Europa kämpft gegen Infektionskrankheiten

Soll Europa als Reaktion auf die Corona-Pandemie ein gemeinsames Zentrum für Infektionsschutz gründen? Es spricht einiges dafür. Ein Zukunftsszenario.

NIAID-RML Coronavirus unter dem Mikroskop. Die Wissenschaft sucht eine Strategie gegen Covid-19 und andere Viren.

Was kommt nach Corona? Sicher ist: Wir müssen aus der Krise mehr lernen als das richtige Händewaschen. Die ZukunftsReporter haben eine Watchlist mit Themen erstellt, die sich durch Corona verändern werden und verändern müssen. In einer sechsteiligen Artikelserie greifen wir diese Themen auf und werfen einen Blick in die Zukunft.

Teil 4: Brauchen wir ein Europäisches Zentrum für Infektionsschutz?

Stellen wir uns einmal vor, die europäischen Staaten hätten aus der Corona-Pandemie gelernt. Infektionsschutz und Vorbeugung bekommen einen höheren Stellenwert, Statt nationaler Regelungen gibt es ein europäisches Kompetenzzentrum. Ein Zukunftsszenario.


Es ist immer ein schöner Anblick, wenn die Lichtertafeln an der Fassade des EZIS in einem moderaten Grün leuchten. Haakon Petter erinnert sich auch an andere Zeiten. Damals wäre er nicht wie heute ganz entspannt mit der Stadtbahn vom Bahnhof in Bergamo zum europäischen Zentrum für Infektionsschutz (EZIS) gefahren. Ein Chauffeur hätte ihn direkt aus dem VIP-Bereich des Flughafens abgeholt und zu seinem Arbeitsplatz gebracht. Wenn die Lichtertafeln am EZIS auf Rot geschaltet werden, erfasst die Farbe der höchsten Warnstufe nicht nur die beiden Gebäude an der Via Corona und der Piazza Speranza. Dann ist ganz Europa alarmiert, weil sich ein neuer Erreger ausbreitet.

Haakon Petter verlässt die Stadtbahn und schaut einen Moment auf die andere Straßenseite hinüber zum Pandemorium. Vor dem kugelförmigen Gebäude stehen Gruppen lachender Schulklassen, die auf ihre Busse warten. Das Mitmach-Museum über Infektionskrankheiten verzeichnet jedes Jahr fünf Millionen Besucher. Vielleicht ist dieses Lachen der größte Erfolg, den das EZIS nach den Jahren der Pandemien errungen hatte, denkt Petter. Die Menschen können zu jeder Zeit sicher und ausgelassen durch Europa reisen, einander besuchen und sich ohne Einschränkungen treffen. Der offizielle Jahresbericht des EZIS beschreibt diese Errungenschaft in nackten Zahlen: Seit Jahren sind Infektionserkrankungen in Europa auf dem Rückzug.

Haakon Petter rückt seine Krawatte zurecht und schaut auf die Uhr. Er hat noch zehn Minuten, bevor das Ehemaligentreffen am EZIS beginnt. Intuitiv geht er zu der Gedenktafel mit den Städtenamen der europäischen Hotspots während der Coronakrise und hält inne. Der Leitspruch „Nie wieder“ steht darunter, geschrieben in allen europäischen Sprachen. Corona hat damals den ganzen Kontinent lahmgelegt und mehr als 250.000 Menschen getötet. Heute unvorstellbar. Die Politiker haben erkannt, dass der Kampf gegen Krankheiten eine europäische Aufgabe ist.

Waschbecken als Designermöbel

Petter entdeckt die ehemaligen Kollegen im Foyer des Hauptgebäudes. Sie schauen sich die Ausstellung von Handwaschbecken und Spendern für Desinfektionsmittel an, die von Künstlern gestaltet wurden. „Schön, dass die Dinger nicht mehr aus Plastik oder in diesem langweiligen Weiß sind“, sagt er und verreibt sich Desinfektionsmittel zwischen den Fingern. Peer Opwijk aus der zentralen Impfstoffentwicklung stimmt ihm zu: „Die sind echt toll und eine Zierde für jeden Hausflur.“

Sie fahren mit dem Aufzug in die achte Etage, in der die europäische Leitstelle zur Infektionsabwehr untergebracht ist. Der riesige Raum erinnert mit den zahlreichen Bildschirmen an das Kontrollzentrum einer Weltraummission. Das Team der Taskforce macht seinen Job, aber die Stimmung ist entspannt. Haakon Petter bemerkt sofort, dass die hintere Hälfte des Raums im Dunkeln liegt. Gut so. Hinter der breiten Tür befindet sich der Einsatzraum für den Pandemiefall, den er damals geplant hatte. Eine kräftige Stimme reißt ihn aus den Gedanken. „Guten Abend, herzlich willkommen im EZIS“, sagt Henriette Fraquin, die sich als Leiterin der Taskforce vorstellt.

