Beschleunigt die Corona-Krise den wirtschaftlichen Wandel?

Wo der Weg zur Postwachstumsökonomie beginnen könnte, zeigt unser Zukunftsszenario.

Sonja Bettel Ein bunter Bauerngarten mit Blumen, Gemüse, Glashaus, Lattenzaun und Holzstadel.

die ZukunftsReporter – Ihre Korrespondenten aus Welten, in denen wir bald leben könnten

ein Projekt von Sonja Bettel, Carina Frey, Alexander Mäder und Rainer Kurlemann

Was kommt nach Corona? Sicher ist: Wir müssen aus der Krise mehr lernen als das richtige Händewaschen. Die ZukunftsReporter haben eine Watchlist mit Themen erstellt, die sich durch Corona verändern werden und verändern müssen. In einer sechsteiligen Artikelserie greifen wir diese Themen auf und werfen einen Blick in die Zukunft.

Teil 3: Beschleunigt die Corona-Krise den wirtschaftlichen Wandel?

Stellen wir uns einmal vor, wir produzieren die wichtigsten Verbrauchsgüter des Lebens – Nahrungsmittel, Medikamente, medizinische Schutzausrüstung, Strom, Textilien,... wieder im eigenen Land, vielleicht sogar in der eigenen Region, statt in Billiglohnländern. Wir geraten damit nicht mehr in Engpässe, wenn aufgrund von Epidemien, Naturkatastrophen oder bewaffneten Konflikten die Grenzen geschlossen oder Treibstoffe knapp werden. Wir müssten dafür einiges in unserer Wirtschaftsweise ändern. Ein Zukunftsszenario. Von Sonja Bettel.

Am 16. März 2022 wacht Friedemann Amann sehr früh auf. Nachdem er einen wirren Traum abgeschüttelt hat, wird ihm bewusst, welcher Tag heute ist: Vor zwei Jahren hat an diesem Tag in Österreich der „Lockdown“ begonnen, mit dem die Ausbreitung des Corona-Virus SARS-CoV-2 gebremst werden sollte. An diese Tage und Wochen erinnert er sich immer noch mit Beklemmung. Wie seltsam waren die plötzliche Stille, die leeren Straßen, die Unsicherheit und die Angst vor einem unsichtbaren und sehr gefährlich wirkenden Feind. Die unangenehmen Erinnerungen mischen sich bei Friedemann Amann jedoch mit Hoffnung, weshalb er den 16. März seither als Denktag begeht. Denn der „Lockdown“ hat nicht nur gezeigt, wie schnell Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden können, sondern auch, was wirklich wichtig ist im Leben. Das hat ihm und vielen anderen die Motivation und die Kraft gegeben, ihr Wirtschaften vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Friedemann Amann kleidet sich an und geht hinüber zum Gemeinschaftsgarten. Er ist diese Woche dafür zuständig, dort nach dem Rechten zu sehen. Er gibt den Hühnern frisches Wasser und streut ihnen Gemüseabfälle unter die Obstbäume, macht einen Kontrollgang durch die Gemüsebeete und das Glashaus, holt die vom Bauern frisch gelieferte Milch und Brot aus dem Lagerraum der Foodcoop und geht nach Hause, um zu frühstücken. Beim Kaffee resümiert er, was in den vergangenen zwei Jahren geschehen ist.

Alles auf Ausgang

Am 20. März 2020 wollte Friedemann Amann für drei Monate nach New Orleans fliegen, um an einem Austauschprogramm zu Holzbau teilzunehmen, für das er sich als Architekt mit viel Erfahrung in der Vorarlberger Holzbauszene beworben hatte. Nun aber ging nichts mehr. Statt im Büro mit KollegInnen an Entwürfen zu tüfteln, auf Baustellen mit Handwerkern zu streiten oder bis spät in die Nacht Wettbewerbseinreichungen fertigzustellen, hatte er nun nichts zu tun. In den ersten Tagen las er besorgt alle Nachrichten zur Pandemie, doch dann überlegte er, wie er die unerwartet freie Zeit sinnvoller nutzen könnte. Beim Aufräumen stieß er auf viele Notizhefte, die er in den vergangenen zehn Jahren bei den „Tagen der Utopie“ vollgeschrieben hatte. So viele wunderbare Menschen und Initiativen hatte er dort kennengelernt, so viele Ideen waren entstanden, so viel Energie hatte er jedes Mal mitgenommen. Doch zurück im Alltag war all das meist schnell vergessen.

