Die geheime Welt der Crispr-Babys

Offiziell will niemand gentechnisch veränderte Babys, doch vermutlich werden sie trotzdem kommen. Ein Zukunftszenario

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Stellen wir uns einmal vor, wir wollen die Möglichkeiten der Genschere Crispr/Cas auch für Eingriffe in die Keimbahn nutzen. Paare entscheiden sich bewusst für die Veränderung des Erbguts ihrer Kinder. Die meisten wollen damit Krankheiten bei ihrem Nachwuchs verhindern. Einige folgen auch der Hoffnung, dass ihre Kinder durch die Behandlung intelligenter oder sportlicher sein werden. Ein Zukunftsszenario.


Das Hotel „Youth Palace“ auf einer Insel vor der Küste Afrikas hat etwas von einem Besuch im Paradies. Ein Weg mit Palmen führt zum Sandstrand. Gemütliche Liegen laden zum Verweilen am Pool ein. Nur die Hotelbar mit Blick auf den Sonnenuntergang fällt etwas kleiner aus als beim Standard einer Fünf-Sterne-Unterkunft. Das liegt daran, dass das „Youth Palace“ eine Mischung aus Hotel und Krankenhaus ist. Die meisten Paare, die an diesem Ort einchecken, wollen gesunde Kinder. Sie wollen, dass ihr Nachwuchs ohne den Gendefekt auf die Welt kommt, der ihr eigenes Leben viele Jahre begleitet hat.

Nicht alle Gäste des „Youth Palace“ wirken krank, das Hotel ist keine Reha-Klinik. Viele haben gelernt, mit den Auswirkungen ihres Gendefekts klarzukommen und können trotz ihrer Erkrankung mit einer Lebenserwartung von 40, 50 oder 60 Jahren rechnen. Aber ihren Kindern wollen sie diese Strapazen ersparen. In den meisten Fällen geht die Krankheit auf eine einzige Mutation im Genom zurück, die genau bekannt ist, aber es gibt dennoch keine Therapie für sie.

Die Gäste leiden an seltenen Erkrankungen und erhoffen sich Hilfe von der Genom-Chirurgie. Sie sind freiwillig hier und zahlen den Preis eines gehobenen Mittelklassewagens für die Behandlung. In ihren Heimatländern sind solche Eingriffe in die Keimbahn verboten, doch am Standort von „Youth Palace“ gelten andere Regelungen. Die Situation ist vergleichbar mit der in Steueroasen, die es früher gab. Jeder wusste, dass eine Firma mit einem Sitz an einem solchen Standort Steuern vermeiden will, aber trotzdem funktionierte das System ohne großen Widerspruch.

Mit dem gleichen Geschick haben Rechtsanwälte eine Nische für die Genchirurgie geschaffen. Die ersten Eingriffe wurden noch an geheimen Orten vorgenommen, mittlerweile garantieren Genom-Experten aus aller Welt ein gutes Niveau der Behandlung. Sie besitzen genug Erfahrung und nutzen eine moderne technische Ausstattung, um die Schwächen der Methoden zu bekämpfen. Nicht jede Therapie läuft ohne Nebenwirkungen, aber die Qualität wird insgesamt als akzeptabel bewertet.

Die Eltern kommen meist zweimal auf die Insel. Zunächst spenden die Mütter Eizellen und die Väter Samenzellen, das Material wird genetisch untersucht und gegebenenfalls korrigiert. Bevor eine künstliche Befruchtung stattfindet, analysieren die Biotechnologen die veränderte Struktur des Genoms nach dem Eingriff der Genschere. Weil die Genchirurgie häufig fehlerhaft arbeitet, nehmen die Eltern eine geringe Erfolgsquote in Kauf – entsprechend mehr Eizellen und Samenzellen müssen sie abgeben. Was am Ende nicht benötigt wurde, landet im Müll. Dieser Umgang mit Eizellen hat viel Kritik ausgelöst, aber die Frauen sind dazu bereit.  

Beim zweiten Aufenthalt im Hotel wird die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter der Frau eingesetzt. Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht, wie so häufig, wenn die Hoffnung der wichtigste Antreiber für das Handeln ist. Das „Youth Hotel“ garantiert seinen Besuchern jedoch absolute Verschwiegenheit. Es stellt seinen Gästen sogar gefälschte Fotos zur Verfügung, die sie an die Angehörigen schicken oder in sozialen Netzwerken posten können, um ein anderes Reiseziel vorzutäuschen. 