„Ich muss Ihnen nicht erklären, wo sie sich befinden. Als ehemalige Mitarbeiter wissen Sie, dass unsere Leitstelle als Früherkennungssystem für Seuchen dient. Im Gebäude gegenüber sitzen die Wissenschaftler, aber hier bei uns laufen alle Daten zu Krankheitserregern zusammen. Das Monitoring über Fallzahlen in ganz Europa, die Ergebnisse der Antikörpertests, die Zahl der freien Klinikbetten, unsere Routinemessungen zur Viren-RNA im Abwasser der großen Städte, an den Flughäfen und Bahnknotenpunkten, die Mutationsmuster im Erbgut der Erreger und vieles mehr. Alles anonym entsprechend dem Datenschutz.“ Fraquin zeigt dabei auf einige Bildschirme, aber die Reaktion der Gruppe bleibt verhalten.  Die Ex-Kollegen erwarten eine Innovation, die Fraquin bieten kann. „Wir wären nicht das EZIS, wenn wir nicht jedes Jahr neue Datenquellen einbeziehen würden“, sagt sie. Auf dem großen Bildschirm erscheinen einige RNA-Sequenzen. Haakon Petter schaut aufmerksam hin. „Dies sind die Daten des letzten globalen Viren-Monitorings bei Fledermäusen, den Trägern vieler neuer Krankheitserreger. Und hier haben Sie die Ergebnisse von zufällig ausgewählten Analysen aus Krankenhäusern und Arztpraxen. Jede zehntausendste Blutprobe oder Abstrich wird routinemäßig auf Erreger untersucht. Mit diesen neuen Datenquellen wird unser Überwachungsnetz noch dichter. “ Haakon Petter nickt ihr anerkennend zu. Fraquin freut sich über das Lob. „Wir haben aus Corona gelernt. Wir werden jeden neuen Erreger frühzeitig erkennen und uns nicht mehr überraschen lassen“, sagt sie.

Staatlich entwickelte Antibiotika

Peer Opwijk meldet sich mit Kritik. „Mit diesen Daten können Sie doch erst auf einen neuen Erreger reagieren, wenn er schon da ist. Das ist viel zu spät, und das wissen Sie auch“, empört er sich. Das Kontrollzentrum sei nur ein schöner Schein und biete wenig Sicherheit. Haakon Petter kennt diese Diskussion und wartet gespannt auf die Antwort. Henriette Fraquin reagiert prompt. „Wir tun deutlich mehr. Unsere Forscher leisten genau die vorausschauende Arbeit, die Sie ansprechen. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Offiziell darf ich es noch nicht sagen, aber Sie gehören ja quasi zum EZIS. Wir stellen nächsten Monat zwei neue Antibiotika vor, die komplett hier im Haus entwickelt wurden. Zwei neue Substanzklassen gegen antibiotika-resistente Bakterien. Wie Sie vielleicht wissen, werden die neuen Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten mittlerweile von staatlichen Einrichtungen entwickelt, weil die Industrie das wirtschaftliche Risiko nicht eingehen will.“ Petter erinnert sich. Das EZIS hat viele qualifizierte Forscher aus dem Pharmabereich abgeworben. Doch um die Idee der Medikamente aus staatlicher Forschung war es still geworden. Die Medien warfen dem EZIS vor, als große Behörde viel Geld zu verbrennen, ohne Ergebnisse zu liefern. Jetzt gibt es endlich einen Erfolg.

Peer Opwijk lenkt ein, doch dann zeigt er auf das Nachbargebäude. „Da drüben im vierten und fünften Stock, ist da noch die Impfstoffentwicklung? Warum sind alle Labore beleuchtet, obwohl es doch schon nach 18 Uhr ist?“, fragt er. Auch Petter hat beobachtet, dass noch viele Mitarbeiter vor Ort sind. „Das fällt unter die Geheimhaltung“, antwortet Fraquin. Die Gruppe reagierte aufgeregt. „Das ist nicht Ihr Ernst“, sagt Petter. Die Leiterin der Taskforce zögert einen Moment. Dann liefert sie eine Erklärung. „Wir haben bei einem der Coronaviren, die eigentlich harmlose Erkältungen auslösen, eine Mutation gefunden, die wir als gefährlich einschätzen“, antwortet sie, „aber wir kennen den genetischen Code, deshalb können wir schon an einem Impfstoff arbeiten, bevor die Epidemie begonnen hat.“ „Ist es HKU1 oder HKU9? Diese Typen sind als mutationsfreudig bekannt“, fragt Petter. Henriette Fraquin nickt. Sie schaut in die Gruppe. „Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind schon sehr weit.“

