Die neuen drei Weisen

Die heiligen drei Könige waren vermutlich Gelehrte. Wir haben drei Wissenschaftler der heutigen Zeit auf dem Weg zur Krippe begleitet. Eine fiktive Geschichte.

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Diesmal mit einem Text, den wir uns vollständig ausgedacht haben, der aber sehr gut in die Zeit zum Jahresbeginn passt. Die heiligen drei Könige haben über die Jahrhunderte einen festen Platz in der Weihnachtsgeschichte eingenommen. Dabei waren die drei Männer wohl keine Adligen, sondern eher zeitgenössische Gelehrte. In unserer aktuellen Version sind die drei Weisen nicht nur stille Beobachter, sondern bringen als Forscher ihre eigenen Erwartungen zum Besuch an der Krippe mit. Eine fiktive Geschichte über die Suche nach neuen Geboten.    


Die drei Wissenschaftler lernten sich an der Autovermietung am Flughafen kennen. Hans Joachim Schellnhuber stand in der Schlange, als er hörte, dass die beiden anderen Reisenden am Schalter das gleiche Reiseziel nannten. Der Klimaforscher sprach seinen chinesischen Kollegen und die Frau von der Ostküste der USA sofort an. Es sei doch ökologisch sinnvoll, eine Fahrgemeinschaft zu bilden, sagte Schellnhuber. Er mietete für die Gruppe einen Kleinwagen, der königlichen Ansprüchen zwar nicht entsprach, aber seinen Zweck für den Weg nach Bethlehem erfüllte. Der sportliche Wang Jian war körperlich der Kleinste von ihnen, deshalb nahm der Experte für Gen-Analysen Platz auf der Rückbank. Aude Oliva, die Computerspezialistin, saß auf dem Beifahrersitz und übernahm mit ihrem Laptop die Routenplanung. Das Trio hatte 90 Minuten für die Fahrt nach Bethlehem kalkuliert. Doch die Straßen waren schlecht und vermutlich würde sich ihre Ankunft verzögern.

Die drei Forscher reisten mit wenig Gepäck. Schellnhuber hatte nur einen kleinen Koffer gepackt und verstaute ihn zusammen mit einem Beutel mit seinem Geschenk im Kofferraum. „Hast Du auch ein Mitbringsel für das Kind?“, fragte er. Aude Oliva zeigte auf ein kleines Metallbehältnis, das sie vor dem Sitz auf den Boden platziert hatte. „Darin befinden sich Lithium und seltene Erden; Metalle, die man für den Bau eines Computers benötigt“, antwortete sie, „diese Metalle werden knapp und dem Kind soll genügend davon zur Verfügung stehen. Computer werden als Hilfsmittel und als Wissensbasis immer wichtiger.“

Die Spezialistin für künstliche Intelligenz konnte ihre Neugierde kaum zügeln. „Und was hast Du für diesen besonderen Tag eingepackt?“, fragte sie. Schellnhuber lächelte, denn er hatte lange über das passende Geschenk nachgedacht. „Es ist ein Säckchen mit Saatgut von seltenen Pflanzen aus Kiribati. Kiribati gehört zu den Inselgruppen, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind und vielleicht bald verschwinden werden“, antwortete er. Das Kind solle die Natur wertschätzen und sich dafür einsetzen. Der Klimawandel hatte aus seiner Sicht bereits dramatische Ausmaße angenommen und jeder prominente Fürsprecher war deshalb willkommen, um den Weg in eine alternative Zukunft aufzuzeigen.

Wang Jian hatte sich bisher nicht an der Unterhaltung beteiligt. Er hatte für seine Idee nicht lange überlegen müssen. „Ich habe mich gegen etwas Materielles entschieden. Ich schenke Wissen“, erklärte er. Wang griff in die Innentasche seines Sakkos und zog ein Plastikgefäß mit einem Wattebausch hervor, der an einem Holzstiel befestigt war. „Ich werde dem Kind eine DNA-Probe entnehmen und sie analysieren“, sagte er, „damit können wir sein Risiko für Krankheiten früher erkennen, sein Leben besser schützen und es vielleicht sogar verlängern“, erklärte der Chinese. Schellnhuber meldete Zweifel an. In diesen unruhigen Zeiten kämen Menschen häufig aus Gründen ums Leben, die nicht in den Genen lägen. Wang entgegnete, auch er wisse, dass man sein Leben nicht vollständig planen könne, aber trotzdem sei die Information über Risiken aus dem Erbgut eine wertvolle Hilfe. Er verschwieg seine persönliche Erwartung an die DNA-Probe, die die beiden anderen Forscher erahnten, aber ebenfalls nicht aussprachen. Wang hoffte, bei der Analyse ein paar Auffälligkeiten in den Genen zu finden, mit denen sich die besonderen Fähigkeiten des außergewöhnlichen Kindes erklären ließen. Diese Information könnte wertvoll sein, um die Menschheit weiterzuentwickeln oder andere ähnlich herausragende Kinder zu finden, dachte der Experte für DNA.