Er begann, all diese Menschen zu kontaktieren und zu fragen, ob man sich nicht zusammentun und die Utopien gemeinsam Realität werden lassen könnte. Denn das Problem vieler Initiativen war wohl, dass sie zu klein waren, um etwas Maßgebliches in Wirtschaft und Gesellschaft zu verändern.

Vorarlberg war stolz auf seine Industrie und seine fleißigen Bürgerinnen und Bürger. Doch was von all den Dingen, die aus Vorarlberger Produktionshallen in die ganze Welt verkauft wurden, brauchte man wirklich zum Leben? Energydrinks in Aludosen? PET-Flaschen für Zuckerwasser mit Geschmack? Backwaren, die monatelang haltbar sind? Beschläge, die Türen von Küchenschränken wie von Geisterhand hochschweben lassen? Wenigstens hatten sich ein paar der vielgelobten Vorarlberger Firmen zusammengetan und kurzfristig eine eigene Schutzmaskenproduktion hochgefahren, weil diese nicht aus China geliefert werden konnten.

Warum arbeiteten sich alle ins Burnout für einen Hausbaukredit, den sie 30 Jahre lang abstottern mussten, wenn sie dann kaum daheim waren und der Garten nur aus einer Thujenhecke und einem Rollrasen bestand, auf fünf Millimeter gestutzt von einem Roboter? Und gleichzeitig wurde während des Lockdowns das Frischgemüse in den Supermärkten knapp, weil die Produzenten am anderen Ende des Bodensees aufgrund der Pandemie nicht über die Grenze fahren durften! Vorarlberg konnte sich nur zu acht Prozent selbst ernähren, obwohl es ein reiches Bundesland war, weil bereits zu viel wertvoller Boden für Straßen, Häuser und Firmengebäude genutzt wurde. Wohnraum war kaum mehr leistbar für eine Durchschnittsfamilie. Und die Firmen, die all die nicht überlebensnotwendigen Produkte herstellten, wollten auf die seit 1977 geschützte Landesgrünzone auch noch zugreifen, um ihre Fabriken zu erweitern. Wann, wenn nicht jetzt, sollen wir verstehen, dass sauberes Wasser, eine sichere Lebensmittelproduktion und ein Dach über dem Kopf das Wichtigste sind, dachte Friedemann Amann zornig. „Hier müssen wir anfangen!“, wurde ihm mit einem Schlag klar.

Veränderung beginnt im Kleinen

In immer mehr Kommentaren und Interviews aus aller Welt wurde seine Meinung bestätigt. Die Pandemie zeigt uns, dass wir endlich weg müssen vom Wachstums-Credo, dem rücksichtslosen Ressourcenverbrauch und einer Globalisierung der Produktion um jeden Preis, so der Tenor. Doch wie kann das gelingen? Nach einem Online-Vortrag von Rob Hopkins, dem Mitgründer der britischen Transition Town Totnes, wurde ihm klar: Man muss einfach anfangen, und zwar vor der eigenen Haustür.

In immer größer werdenden Videokonferenz-Runden und über Online-Plattformen entwickelte Friedemann Amann gemeinsam mit anderen „Utopisten“ Strategien. In mehreren Gemeinden und Ortsteilen wurde brachliegende Grundstücke oder Grünflächen gefunden und Vereinbarungen mit den Grundbesitzern getroffen, damit man dort gemeinsam Gemüse anbauen kann, und sei es nur für ein halbes Jahr. Wer in seinem Garten bisher nur Zierpflanzen hatte, wurde angeregt, statt dessen Gemüse und Obst zu pflanzen oder sich dabei helfen zu lassen, oder einen Teil seiner Fläche Nachbarn zur Verfügung zu stellen. Foodcoops wurden eingerichtet, die den LandwirtInnen, GärtnerInnen und kleinen Verarbeitungsbetrieben helfen sollten, ihre Produkte direkt an die KonsumentInnen zu verkaufen, und den BürgerInnen eine sichere Versorgung mit frischen, lokalen Produkten zu einem günstigen Preis zu bieten. Wo möglich, wurden auch Hühner angeschafft, die Eier, Fleisch und Dünger lieferten. Saatgut, Pflanzen, Werkzeuge oder Holz für Gartenhütten und Hühnerställe wurden per Crowdsourcing zusammengetragen. Wer etwas brauchte, schrieb es auf die Online-Nachbarschaftsplattform, und meist fand sich schnell das gesuchte Material. – Das war in den ersten Wochen nötig, weil fast alle Geschäfte geschlossen waren, bald aber machte es allen Spaß, immer zuerst zu schauen, was schon da ist.

