Unsere Watchlist - was kommt nach Corona?

Wir wollen aus dem Corona-Ausbruch möglichst viel für die Zukunft lernen. Doch die zweite Folge unserer Watchlist zeigt, dass in vielen Themenfeldern bisher erst wenig passiert ist.

Die ZukunftsReporter -

ein Projekt von Sonja Bettel, Carina Frey, Rainer Kurlemann und Alexander Mäder.

Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen.


Ende März haben die ZukunftsReporter die erste Watchlist für die Zeit nach Corona mit elf Punkten erstellt. Sars-CoV-2 bedroht nicht nur weltweit die Gesundheit der Menschen. Das Virus dringt auch in alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens ein. Der Umgang mit Covid-19 verändert unseren Alltag. Unser Blick als ZukunftsReporter richtet sich bereits auf die Zeit danach. Unsere These: Wir können und müssen aus dem plötzlichen Ausbruch der Corona-Pandemie mehr lernen als nur die richtige Hygiene beim Händewaschen. Welche Veränderungen sollten wir beibehalten? Was hat gefehlt? Woran müssen wir arbeiten? Wir verfolgen viele Diskussionen, damit die Corona-Krise möglichst viele positive Folgen zeigt. Deshalb haben wir die Watchlist erstellt und nun überarbeitet. Darin sammeln wir die Themen, die wir weiter beobachten und über die wir diskutieren wollen. Ende März haben wir die erste Version der Liste erstellt. Heute – zwei Monate später – lesen Sie das erste Update zu den elf Themen. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Ehrlich gesagt: Die Bilanz fällt dürftig aus.

Unser Projekt hat allerdings nicht nur bei den Lesern Anerkennung gefunden. Die Arbeit an diesem Text und weiteren Beiträgen wird durch den Recherchefonds Covid-19 / Sars-CoV-2 der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) gefördert.


Home office ist im deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr nur ein Sonderfall, sondern eine reguläre Option für alle Arbeitnehmer.

Das Thema Home office bleibt durch die Corona-Krise im Fokus. Erste Erfahrungen aus einer Umfrage Ende März: Das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation berichtet, dass 75 Prozent der Home-office-Neulinge zufrieden sind. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will das Recht auf Arbeit von zu Hause aus gesetzlich verankern. Dem Plan fehlen aber noch konkrete Details. Wo es betrieblich möglich sei, könne künftig jeder Arbeitnehmer das Arbeiten von zu Hause aus einfordern, erläutert Heil das Ziel seiner Initiative. Die Idee findet auch in anderen Parteien Zuspruch. Der Arbeitgeberverband lehnt einen Rechtsanspruch hingegen ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben im Jahr 2018 etwa zwölf Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland größtenteils zu Hause gearbeitet, fünf Prozent vollständig. Bei einer Umfrage des Digitalverbands Bitcom von Anfang März berichten 41 Prozent der Berufstätigen, dass ihre Tätigkeit für Home office nicht geeignet sei.

Die Auswirkungen von Home office auf Familien und Arbeitswelt sind noch nicht gut untersucht. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung von 2018 zeigt: Im Home office machen Männer mehr Überstunden, Frauen sind gestresster, weil sie versuchen, Kinderbetreuung und Beruf gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Doch es ist unsicher, ob diese Aussagen auch für die aktuelle Situation gelten. Wirtschaftspsychologen der Ruhr-Uni Bochum befragen seit Mitte April Beschäftigte im Home office. Sie interessiert, wie der Umstieg in die virtuelle Zusammenarbeit mit ihren Arbeitskollegen gelingt und welche Faktoren den Erfolg ausmachen. Im Mai startete das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation eine ähnliche Befragung.

Corona verändert Arbeitswelt

Mehr Wissen über die neue Arbeitsform scheint dringend nötig. Bei einer Umfrage der Wirtschaftswoche Ende Mai gaben alle 30 Dax-Unternehmen an, dass die Corona-Krise die Arbeitswelt für immer ändern werde – zugunsten des Home office. Derzeit geht der Trend aber zurück ins Büro. Im Rahmen der Mannheimer Corona-Studie werden jeden Tag ca. 3.600 Menschen dazu befragt, wie ihr Leben seit der Corona-Krise aussieht. Zum Stichtag 25. Mai sagen 25 Prozent der Beschäftigten, sie arbeiten ganz oder teilweise im Home office. Dieser Wert hat sich seit April kaum verändert, allerdings arbeiten nur noch acht Prozent vollständig zuhause, die übrigen nur tageweise.

