal, dass Pflege ein Thema für sie ist. 

Etwa 2,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegen einen Angehörigen, der offiziell pflegebedürftig ist, Mehr als die Hälfte von ihnen ist gleichzeitig berufstätig. Damit fangen die Probleme an, denn auch pflegende Angehörige haben nur einen 24-Stunden-Tag.

Pflege kostet Zeit. In einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) gaben 46 Prozent der pflegenden Angehörigen an, sie pflegten zwischen 1 und 3 Stunden täglich, 32 Prozent zwischen 3 und 6 Stunden und knapp 20 Prozent zwischen 6 Stunden und mehr als 10 Stunden täglich. Anders gesagt: Die Hälfte hat eine Pflege-Wochenarbeitszeit von mindestens 21 bis über 42 Stunden. Noch nicht eingerechnet die nicht bemessbare Zeit, in der sie an den Pflegebedürftigen denken, überlegen, was sie ihm Gutes tun können oder sich um ihn Sorgen machen. Neben einem 40-Stunden-Job ist das schwierig.

Für Kinder gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz und landauf, landab werden neue Kitas eröffnet. Was beim Nachwuchs selbstverständlich ist, gewähren wir den alten, hilfebedürftigen Menschen in unserer Gesellschaft nicht. Zwar besteht ein gesetzlicher Versorgungsauftrag. In der Praxis gibt es aber kaum Möglichkeiten, einen pflegebedürftigen Menschen tagsüber zuverlässig betreuen zu lassen. Bleiben nur die Angehörigen, die sich kümmern.

Frauen mit Vereinbarkeitsproblemen

Pflegenden Männern gelingt der Spagat noch relativ gut. Sie geben in der Mehrzahl an, kein Problem mit der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu haben. Sie kümmern sich früh morgens und abends um den Angehörigen, binden verstärkt professionelle Hilfe ein und sind eher bereit, den Pflegebedürftigen in einem Pflegeheim unterzubringen. Die Pflege wird um den Job herum organisiert. Diese Strategie funktioniert allerdings auch deshalb, weil viele Männer tagsüber Unterstützung von ihren Partnerinnen bekommen - andersherum ist das weitaus seltener.

Leidtragende sind vor allem Frauen. Nur knapp jede dritte pflegende Frau hat einen Vollzeitjob. 33 Prozent arbeiten Teilzeit oder auf Stundenbasis – oft unfreiwillig. Die Hälfte dieser Frauen würde gerne mehr arbeiten, schafft es aber wegen der Pflege nicht. 37 Prozent der pflegenden Frauen sind nicht erwerbstätig, zwei Drittel mussten wegen der Pflege den Job aufgeben.

„Pflegende Frauen lösen das Vereinbarkeitsproblem dadurch, dass sie ihre Erwerbsarbeit immer weiter einschränken“, sagt die Soziologin Tine Haubner von der Universität Jena, die zu diesem Thema forscht. „Die meisten Frauen geben den Job nicht freiwillig auf, im Gegenteil. Sie wollen weiterarbeiten. Der Job gibt ihnen die Möglichkeit, unter andere Menschen mit anderen Themen zu kommen.“  Die erzwungene Arbeitszeitreduzierung oder Jobaufgabe hat Folgen – privat wie gesellschaftlich:

Problem 1 – die finanzielle Absicherung: Pflegende Angehörige verdienen deutlich weniger als andere Erwerbstätige. Ihr Einkommen liegt 25 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen, pflegen sie mehr als eine Stunde täglich sogar 35 Prozent darunter. Hauptgrund: Die Teilzeitarbeit. Hinzu kommt, dass Frauen, die intensiv pflegen, im Schnitt über eine geringere Bildung und weniger Berufserfahrung verfügen als Nicht-Pflegende. „Bei Frauen, die in ihrem Erwerbsleben bereits Unterbrechungen hatten, zum Beispiel für die Kindererziehung, ist es wahrscheinlicher, dass sie auch im späteren Leben die Pflege übernehmen“, sagt Nadya Kelle vom Deutschen Zentrum für Altersfragen, die in einer Studie die Beschäftigungsmuster pflegender Frauen genauer unter die Lupe genommen hat.