Wer gerade keine Erwerbsarbeit hatte, half den Bauern, denen die Erntehelfer fehlten. Bald schon entstanden auch Gemeinschaftswerkstätten, wo man Dinge umfunktionieren und reparieren konnte. Wer ein Handwerk beherrschte, schulte andere, wer Werkzeug hatte, stellte es anderen zur Verfügung. Zum Glück gab es in Vorarlberg eine gut erhaltene Handwerkstradition.

So vergingen die ersten Monate der Pandemie. Immer mehr Gemeinschaften übernahmen diese Ideen, immer mehr Gemeindeverwaltungen waren begeistert und stellten Räumlichkeiten oder andere Ressourcen zur Verfügung.

Das Tauschen, Teilen und Zusammenarbeiten hatte viele positive Nebeneffekte: Wer seine Erwerbsarbeit durch die pandemie-bedingte Wirtschaftskrise verloren hatte oder schon davor finanziell benachteiligt war, konnte sich trotzdem günstig oder gar gratis versorgen und erfuhr Wertschätzung für seine Gemeinschaftsarbeit. Diese war sinnstiftend und die sozialen Kontakte verbesserten bei vielen die durch die Pandemie angeschlagene psychische Gesundheit. Gartenarbeit, Handwerk, vermehrte lokale Mobilität zu Fuß oder mit dem Rad und das viele frische Gemüse verbesserte bei vielen auch die physische Gesundheit.

Viele haben angesichts der globalen Wirtschaftskrise, oder weil sie während der Zeit von Kurzarbeit und Homeoffice auf den Geschmack gekommen sind, ihre Wochenarbeitszeit dauerhaft reduziert. Der Gehaltsverzicht schmerzte, aber mehr Zeit für die Familie bot genug Entschädigung, ebenso mehr Zeit für Gemeinschaftsarbeit und Grundversorgung. Der österreichisch-US-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann hatte das in seinen Ideen für „New Work“ ja schon Anfang der 1980er Jahre vorgeschlagen!

Für alles, was man mit Geld ausgleichen muss, wird jetzt vermehrt Regionalwährung verwendet, die es in vielen Gemeinden und Regionen bereits gab oder die neu eingeführt wurde. Das stärkt die lokale Wirtschaft.

Raum besser nutzen

Ein nächster wichtiger Schritt im Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft war das Wohnen. Schon vor der Pandemie hatten mehrere Initiativen nach Antworten auf steigende Immobilienpreise und Wohnraumknappheit gesucht. Auf Druck der vielen vernetzten Initiativen entschlossen sich zuerst die Gemeinden, dann das ganze Bundesland, eine Leerstandsabgabe einzuführen. Damit sollten Baulandhortung und Grundstücksspekulationen verhindert werden. Die Abgabe fließt in einen Fonds, mit dem zum Beispiel BürgerInnen beraten und unterstützt werden, die nach dem Auszug der Kinder ihr zu groß gewordenes Haus umbauen und teilvermieten möchten. Das schafft günstigen Wohnraum und wirkt der Vereinsamung alleinstehender Menschen entgegen. Als Zusatzeffekt haben sich durch die Verdichtung der Siedlungsgebiete die mit dem Auto zurückgelegten Wege verringert. Firmen, die ihren Betrieb erweitern oder zusätzliche Nutzungen ermöglichen, ohne Boden zu verbrauchen, werden ebenfalls gefördert. Im Gegenzug wurden Förderungen und Steuerbegünstigungen, die direkt oder indirekt fossile Energieträger, erhöhten Stromverbrauch, Bodenverbrauch oder den motorisierten Individualverkehr forcierten, abgeschafft. Da der Gemeinschaftssinn durch die diversen Kooperationen gestiegen ist und weniger Wegwerfprodukte konsumiert werden, haben die Gemeinden weniger Aufwendungen für die Beseitigung illegaler Müllablagerungen, mutwillige Beschädigungen und dergleichen.