Die Digitalisierung ist mehr als nur eine Aufgabe für die Wirtschaft, sondern dringend notwendig für Deutschlands Schulen, Universitäten und den Kulturbetrieb.

Während der Corona-Krise zeigt sich die Bedeutung der Digitalisierung nicht nur für die Wirtschaft: Das Internet verzeichnet hohe Zugriffszahlen als Informationsquelle und für Konzerte im Livestream. Messenger und soziale Medien erweisen sich als der wesentliche Weg zur Kommunikation in Zeiten der Ausgangsbeschränkung. Deutschlands Schulen waren darauf schlecht vorbereitet, gesteht die Bundesregierung ein: „Die Erfahrungen sind unterschiedlich, Vorteile haben Schulen, die schon länger auf digitale Techniken setzen.“ Vielerorts mussten Eltern die Rolle als Lehrer übernehmen, manchen dürfte dazu die Erfahrung oder die digitale Technik fehlen. Im Grundschulbereich setzen manche Lehrer digitale Programme zum freiwilligen Lernen ein – aber es zeigt sich, dass sie damit nur Teile der Klasse erreichen. Eine Umfrage des Elternvereins NRW ergab, dass mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler (58 Prozent) kein regelmäßiges Feedback auf ihre Aufgaben bekommen.

Experten für digitales Lernen fehlen

Hochschulen bieten ihre Veranstaltungen im Sommersemester in der einen oder anderen Form digital an: Manche filmen die Vorlesungen im leeren Hörsaal, andere verknüpfen kurze Videobotschaften mit Übungsaufgaben, die online eingereicht werden müssen. Umstritten ist der Einsatz der Konferenztechnik Zoom, die als zuverlässig, aber problematisch gilt, wie die RiffReporterin Eva Wolfangel berichtet. In Hessen hält die Datenschutzbehörde den Einsatz von Zoom in Schulen für akzeptabel, in Baden-Württemberg warnen die Datenschützer hingegen: eine datenschutzkonforme Nutzung sei derzeit nicht möglich. Wünschenswert wären in jedem Fall ein Erfahrungsaustausch und die Etablierung von Standards in der breiten Anwendung digitaler Unterrichtsmethoden, denn die Empfehlungen der Experten für digitales Lernen haben sich längst nicht durchgesetzt. Hinzu kommt die noch immer schlechte Versorgung: Zehn Prozent der deutschen Haushalte haben einen Anschluss mit weniger als 50 Megabit pro Sekunde. 

Benötigen wir ein Europäisches Zentrum zur Infektionsabwehr?

Die Corona-Krise hat uns gezeigt, welcher Schaden durch eine Epidemie entstehen kann, wenn das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben lahmgelegt werden. Weitere Gesundheitsgefahren mit ähnlichem Potential sind längst bekannt: beispielsweise fehlen Antibiotika zur Behandlung von Krankheiten, die durch resistente Bakterien ausgelöst werden. Die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigt mit dem Klimawandel und der zunehmenden Vernichtung von Ökosystemen und Biodiversität. Zudem scheint die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten selbst in Krisenzeiten in der Hand von kleinen Firmen und Startups zu liegen.

Kein Geld für neue Antiobiotika

Besser wäre eine europäische Initiative zum Schutz vor Infektionskrankheiten. Dort würden die besten Forscher arbeiten und mit staatlichem Geld beispielsweise neue Wirkstoffe für Antibiotika entwickeln (wird derzeit nicht gemacht) oder Arzneien, die die Vermehrung von Viren hemmen. Zu den Aufgaben würde außerdem zählen, in Kooperation mit der WHO möglichst schnell einen Test für aktuelle Bedrohungen durch Viren und Bakterien zu entwickeln und ihn bei Bedarf millionenfach produzieren zu lassen. Auch die Entwicklung eines Impfstoffs könnte in den Händen dieses Zentrums liegen. Die Entwicklung von Impfstoffen ist ein Beispiel, welche Bedeutung die Koordination von Forschung in Krisenzeiten hat. Die WHO berichtet, dass weltweit etwa 100 Impfstoffe entwickelt werden.

