Evolution statt Revolution bei der Arbeit

Warum ein mehr an Demokratie bei Krisen hilft.

Auf der Arbeit herrscht keine Demokratie. Machtmissbrauch und Lohngefälle sind die Folgen. Manager werden freigesprochen, haften nicht für ihr Handeln. Belegschaft und Kunden zahlen die Zeche. Was kann man tun? Wo bleibt der Sinn?

Konstantin Yuganov - Envato Elements Eine Projekt im Büro

Was der Chef oder die Chefin sagt, muss gemacht werden. Auf der Arbeit herrscht keine Demokratie. Lisa Herzog will das ändern. Die 1983 geborene Professorin hat   Volkswirtschaftslehre und Philosophie studiert und lehrt an der Universität Groningen politische Philosophie. Für ihr Engagement für mehr Moral und Augenhöhe in den Firmen hat sie im Oktober 2019 den deutschen „Preis für Philosophie und Sozialethik“ bekommen. Die Hamburger Max Uwe Redler-Stiftung vergibt den Preis alle zwei Jahre. Er ist mit 100.000 € dotiert. Unser Gastautor Michael Ringelsiep  hat die junge Sozialwissenschaftlerin in den Niederlanden besucht und mit ihr über ihr Buch „Die Rettung der Arbeit“ gesprochen. 

Prof. Lisa Herzog beim Inteview
Prof. Lisa Herzog: Bei der Arbeit geht es nicht nur ums Geld.

Frau Herzog, warum sollten wir uns unsere tägliche Arbeitswelt genauer anschauen, müssen sie gar retten? 

Herzog: Wir befinden uns in einer Situation, in der die soziale Ungleichheit schon relativ hoch ist. Eine der größten Gefahren der derzeitigen Veränderungen der Arbeitswelt ist, dass die Gesellschaft weiter auseinandergetrieben wird. Wollen wir wirklich, dass in Zukunft eine kleine Gruppe nur durch ihre Aktien und Zinsen ein sehr hohes Kapitaleinkommen hat, während andere Menschen sich mit prekären Jobs irgendwie über Wasser halten müssen? 

Wie kann man das ändern?

Herzog: Es gibt eine Reihe von Maßnahmen: von Mindestlöhnen über Erbschaftsbesteuerungen bis hin zur Frage, welche Arbeit rechtlich als normales Arbeitsverhältnis gefasst wird, und wo Scheinselbständigkeit zugelassen wird, gerade im digitalen Bereich. Ich plädiere für mehr soziale Verantwortung, Tarifverträge einzuhalten und weg von diesem digitalen Nomadentum, den Zeit- und Projektverträgen, bei denen die Beschäftigten nach getaner Arbeit wieder auf der Straße stehen. Und wir müssen daran glauben, dass wir unsere Arbeitswelt gestalten können. Denn wenn wir das nicht tun, wird das Scheitern der Demokratie zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung und wir überlassen denjenigen das Feld, die ganz einfache Rezepte versprechen. Eine Strategie, die ich in meinem Buch diskutiere, und die mir sehr vielversprechend erscheint, ist, stärker in Richtung Wirtschaftsdemokratie zu denken. 

Wirtschaftsdemokratie? Was meinen Sie damit? Letztendlich entscheiden doch immer die Vorgesetzten und die Chefs, wo es lang geht. 

Herzog: Ich meine damit das Prinzip, dass die Macht, die über Menschen ausgeübt wird, immer demokratisch legitimiert werden muss. Wir sollten dieses politische Prinzip auch auf die Wirtschaft übertragen. Alle Beschäftigten hängen davon ab, dass sie ihre Jobs behalten können. Deswegen haben ihre Chefs Macht über sie. Und da stellt sich Frage, welche demokratischen Organisationsformen es dafür geben könnte? In Deutschland haben wir schon eher wirtschaftsdemokratische Strukturen als in vielen anderen Ländern, weil Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten sitzen. Das Interessante ist: aus Sicht der Lehrbuchökonomie und der Verfechter des freien Marktes müsste Deutschland eigentlich pleite sein, weil es diese Mitbestimmungsstrukturen hat. Aber der deutschen Wirtschaft geht es ja ziemlich gut! 

