Ein Kinofilm, der die Biotechnologie erklärt

Der US-Dokumentarfilm „Human Nature" inszeniert die Genschere Crispr-Cas als weitreichendes Drama, das zentrale Fragen des Menschseins berührt.

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Schon der Trailer des Films wählt große Worte und transportiert die vollmundige Ansage, das Entdeckung gerade die Welt verändere: „Mutter Natur hat uns etwas gegeben, das unsere Vorstellungen übersteigt", sagt ein Wissenschaftler, der nur ein kleines Detail einer großen Landschaftsaufnahme ist. „Viele Menschen verstört unsere Arbeit oder sie sind noch nicht bereit dafür", ergänzt ein anderer Forscher, der in ein Laborgefäß schaut. „Menschen sind gut darin, Neues zu erfinden, aber sehr schlecht darin, die Folgen abzuschätzen", orakelt ein Forscher, während ein Käfer über die sterblichen Überreste eines Menschen krabbelt. So funktioniert eine US-amerikanische Dokumentation über die Genschere Crispr-Cas. Große Sätze, große Bilder. Regisseur Adam Bolt inszeniert im Film „Human Nature" diese neue Technologie als ein Drama, das zentrale Fragen des Menschseins berührt und verändert. „Oft bemerkt man erst hinterher, dass gerade eine Revolution stattgefunden hat", lautet ein weiteres Zitat, welches den letzten Zweifel ausräumen will. Mit der Genschere Crispr-Cas ist ein Werkzeug gefunden worden, das Natur und Menschheit stärker zu verändern vermag, als es die Biotechnologie zuvor je konnte (wenn man Weltuntergangsszenarien außer Acht lässt).

Der Titel des Films spielt mit dem, was in der Natur des Menschen liegt und mit der menschengemachten Natur. „Human Nature" hält den Ausgang offen, ein Cliffhanger als Botschaft: „Ich hoffe, dieser Film entlässt die Menschen mit einer gewissen Unsicherheit“, erklärt Bolt. Denn in einer Welt, in der sich Technologien so schnell entwickeln, sei „ein wenig kollektive Unsicherheit eine gute Sache“, so der Regisseur. Die Grundstimmung bleibt dennoch optimistisch. Energische Gegner der Gentechnik hätten sicherlich andere Gesprächspartner gesucht. Dieser Film ist in seiner Grundeinstellung wissenschaftsfreundlich, denn Adam Bolt lässt seine Protagonisten – das sind Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, Patienten und deren Familien – mit einem gewissen Stolz von ihrer Beziehung zu Crispr-Cas erzählen. Sie schildern ihre Verantwortung, ihre Überraschung, ihre Sorgen und ihre Pläne – und manchmal wäre es auch weniger dramatisch gegangen, aber das schadet der Vermittlung der Botschaft nicht. Bolt inszeniert Crispr-Cas weder als Fluch noch als Segen. Ein Junge, der auf eine Gen-Therapie für seine Erkrankung wartet, gibt beispielsweise offen zu, dass seine Krankheit, die Sichelzellenanämie, zu ihm gehöre. Er sei erst durch seine Krankheit zu dem Menschen geworden, der er heute sei. Ein starker Satz von einem, der nicht leichtfertig daherplaudert, der Zweck heilige die Mittel – obwohl diese Argumentation nur zu verständlich wäre.

Man darf dem Film auch ein paar Schwächen attestieren. Er ist amerikazentriert, einige Forscher, die an den Entdeckungen beteiligt waren, kommen nicht zu Wort. Die manchmal unpräzise Wirkung der Genschere bleibt eine Randerscheinung. „Human Nature" trennt nicht immer scharf, zwischen dem, was schon geht, und dem, was derzeit nur in der Theorie möglich ist. Zudem lässt er den schwelenden Streit um die Patente für Crispr-Cas außer vor. Auch das große wirtschaftliche Potential dieser biotechnologischen Revolution wird kaum thematisiert. Zuweilen wirkt die Wissenschaft als sei sie nur zur Heilung der Menschen und zur Verbesserung der Welt da. Doch all diese Aspekte wiegen gering, zumindest verglichen mit der Kraft des Filmteams eine wissenschaftliche Entdeckung zu rekonstruieren und damit ganz nebenbei ein Plädoyer für Grundlagenforschung zu halten. Denn Crispr-Cas ist ein natürliches Werkzeug, das erst langsam verstanden wird. Bakterien und andere Kleinstlebewesen verteidigen damit ihr Erbgut gegen Viren. Dass dieser Mechanismus aus der Natur genutzt werden kann, um das Erbgut zu verändern, um die DNA zu reparieren oder umzubauen, konnte zu Beginn der Forschung kaum jemand ahnen.

Und Adam Bolt öffnet den Zuschauern viele Türen. Er findet unterhaltsame und bedrückende Bilder, ist immer nah an seinen Protagonisten. Deren Aussagen schneidet er in den thematischen Kapiteln des Films manchmal so perfekt hintereinander, als ob sie in der Realität miteinander diskutieren würden. Angesichts der Optionen, die Crispr-Cas ermöglicht, muss man hoch anrechnen, dass Bolt sich nicht auf eine Seite geschlagen hat. Er hat sich weder für Fluch noch für Segen entschieden, obwohl das einfacher gewesen wäre und die stark polarisierte Debatte immer wieder unter diesem Lagerdenken erstickt.

Filmplakat mit einem Bild des Biomoleküls Crispr-Cas. Es kündigt die Dokumentation "Human Nature" an.
Filmplakat von "Human Nature", eine US-amerikanische Dokumentation über die Genschere Crispr-Cas. Dieses Werkzeug gilt als Revolution der Biotechnologie.

„Human Nature" profitiert sicher von einer außergewöhnlichen Finanzierung, die eine Unabhängigkeit vom Erfolg an der Kinokasse ermöglicht. Einer der Produzenten ist die Stiftung Science Sandbox, die sich in der Vermittlung von Wissenschaft engagiert. Zielgruppe sind vor allem diejenigen, die sich nicht so stark für Wissenschaft begeistern können. "Man muss kein Wissenschaftler sein, um wie ein Wissenschaftler zu denken", erklärte Direktor Greg Boustead im Sommer bei der Deutschlandpremiere des Films auf dem Silbersalz-Festival für Wissenschaftsfilme im Sommer in Halle (Saale).

 

Interessante Links zu diesem Artikel:

Zum Deutschlandstart des Films am 7. 11. 2019 bieten einige Kinos im Anschluss an den Film Expertengespräche an. Eine Liste der Veranstaltungen und den Trailer zum Film finden sie hier. Weitere Infos liefert die offizielle Webseite. Der Film läuft auf Englisch mit deutschen Untertiteln und dauert 91 Minuten.


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