Natürlich ist im Jahr drei nach Beginn der Pandemie nicht die heile Welt ausgebrochen und es gibt noch immer Streit, Neid, Missgunst, Diebstahl und Gewalt. Dank der Methoden des „Commoning“ (der Aushandlung der Verwaltung gemeinsam genutzter Ressourcen) und der „Soziokratie“ (eine Form der Selbstorganisation, die auf Erkenntnissen der Systemtheorie basiert) ist es jedoch leichter geworden, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen und Konflikte zu lösen oder zu reduzieren.

Vieles ist noch nicht gelöst, und vielleicht wird es auch nicht lösbar sein. Viele Produkte, wie zum Beispiel Elektronik, kommen immer noch aus Asien. Die einst fast zur Gänze in Billiglohnländer abgewanderte Textilindustrie kehrt nur langsam nach Vorarlberg zurück. Vieles ist teurer geworden, dafür werden weniger billige, kurzlebige Produkte mit schlechter Qualität gekauft.

Die Eigenversorgung mit frischen Lebensmitteln ist wie erwünscht stark gestiegen und es wurde ein allgemeines Bewusstsein für die wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge und die Bedeutung des eigenen Tuns geschaffen. Auch aus anderen Bundesländern und Staaten schauen sich immer mehr Menschen an, was da in Vorarlberg in den vergangenen zwei Jahren erreicht wurde, und was davon auch in anderen Gemeinden und Ländern funktionieren könnte. Sharing Economy, Postwachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie, Cradle-to-Cradle, Commons und vieles mehr sind nicht mehr nur belächelte oder in kleinen Zirkeln diskutierte Konzepte, sondern allgemein akzeptierte Lösungsansätze.

Friedemann Amann trinkt seinen dritten Espresso aus und schaut auf sein Notizbuch, in das er während des Nachdenkens viele Skizzen gezeichnet hat. Er lächelt. Die Energie, die die Corona-Krise erzeugt hat, ist ihm noch nicht ausgegangen. Er steht auf, geht zum Fenster und sieht, dass es wärmer geworden ist. Er könnte zu Nikolai radeln und ihn fragen, ob er ihm bei etwas helfen soll. Dann kann er mit ihm gleich ein paar seiner Ideen diskutieren, die ihm nebenbei eingefallen sind. Der junge Bauer ist Amanns heimlicher „Chief Storyteller“. Seine Imaginationskraft hat bereits geholfen, einige Manager und Politiker zu radikaler Neuorientierung zu ermutigen.

Der Hintergrund des Szenarios

Der Ruf nach einer ökosozialen Wirtschaftsreform ist seit vielen Jahren laut. Die Finanzkrise 2008, der Klimawandel mit zunehmenden Naturkatastrophen, knapper werdende Ressourcen, der Verlust an Biodiversität – das alles zeigt, dass die globalisierte Wirtschaft, die immer mehr noch billiger in noch kürzeren Zyklen produzieren will, den Planeten an seine Grenzen führt. Um die Klimakrise und die Biodiversitätskrise noch halbwegs in den Griff zu bekommen, müssen wir dringend umsteuern, sagen viele Expertinnen und Experten. Sie schlagen als Alternativen eine Postwachstumsökonomie, eine Gemeinwohlökonomie, Degrowth (Schrumpfen), eine öko-soziale Marktwirtschaft, die Blue Economy (der Abfall eines Produkts ist Ausgangsmaterial für ein neues Produkt) und einige mehr vor.

In den ersten Wochen der Corona-Pandemie wurde in zahlreichen Kommentaren und Interviews Hoffnung oder gar Gewissheit geäußert, dass sich nun etwas ändern und die Wirtschaft sich in eine der oben aufgelisteten Richtungen bewegen wird (einige Kommentare verlinken wir weiter unten). Warum? Weil wir schmerzlich gesehen hätten, wie labil die globalisierten Lieferketten sind und wie gefährlich es ist, wenn unsere Versorgung mit grundlegenden Gütern auf Containerschiff- und LKW-Transporte über weite Strecken, offene Grenzen und Just-inTime-Produktion angewiesen ist.

Doch wird dem wirklich so sein? Wir haben ExpertInnen gefragt, was passieren müsste, damit es zu einem Wandel kommt.