Diese Form der Koordination ist bisher nicht erkennbar. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek hat zwar am 27. Mai ein Aktivierungsprogramm mit zehn Milliarden Euro für Forschung, Bildung und Innovation angekündigt. Darin taucht das europäische KI-Netzwerk „KI Made in Europe“ auf, aber keine gemeinsame Infektionsforschung. 150 Millionen Euro sollen in ein nationales Netzwerk der Universitätsmedizin fließen – dort soll eine nationale Task Force COVID-19 eingerichtet werden. 230 Millionen Euro sind für die internationale Impfstoff-Initiative CEPI geplant.

Wie lässt sich die Rolle des Pflegepersonals und der pflegenden Angehörigen aufwerten?

Die einmalige Bonuszahlung für das Pflegepersonal in Altenheimen ist nach langer Debatte nun beschlossen. Doch die Berufsverbände sind sauer. Statt 1500 Euro wird es in vielen Bundesländern nur 1000 Euro geben. Und für das Personal in Krankenhäusern wurde noch keine Regelung gefunden. „Die jetzt nach längerem und streckenweise unwürdigem Geschacher um ihre Finanzierung bewilligte Prämie ist leider ein Dankeschön mit fadem Beigeschmack“, erklärt Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe am 18. Mai. Die Ausgestaltung der Prämie sei ein weiteres Lehrstück für die „Würdigung“ einer systemrelevanten Beschäftigtengruppe, die sich auf warme Worte, wohlklingende Versprechen und kaum greifbare Zusagen beschränke.

Zwar standen die Pflegekräfte für einige Zeit positiv im Rampenlicht. Eine bessere Perspektive hat der Berufsstand aber noch nicht erhalten. Die Gehälter sind schlecht, Aufstiegsperspektiven fehlen, der Beruf hat keine Lobby. Deutschland schafft es seit Jahrzehnten nicht, ausreichend Personal für die Pflege von Alten, Kranken und Schwachen bereitzuhalten. Billige Arbeitskräfte aus dem Ausland sollen einspringen. Und was pflegende Angehörige leisten, wird in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Sie benötigen Begleitung und zumindest vorübergehende bezahlte Auszeiten.

Kompletter Umbau des Gesundheitssystems

Die Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften, fordert in einer Stellungnahme vom 27. Mai quasi den kompletten Umbau des bestehenden Krankenhaussystems. „Benötigt wird ein patientenorientiertes, qualitätsgesichertes und nicht primär gewinnorientiertes System, das alle Mitarbeitenden wertschätzt, Innovationen und digitale Lösungen integriert und insgesamt durch eine enge Vernetzung mit der Grundlagen- und translationalen Forschung über eine hohe Resilienz verfügt“, heißt es dort. Einfacher formuliert: Krankenhäuser müssen sich wieder um kranke Menschen kümmern, attraktive Arbeitgeber werden und nicht die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund stellen. Das medizinische und pflegerische Fachpersonal sei für eine patientenwohlorientierte und qualitativ hochwertige Versorgung sowie eine effektive Krankheitsprävention entscheidend. Zur langfristigen Sicherung einer angemessenen personellen Ausstattung von Gesundheitseinrichtungen bedarf es gesellschaftlicher Wertschätzung, einer angemessenen Entlohnung, attraktiver und bedarfsgerechter Ausbildungsstrukturen und guter Arbeitsbedingungen, fordert die Leopoldina.

Wie lässt sich die Gesundheitskompetenz im Rahmen der Allgemeinbildung der Bevölkerung verbessern?

Was haben wir eigentlich falsch gemacht, dass es notwendig wurde, den Bürgern so simple Dinge wie Händewaschen zu erklären? Am Anfang der Corona-Krise stand eine große Informationskampagne über mögliche Ansteckungswege. Dabei sind Erkältungskrankheiten so häufig, dass das Wissen darum zur Allgemeinbildung gehören sollte. Später mussten häufige Fragen der Mathematik wie exponentielles Wachstum erklärt werden. Vielleicht bietet Corona den Anlass, die Lehrpläne an den Schulen auf den Prüfstand zu stellen, um ein Basiswissen sicherzustellen. Zudem benötigen wir Informationen in einfacher Sprache, die alle Menschen verstehen.