Gemeinsames Handeln

Haakon Petter glaubt ihr nicht. Er bemerkt, dass sich die Taskforce um einen der Bildschirme versammelt hatte, dessen Farbe auf ein helles Orange gewechselt ist. Die entspannte Stimmung im Kontrollzentrum verwandelt sich binnen Minuten in Betriebsamkeit. „Was ist da drüben los?“, fragt er Fraquin. Noch bevor die Teamleiterin antworten kann, piept ihr Funkmelder. Fraquin schaut auf ihr Mobiltelefon, wirkt aber nicht aufgeregt. Sie überlegt einen Moment, dann zeigt sie dem Gast das Display. Haakon Petter liest die Nachricht: „Wir haben gleich eine Schalte zum polnischen Gesundheitsministerium, willst Du dabei sein?“ Petters Puls steigt, aber Fraquin beruhigt ihn. „In der Nähe der russischen Grenze gibt es derzeit viele Fälle von Tuberkulose. Wir schicken zwei Lkw mit mobiler Diagnostik zur Unterstützung und stocken die Vorräte für Medikamente und Schutzkleidung auf. Das reicht, damit die Lage unter Kontrolle bleibt.“

Haakon Petter ist zufrieden. Das Europäische Zentrum für Infektionsschutz macht seinem Namen alle Ehre, denkt er. Eine halbe Stunde später steht er auf der Dachterrasse des EZIS und wartet auf das Dinner für die Ehemaligen. Vom Dach kann er das fast fertiggestellte dritte Gebäude sehen. Das EZIS erhält ein technisches Zentrum zur Erforschung der Kontamination von Oberflächen, der Verteilung von Aerosolen und für Lüftungstechnik. Die grünen Lichtertafeln des Hauptgebäudes spiegeln sich in den Scheiben des Neubaus.  

Hintergrund zum Szenario

Brauchen wir ein Europäisches Zentrum für Infektionsschutz?

Die Zuständigkeit für das Thema Gesundheit ist in Europa klar geregelt: Jedes Land entscheidet eigenständig, Die Gesundheitssysteme der Mitgliedsstaaten der EU unterschieden sich in ihren Strukturen sehr deutlich voneinander. Finanzierung, Abrechnung der Leistungen, Ausstattung der Krankenhäuser, Ausbildung der Ärzte, Vielfalt der Berufe im Gesundheitswesen, medizinische Forschung, Qualität der Leistungen - jedes Land hat einen eigenen Weg gewählt und setzt eigene Schwerpunkte. Der Kampf gegen Corona macht diese Unterschiede sehr deutlich. Europas Regierungen treffen ihre Entscheidungen über den Umgang mit Covid-19 eigenständig. Sie regeln, in welchem Umfang die Freiheit der Bevölkerung eingeschränkt wird und wie sich das Gesundheitswesen für die Auswirkungen der Pandemie wappnen soll. Gegen diese Aufteilung der Verantwortung ist nichts zu sagen, auch wenn die europäischen Staaten im Kampf gegen Corona unterschiedlich gut abschneiden. Das Prinzip der nationalen Entscheidungen hat sich in vielen Politikfeldern bewährt.

Deshalb wird das im Szenario beschriebene EZIS, das Europäische Zentrum für Infektionsschutz vermutlich ein Gedankenexperiment bleiben.

Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob nationale Alleingänge bei der Bekämpfung einer globalen Pandemie der richtige Weg sind. Das zeigen andere Projekte, die sich mit Spitzenforschung beschäftigen. Dort ist eine enge europäische Zusammenarbeit bereits die Regel. Die europäische Raumfahrtagentur ESA koordiniert die Aktivitäten für die Reise ins All und den Einsatz von Satelliten. Die Forschungseinrichtungen sind über ganz Europa verteilt. Angesichts der hohen Kosten kann Europa gegenüber den USA, Russland und China nur gemeinsam konkurrenzfähig auftreten. Aus dem gleichen Grund haben die Europäer für die Grundlagenforschung gemeinsam den Teilchenbeschleuniger CERN gebaut, in dem beispielsweise das Higgs-Boson nachgewiesen wurde. Auch auf anderen Gebieten existieren bereits internationale Kooperationen zur Gefahrenabwehr. Die bekannteste ist vermutlich die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO, die radioaktive Materialien und Strahlung durch Atombombentests oder Kernkraftwerke überwacht und damit die Verbreitung von Atomwaffen verhindern soll. Auch bei der Weltorganisation für Meteorologie teilen die Staaten bereitwillig ihre Daten für bessere Wettervorhersagen und den Schutz vor Unwettern.