Für das Szenario haben wir das österreichische Bundesland Vorarlberg gewählt, weil es dort bereits viele Initiativen für eine „enkeltaugliche“ Gesellschaft gibt. Die Initiativen „Bodenfreiheit“ und „vau | hoch | drei“ bemühen sich um Freihaltung von Grund und Boden, 30 Vorarlberger Klimaschutz-Initiativen haben sich zu „Vorarlberg for Future“ vernetzt, es gibt Regionwalwährungen, eine Gemeinwohlinitiative, eine Initiative für Re-use, es gibt Bürgerbeiräte, eine Open-Source-Bewegung, zahlreiche Kultur-Initiativen, eine herausragende Architektur und Handwerkskunst sowie eine innovative Industrie.

Außerdem finden im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis in Vorarlberg seit 2003 alle zwei Jahre die „Tage der Utopie – Festival für eine gute Zukunft“ statt, bei denen von verschiedenen Vortragenden gesellschaftspolitische Perspektiven auf eine wünschenswerte Zukunft präsentiert und gemeinsam mit dem Publikum aus Vorarlberg und dem gesamten deutschsprachigen Raum diskutiert werden. Im Rahmen der dort angebundenen „Wirkstätten der Utopie“ berät Martin Strele von Kairos Wirkungsforschung Menschen und Gruppen mit Ideen für Neues.

Die Meinungen der ExpertInnen

Martin Strele, Gründer von Kairos, einer Agentur für Wirkungsforschung, entwickelt Prototypen, die die Welt ökologisch und sozial gerecht voranbringen sollen. Er ist außerdem Obmann des Vereins für Bodenfreiheit. Das Gespräch führten wir am 20. Mai 2020.

Wird uns die Corona-Krise zeigen, dass wir umsteuern müssen?

Das einzige, was sie uns wirklich zeigt, ist, dass die Wirtschaft noch komplexer ist, als wir bisher gedacht haben. Sogar Elektroinstallationsschläuche kommen aus dem Ausland, aus Italien, deshalb konnten Installateure nach der Grenzschließung nicht arbeiten. Auf jeden Fall sollte die Nahrungsmittelproduktion regionaler werden, denn der Selbstversorgungsgrad bei Gemüse beträgt in Vorarlberg nur rund acht Prozent. Die Region Bodensee könnte sich vielleicht selbst versorgen, aber da liegt eine Staatsgrenze dazwischen. Man müsste also in Zukunft in Regionen denken, nicht in Nationalstaaten. Vorarlberg hat vergleichsweise wenige Gunstlagen und die unterliegen großer Konkurrenz für Industrie, Gewerbe, Wohnen, Verkehr und Freizeit.

Wie könnte ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel eingeleitet werden?

Die Bürgerräte in Vorarlberg hatten gute Vorschläge und Forderungen (z.B. in punkto Flächenverbrauch), aber die Politik nimmt das nicht auf. Es muss Widerstand geben, man muss jeden Tag eine Gegenmacht aufbauen, viele kleine Löcher bohren. Irgendwann bricht das dann durch.

Vorarlberg gilt doch als sehr innovativ und es gibt viele Initiativen für ein nachhaltiges Leben.

Die Wirtschaftspolitik in Vorarlberg hat jahrelang auf Export gesetzt und auf Lohnzurückhaltung, gemeinsam mit Deutschland. Aber wo sind die Firmen, die Produkte herstellen, die wir wirklich brauchen? Wir sollten unsere Innovationskraft nicht in Dinge stecken, die man eigentlich nicht braucht. Es gibt auch viele gute Pilotprojekte, die werden auch ausgezeichnet. Aber es fehlt die politische Steuerung, diese breit zu realisieren. Wer das Wort „Umverteilung“ in den Mund nimmt, gilt schon als Kommunist. Als 1977 die Landesgrünzone beschlossen wurde, herrschte Sturm und Drang in Vorarlberg. Ein Zeitzeuge sagte einmal, damals sei ein Fenster offen gewesen. So etwas brauchen wir wieder. Wir brauchen jetzt dringend eine vernünftige öko-soziale Steuerreform.