Der Hintergrund

Dieses Szenario greift ein aktuelles Ereignis auf. Erstmals in der Geschichte der Menschheit wurden zwei Babys geboren, deren Erbgut durch menschlichen Eingriffe gezielt verändert wurde. Die beiden Kinder Lulu und Nana kamen in China zur Welt und sollen durch die Genmanipulation gegen Aids geschützt werden. Bisher ist nicht bekannt, ob die Angaben der chinesischen Forscher He Jiankui überhaupt stimmen und ob die Veränderung des Erbguts das Ziel erreicht hat. Eine Einschätzung zu He und dessen Umfeld liefert dieser Text. Demnach ist He nicht irgendein naiver Wissenschaftler, sondern in China ein Star seiner Branche, der bereits ein mehreren Gentechnikfirmen beteiligt ist. (Dank für den Hinweis an Marcus Anhäuser).

Warum dieser historische Moment für die Genetik völlig schief gelaufen ist, erklärt Marcus Anhäuser in seiner Koralle #CRISPRhistory sehr gut. Alle Wissenschaftler hätten sich dieses epochale Ereignis ganz anders vorgestellt, schreibt er.

„Stattdessen verkündete ein schmaler, blasser Forscher, den niemand kannte, per Youtube und über die Presse die Geburt der beiden Babys, der auf eigene Faust geforscht hatte, ohne staatliche Unterstützung und voller Ignoranz gegenüber internationaler ethischer Standards und Abmachungen der wissenschaftlichen Community. Möglich wurde dies aber auch, gerade weil CRISPR/Cas9 zu einer Demokratisierung dieser Art der Forschung beigetragen hat, weil sie so einfach, billig und genau ist. Die Gen-Schere wurde so zum Opfer ihres eigenen Erfolgs.“ 

Der amerikanische Kollege Ed Yong hat weitere Faktoren aufgelistet, die das Vorgehen von He Jiankui als unverständlich, unglücklich und unnötig erscheinen lassen. Die Veränderung des Genoms sei technisch nicht besonders gut ausgeführt worden. Yong zweifelt daran, dass die betroffenen Eltern ausreichend Informationen und genug Vorwissen hatten, um eine qualifizierte Zustimmung zum Einsatz der Genschere zu erteilen. Zudem sei die Verhinderung einer HIV-Infektion und einer Aids-Erkrankung kein legitimes Ziel für die Genchirurgie, da es bereits ausreichend etablierte Therapien und Methoden gebe, um das Kind zu schützen. 

Stattdessen bedient He Jiankui die Phantasien der Frankenstein-Freunde. Vor 200 Jahren veröffentlichte Mary Shelley die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Die Menschheit hat diese düstere Utopie seitdem nicht mehr abschütteln können. Die Wissenschaft leidet indirekt darunter, denn immer wenn Forscher über Modelle für das Gehirn, künstliche Herzen oder Organe und Organoide aus Stammzellen berichten, lösen sie damit den Impuls aus, dass der künstlich erschaffene Mensch vor der Tür stehe. Unsere Vernunft hat uns gelehrt, dass Graf Dracula und blutsaugende Vampire als Menschenjäger nicht existieren. Aber der Mythos Frankenstein besitzt offenbar einen Sonderstatus und lässt sich nur schwer zu Grabe tragen.

Doch die Chance, dass sich mit der Genchirurgie tatsächlich ein Designer-Baby aus dem Katalog nach Frankenstein-Manier erzeugen lässt, liegt bei Null. Aus den Erfahrungen der Genetik und den jüngsten Erkenntnissen der Forschung spricht viel gegen das Super-Baby aus der Retorte. Zu einem besitzt der Mensch nur vergleichsweise wenig Gene, deshalb erfüllen die meisten Gene des Menschen mehrere Aufgaben: Eine Veränderung an einem Gen würde nicht nur eine Krankheit heilen, sondern könnte gleichzeitig eine andere auslösen. Zudem funktioniert CRISPR/Cas beim Menschen schlechter als bei Tieren und Pflanzen. Erkenntnisse aus der Forschung an Mäusen lassen sich kaum auf den Menschen übertragen. Menschliche Zellen sind offenbar geschickter darin, sich mit eigenen Reparaturmechanismen gegen eine Gen-Attacke zu wehren. Zudem hängen viele Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen teils von 500 oder gar 1000 Stellen im Genom ab. Der Aufwand für ein Designer-Baby würde ins Unermessliche steigen. Es ist also an der Zeit, Frankenstein zu beerdigen.

