Was soll der Fisch fressen?

Food for the future - Für die Ernährung der Zukunft gibt es mehr offene Fragen als Antworten

Die Zukunftsreporter – Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen


Die Sicherung einer gesunden Ernährung gehört zu den wichtigsten Zukunftsthemen. Deshalb beschäftigt eine „Conference on Food for Future“ auch die Zukunftsreporter. CEPLAS, Deutschlands einziger Exzellenzcluster für Pflanzenwissenschaften, hat in das Rautenstrauch-Joest-Museum nach Köln eingeladen, in dessen Foyer ein etwa 100 Jahre alter, prächtig verzierter Reisspeicher aus Indonesien steht. Das Museum besitzt eine der bedeutendsten ethnografischen Sammlungen Deutschlands, die seit der Wiedereröffnung im Jahr 2010 unter dem Obertitel „Der Mensch in seinen Welten“ gezeigt wird. Organisiert wurde die Tagung vom Kompetenzfeld „Food Security“ der Universität zu Köln, dessen erklärtes Ziel es ist, das Bewusstsein für die vielfältigen Herausforderungen der globalen Ernährungssicherheit in den gesellschaftlichen Fokus zu rücken.

Der Exzellenzcluster CEPLAS ist ein gemeinsames Projekt der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der Universität zu Köln, des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung Köln und des Forschungszentrums Jülich. Die Forscher möchten „die Basis für zukunftsorientierte Nahrungs-, Futter- und Energiepflanzen schaffen“. Deshalb beschäftigen sie sich auch mit dem Erbgut der Pflanzen und suchen nach Merkmalen, die einen starken Einfluss auf das Wachstum, den Ernteertrag sowie den Ressourcenbedarf haben. Dieses Umfeld muss man kennen, bevor man über die Konferenz berichten kann.

Natürlich geht es auf der Tagung um den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft – als Werkzeug zur Lösung von Problemen, die sich bereits heute abzeichnen. Der britische Biologe Johnathan Napier gibt ein Beispiel: Er möchte besseres Fischfutter produzieren. Zuchtfische aus Aquakulturen nehmen einen immer größeren Platz auf dem Speiseplan ein. Weltweit wächst diese Branche jährlich um fast sechs Prozent. Im Jahr 2014 wurde global gesehen erstmals mehr Fisch aus Zuchtbeständen verzehrt als aus Fischernetzen. Darin könnte ein nachhaltiger Ansatz liegen, um die gefährdeten Fischbestände in den Weltmeeren zu schonen, aber so einfach ist die Sache leider nicht.

Wie überall in der Tiermast liegt das zentrale Problem in der Fütterung der Tiere. Johnathan Napier vom Rothamsted Research Center in Hertfordshire stellt eine Alternative vor, die nachhaltiger sein soll als die bisherigen Verfahren: Die Fische sollen demnächst eine Art Pflanzengranulat fressen, das sie besser mit Omega-3-Fettsäuren versorgt. Der Forscher hat dafür die Gene der Ölsaatenpflanze Camelina (falscher Flachs) durch Gene-Editing verändert. Ohne über fremde Gene zu verfügen, produziert die Pflanze jetzt typische Fischfette. Das Leindottergewächs wächst seit dem Frühjahr abgeschirmt hinter Zäunen auf den Versuchsfeldern des Instituts.

Von dieser Ernährungsumstellung profitieren letztlich aber weniger die Fische als vielmehr der Mensch. Denn Fische sind in der menschlichen Ernährung wichtige Lieferanten für Omega-3-Fettsäuren, und diesen Substanzen werden gesundheitsförderliche Wirkungen für Herz und Kreislauf zugeschrieben. Aber Lachs beispielsweise kann selbst keine Omega-3-Fettsäuren bilden. Der Wildlachs nimmt sie als Raubfisch über die Nahrung zu sich – er frisst Garnelen, Krebse und andere Fische. Damit das Fleisch des Zuchtlachses eine ähnliche Qualität bekommt, muss die Ernährung in der Aquafarm entsprechend angepasst werden. Nach Angaben des Norwegian Seafood Council besteht das Lachsfutter der norwegischen Fischzüchter zu knapp drei Vierteln aus Proteinen und Kohlehydraten aus Gemüse und pflanzlichen Ölen. Der Rest sind Fischmehl, Fischöl und Fischproteine, die aus Kleinfischen und Beifang produziert werden. Daher schaden die boomenden Aquakulturen den Fischbeständen in den Weltmeeren.

GM Camelina grown in glasshouses has yielded seeds rich in omega-3 long chain polyunsaturated fatty acids, or "fish oils".
Rothamsted research

Die Diskussion über die Ernährung der Zukunft und sinnvolle Innovation ist eben auch eine Debatte über das richtige Tierfutter. Die Zukunftsreporter haben bereits ein Szenario entwickelt, das eine Alternative zur Rinderzucht aufzeigt: Fleisch aus dem 3D-Drucker.  