Fred Luks, Nachhaltigkeitsforscher und Autor sagte in einem Telefoninterview, das wir mit ihm Mitte März 2020, in der Anfangsphase des Lockdowns, geführt haben:

Die Hoffnung ist, dass sich daraus ein sehr großer Lerneffekt ergibt. Die große Euphorie stimmt mich aber skeptisch. Bei der Finanzkrise 2008 war die Rede von „new normalcy“, es gab die These, dass sich alles ändern wird. Auch bei Rinderwahnsinn BSE wurde gesagt, jetzt ändern wir die Landwirtschaft und unseren Umgang mit Tieren, und ein paar Monate danach war alles wieder wie vorher. Ich habe schon die Hoffnung, dass wir daraus etwas lernen als Gesellschaft, aber es ist noch zu früh, das zu sagen.

Können wir die Wirtschaft überhaupt ändern?

Ich bin Ökonom und habe gestaunt, wie naiv ich selber gewesen bin und nicht wusste, dass die Lieferketten derart auf bestimmte Länder und bestimmte Städte konzentriert sind. Es kann ja nicht sein, dass Europa davon abhängig ist, dass eine bestimmte Region in China genug pharmazeutische Produkte herstellt. Da vermute ich schon einen starken Lerneffekt. Es könnte auch sein, dass sich in punkto Geschwindigkeit und Entschleunigung etwas verändern wird. Aber nach der Spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkrieges kamen die Roaring Twenties. Es ist die Frage, welche Lerneffekte bleiben? Stellen wir auf Entschleunigung um, auf Achtsamkeit, Langsamkeit? Oder entsteht vielleicht genau das Gegenteil, weil wir merken, wie nah der Tod uns ist, wie fragil unser Leben? Dass wir vielleicht sagen: Jetzt erst recht, party on! Also irgendwas wird es mit den Leuten machen, aber die Frage ist, was.

Zeigt uns der Lockdown, wie eine Postwachstumsökonomie funktionieren könnte?

Die Einschränkungen und weniger Konsum aufgrund der Pandemie sind ja zeitlich beschränkt. Es wäre schwierig, das auf Dauer aufrecht zu erhalten. Nach der Krise wird man schnell versuchen, die Wirtschaft wieder hochzufahren. Die Chance, dass die Menschen diese Erfahrung der Einschränkung schnell wieder vergessen, ist hoch.

Rob Hopkins, Mitgründer der Transition Town Totnes und der Transition Network Bewegung in Großbritannien, sagte am 12. Mai 2020 bei der Online-Konferenz von Global 2000 mit dem Titel „Visions for Transition“ auf die Frage, warum der große Wandel nicht passiere (von uns übersetzt und zusammengefasst):

Wir müssen Geschichten darüber erzählen, wie ein Leben mit geringen Treibhausgasemissionen aussehen kann. Es fehlt an Phantasie, an Vorstellungskraft für eine gute Zukunft. Eine Studie hat gezeigt, dass unsere Kreativität seit Mitte der 1990er sinkt. Wir haben müssen unsere Vorstellungsmuskel trainieren. In Totnes wurden viele Lösungen spielerisch erarbeitet. Als ich von meiner Idee erzählte, eine Gemeinschafts-Brauerei zu gründen, fragte mich einer, warum ich glaube, dass es funktioneren werde. Ich sagte: Weil ich es gespielt habe. Wenn wir unter Stress stehen, schrumpft unser Hippocampus, also der Teil des Gehirns, aus dem die Kreativität kommt. Wir müssen träumen – und dann hinaus gehen und tun.

In Mexico City wurde ein Ministerium für Imagination gegründet, das Kreativität für die Stadt fördert. Ein städtisches Büro für Imagination gibt es in Bologna. Es betreibt Labors, in denen BürgerInnen Ideen für die Stadt entwickeln können. Und in der schwedischen Regierung gibt es einen „chief storyteller“, der Visionen für eine kohlenstoffneutrale Welt entwickelt.

Julianna Fehlinger von der Österreichischen Berg- und KleinbäuerInnen-Vereinigung Via Campesina Austria sagte bei der Konferenz „Visions for Transition", dass nur die Zusammenarbeit von VerbraucherInnen und LandwirtInnen einen Gegenpol zu einem industriedominierten, marktbeherrschenden Ernährungssystem schaffen könne. Solidarische Landwirtschaft (wo die KundInnen den Anbau vorfinanzieren und mithelfen), Foodcoops (die Lebensmittel für eine größere Gruppe direkt von ProduzentInnen beziehen) und von Mitgliedern betriebene Supermärkte (wie Park Slope Food Coop in New York) können dazu beitragen, qualitätsvolle, gesunde und leistbare Lebensmittel für alle bereitzustellen und eine transformative Ökologisierung der Landwirtschaft zu stimulieren.