Frankenstein-Figur in Effekt-Beleuchtung
Frankenstein-Figur in Effekt-Beleuchtung

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Genchirurgie in der Medizin keine Rolle spielen wird. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Wissenschaftler konzentrieren sich auf eine ethisch weniger bedenkliche Veränderung. Sie wollen Mutationen in den Zellen von Kindern und Erwachsenen korrigieren, also nicht in die Keimbahn eingreifen, sondern mit somatischen Zellen arbeiten. Beispiele dafür sind Veränderungen an blutbildenden Stammzellen, mit denen sich entsprechende Erkrankungen vielleicht beheben lassen.

Man darf auch nicht den Eindruck erwecken, dass chinesische Gruppen Vorreiter der neuen Technologie sind. Zu den erfolgreichsten Experimenten gehören die Arbeiten von Shouhkrat Mitalipov an der Oregon Science and Health University in Portland, USA. Er veröffentlichte 2017 die Manipulation an Spermien mit einem genetischen Fehler, aus dem eine erblich bedingte Herzmuskelschwäche entstehen kann. In 42 von 58 Embryos fanden die Forscher danach nur die korrekte Variante des fraglichen Gens (MYBPC3). Mitalipov setzte dabei die Genschere direkt in dem Moment ein, wenn Eizelle und Spermium verschmelzen und die DNA des Embryos geschrieben wird. Die meisten Forscherteams fügen das Crispr/Cas9-System erst nach der künstlichen Befruchtung hinzu. Den richtigen Zeitpunkt für den Einsatz der Genchirurgie zu finden, gehört noch zu den ungeklärten Fragestellungen – nur ein Beispiel dafür, dass die Verfahren für den Einsatz am Menschen noch nicht genug erforscht sind.

Die Idee zum Szenario

Solche Erkrankungen mit einem isolierten genetischen Defekt bilden den Anlass für das oben beschriebene Szenario. Bei sehr vielen seltenen Krankheiten ist bereits bekannt, dass sie vermutlich auf eine einzige Mutation im Erbgut zurückzuführen sind. In vielen Ländern der Welt, und auch in Deutschland, gibt es deshalb den Aufruf, dass Patienten mit seltenen Erkrankungen, die oft keine Diagnose bekommen, routinemäßig auf Veränderungen im Genom untersucht werden. In Deutschland wären das nach Angaben einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung unter Führung von Hans-Hilger Ropers, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, mehr als drei Millionen Deutsche.

„Für die Krankenversorgung kommt den Defekten einzelner Gene große Bedeutung zu, da solche monogenen Krankheiten für ca. 80 Prozent aller sogenannter „Seltenen Krankheiten“ verantwortlich sind und oft zu lebenslanger Behinderung führen; etwa vier Prozent der Bevölkerung dürften davon betroffen sein.“

Die Daten dieser DNA-Analyse sollen dann in einer globalen Initiative mit anderen Betroffenen ausgetauscht werden, die oft erst durch die Genanalyse voneinander wissen. Ziel dieser Initiative ist nicht, die Genchirurgie als Therapieform zu etablieren, sondern den Kontakt unter den Patienten zu erleichtern. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen ist gerade für Menschen mit seltenen Erkrankungen ohne Diagnose besonders schwer.

Das oben beschriebene Szenario greift diese Überlegungen auf. Es unterstellt den Patienten eine hohe Offenheit für neue Therapieformen und eine höhere Risikobereitschaft. Mit dieser Motivation und einer wachsenden Erfahrung der Wissenschaftler könnten diese Kliniken Realität werden. Denn das Ausweichen aus bestehenden gesetzlichen Regelungen ist heute schon üblich – und selbst in Europa alltäglich. Belgien hat beispielsweise die Eizellenspende erlaubt. Die Eizellen können von anonymen Spenderinnen kommen, Paare können aber auch eine eigene Spenderin mitbringen. In Deutschland sind beide Methoden verboten, dennoch nehmen auch deutsche Frauen dieses Angebot wahr. Die meisten von ihnen treten die Reise nach Belgien heimlich an, aber einige Frauen berichten öffentlich darüber, ohne dass ihre Entscheidung größere Empörung hervorruft.

Es wird spannend zu beobachten sein, ob der Brexit Großbritanniens diese schweigende Wanderung der Betroffenen wachsen lässt. Die Briten haben bereits heute trotz des Einflusses der EU eine lockerere Gesetzgebung als die übrigen Staaten, was die Forschung an und mit Embryos betrifft. In Großbritannien wird es die ersten europäischen Babys mit drei genetischen Eltern geben. Dort geht es um Paare, die von genetischen Krankheiten der Mitochondrien betroffen sind, die sich möglicherweise durch einen Austausch der DNA in den Kraftwerken der Zelle vermeiden lassen. Das erste Kind mit drei genetischen Eltern als Folge einer gezielten Strategie wurde übrigens in Mexiko geboren. Die Reproduktionsmediziner des „New Hope Fertility Center“ in New York haben dort bereits eine eigene Klinik eröffnet – vermutlich, weil sie nicht sicher sind, ob ihre Methoden in den USA erlaubt sind.