Vor allem diese Frauen steigen im Zuge der Pflege (teilweise) aus dem Job aus und leben vom Gehalt ihres Partners oder dem Pflegegeld, das die Pflegekasse Pflegebedürftigen bei einer häuslichen Pflege zahlt. Sie machen sich finanziell abhängig – nicht nur während der Zeit der Pflege, sondern auf Dauer. Zwar erwerben pflegende Angehörige Rentenansprüche. Ihr Plus bei der Altersrente fällt aber niedriger aus, als wenn sie den Durchschnittsverdienst bekommen würden. Es muss „vermutet werden, dass Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter besonders vom Risiko der Altersarmut betroffen sind“, heißt es in einer Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Das bedeutet: Wenn Angehörige pflegen und dafür ihre Arbeitszeit reduzieren, können Sie sich im Alter selbst weniger leisten. Wenn sie später Pflege benötigen, trifft sie diese Einschränkung doppelt: Wer selbst pflegt, ist später mit höherer Wahrscheinlichkeit auf Unterstützung der Angehörigen oder auf staatliche „Hilfe zur Pflege“ angewiesen.

Problem 2 – Weniger Beitragszahler: Die Bertelsmann-Stiftung hat jüngst in einer Studie ausgerechnet, dass im Jahr 2035 auf 100 Personen zwischen 15 und 64 Jahren etwa 50 Menschen über 65 Jahre kommen. Aktuell liegt das Verhältnis 100 zu 33. Weniger Jüngere müssen also für mehr Ältere zahlen. Um den Anstieg der Sozialausgaben abzumildern, sei es wichtig, dass mehr Frauen in größerem Umfang erwerbstätig sind und die Regelaltersgrenze angehoben wird. Doch vor allem Frauen und ältere Beschäftigte pflegen, und so werden künftig noch mehr Menschen vor dieser Doppelbelastung stehen. Unsere Gesellschaft kann es sich weder leisten, dass diese Menschen für die Pflege aus dem Beruf aussteigen, noch, dass sie die Pflege einstellen.

Problem 3 – Der Fachkräftemangel: In Gesundheits- und Pflegeberufen werden schon jetzt händeringend Fachkräfte gesucht. Es gibt Engpässe bei Softwareentwicklern, Mechatronikern, im Tiefbau und in der Energietechnik. Nicht nur in diesen Branchen, sondern auch in anderen Berufen ist es teuer, wenn Mitarbeiter gehen. Das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik hat 2011 in einer vielbeachteten Studie berechnet, welche Kosten durch mangelnde Vereinbarkeit von Pflege und Beruf entstehen: Allein für die Wiederbeschaffung eines Mitarbeiters müssten Firmen je nach Einkommensklasse zwischen 9.500 und 43.200 Euro kalkulieren. Pro Beschäftigtem mit Pflege- oder Hilfeaufgaben entstünden Folgekosten von durchschnittlich 14.154 Euro pro Jahr. Zentraler Kostentreiber: die verminderte Leistungsfähigkeit. Berufstätige pflegende Angehörige haben kaum Zeit für Urlaub und Erholung. „Sie sind permanent unruhig, machen sich Sorgen und sind übernächtigt, das wirkt sich auf die Arbeitsfähigkeit aus“, sagt Tine Haubner.

Flexible Arbeitszeiten reichen nicht

Firmen sind auf produktive Mitarbeiter angewiesen, die Gesellschaft braucht Beitragszahler und ehrenamtlich Pflegende. Es ist dringend Zeit, Lösungen zu entwickeln, die pflegenden Angehörigen ermöglichen im Job zu bleiben und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Die gesetzlichen Ansprüche greifen viel zu kurz. Pflegende Angehörige haben die Möglichkeit, ein halbes Jahr Auszeit vom Beruf (Pflegezeit) zu nehmen oder bis zu zwei Jahre Teilzeit zu arbeiten (Familienpflegezeit). Bei einer durchschnittlichen häuslichen Pflege von acht Jahren hilft das kaum weiter. Die Brückenteilzeit, die bis zu fünf Jahre dauern kann, ist ein erster Schritt. Aber sie steht nur Mitarbeitern in größeren Unternehmen zu.  Frauen arbeiten hingegen vor allem in kleineren Betrieben. Zudem: Bei allen drei Angeboten muss der Beschäftigte das wegfallende oder niedrigere Gehalt kompensieren – und dem Staat gehen Beiträge zur Sozialversicherung verloren.

Auch bei den Unternehmen sieht es düster aus. Nur 34 Prozent der Unternehmen haben betriebsinterne Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, ergab eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). In 58 Prozent fehlen solche Angebote und sind auch nicht geplant. 42 Prozent der Personaler sagten sogar, sie wüssten von keinem jetzigen oder ehemaligen Mitarbeiter, der sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmert. Diese Aussage zeigt die große Unkenntnis in den Betrieben: Denn inzwischen pflegt jeder zehnte Beschäftigte.