Auch die Leopoldina plädiert für mehr Grundwissen in der Bevölkerung. „Die Wirksamkeit von Hygieneempfehlungen und Ausgangsbeschränkungen hängt wesentlich von der Bereitschaft der Bevölkerung ab, sich an die entsprechenden Vorgaben zu halten“, heißt es in einer Stellungnahme vom 13. April. Die Androhung von Sanktionen sei weniger effektiv. Die Motivation zur Einhaltung von Normen sei dann besonders hoch, wenn sie intrinsisch ist, also aus der Einsicht in das eigene Interesse oder die Fürsorge für Andere resultiert, argumentiert die Leopoldina.

Umgang mit Risiken lernen

Umgesetzt in den praktischen Alltag bedeutet das: In der Bevölkerung muss sich das Verständnis für Risiken verbessern. Das geht über die Corona-Zeit hinaus, denn die Bewertung von Risiken spielt auch bei anderen medizinischen Themen, etwa bei Gentests, beim Klimawandel und bei Umweltfragen, eine wichtige Rolle. Folgt man der Leopoldina, dann liegt die Triebkraft für Veränderungsprozesse in bewussten Entscheidungen der Menschen und nur begrenzt in staatlichen Regulierungen.

Eine bessere Allgemeinbildung könnte auch bei einem anderen Punkt helfen: nämlich beim Umgang mit Fake News. Mit der Verbreitung des Virus geht noch immer eine Flut an Falschmeldungen einher. 

Mehr Kompetenzen für das Infektionsschutzgesetz?

Bis zum Beginn der Corona-Krise kannte kaum jemand das Infektionsschutzgesetz. Dabei regelt dieses Gesetz drastische Eingriffe in das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft. Es ermöglicht Einschränkungen beim Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, bei der Bewegungsfreiheit, bei der Freizügigkeit, bei der Versammlungsfreiheit, beim Brief- und Postgeheimnis und sogar bei der Unverletzlichkeit der Wohnung. Kritiker zweifeln die Rechtmäßigkeit dieser Maßnahmen an und demonstrieren. Dennoch zeigt sich, dass der Rechtsstaat funktioniert. Die Gerichte haben mittlerweile mehreren Klagen stattgegeben.

Transparenz bei Corona-App

Doch nicht nur der Gang zum Gericht scheint einen wirksamen Widerstand zu ermöglichen. Mehr als 300 internationale Experten aus den Bereichen der IT-Sicherheit und Privatsphäre haben einen offenen Brief zur so genannten Corona-App verfasst. In vielen Ländern werden zur Eindämmung der Epidemie Apps entwickelt oder bereits eingesetzt, die Handydaten an die Behörden übermitteln. Teils in anonymisierter Form (Bewegungsdaten), um das Ausmaß der Mobilität der Bevölkerung zu ermitteln. Teils die persönlichen Daten, um alle Kontaktpersonen sicher identifizieren zu können, damit die Infektionskette unterbrochen werden kann. Die Unterzeichner des Briefes wollen, dass die zugrundeliegende Struktur und der Code der App öffentlich überprüft werden können. Die Transparenz soll dafür sorgen, dass bei der Erhebung der Daten, deren Speicherung und Verwendung die Privatsphäre der Anwender bestmöglich gesichert wird.

Die Kontrolle der Eingriffe in die Grundrechte könnte also durch verschiedene Gruppen erfolgen: durch das Parlament, durch Gerichte, aber auch durch Fachleute und Öffentlichkeit. Eine spannende Diskussion steht uns bevor – ein Thema übrigens, das nicht nur für die Ausformulierung des Infektionsschutzgesetzes eine Rolle spielt.

Benötigen wir eine neue Art des Wirtschaftens, die sich nicht durch Outsourcing und Just-in-Time-Lieferungen anfällig macht und regionale Produktion stärkt?

