Home-Office im Büro um die Ecke

Die Arbeitswelt verändert sich. Bürozentren auf dem Land ersetzen das Pendeln in die Stadt. Ein Zukunftsszenario

Was kommt nach Corona? Sicher ist: Wir müssen aus der Krise mehr lernen als das richtige Händewaschen. Die ZukunftsReporter haben eine Watchlist mit Themen erstellt, die sich durch Corona verändern werden und verändern müssen. In einer sechsteiligen Artikelserie greifen wir diese Themen auf und werfen einen Blick in die Zukunft.

Teil 5: Home-Office ist im deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr nur ein Sonderfall, sondern eine reguläre Option für alle Arbeitnehmer.


Stellen wir uns einmal vor, die Menschen möchten nicht mehr in die Stadt pendeln, sondern lieber zuhause arbeiten. Das plötzliche Home-Office während der Corona-Pandemie hat die Grenzen des Arbeitsplatzes in den eigenen vier Wänden aufgezeigt. Neue Bürozentren in kleineren Städten schaffen neue Freiräume für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Ein Zukunftsszenario.


Benedikt Larson freut sich, wieder im Büro zu arbeiten. Er hat sich gegen einen Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden entschieden. Der viel gepriesene Trend zum Home-Office ist nicht sein Ding. Larson hat es ein paar Monate versucht, aber der Stress war zu groß. Wenn die Kinder von der Schule kommen, lässt er sich gern von ihnen ablenken. Manchmal bringen sie noch Freunde mit, dann wird es laut. Und den Ärger vom Job kann er zuhause nicht abschütteln. Die Wut nach einem schlechten Meeting, oder wenn er das tägliche Pensum nicht geschafft hat, diesen Ärger lässt er dann an seiner Familie aus. Wie oft ist er vom Schreibtisch aufgestanden, in die Küche oder den Garten gelaufen und hat seine Frau und Kinder angemeckert, nur weil er schlechte Laune hatte. Manchmal braucht er Abstand von seiner Familie, das fehlt im Home-Office.

Jetzt hat er wieder den Weg zur Arbeit und kann sich abreagieren. 30 Minuten ist Benedikt Larson unterwegs, meisten geht er zu Fuß. Schritt für Schritt lässt er nachmittags die Arbeit hinter sich. Am Morgen findet er die Zeit, sich auf die Aufgaben des Tages einzustellen. Der Weg führt durch die kleine Stadt, in der sie vor zehn Jahren das Haus gebaut haben. Ein netter Spaziergang ohne die nervenaufreibenden Staus, die er früher so lange ertragen hat.

Larson ist ein LOCcer. Er betritt das vor einem Jahr eröffnete Local Office Center. Das dreistöckige Gebäude am Rande des Wohngebiets bietet 140 Büroplätze, ausgestattet mit schnellen Datenleitungen und der Technik für Videokonferenzen. Die meisten Loccer sind ehemalige Pendler, die zuhause Job und Privatleben nicht gut trennen konnten, als das Home-Office die Arbeitswelt revolutionierte. Menschen, die trotzdem nicht pendeln wollen. So wie Larson.

Die Kolleginnen und Kollegen im Bürogebäude arbeiten nicht für seine Firma. Trotzdem haben sie eine schöne Gemeinschaft entwickelt. Das ist auch der Verdienst von Pedro, der in der Kantine im Erdgeschoss mittags den Loccern ihr Essen serviert. Abends verwandeln sich die Räume in einen öffentlichen Biergarten mit spanischen Tapas. Larson isst nicht jeden Tag dort. Manchmal fährt er mit dem Rad über Mittag nach Hause, um für die Familie zu kochen. Einfacher ist es für ihn, wenn die Kinder nach der Schule die zehn Minuten rüberlaufen und mit ihm in der Kantine essen, wenn seine Frau mit dem Auto unterwegs ist.