Tabu Pflege

Über kleine Kinder erzählt man in der Firma gerne, über die demenzkranke Mutter nicht. Pflege ist ein Tabu. „Die Beschäftigten haben Angst vor Tratsch und Benachteiligungen. Und sie haben den Wunsch nach ein bisschen Normalität. Der Job ist häufig das einzige System, das noch normal funktioniert“, sagt Beate Risch vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, das zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf forscht. Wissen die Firmen nichts von der Doppelbelastung, sehen sie keinen Bedarf zu handeln. Fehlen Angebote im Betrieb und eine offene Kommunikationskultur, sprechen die Mitarbeiter das Thema nicht an. „Die Firmen brauchen erstmal Instrumente, um herauszufinden, wie viele Mitarbeiter in Pflegeverantwortung stehen“, so Risch.

Regelmäßige Informationsveranstaltungen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, Pflegelotsen im Betrieb, die als erste Ansprechpartner dienen und über rechtliche Ansprüche und betriebsinterne Angebote aufklären, Mitarbeitergespräche, in denen routinemäßig auf dieses Engagement hingewiesen wird – das sind mögliche Schritte, um das Thema Pflege zu enttabuisieren. Von zentraler Bedeutung ist die Haltung der Führungskräfte. Nehmen sie die Bedürfnisse pflegender Angehöriger nicht ernst, laufen formale Angebote ins Leere.

Engagierte Firmen bieten schon heute flexible Arbeitszeiten über Gleitzeit und Arbeitszeitkonten an, damit pflegende Mitarbeiter auch mal kurzfristig zu Hause einspringen können. Sie ermöglichen, intern auf Stellen zu wechseln, die weniger Präsenz erfordern, und tageweise im Homeoffice zu arbeiten. Sie nehmen bei der Urlaubsplanung und bei Dienstreisen Rücksicht. Das macht Beschäftigten die Pflege leichter, löst aber nicht das zentrale Problem: Auch mit einer flexiblen Regelung muss man 40 Stunden Wochenarbeitszeit ableisten.

Wenn Beschäftigte weiter Vollzeit arbeiten, gleichzeitig pflegen und auch noch produktiv sein sollen, ist es nötig, weiterzudenken. Wie können pflegebedürftige Menschen tagsüber gut versorgt werden, wenn ihre Angehörigen arbeiten? Neben den oft halblegalen Betreuungskräften aus dem Ausland gibt es hierfür bislang nur ein Angebot: die Tagespflege. Die Pflegeversicherung stellt dafür zwischen 689 und 1.995 Euro pro Monat zur Verfügung, aber nur drei Prozent der Pflegebedürftigen nutzen diese Form der Betreuung. Sie ist zu wenig bekannt, und es fehlt vielerorts an freien Plätzen.

Betriebe setzen auf Kooperationen

Einige wenige Firmen kooperieren bereits mit Tagespflegeeinrichtungen. „Wir arbeiten mit der Caritas zusammen und können innerhalb von 24 Stunden einen Tagespflegeplatz für unsere Mitarbeiter zur Verfügung stellen“, sagt Lisa Ruf vom Personalmanagement der Firma Waldmann in Villingen-Schwenningen. Der Platz sei zur Überbrückung in Notsituationen gedacht. In den vergangenen zwei Jahren wurde er aber nur einmal in Anspruch genommen. „Das stört uns nicht, die Miete ist Teil der Kooperation. Die Caritas hilft auch bei der Vermittlung von Plätzen in der Kurzzeitpflege oder in Pflegeheimen. Dafür sind unsere Mitarbeiter sehr dankbar.“

Auch andere Unternehmen kooperieren mit Pflegediensten, der Tagespflege oder stationären Einrichtungen. Oder sie organisieren Kurzzeitpflegeplätze, wenn Mitarbeiter auf Dienstreise gehen. Ob Firmen irgendwann auch eigene Pflegetagesstätten einrichten wie im oben beschriebenen Szenario, wird die Zukunft zeigen. „Für große Betriebe ginge das schon“, sagt Beate Risch vom Fraunhofer IAO. „Der Bedarf, die Tagespflege auszuweiten, ist sicher da.“

Weiterlesen: Wir pflegen – die Interessenvertretung pflegender Angehöriger, hat ein lesenswertes Positionspapier zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erstellt. 

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