Der Markt regelt das? Die Corona-Krise hat gezeigt, wie anfällig Lieferketten sind, die nur nach wirtschaftlichen Aspekten ausgelegt sind. Wir lassen beispielsweise überlebenswichtige Medikamente in Indien und China produzieren. Es ist riskant, sich darauf zu verlassen, dass der günstigste Anbieter auch aus entfernten Weltregionen stets just in time liefert. Sollten wir wichtige Güter zur Sicherheit auch in Europa produzieren? Darüber hinaus hat die Corona-Krise eine deutliche Rezession ausgelöst. Doch schon seit langem wird darüber diskutiert, ob das Bruttosozialprodukt noch als Maßstab für erfolgreiches Wirtschaften taugt. Erstens, weil das Wirtschaftswachstum – zumindest bisher – mit einem Anstieg der CO2-Emissionen einhergeht. Zweitens, weil fortwährendes Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht denkbar erscheint. Drittens weil wir zwar den Einzelhandel, Gaststätten und lokale Angebote in unseren Städten fördern wollen, aber dennoch über anonyme Lieferdienste im Internet kaufen. Nehmen wir diesen Diskussionsfaden wieder auf und suchen nach einem System, das stärker auf Nachhaltigkeit und Zufriedenheit setzt?

Wirtschaftsweise wollen Strukturwandel

Noch verändern sich die Strukturen in der Wirtschaft nur wenig. Verständlich, denn die einzelnen Branchen mühen sich zunächst, die Produktion wieder aufzunehmen und Umsätze zu erzielen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble warnte Ende April: „Hoffentlich werden uns nicht wieder nur Abwrackprämien einfallen, die es der Industrie ermöglichen, weiter zu machen wie bisher." Auch Lars Feld, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen, des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, lehnt solche branchenspezifischen Hilfen ab. Sie würden tendenziell bestehende Strukturen verfestigen, ohne eine durchschlagende konjunkturelle Wirkung zu erzielen, sagte Feld. Die Wirtschaftsweisen sehen drei Maßnahmen, um den nötigen Strukturwandel zu begleiten. Sie fordern eine Energiepreisreform als spürbare Entlastung von Haushalten und Unternehmen bei gleichzeitiger Behebung ökologisch fragwürdiger Verzerrungen der Energiepreise. Zudem müssten private und öffentliche Investitionen auf kommunaler und nationaler Ebene gefördert werden. Kurzfristig sollten steuerliche Möglichkeiten ausgeweitet werden, um Corona-bedingte Verluste von gesunden Unternehmen auszugleichen.

Wie verteilen wir das finanzielle Risiko bei unvorhergesehenen Ereignissen?

Die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise werden inzwischen deutlich. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im April um 308.000 Menschen. Deutschlandweit haben Unternehmen bis zum 26. April für 10,1 Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet. Damit gehen Einkommensverluste für die Beschäftigten einher. Wenn ein Restaurant, Geschäft, ein Taxi-Unternehmer oder ein Handwerker wegen der Corona-Krise schließen muss oder weniger Kunden hat, dann trägt meistens der Betreiber das wirtschaftliche Risiko. Einige große Unternehmen rufen nach staatlicher Hilfe. Verbandsvertreter fordern Entlastungen für besonders hart getroffene Branchen. Trotzdem gehen einige Berufsgruppen leer aus. Die Bahn, der öffentliche Nahverkehr und städtische Haushalte verzeichnen drastische Einnahmeverluste. Nach welchen ethischen Regeln wollen wir wirtschaftliche Risiken aufteilen?

Keine Versicherung gegen Corona

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble warnt inzwischen vor einer Überforderung des Staates. Es gebe im Moment ein verbreitetes Gefühl, „wir könnten jedes Problem mit unbegrenzten staatlichen Mitteln lösen, und die Wirtschaft kriegen wir hinterher wieder mit einem Konjunkturprogramm in Gang“, sagte der CDU-Politiker dem Tagesspiegel. Der Staat könne aber nicht auf Dauer den fehlenden Umsatz ersetzen, betont er. Die GDV, der Verband der deutschen Versicherer, sieht Pandemien als Gefahr, „die in relativ kurzer Zeit sehr viele Schäden anrichten und die Versicherer überfordern können“. Hurrikans oder Erdbeben seien regional begrenzt, eine Pandemie jedoch nicht. Ab einem bestimmten Punkt sei damit die Grenze der Versicherbarkeit erreicht. Nach der Sars-Epidemie 2004 haben die Versicherer Konzepte entwickelt, die eine Absicherung von krankheitsbedingten Schäden enthalten. Dass diese Produkte eher Nischenprodukte geblieben seien, liege auch am geringen Interesse der Unternehmen, heißt es bei der GDV.

Das generelle Problem des Abwägens – darf man für den Schutz einer Gruppe andere benachteiligen?