Auch Aude Oliva hatte sich schon gefragt, ob der besondere Geist von Bethlehem nicht auch in der Entwicklung der künstlichen Intelligenz seinen Platz haben sollte. Sie überlegte, ob sie mit den Eltern vereinbaren wollte, dass ihre selbstlernenden Computersysteme in einigen Jahren mit dem Kind sprechen, um damit deren emotionale Kompetenz zu verbessern. Denn das Vermögen der künstlichen Intelligenz war nur so gut wie die Qualität der Daten, von denen die Maschine lernen konnte. Da war das Kind ein willkommener Sparringspartner.

In einem waren sich die drei Forscher einig. Sie erhofften sich durch das Kind neue Anregungen, wie die Menschheit leben müsste. Die altbekannten zehn Gebote waren zwar in den meisten Ländern zumindest in den Grundsätzen akzeptiert. Doch sie reichten nicht aus, um die modernen Herausforderungen der Forschung zu steuern. Die Forderung, nicht zu töten oder nicht ehezubrechen, oder der Ruf nach Nächstenliebe: Das mag vor 2000 Jahren als moralischer Kompass einer Gesellschaft geeignet gewesen sein, doch der nächste Schritt stand aus. Wenn man die zehn Gebote oder die Bergpredigt als Handlungsempfehlung für eine gerechte Gesellschaft interpretiert, dann werden heute andere Empfehlungen für ein gutes Zusammenleben notwendig sein.  

Schellnhuber spürte, dass die anderen beiden mit ihren Gedanken beschäftigt waren, und versuchte das Gespräch wiederzubeleben. „Habt ihr schon etwas darüber gehört, wie das Kind zum Einsatz von künstlicher Intelligenz, zur Energieerzeugung und zu den Möglichkeiten der Genetik stehen wird?“, fragte er. Vielleicht könne man erste Hinweise darauf aus der Einstellung der Eltern ableiten, überlegte Schellnhuber laut. „Das ist in diesem Fall wohl etwas komplizierter“, antwortete Aude Oliva, deren Expertenteam mit einer Datenbanksuche längst versucht hatte, das Potential des Kindes abzuschätzen. „Wir rechnen damit, dass das Kind ein Top-Influencer mit Vorbildfunktion wird und einige wichtige Ansprachen halten wird“, berichtete sie.   

„Dann wird es sich auch zu den wichtigen Fragen der Zeit äußern“, sagte Schellnhuber. Er ergänzte, was er damit meinte: „Welche Aufgaben darf künstliche Intelligenz übernehmen? Welche Maßnahmen sind gerechtfertigt, um den Klimawandel zu stoppen? Welche Erkenntnisse über das Erbgut von Lebewesen und welche Veränderungen an der DNA sind sinnvoll oder gar nötig?“ Wang Jian schüttelte den Kopf: „Vielleicht setzt das Kind auch ganz andere Schwerpunkte.“ Doch noch bevor jemand antworten konnte, hatten sie ihr Zeil erreicht. Schellnhuber parkte den Wagen in einer Seitenstraße und die drei machten sich auf den Weg zur Krippe.


Der Hintergrund

Dieser Text entstand aus einer Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. Die Redaktion „Schleswig-Holstein am Wochenende“ kam auf die Idee, die Weihnachtsgeschichte mit Personen aus der aktuellen Zeit zu besetzen. So erreichte mich die Anfrage, wer denn heute wohl die drei Weisen aus dem Morgenland sein könnten. Als Antwort habe ich drei Wissenschafter aus den derzeit vielleicht wohl wichtigsten Forschungsgebieten gewählt. Sie wissen nichts davon. Ich bekenne: Handlung und Zitate sind frei erfunden.  

Hans Joachim Schellnhuber: Der deutsche Physiker gründete 1992 das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ist langjähriges Mitglied des Weltklimarats (IPCC) und kritischer Berater der Bundesregierung und der EU. Er brachte das Konzept der Kippelemente in die Klimaforschung ein: Demnach gibt es Systeme, deren Veränderung so gravierende Folgen für das Klima hat, dass sie nicht mehr rückgängig gemacht werden können – etwa das Eis an den Polen, Meeresströmungen, der tropische Regenwald oder der Monsun in Indien.

Wang Jian: Der chinesische Mediziner gehört zu den Pionieren der Analyse des menschlichen Erbguts. 1999 gründete er das Beijing Genomics Institut (BGI), das heute den weltweit größten Datensatz an komplett analysierten DNA-Sequenzen von Lebewesen aller Art besitzt. Das BGI arbeitet an der Entschlüsselung weiterer Genome und sucht nach Auffälligkeiten, die sich für verschiedene Zwecke nutzen lassen. Wang ist heute Vorsitzender des BGI-Vorstands und betreibt als Hobby mehrere Extremsportarten.

Aude Oliva: Die französische Physikerin hat zusätzlich akademische Abschlüsse in Psychologie und Kognitionsforschung. Seit 2004 arbeitet sie am Massachusetts Institute of Technology (MIT), der Elite-Universität in Cambridge in den USA. Dort entstand in Zusammenarbeit mit IBM das intelligente Computersystem „Watson“, das die berühmteste Quizsendung des US-Fernsehens gewinnen konnte. Heute beschäftigt sich die Computerwissenschaftlerin mit Lernprozessen des menschlichen Gehirns und der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. 


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