Fünf Weisen des Hellsehens

iStock / turkstockfotograf Der Blick in die Glaskugel

Die Zukunftsreporter – Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir einmal leben könnten

Hellseher haben es einfach. Sie schauen in die Glaskugel und wissen, was passiert. Um ihr Ansehen ist es in unserer modernen Welt zwar nicht mehr gut bestellt. Das heißt aber nicht, dass Prognosen verschwunden wären. Weit gefehlt: Sie haben sogar einen großen Einfluss auf die Gegenwart, denn mit ihnen werden wichtige Entscheidungen begründet. Und praktischerweise gehen die Wahrsager ohne Strafe aus, wenn etwas schief geht. Rechtfertigen muss sich nur derjenige, der rückblickend die falsche Entscheidung getroffen hat.

Daher ist Wachsamkeit angesagt: Weil jeder Dummkopf so tun kann, als könne er die Zukunft vorhersagen, sollte man sich den Propheten immer genau anschauen. Er kommt immer in einer von fünf Gestalten daher – und bei jeder muss man wissen, wie man sie zu nehmen hat. Darf man ihr vertrauen? Wer sollte besser geeignet sein, um hier aufzuklären, als die selbst ernannten Zukunftsreporter! Wir bieten auch Service und vergeben bis zu fünf Punkte für den Vertrauensvorschuss, den die Propheten verdienen.

1. Sie und ich als Propheten

In Köln sagt man: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ Doch außerhalb Kölns wird diese Weisheit, die zusammen mit ein paar Kölsch gegen Panik helfen und Zuversicht verbreiten soll, zu Recht angezweifelt. Nicht nur ist der Erfahrungswert empirisch falsch, er ist auch keine Basis für Vorhersagen. Dass Menschen trotzdem denken, die Geschichte sei bisher gut verlaufen, liegt daran, dass sie in ihrem Gedächtnis nur nach passenden, in diesem Fall guten Erlebnissen kramen, wenn sie die Aussage überprüfen. Hätte man stattdessen gesagt: „Schlimmer geht immer“, wären den Menschen auch hierfür viele Beispiele eingefallen – und sie hätten auch diesen Satz als Ausblick auf die Zukunft nickend akzeptiert. Psychologen haben einen Fachbegriff für diesen Denkfehler: confirmation bias, Bestätigungsfehler. Der Mensch ist so veranlagt, dass er nicht gezielt nach Gegenbeispielen sucht, sondern immer nur nach Bestätigungen.

Selbst wenn man aber gegen alle historische Gewissheit annähme, die Geschichte sei bisher gut verlaufen, bleibt offen, ob sie das auch in Zukunft tut. Die Kölner fallen hier auf eine unzulässige Induktion herein. So nennt man den Schluss von einzelnen Beobachtungen auf eine allgemeingültige Aussage. Um das Problem zu verstehen, stelle man sich einen Menschen vor, der aus Versehen vom Hochhaus fällt. Nachdem er 30 Stockwerke passiert hat und nach jedem Stockwerk korrekt feststellte, dass er noch lebt, schließt er daraus, dass das Fallen vom Hochhaus ungefährlich ist. Kurzum: die Prognosen von Ihnen und mir fußen auf einer eingeschränkten Sicht der Realität.

Vertrauensvorschuss: ●○○○○

2. Der Experte

Alles bisher Gesagte gilt natürlich nicht, wenn Sie oder ich Experten sind. Denn Experten sind gegen die landläufigen Fehler der Laien immun. Zumindest glauben das einige Leute, und Journalisten genügt dieser kleine Vertrauensvorschuss oft schon. Für eine Schlagzeile des Typs „Experte: Vollmond künftig nur noch sonntags“ dürfte es daher reichen. Wer solch steile Thesen in den Raum stellt, muss sie natürlich begründen können. Also schauen wir mal: Der Experte sagt, er könne seine These durch die umfangreiche Auswertung historischer Kalender belegen. Er habe das Ergebnis selbst lange nicht glauben können und es gründlich überprüft. Und falls jemand daran zweifeln sollte: Ja, er sei Experte auf diesem Gebiet. Um das zu verdeutlichen, habe er den zuständigen Redakteur gebeten, die Schlagzeile zu präzisieren: „Experte für Wochentage: Vollmond künftig nur noch sonntags“.

Sie zweifeln trotzdem an der Expertise? Dann wird Sie interessieren, dass sich später herausstellte, dass der Redakteur die Schlagzeile unzulässig verkürzt hat. Wissenschaftlich korrekt hätte sie lauten müssen: „Experte: Vollmond in den nächsten 100 Jahren ungewöhnlich häufig sonntags“. Eine solche Prognose wären Sie vielleicht bereit zu glauben – oder Sie rechnen selbst nach, ob sie stimmen kann. Doch in komplizierten Fällen haben Sie keine Chance, eine seriöse Prognose von einer unseriösen zu unterscheiden, geschweige denn ihren Wert selbst zu überprüfen. Zum Glück gibt es aber Menschen, die das einschätzen können, und auf die sollten Sie hören: andere Experten. Seriöse Prognosen werden von anderen Fachleuten aufgegriffen, kritisch diskutiert und weiterentwickelt. Unseriöse Prognosen werden hingegen bloß wiederholt, oft von derselben Person.

Vertrauensvorschuss: ●●○○○

3. Modelle

Am besten gelingen die Prognosen, wenn man die Sache, über die man redet, durchschaut. Der Ingenieur sagt sich zum Beispiel: „Wenn ich die Maschine nachbauen kann, habe ich verstanden, wie sie funktioniert.“ Und was dem Ingenieur nicht zu schwör ist, das schaffen auch andere. Reden wir zum Beispiel über das Wetter. Hier sind die Prognosen seit der Erfindung des Computers besser geworden, weil Meteorologen das Wettergeschehen virtuell nachstellen und am Computer simulieren können.