Neue Antibiotika fehlen

Die Corona-Pandemie allein rechtfertigt noch kein europäisches Zentrum für Infektionsschutz. Aber es gibt eine Reihe von Aufgaben, die nicht ausreichend wahrgenommen werden. Viele Historiker, die sich mit der jüngeren medizinischen Geschichte beschäftigen, beklagen, dass die Erforschung von Infektionskrankheiten zurückgefahren wurde. Etwa ab den 1960er Jahren konzentrierten sich Wissenschaft und Unternehmen mehr und mehr auf Gesellschafts- und Wohlstandskrankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit oder Krebs. Aktuelle Studien zeigen, dass sich fast alle großen Pharmakonzerne aus der Antibiotikaforschung zurückgezogen haben. Dahinter stehen wohl finanzielle Gründe: Die hohen Kosten für die Entwicklung eines Medikaments können schneller ausgeglichen werden, wenn das Präparat bei einer chronischen Erkrankung von den Patienten jahrelang genommen wird. Antibiotika werden hingegen nur für weniger Tage verordnet, bis der Wirkstoff den Erreger bekämpft hat. Aber es gibt viele mahnende Stimmen: „Der Kampf gegen resistente Keime und die Entwicklung neuer Antibiotika gehören zu den dringlichsten Herausforderungen für die globale Gesundheit", sagt beispielsweise Bundesgesundheitsminister Spahn.

Die Leopoldina, nationale Akademie der Wissenschaften, forderte 2017 in einem Diskussionspapier:„Für die Entwicklung neuer Antibiotika sollte eine international abgestimmte Beschreibung von Anforderungsprofilen (Erreger von besonderer Bedeutung) mit gewünschten klinischen Effekten (Einsatzgebiete, Darreichungsformen etc.) erarbeitet werden. Die Grundlagenforschung zur Wirkstoffsuche (Molekularbiologie, Zellbiologie, Chemie) sollte gestärkt werden." Das europäisches Zentrum für Infektionsschutz hat in diesem Szenario deshalb den Auftrag erhalten, mit öffentlicher Förderung neue Antibiotika zu entwickeln. Der Kampf gegen Infektionskrankheiten wird hier als überstaatliche Aufgabe gesehen, die Kosten von der Allgemeinheit getragen.

In Großbritannien wird bereits über neue Wege nachgedacht. Ein Vorschlag des Gesundheitsministers vom Juli 2019 sieht vor, dass sich der Erlös der Pharma-Unternehmen nicht mehr nach der Menge der verkauften Antibiotika richtet. Statt dessen könnten forschende Pharmaunternehmen im Voraus und nach dem Nutzen bezahlt werden, den das neue Antibiotikum für das staatliche Gesundheitssystem erwarten lässt.  

Impfstoffe auch für neue Krankheiten

Wer nur auf Covid-19 schaut, kann den Eindruck bekommen, das zumindest bei der Impfstoffentwicklung alles nach Wunsch verläuft. Mehr als 170 verschiedene Kandidaten werden derzeit entwickelt und getestet. Weltweit haben kleinere und größere Unternehmen einen Wettlauf um die schnellste Zulassung gestartet. Doch das trifft nur auf Corona zu. Die Pandemie ist für alle Unternehmen wirtschaftlich interessant, möglicherweise können mehrere Milliarden Dosen eines Impfstoffs verkauft werden. Trotz dieser positiven Aussichten beteiligen sich einige Staaten, auch Deutschland, finanziell an den Firmen für die Impfstoffentwicklung. Sie wollen durch diese staatliche Hilfe unter anderem sicherstellen, dass für die eigene Bevölkerung genügend Impfstoff zur Verfügung steht.