Auch Cathie Martin vom John Innes Center in Norwich argumentiert in Köln damit, dass Lebensmittel der Zukunft gesündere Inhaltsstoffe haben sollten, um Volkskrankheiten vorzubeugen. Hier sei die Wissenschaft gefragt. Die britische Forscherin ist bekannt für ihre violetten Tomaten, die dank Gentechnik nicht nur eine andere Farbe, sondern auch einen hohen Gehalt an Anthocyanen besitzen, die als Antioxidantien fungieren und damit ihrer Ansicht nach auf den Speiseplan der Zukunft gehören. Für Cathie Martin liegt das aktuelle Dilemma der Ernährung in der Interessenlage der Beteiligten: Die Lebensmittelindustrie interessiere sich kaum für die Gesundheit der Verbraucher, sondern optimiere ihre Produkte eher für einen niedrigen Preis. Und die Gesundheitsindustrie interessiere sich nicht für Lebensmittel, sondern produziere lieber Nahrungsergänzungsprodukte, deren Vertrieb häufig schlecht reguliert sei und denen Martin unterstellt, dass sie gefährlicher seien als die oft in die Ecke gestellten Produkte der Gentechnik.

In den vergangenen Wochen haben sich auch deutsche Politiker zur Bedeutung der Gentechnik für die Ernährung der Zukunft geäußert. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ist überzeugt, dass neue Technologien wie die Genschere Crispr eine Lösung für landwirtschaftliche Probleme werden können. „Wir müssen achtgeben, dass wir nicht aus Luxuspositionen des Überflusses heraus in Europa eine neue Technologie vor die Tür setzen“, mahnt Klöckner. Harald Ebner, Sprecher der grünen Bundestagsfraktion für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik, bezeichnet den Einsatz der Gentechnik zur Züchtung von dürreresistenten Pflanzen dagegen als „leere Versprechungen“. „Bei Klimaanpassungen wie Trockenheits- und Salztoleranz sind moderne konventionelle Züchtungsmethoden bislang überlegen. Denn solche Eigenschaften beruhen auf komplexen Zusammenspielen mehrerer Gen-Orte“, sagt Ebner in einem Interview. Beide Aspekte spielen auch bei der Podiumsdiskussion während der Kölner Tagung eine Rolle.

Sabine Dorlöchter-Sulser stellt als Afrika-Expertin beim kirchlichen Hilfswerk Misereor einen Ansatz vor, der über die reine Bereitstellung eines vermeintlich besseren Saatguts hinausgeht. Für sie ist es zwingend nötig, die Bauern möglichst früh in die Entwicklung einzubeziehen und außerdem ihre politische Mitwirkung im Staat zu unterstützen. Denn die klimatischen Bedingungen und die möglicherweise schlechter werdenden Böden sind oft nur ein Problem in einer Reihe von Versäumnissen, die schließlich zu einer schlechten Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln führen. „Wir sollten die Innovationsfähigkeit der Farmer vor Ort nicht unterschätzen“, sagt Sabine Dorlöchter-Sulser. Durch eine ökologische Landwirtschaft und die Unterstützung kleinbäuerlicher Strukturen könnten ganz klar Fortschritte erzielt werden, die man nicht wegdiskutieren könne.

Mehr Hilfe zur Selbsthilfe heißt das Konzept, das mit mehr Wissen um die vorhandenen Sorten und eigene Züchtungserfolge einhergeht und Ertragssteigerungen um 30 Prozent ermöglicht. Es lohne sich für die Kleinbauern, einen möglichst diversifizierten Anbau zu betreiben und damit auch Alternativen zu haben, falls es zu Ernteausfällen kommt oder zu starkem Preisverfall komme, sagt die Afrika-Expertin. Und zu denen kommt es immer wieder. Zerihun Tadele, Forscher an der Universität Bern, berichtet aus seinem Heimatland Äthiopien, dass die Bauern in einigen Regionen wegen der anhaltenden Trockenheit oder der Versalzung und der Versauerung des Bodens bereits deutlich weniger ernten können. „Die Probleme sind so gravierend, dass man sie nicht mehr ignorieren kann“, sagt er. 

In der Podiumsdiskussion wird der mögliche Einsatz von Gentechnik als einer von mehreren Wegen weder als einzige Chance bejubelt noch generell verteufelt. Eine gemeinsame Lösung für die afrikanischen Bauern kann es ohnehin nicht geben. Denn nicht nur Böden, Klima und Pflanzen sind regional unterschiedlich. Zudem benötigen Landwirte, die für den Eigenbedarf anbauen, andere Sorten als solche, die auf dem Markt verkaufen wollen. Diese Sätze klingen in den Ohren europäischer Landwirte trivial, doch beim europäischen Blick auf die afrikanische Landwirtschaft geraten sie manchmal in Vergessenheit. Offensichtlich gehört es zu den Wahrheiten der ersten Generation der Gentechnik, dass die Wissenschaft bei der Entwicklung ihrer Produkte nicht immer den Bedarf der Menschen vor Ort im Visier hatte. Heute gebe es eine bessere Zusammenarbeit und Beteiligung, berichten die Befürworter der Gentechnik.


Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Und auf dieser Seite können Sie unsere Arbeit mit einem freiwilligen Beitrag unterstützen. Herzlichen Dank! Uns interessiert Ihre Meinung: Bitte schreiben Sie uns unter hallo@zukunftsreporter.online

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