Die Wettermodelle haben allerdings Grenzen: Sie sind zum Beispiel zu grob, um kleine Gewitterzellen zu erfassen. Daher lässt sich nur die Gewitterneigung vorhersagen, aber nicht, wann und wo ein Gewitter niedergeht. Deshalb muss eine Unwetterwarnung immer etwas vage bleiben. Weil die Simulationen die Realität nur ungefähr abbilden, reichen sie nicht weit in die Zukunft. Denn die vielen kleinen Abweichungen von der Realität summieren sich schnell zu großen Fehlern. Daher ist es nicht möglich, das Wetter für den 1. Januar 2020 vorherzusagen, und auch das durchschnittliche Klima der Jahre 2020 bis 2049 ist alles andere als einfach zu berechnen.

Um abschätzen zu können, ob man bei den Klimasimulationen richtig liegt, lässt man mehrere Simulationen mit leicht unterschiedlicher Programmierung laufen. Wenn die Ergebnisse weit auseinandergehen, müssen echte Experten eingestehen, sie haben die Sache noch nicht durchschaut. Erst wenn die Ergebnisse hingegen eng beieinanderliegen, hat man vermutlich das Wesentliche erfasst und in den Simulationen berücksichtigt. Fragen Sie Ihren Experten danach, wie er sein Modell getestet hat – er gibt ihnen gerne Auskunft, weil sich endlich jemand für seine Arbeit interessiert.

Vertrauensvorschuss: ●●●●○

4. Big Data

Computer können noch mehr: Sie suchen selbstständig in den Daten nach Mustern. Man zeigt ihnen Millionen Texte und sie finden ohne Anleitung heraus, wie sie die Wörter zusammenfügen müssen, um selbst einen Text zu generieren. Maschinelles Lernen wird das genannt, und es lässt sich auf so ziemlich alles Mögliche anwenden. Ob die Maschinen Patientendaten studieren und daraus medizinische Prognosen erstellen oder ob sie Aktienkurse auswerten, um Börsentrends früher zu erkennen als alle anderen, ist im Prinzip einerlei. Maschinen sind schnell bereit, ein bestimmtes Ergebnis als besonders wahrscheinlich zu bewerten. Man muss nur aufpassen, dass die Maschinen gute Datensätze fürs Training erhalten, denn sonst lernen sie nutzlosen Quatsch. Wenn man sie zum Sprechenlernen in die Facebook-Schule schickt, darf man sich nicht wundern, wenn sie anschließend Schimpfwörter und Kotz-Emojis verwenden.

Was aber, wenn die Maschine empfiehlt, alles Geld in die Künstliche Intelligenz zu stecken? Hat sie dann ein Bewusstsein für sich selbst und ihre Artgenossen entwickelt und handelt im eigenen Interesse? Oder hat sie bloß zu viele Artikel, Pressemitteilungen und Statements in ihrer Datenbank, in denen Menschen die KI hypen? Vielleicht findet man es nie heraus, denn man kann nicht jede Empfehlung nachvollziehen. Die Computer können ihre Analyse nicht erklären, so wie auch wir nicht erklären können, wie wir Fahrradfahren lernen oder Gesichter erkennen. Daher bleibt ein mulmiges Gefühl: Haben die Maschinen die Sache durchschaut? Wahrscheinlich werden wir uns mit der Zeit daran gewöhnen, dass ihre Prognosen stimmen – und dann per Induktion schließen, dass die Maschinen schon wissen werden, was sie tun.

Vertrauensvorschuss: ●●○○○

5. Die Masse

„Können sich 40.000 begeisterte Menschen im Stadion irren?“, wird der Popmusik-Redakteur gefragt, nachdem er ein gut besuchtes Konzert verrissen hat. Der Popmusik-Redakteur nickt. „Nur weil die Musik beliebt ist, muss sie noch lange nicht gut sein.“ Was alle denken, ist kein Indikator für das, was stimmt. Wie oft haben Menschen schon kollektiv daneben gelegen: Jedes Mal, wenn an der Börse eine Blase platzt, zeigt sich, wie beruhigend es für viele war, einfach der Herde zu folgen. In der Wissenschaft wird daher nicht über Theorien abgestimmt, sondern um Argumente gerungen.

Sogar wenn man bloß ein Stimmungsbild erstellen will und die Menschen nur über sich selbst Auskunft geben sollen, gibt es Schwierigkeiten. Bei Wahlumfragen müssen Forscher die Ergebnisse anschließend nachbessern, weil sie aus Erfahrung wissen, dass die Leute nicht immer die richtige Antwort geben. Das Publikum will aber nicht wissen, was die Befragten geantwortet haben, sondern, wie sie bei der nächsten Wahl wählen werden.

Die Intelligenz der Masse funktioniert nur in wenigen Fällen. Nämlich dann, wenn es um etwas geht, was wirklich zum Allgemeinwissen gehört. Daher sollte man den Publikumsjoker immer früh einsetzen, wenn die Fragen noch nicht zu schwer sind. Bei Günther Jauch trat mal ein Kandidat auf, der nicht wusste, wie der Satz „Klappe zu…“ zu ergänzen ist. Er tippte falsch und schied gleich nach der ersten Frage aus. Hätte er nur das Publikum gefragt, die Menge hätte es gewusst.

Vertrauensvorschuss: ●○○○○


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