Nur wenige Wissenschaftler und Politiker setzen sich noch für die Strategie ein, die Mehrheit der Bevölkerung nach und nach dem Corona-Erreger auszusetzen, um schließlich eine Immunität von 60 bis 70 Prozent zu erreichen. Unter diesen Bedingungen würde die Epidemie von sich aus auslaufen. Großbritannien hatte diese Strategie zunächst verfolgt, sie aber noch im März aufgegeben. Schweden scheint sie weiter zu verfolgen, doch betont das Land, dass auch Appelle an die Bürger Wirkung zeigen. Hierzulande gilt es hingegen als ausgemacht, dass eine derartige „Durchseuchung“ der Bevölkerung zu lange dauern würde und eine zu große Belastung für die Risikogruppen wäre.

Zwei Strategien gegen Corona

Stattdessen wurde lange über zwei alternative Szenarien diskutiert: 1. die vorsichtige Lockerung der Maßnahmen und das gleichzeitige Bemühen, eine zweite Welle der Epidemie zu vermeiden, und 2. das Beibehalten der Maßnahmen, um die Infektionszahlen auf ein sehr niedriges Niveau zu bringen, bei dem die Überwachung und Rückverfolgung von Infektionswegen wieder möglich wird. Vier Forschungsorganisationen haben sich Ende April für die zweite Alternative ausgesprochen. Von der ersten Strategie rieten die Wissenschaftler ab, weil sie nicht stabil sei. Solche Abwägungen sind schwierig und sie sollten öffentlich verhandelt werden. Der Deutsche Ethikrat fordert in einer Stellungnahme, dass sich die Gesellschaft dieser Fragen annimmt und die Entscheidungen nicht einfach an die Wissenschaft delegiert. Klar müsse aber sein, argumentiert das Gremium, dass die Grund- und Menschenrechte gewahrt bleiben.

Inzwischen hat sich die deutsche Politik mehr oder weniger deutlich für die erste Strategie entschieden: Geschäfte und Restaurants sind unter Auflagen wieder geöffnet, die Grenzen zu den Nachbarländern sollen Mitte Juni folgen. Die Infektionszahlen sind indessen weiter gesunken, obwohl immer mehr Menschen getestet werden. Allerdings liegen die Zahlen noch leicht über dem Niveau, bei dem die Gesundheitsämter in der Lage wären, die Kontaktpersonen aller Infizierten nachzuverfolgen. Eine gemeinsame Studie des ifo-Instituts und des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung warnte Mitte Mai, dass eine zu schnelle Lockerung nicht nur das Risiko einer zweiten Welle heraufbeschwöre, sondern auch die wirtschaftlichen Kosten erhöhe, weil die (gelockerten) Einschränkungen dann länger in Kraft bleiben müssten. Die beiden Institute berechneten in ihren Simulationen, dass die Wirtschaft am wenigsten belastet sei, wenn die Reproduktionszahl leicht unter 1 liege – was in den vergangenen Wochen meistens der Fall war.

Die Rolle der Familie - Eltern müssen endlich Zeit für ihre Kinder bekommen

Die Corona-Krise hat plötzlich das Familienleben in den Mittelpunkt der Gesellschaft gestellt. Kinder bleiben zu Hause. Das Kontaktverbot beschränkt den Umgang für viele Menschen auf den Kreis der engen Familie. Doch Familien und Patchworkfamilien funktionieren nicht so selbstverständlich, wie das gern angenommen wird. Sie benötigen oft Hilfe. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey berichtet, dass die Corona-Krise die Inanspruchnahme von Online- und telefonischen Beratungsangeboten für Eltern und Kinder verdoppelt habe. Über eine Zunahme häuslicher Gewalt und sexueller Nötigung gibt es noch keine Zahlen.

Arme Kinder sind Corona-Verlierer

Die Corona-Situation wirke wie ein Brennglas, sagt Caritas-Präsident Peter Neher. „Die meisten sozialen Problemlagen sind nicht durch die Pandemie entstanden, sie wurden aber durch die Corona-Pandemie verschärft.“ Er vermutet, dass viele Kinder zu Verlierern der Krise werden. Neher denkt dabei an Kinder, die aus prekären Lebensverhältnissen kommen, an Kinder, die zuhause schulisch nicht unterstützt werden, weil die Eltern sprachliche Probleme haben, oder weil ihnen die technische Ausstattung fehlt.