Niko Paech, Außerplanmäßiger Professor im Bereich „Plurale Ökonomik“ an der Universität Siegen, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie eine Postwachstumsökonomie aussehen kann. Im April 2020 haben wir ihn gefragt, ob der Shutdown aufgrund der Corona-Virus-Pandemie quasi schon eine Übung in Postwachstumsökonomie war. Seine Antworten:

Von seiner Natur her ist der Mensch ein übendes Wesen. Daraus ergibt sich, dass er nur umzusetzen und beizubehalten vermag, was er durch Übung verinnerlicht hat. Einsicht und Willensbekundungen allein reichen eben nicht. So gesehen können die Corona-Maßnahmen als unfreiwilliges Zirkeltraining für Genügsamkeit und kreative Betätigungen jenseits von Konsum und Reisen aufgefasst werden.
Der Rückbau des globalen Industrie- und Verkehrssystems würde sich im Kontext einer Postwachstumsstrategie dennoch vom Shutdown in dreierlei Hinsicht unterscheiden. Erstens würde es sich dabei nicht um eine ökonomische Rosskur handeln, sondern um eine schrittweise, maßvolle und nicht erzwungene Reduktion. Zweitens wäre selektiv vorzugehen, also zwischen Grundbedürfnissen und dekadentem Luxus zu unterscheiden. Drittens wären parallel zum Rückbau dezentrale Strukturen der Selbstversorgung aufzubauen, so dass mehr Unabhängigkeit von externer Versorgung entstehen kann.

Was würde in Bezug auf Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten geschehen, wenn wir ohne plötzlichen Zwang durch die Corona-Pandemie unseren Konsum massiv zurückfahren?

Der Abschwung ließe sich moderieren, wenn der Nachfragerückgang maßvoll und nicht gleichzeitig auf zu vielen Märkten erfolgt. Es wäre dann nötig, ein neues Gleichgewicht auf Basis einer geringeren Produktionskapazität und geringerem Durchschnittseinkommen ohne Wachstum zu stabilisieren. Der Einkommensrückgang könnte durch eine Umverteilung der Arbeitszeit abgemildert und gerechter verteilt werden, so dass Beschäftigungslosigkeit vermieden wird. Zugleich könnten Menschen lernen, resilienter zu werden, also nicht mehr allein von Einkommen und Konsum abhängig zu sein, sondern erstens durch Reparatur, zumal achtsamen Umgang mit Gütern, zweitens durch Gemeinschaftsnutzung und drittes eigene Produktion selbstorganisiert Bedürfnisse zu befriedigen.


Und was denken Sie?


Kommentare zur Corona-Krise als Chance für unsere Wirtschaft:

Konferenz „Visions for Transition“ (Vorträge als Videos in Englisch und Deutsch verfügbar)

Matthias Horx: 48 – Die Welt nach Corona

Stephan Schulmeister: Die Krise ist das Ende des Neoliberalismus

Li Edelkoort: Coronavirus offers "a blank page for a new beginning"

Annemarie Pieper: Nach Corona werden wir nicht wieder in den alten Kapitalismus zurückkehren

Daniela von Pfuhlstein: Die Wirtschaft ist für alle da

Bücher zum Thema:

Fred Luks: Hoffnung. Über Wandel, Wissen und politische Wunder. Metropolis Verlag, 2020.

Manfred Folkers, Niko Paech: All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht, Verlag Oekom 2020.

Rob Hopkins: From What Is to What If. Unleashing the Power of Imagination to Create the Future We Want. Chelsea Green Publishing 2019.

Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie. Piper Verlag 2018.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-​​Koralle „die ZukunftsReporter“. Er wurde durch den Covis-10/Sars-CoV-2-Recherchefonds der Wissenschaftspressekonferenz e.V. unterstützt und basiert auf einer Watchlist der ZukunftsReporter zu Themen, die sich durch Corona verändern werden oder verändern müssen. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gerne einen kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind. Uns interessiert Ihre Meinung: Bitte schreiben Sie uns unter [email protected]

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