Benedikt Larson hat ein relativ großes Büro im dritten Stock. Die Firma bezahlt die Miete. Für sie ist es ein gutes Geschäft, verglichen mit den hohen Quadratmeterpreisen in der Großstadt. Er hat mit dieser kulanten Regelung Glück gehabt. Die Kolleginnen und Kollegen in der ersten Etage bekommen von ihrem Arbeitgeber nur das 15 m²-LOC-Standard bezahlt, das mittlerweile in vielen Tarifverträgen festgeschrieben ist. Die Loccer nehmen es gelassen, die meisten hätten in den eigenen vier Wänden weniger Platz oder müssten am Küchentisch arbeiten. Und besser als das tägliche Pendeln in die Großstadt ist es auf jeden Fall. Benedikt Larson ist früher jeden Tag mehr als eine Stunde mit dem Auto gefahren, bei Stau war er manchmal doppelt so lange unterwegs.

Er wohnt hier im Ort sehr dörflich, schläft bei geöffnetem Fenster und ärgert sich mittlerweile, wenn gegen 6 Uhr die Pendler mit ihren Autos vorbeifahren. Der Krach lässt ihn schlecht schlafen. Früher war er einer von ihnen. Heute fährt er nur noch jede zweite Woche für einen Tag in die Zentrale der Firma. Nur wenn neue Projekte starten, wird er jeden Tag dort erwartet. Zum Teambuilding und für Kreativworkshops.

Das Info-Display auf dem Weg zur Kantine meldet zwei freie Büroplätze.  Larson erinnert sich: Thomas und Claudia bekamen von ihren Arbeitgebern die Kündigung. Um Claudia tut es ihm leid. Ihre Kinder sind erst zwei und fünf Jahre alt. Sie arbeitete komplett im LOC. Angeblich haben diese Mitarbeiter ein höheres Kündigungsrisiko, weil sie in der Zentrale keine persönlichen Kontakte aufbauen. Larson teilt diese Sorge. Er führt immer ein paar Telefonate mit den Kollegen in der Zentrale – auf dem privaten Telefon. Wer weiß schon, ob die Firma die täglichen Videocalls nicht doch überwacht?

Thomas, Ingenieur bei einem Mittelständler, ist hingegen selbst schuld, denkt Larson. Er redete einfach zu viel und plauderte in der Mittagspause Firmendetails aus. Er wusste wohl nicht, dass Eva von der Konkurrenz im gleichen LOC arbeitete. Wie dumm. Dabei ist es leicht, gute Netzwerke aufzubauen, wenn man die richtigen Kollegen im LOC anspricht. Benedikt Larson ist gespannt auf die beiden neuen Kollegen, die sich in der nächsten Woche vorstellen wollen. Einer der beiden arbeitet für eine Versicherung, vielleicht könnte er mit ihm günstige Tarife verhandeln.

Nach der Mittagspause geht Benedikt Larson auf den Tennisplatz. Ein Match mit Jonas aus dem Rechnungswesen eines Pharma-Unternehmens. Sie spielen immer gegen 15 Uhr. Die besten Plätze bekommt man, bevor die Pendler aus der Großstadt zurück sind. Die Loccer wissen ihre Vorteile zu nutzen. Vor zwei Wochen hat Larson seinen Sohn gefragt, was er werden möchte. Der Zehnjährige überlegte nicht lange. „So wie Du“, sagte er, „und auf keinen Fall Pendler. Wenn der Papa Pendler ist, sieht man ihn kaum.“

Wissenschaftlicher Hintergrund

Home-Office wird sich durchsetzen

Ende März, wenige Wochen nach Beginn der Pandemie in Deutschland, hat das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) Arbeitnehmer befragt, wie sie mit ihrer neuen Arbeitsumgebung zurechtkommen. Im Kampf gegen das Corona-Virus hatten die Unternehmen ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt. 75 Prozent der Home-Office-Neulinge zeigten sich mit der Situation zufrieden. Im Juni hakte das Bidt nach und die Antworten hatten sich kaum verändert. 85 Prozent der Befragten waren zufrieden. Demnach arbeiten etwa 40 Prozent der berufstätigen Erwachsenen zumindest ab und zu im Home-Office. Dietmar Harhoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München, ist überzeugt, dass die Präsenzkultur in der Arbeitswelt in ihrer früheren Form keinen Bestand mehr haben werde. „Home-Office wird sich durchsetzen und das Arbeiten wird flexibler werden“, sagt er. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) teilt diese Einschätzung. In den Wochen der Corona-Krise hätten im Zeitraffer und unter starkem Druck „Veränderungen stattgefunden, die vorher auch über viele Jahre hinweg nicht realisierbar schienen“. Bei einer Umfrage der Wirtschaftswoche Ende Mai gaben alle 30 Dax-Unternehmen an, dass die Corona-Krise die Arbeitswelt für immer ändern werde – zugunsten des Home-Office.