Nicht nur die Kinder, auch die Eltern leiden. Dabei wäre das Problem der Betreuung von Kindern weit geringer, wenn wir andere Strukturen hätten, die nicht nur auf Fremdbetreuung setzen, sondern Eltern Zeit geben, sich gemeinsam um ihre Kinder zu kümmern. Stichwort Familienarbeitszeit – beide Eltern arbeiten in der aktiven Familienphase reduziert (beide 20 Stunden = eine Vollzeitstelle). Das gäbe Eltern Raum, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, es würde viel Druck aus Familien und von Kindern nehmen. Krisenzeiten – nicht nur Corona – ließen sich leichter meistern. Denn Kinder sind keine Roboter: Sie werden krank, erleben Unsicherheiten im Heranwachsen und brauchen ihre Eltern. 

Was bedeutet Solidarität – innerhalb Europas und mit ärmeren Ländern?

Solidarität innerhalb Europas spielte zu Beginn der Corona-Krise keine Rolle. Stattdessen erlebte das Konzept der Nationalstaaten zumindest zeitweise eine Konjunktur. Erst wurden die Grenzen mehrere Wochen geschlossen. Darunter litten Berufspendler, der freie Warenverkehr und grenzübergreifende Projekte und Freundschaften. Einige Staaten haben sogar den Verkauf von medizinischer Schutzausrüstung an andere Mitgliedsländer verboten.

Europa wird die Grenzen nun wieder öffnen – schon deshalb, damit Waren geliefert und Touristen reisen können. Aber in der wirtschaftlichen Krisenbewältigung zeigen sich die Unterschiede innerhalb Europas. Während Deutschland den Betroffenen finanzielle Hilfe leisten kann, fehlt den meisten anderen Staaten das Geld dafür. Die EU hat nun ein großes Hilfspaket von 750 Milliarden Euro geschnürt, das einer der Gradmesser für Solidarität werden wird. Italien und Spanien sollen jeweils mehr als 77 Milliarden Euro aus diesem Topf als Zuschuss bekommen, der nicht zurückgezahlt werden muss. Frankreich und Polen mehr als 37 Milliarden Euro. Die EU finanziert den Wiederaufbaufonds mit Krediten, die von der EU-Kommission im Auftrag aller 27 Mitgliedsländer aufgenommen werden sollen. Das gab es in Europa so noch nicht.

EU-Regierungen müssen Solidarität zeigen

Doch noch ist völlig offen, ob das Geld überhaupt fließen wird. Denn dazu müssen die Regierungen und die Parlamente aller Länder dem Paket zustimmen. Am 19. Juni soll ein EU-Gipfel erstmals über den Fonds und den siebenjährigen EU-Haushaltsrahmen beraten. Der Vorschlag erfährt viel Kritik. Skeptiker befürchten, dass die Mittel gerade in den Ländern, die bisher schon schlecht gewirtschaftet haben, nahezu wirkungslos versickern könnten. Andere Stimmen wollen das Geld den nationalen Regierungen nicht ohne Auflagen überlassen. Sie fordern Reformen als Vorbereitung auf die nächste Krise. Eine weitere Gruppe will lieber gezielt europäische Projekte fördern, etwa das Schienennetz, die Energieversorgung oder den Mobilfunkausbau. Die Debatte ist notwendig, aber das Ergebnis wird auch zeigen, wie groß die Solidarität mit den schwächeren Staaten in Europa ausgeprägt ist.

Der deutsche Entwicklungshilfeminister Müller beklagt, dass die EU-Pläne die globalen Auswirkungen der Corona-Krise nicht berücksichtigen. Das Milliarden-Programm müsse dringend auch eine Nothilfe-Komponente für die Nachbarregionen in Afrika und zur Stabilisierung der Flüchtlingsgebiete um Syrien enthalten.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Wenn Ihnen der Ansatz der Zukunftsreporter gefällt, freuen wir uns über eine finanzielle Förderung unseres Projekts - möglich ist das unter diesem Link. Ohne finanzielle Unterstützung können wir den redaktionellen Aufwand für unsere Artikel nicht stemmen, auch wir müssen von den Einnahmen des Journalismus leben. Herzlichen Dank! Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gern unseren kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind.

Das könnte Sie auch interessieren:

  1. Corona
  2. Covid
  3. Saisonalität

Kein Winter mehr ohne Covid-19?