Angestellte begegnen sich auf dem Flur
Mitbestimmung verbessert das Arbeitsklima
Katarzyna Bialasiewicz -Envato Elements

Wenn wir selbst unsere Chefs wählen, besteht dann nicht die Gefahr, dass nicht der Kompetente, sondern der Nette die Wahl gewinnt?  

Herzog: Also erstmal ist es ja nicht verkehrt, wenn meine Chefin oder mein Chef auch nett ist, das kann für die Motivation sehr wichtig sein! Ich glaube, dass die Gefahr, die Sie hier andeuten, überschätzt wird. Und zwar deswegen, weil die Beteiligten ja wissen, dass es auch darum geht, dass sie langfristig ihre Jobs behalten. In einer Firma wissen die Leute in der Regel besser als in der politischen Demokratie, was auf dem Spiel steht. Sie sind ja täglich davon betroffen und haben Insiderwissen. Wenn Menschen die Erfahrung machen: ja, das Thema ist zwar komplex, aber ich kann mich einbringen, Vorschläge machen, mitgestalten, dann haben sie nicht mehr das Gefühl, der Komplexität ausgeliefert zu sein. Das hat eine sehr positive Wirkung auf die Arbeitswelt und kann sich vielleicht auch in mehr politischem Engagement niederschlagen. 

Das erinnert ein wenig an den Sozialismus.

Herzog: Wenn Sie unter Sozialismus verstehen, dass das Produktiveigentum in staatlicher Hand sein soll, muss ich sagen, dass die Bilanzen der real existierenden Formen, die es schon gab, nicht besonders gut sind. Dieser Diskurs – Kapitalismus contra Sozialismus – erfasst gar nicht, was für unterschiedliche Formate es zwischen diesen Polen geben kann. Ich glaube, wir haben noch viel zu wenig Fantasie, was die institutionellen Möglichkeiten der Wirtschaftsdemokratie angeht. 

Prof. Lisa Herzog beim Interview
Prof. Lisa Herzog - Preisträgerin des deutschen „Preis für Philosophie und Sozialethik.“ 2019

Was schwebt Ihnen vor? 

Herzog: Ein Modell zum Beispiel, mit dem seit Jahrhunderten teilweise sehr erfolgreich versucht wird, die Wirtschaftsdemokratie umzusetzen, ist das der Genossenschaften. Das hat zwar auch manche Nachteile, weil man das eigene Vermögen in Firma stecken muss, aber dafür kontrolliert der Mensch wiederum die Firma und nicht die Firma den Menschen. Ich denke, man müsste Genossenschaften deshalb stärker steuerlich begünstigen, weil diese Art von Unternehmen für die Gesellschaft insgesamt viele Vorteile hat. Es gibt im Moment zudem viele Versuche, das Genossenschaftsmodell in die digitale Welt zu tragen, zum Beispiel Plattformen, auf denen haushaltsnahe Dienstleistungen angeboten werden. Das halte ich für sehr zukunftsweisend. 

Klingt gut, aber solche Dienstleistungen muss sich der Normalverdiener erst einmal leisten können! Dafür muss genug bezahlbare Arbeit für alle da sein. 

Herzog: Es wird immer wieder behauptet, es gäbe in der Zukunft nicht mehr genug Arbeit, die Maschinen würden den Menschen die Arbeit wegnehmen. Ich glaube nicht an das Szenario von Massenarbeitslosigkeit. De facto gibt es sehr viel Arbeit zu erledigen. Die Fragen sind vielmehr: Wie wird die Arbeit verteilt? Können wir vielleicht irgendwann die Arbeitszeit für alle reduzieren? Wie gehen wir mit unbezahlter Arbeit um? Wie bewerten wir die Familienarbeit, das Ehrenamt? Es ist ja nicht so, dass wir nicht noch Bedarf hätten an Leuten, die sich zum Beispiel bei der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund ehrenamtlich engagieren. 