Das Szenario greift diese Entwicklung auf und bietet einen Lösungsansatz für einige Probleme des Home-Office: Viele Zuhause-Arbeitende befürchten soziale Isolation, weil die Arbeitskollegen fehlen. Studien belegen, dass der direkte Kontakt bei den Mitarbeitern zu mehr Motivation und Zufriedenheit führt. Hinzu kommt, dass viele Beschäftigte zuhause Privatleben und Arbeit nicht mehr trennen können oder ihnen schlicht der Platz für ein angemessenes Büro fehlt. Das Zur-Arbeit-Fahren ist in der Tradition der deutschen Arbeitswelt mehr als nur das Zurücklegen eines Weges. Der Gedanke des „Local Office Centers“ überträgt das Konzept der so genannten Co-Working-Spaces von den Großstädten auf den ländlichen Raum und kleinere Städte, in denen viele Pendler leben. Dort könnte der Bedarf an Arbeitsplätzen groß genug sein, damit sich der Bau von kleineren Bürohäusern lohnt, die gleichzeitig die Attraktivität der Kleinstadtzentren erhöhen könnten.

Im ländlichen Raum entstehen Co-Working-Spaces

„Co-Working-Spaces werden in vielen Städten gut angenommen, bisher aber vor allem von Solo-Selbstständigen. Die Idee, so etwas zu erweitern und auf abhängig Beschäftigte auszudehnen, halte ich für charmant, denn auch hier ist der Austausch, auch über Unternehmensgrenzen hinweg, aus fachlichen wie persönlichen Erwägungen heraus erstrebenswert“, sagt Stefan Süß, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Düsseldorf. Er sieht aber die Schwierigkeit, dass Unternehmen Bedenken haben könnten, wenn Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmen gemeinsam in einem solchen Gebäude arbeiten, da dann die Vertraulichkeit nicht immer zu gewährleisten sei.

Die Forschung zu mobilen Arbeitsplätzen zeigt schon länger, dass Home-Office nicht gleich Home-Office ist. „Wie einzelne Beschäftigte die Arbeit von zu Hause aus empfinden, hängt maßgeblich von der privaten Situation ab, zum Beispiel vom Alter der Beschäftigten, ihren Betreuungspflichten gegenüber Kindern und ihrer empfundenen sozialen Isolation durch das Homeoffice“, erklärt Stefan Süß. Er hat 1027 Menschen aus unterschiedlichen Branchen zu ihren Erfahrungen befragt. Das eindeutig stärkste Konfliktpotential liegt in der gleichzeitigen Betreuung von Kindern. Ältere Arbeitnehmer, die in Ruhe zuhause arbeiten können, beschreiben die neue Situation als genauso produktiv wie die Tätigkeit im Büro. Bemerkenswert: Der Umgang mit der Technik am Laptop und den Programmen für Telefon- und Videokonferenzen scheint die Zuhause-Arbeitenden kaum zu stressen. Nur zwölf Prozent der Befragten in der bidt-Studie geben an, Probleme damit zu haben.

Trotz Digitalisierung fehlt der Rahmen für Arbeit im Home-Office

Trotz langjähriger Rufe nach mehr Digitalisierung fehlen in Deutschland noch immer eindeutige rechtliche Rahmenbedingungen für das Home-Office. Der Handlungsbedarf scheint riesig: Für Arbeitnehmer mit langen Wegen bedeutet der Verzicht auf das tägliche Pendeln ins Büro steuerlich gesehen einen Nachteil. Viele Fragen zum Schutz vertraulicher Daten sind nicht eindeutig geklärt. Auf dem Weg zur Nahrungsaufnahme oder Toilette sind Mitarbeiter in den eigenen vier Wänden vermutlich nicht unfallversichert. Zurzeit liegt die Entscheidung, ob ein Arbeitnehmer die Erlaubnis für Home-Office erhält, beim Arbeitgeber, andererseits kann die Unternehmensleitung auch niemanden zu diesem Schritt zwingen. Im Home-Office gilt wie am normalen Arbeitsplatz das Arbeitszeitgesetz mit seinen Regelungen zu Höchstarbeitszeit, Ruhepausen und -zeiten sowie speziellen Regeln für Sonn- und Feiertagsarbeit. Manche Unternehmen fürchten gar, dass sie die Kontrolle darüber verlieren, ob ihre Mitarbeiter überhaupt arbeiten.