Sars-CoV-2: Wir brauchen Forschung und vor allem Zeit, um zu wissen, was die Zukunft bringen wird.

Ein Wäschständer, der draußen steht, mit Wäscheklammern und einigen zum Trocknen aufgehängten Mund-Nase-Schutz, Masken.
  1. Corona
  2. Corona-global

Wenn Viren für Kranke eine Hoffnung sind

Nicht alle Viren, für die sich Mediziner interessieren, bringen Krankheit und Tod. Manche versprechen Heilung. In dieser Folge spricht das Pandemia-Team über Viren, die dem Menschen im Kampf gegen gefährliche Bakterien helfen könnten: Phagen.

Die künstlerische Darstellung eines Phagen zeigt ein Gebilde, das etwas einem Mondlander ähnelt. Es steht auf sechs Beinen, die ein säulenartiges Zentrum tragen.
  1. Corona
  2. Gesundheit

Patientenverfügung in Zeiten von Covid-19: Wie weit soll eine Behandlung gehen?

Muss man seine Patientenverfügung konkretisieren? Ärzte raten dazu, die eigenen Wünsche zur Behandlung aufzuschreiben.

Ein langer Flur im Krankenhaus - Über eine Patientenverfügung kann man Ärzten mitteilen, wie man behandelt werden möchte.
  1. Corona
  2. Coronafolgen
  3. Gesundheit

„Es ist mühsam und frustrierend“

Yvonne, 50, und ihre Tochter Nicole, 9, leiden seit Monaten unter den Spätfolgen der Infektion. Immer wieder kommen neue Symptome dazu. Yvonne versucht, ihrer Tochter Mut zu machen. Doch es fällt ihr immer schwerer.

Zwei von 50 Survivors
  1. Corona
  2. Coronafolgen
  3. Gesundheit

„Ich traute mich kaum, vor die Tür zu gehen“

Lino, 31, infizierte sich schon im Februar mit Corona. Er hatte hohes Fieber und schlimme Halluzinationen. Und auch jetzt, Monate später, ist es noch nicht vorbei. Lino macht sich große Sorgen – um sich und alle Betroffene.

  1. Corona
  2. Impfung
  3. tuberkulose

Schützt die Tuberkulose-Impfung vor schweren Covid-19-Verläufen?

Wegen der hektischen Suche nach Wirk- und Impfstoffen gegen das Pandemie-Virus darf es keine Engpässe bei der Versorgung von Kindern mit dem BCG-Impfstoff geben.

Eine Mutter hält ein Kleinkind in den Armen, eine Frau, eine Ärztin untersucht das Kind nach einer Impfung gegen Tuberkulose.
  1. Corona
  2. Gesundheit

50 Menschen - 50 Geschichten

Wer sind eigentlich unsere #50survivors? Wo wohnen sie, wie alt sind sie, was machen sie? Hier stellen sie sich vor und erzählen, wieso sie froh sind, dass sie endlich nach ihren Erlebnissen gefragt werden.

Die 50 Survivors
  1. Corona
  2. Coronafolgen
  3. Wirtschaft

Beschleunigt die Corona-Krise den wirtschaftlichen Wandel?

Während des Corona-Lockdowns wurde vielen klar, was wirklich wichtig ist. War das schon eine Übung in Postwachstumsökonomie? Wie wir unsere Wirtschaft ändern könnten – ein Zukunftsszenario.

Ein Hahn sitzt auf einer hölzernen Tränke.
  1. Corona
  2. Coronafolgen
  3. Gesundheit

„Ich habe Angst, dass mein Sohn mich nicht mehr erkennt“

Lasse steckte sich in Ischgl an. Er hatte Glück: Er war nicht lebensgefährlich krank. Trotzdem leidet er unter der Infektion. Hier erzählt er von den psychischen Folgen, die das Virus für ihn hatte.

Einer von 50 Survivors
  1. Corona
  2. Coronafolgen
  3. Gesundheit

“Das Gesundheitsamt hat sich nie wieder gemeldet”

Claudia hatte typische Corona-Symptome. Trotzdem wurde sie nicht getestet. Hier schildert sie ihre Verzweiflung nach den ersten Krankheitszeichen. Und wie sie sich fühlte, als ihr Hausarzt sie nicht kostenlos testen wollte.

Eine von 50 Survivors
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
die ZukunftsReporter