Diese Beispiele lassen drei Schlussfolgerungen zu: Zum einen, dass Eltern für ihren Kinderwusch bereit sind, Grenzen zu überschreiten. Zum anderen, dass die Nachfrage auch ein Angebot schafft, das durchaus von hochqualifizierten Wissenschaftlern bedient werden könnte und nicht nur von geltungssüchtigen Frankenstein-Fans. Und drittens, dass die öffentliche Empörung nicht so groß ist, wie die aktuellen Reaktionen auf die chinesischen Crispr-Babys nahelegen, vor allem, wenn die persönlichen Schicksale der Betroffenen transparent werden. Der letzte Punkt soll aber keine Rechtfertigung für die Arbeit von He Jiankui sein. In diesem Fall hätte jeder seriöse Arzt eine Reihe von Alternativen vorgeschlagen, wie den Kindern eine Aids-Erkrankung erspart bleiben könnte oder sie zumindest wirkungsvoll behandelt wird.

Dieser Gedanke führt zu einer weiteren Frage: Wer soll, abgesehen von den nationalen Regierungen, Eingriffe in die Keimbahn eigentlich verbieten? Wer wäre auf der internationalen Ebene zu einer solchen Entscheidung legitimiert? Die Unesco hat schon 1997 in ihrer Universal Declaration on the Human Genome and Human Rights den menschlichen Genpool als Erbe der Menschheit bezeichnet, den man nicht einfach verändern dürfe und 2015 ein weltweites Verbot von Eingriffen in die Keimbahn gefordert. Der Appell wurde aber nicht umgesetzt. Und wer soll darüber wachen? Auch wenn die rechtlichen Aspekte nicht geklärt sind, zeigt der Blick auf ein paar ganz unterschiedliche Beispiele, wie wenig konsequent die Menschheit schon heute agiert. Es gibt globale Vereinbarungen, den Hunger auf der Welt zu halbieren und sogar gänzlich zu verhindern, aber die Zahl der Hungernden steigt seit 2015. Juristen haben den Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit als Straftatsbestände formuliert, aber deren Verfolgung gelingt nur in den seltensten Fällen. Ehrlicherweise muss man attestieren, dass NGOs sogar schon um die Erlaubnis kämpfen müssen, bekannte Massengräber wissenschaftlich und strafrechtlich relevant auszuwerten.

Wenn es bei solchen zentralen globalen Herausforderungen nicht gelingt, den erklärten Wunsch umzusetzen oder geltende Gesetze anzuwenden, wie soll dann die Unberührbarkeit des menschlichen Erbguts geschützt werden? So verständlich dieses Ziel sein mag: Die Wahrscheinlichkeit, dass Anspruch und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen, ist extrem hoch. Die Möglichkeit, eine internationale Übereinkunft zu überwachen, ist dagegen extrem gering. Soll es stichprobenartige Kontrollen geben? Sollen wir auf die weitere Forschung verzichten, um Missbrauch vorzubeugen? Bei anderen Anwendungen, etwa in der Pflanzengenetik, verweisen Befürworter des Einsatzes einer Genschere darauf, dass die Veränderungen durch Crispr/Cas nicht von natürlichen Mutationen unterschieden werden könnten. Diese Argumentation soll bei der Genetik am Menschen nicht gelten?

Vermutlich werden wir darauf vertrauen müssen, dass alle Beteiligten sich ihrer Verantwortung bewusst sind und nach hohen ethischen Ansprüchen handeln. Oder wir beschränken uns auf Lippenbekenntnisse und feiern die Unterschrift unter einem internationalen Abkommen. Wie schwer eine internationale Regelung fallen wird, betont auch Francis Collins, Direktor des US-National Institutes of Health, in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin „Science“. „Offen gesagt, ist das etwas, was wir in der Bioethik noch nie hatten. Wird jedes Land seine eigenen Rahmenbedingungen festlegen müssen, so wie es im Moment läuft?“, beschreibt der Genetiker die Situation. Aber vielleicht sei dies eine Gelegenheit, um darüber zu diskutieren, ob es eine effektivere internationale Aufsicht geben könnte. „Aber niemand scheint genau zu wissen, wie so etwas aussehen würde“, ergänzt Collins.

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