Wie sich die Tätigkeit zuhause auf die Produktivität der Mitarbeiter auswirkt, ist nicht geklärt. Die Krankenkasse DAK ließ 7000 Beschäftigte vor und während der Pandemie befragen. 56 Prozent berichten, sie seien im Home-Office produktiver als im Büro. Stefan Süß kommt aber zu einem anderen Ergebnis. „In unserer Studie gaben die Beschäftigten im Durchschnitt einen selbst empfundenen Rückgang um rund zehn Prozent im Vergleich zur sonst üblichen Arbeitssituation an“, sagt er. Er gehe davon aus, dass der Rückgang faktisch größer sei, das aber verständlicherweise ungern zugegeben werde. Offenbar muss auch hier der Einzelfall betrachtet werden. Personen, die technologieaffin sind oder Führungsverantwortung tragen, bewerten sich auch in der Süß-Studie als produktiver. Letzteres sei entweder auf eine stärkere Selbstausbeutung dieser Gruppe zurückzuführen oder darauf, dass durch das Home-Office Meetings und soziale Kontakte entfallen, die Führungskräfte ansonsten stark beanspruchen, vermutet Studienleiter Süß.

Führungskräfte müssen sich umstellen

Die Führungskräfte und die Geschäftsführung der Unternehmen hegten nach der Erhebung des IAO bisher „in massivem Umfang Vorbehalte gegenüber ortsflexiblen Arbeitsformen“. „Wenn alle Mitarbeiter präsent sind, kann ich als Führungskraft improvisieren. Sind sie im Home-Office, muss ich viel stärker Prozesse überdenken und in Planung investieren“, erklärt Dietmar Harhoff vom MPI. Auch diese Bremse für Home-Office scheint durch die Corona-Veränderung gelockert zu sein. Das IAO hat in seiner Befragung von Unternehmen ermittelt, dass Führungskräfte durch die Erfahrungen der letzten Wochen ihre Vorbehalte gegen Arbeit auf Distanz deutlich abgebaut haben. „47 Prozent stimmen hier voll und ganz zu, weitere 17 Prozent bejahen dies zumindest für kleinere Fallzahlen“, heißt es in der Studie. Stefan Süß und andere Forscher halten Mischmodelle, in denen die Mitarbeiter pro Woche zwei oder drei Tage vor Ort arbeiten, für einen geeigneten Kompromiss.

Im Szenario wurde bewusst darauf verzichtet, die Rolle von Benedikt Larson in der Firma zu beschreiben. Stattdessen haben wir einen anderen Aspekt in den Vordergrund gestellt. Die Diskussion über die Umsetzung von Home-Office ist nämlich eine Debatte um Möglichkeiten für Privilegierte. Die Wissenschaftler schätzen, dass nur 40 Prozent aller Jobs ganz oder teilweise im Home-Office erledigt werden können. Für Handwerker, Pflegekräfte, Verkaufspersonal und Mitarbeiter in der Produktion sowie im Hotel- und Gastgewerbe kommt die Verlagerung des Arbeitsplatzes nicht infrage. Wenn die Möglichkeiten für Home-Office verbessert werden, bleibt die Mehrheit der Arbeitnehmer außen vor.  

*

Unsere Watchlist mit dem Titel "Was können wir aus Corona lernen" hat nicht nur bei den Lesern Anerkennung gefunden. Die Arbeit an diesem Text und weiteren Beiträgen wird durch den Recherchefonds Covid-19 / Sars-CoV-2 der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) gefördert. Bisher können Sie diese Zukunftszenarien zu den Lehren aus der Corona-Pandemie lesen:

Am Projekt Watchlist arbeiten: Sonja Bettel, Carina Frey, Rainer Kurlemann und Alexander Mäder. Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen, dann verwenden Sie den Button "Projekt unterstützen". Viele Kolleginnen und Kollegen der Riffreporter berichten ebenfalls über Corona.

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
die ZukunftsReporter