Was halten Sie von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens?

Herzog: Wenn das Grundeinkommen hoch genug ist, erlaubt es den Menschen, die Lohnarbeit zu verlassen. Aber es bedeutet nicht automatisch den Zugang zu einer sinnvollen Arbeit. Deswegen glaube ich, dass es, wenn überhaupt, nur Teil eines Maßnahmenpakets sein könnte. Wir müssen uns viel stärker auf die Frage konzentrieren, wie die Menschen in Arbeit kommen können, wo sie mitgestalten und sich einbringen können. Wie verhindert werden kann, dass sie nicht über die Jahre hinweg immer stärker abstumpfen und zynisch werden, weil sie eben doch nur das sprichwörtliche Rädchen im System sind. Das allein durch ein bedingungsloses Grundeinkommen zu regeln, wird nicht funktionieren – was aber nicht heißt, dass es nicht vielleicht in Zukunft Teil eines größeren Maßnahmenpakets sein könnte. Die Arbeitswelt ist einfach sehr vielschichtig, da braucht es eine Vielzahl von Instrumenten, um alles gut zu regeln. 

Ein Roboter und ein Mann geben sich die Hand
Mit "Künstliche Intelligenz" zu mehr Zeit für Nähe
Andrey Armyagov - Envato Elements

Welche noch? 

Herzog: Die Politik kann zum Beispiel Steuern erheben auf die Gewinne, die Firmen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz erwirtschaften. Es gibt sehr viele optimistische Prognosen, die mit hohen Gewinnen durch die digitalen Technologien rechnen. Hier stellt sich die Frage: Wie verteilen wir diese Gewinne? Bekommt die Kapitalseite alles – also die Aktionäre – oder wird ein Teil der Gewinne genutzt, um andere Arbeiten besser zu gestalten und bezahlen? Zum Beispiel in der Pflege: Hier wäre es am sinnvollsten, wenn Roboter bestimmte mechanische Dinge erledigen und Menschen Zeit bekommen, um anderen Menschen Zuwendung geben könnten. Die Gefahr besteht natürlich, dass irgendwann dann nur noch Roboter tätig sind, solange wir als Gesellschaft nicht bereit sind, jemanden angemessen dafür zu entlohnen, dafür dass er sich mit einer anderen Person beschäftigt.

Höhere und neue Steuern! Das wird vielen Unternehmern nicht gefallen.

Herzog: Zwischen Kapitalismus und Demokratie wird es immer einen Kampf geben. Die entscheidende Frage für mich ist: Nutzen wir das Potenzial der künstlichen Intelligenz und von Big Data, um den Kapitalismus zu stärken oder die Demokratie? Wenn die neuen digitalen Techniken nur zugunsten des Kapitals eingesetzt werden, dürfte die Demokratie es schwer haben. 

Wie wollen Sie das verhindern? 

Herzog: Durch Evolution statt Revolution. Manche Leute hoffen auf die eine große Revolution in der Arbeitswelt und den Bruch mit dem bestehenden System. Ich frage mich immer: Was kommt danach? Würde das Leben wirklich weiter demokratisch funktionieren? Ich bin eher eine Verfechterin eines evolutionären Ansatzes, der stark auf gesellschaftliche Lernprozesse setzt, wo es den Menschen leicht gemacht wird, neue Dinge auszuprobieren. Was sich bewährt, kann weiterverbreitet werden. Viele kleine evolutionäre Schritte können am Ende auch die Wirkung einer Revolution haben, aber eben mit der Möglichkeit von Feedback, und mit der Chance, all die Gruppen einzubinden, die sich vielleicht nicht mitgenommen fühlen. Dieses Modell finde ich sinnvoller als die vage Hoffnung auf irgendeine Revolution oder das passive Ausharren, das die Dinge einfach hinnimmt. 


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