Das Wissen der industriellen Forschung bleibt häufig in den Unternehmen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) startete im Mai 2020 einen Solidaritätsaufruf für einen weltweit gerechten Zugang zu Medikamenten, Impfstoffen, Tests und Technologien gegen Covid-19. Die WHO fordert das Teilen von Wissen, geistigem Eigentum und Daten zugunsten der Weltbevölkerung. Es ist fraglich, ob sich die forschenden Unternehmen auf diesen Appell einlassen. In der staatlich finanzierten Wissenschaft an Universitäten und Forschungsinstituten ist dieser Austausch von Wissen dagegen selbstverständlich. 

Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen verweisen auf ein weiteres Problem. Forschung und Entwicklung von Impfstoffen müsse mehr auf die spezifischen Bedürfnisse in ärmeren Ländern zugeschnitten werden. Sie müssten stärker an die Krankheitstypen, die vor allem in diesen Ländern auftreten, angepasst werden. Ein Beispiel: Ein Impfstoff gegen das Rotavirus bietet Kindern in Afrika nicht den gleichen Schutz wie Kindern aus Europa oder den USA. Das Präparat sei gegen Virenstämme entwickelt worden, die besonders häufig in reichen, westlichen Ländern vorkommen, aber eben weniger häufig in Afrika, berichtet ein Sprecher der Organisation.

In unserem Szenario werden im EZIS bereits Impfstoffe gegen Erreger entwickelt, die noch nicht weit verbreitet sind. „Die Ebola-Epidemie vor sechs Jahren in Westafrika hat gezeigt, welche verheerenden Folgen es hat, wenn sich die Forschung und Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen daran orientiert, Profit mit den entwickelten Produkten zu machen", sagt Manuel Martin bei Ärzte ohne Grenzen. Das Ebolavirus sei seit 1976 bekannt gewesen. Trotzdem gab es während der Epidemie von 2014 bis 2016 keine wirksamen Medikamente oder Impfungen. Ebola ist kein Sonderfall: auch bei vielen andere Viren und Bakterien, die in Afrika oder Asien verbreitet sind, fehlen Werkzeuge zur Bekämpfung. Das gefährliche Ebola hat Europa nicht erreicht, aber bei anderen Erregern ist das durchaus denkbar.

Monitoring kann Corona-Ausbruch schneller erkennen

Eine weitere Aufgabe, die das EZIS für ganz Europa übernehmen könnte, ist die Beobachtung der Infektionslage. Das Szenario greift hier verschiedene Ideen auf, die in der Wissenschaft kursieren. Einige Kontrollen könnten schon vor Beginn einer Epidemie erfolgen. Viele für den Menschen gefährliche Erreger entwickeln sich in Fledermäusen. Deshalb könnte sich die regelmäßige Analyse der Viren, die in den Fledertieren leben, als ungewöhnliches Frühwarnsystem für neue Infektionskrankheiten entpuppen. Ein anderer Weg der Überwachung ist die Suche nach Mutationen im Genom, durch die sich bekannte Viren verändern und neue Eigenschaften entwickeln. Je früher sie erkannt werden, desto schneller und besser können die Virologen reagieren.

Die Verbreitung bekannter Viren könnte durch die Kontrolle von Abwässern verfolgt werden. Covid-19 ist nach Ansicht der WHO dafür ein gutes Beispiel: Denn das Coronavirus wird von Infizierten auch mit dem Urin und Fäkalien ausgeschieden. Es zirkulierte in Italien schon Monate vor dem Bekanntwerden des Ausbruchs. Das nationale Gesundheitsamt entdeckte Spuren des Erregers in Abwasserproben aus Mailand und Turin, die aus dem Dezember 2019 stammen und routinemäßig aufbewahrt wurden. Auch andere Forschergruppen konnten SARS-CoV-2 im Abwasser nachweisen. Regelmäßige Kontrollen an Flughäfen und in Großstädten könnten also Aufschluss darüber geben, wie weit bestimmte Viren derzeit in der Bevölkerung verbreitet sind. In einigen europäischen Staaten laufen bereits entsprechende Versuche. Aber das sind nationale Projekte. Es braucht eine Stelle, an der diese Informationen zusammenlaufen und ausgewertet werden. 

Europäisches Institut erleichtert langfristige Finanzierung

Rolf Hilgenfeld, Forscher am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) verweist darauf, dass es bereits gemeinsame europäische Aktivitäten in der Forschung gibt, etwa das "European virus archive" (EVA) als wissenschaftliche Sammlung von Daten und Materialien von Viren. Hilgenfeld hält es für denkbar, dass die Entwicklung von antiviralen Wirkstoffen, die Aufgabe eines staatliches Forschungsinstitut sein könnte. „Ob das allerdings auf europäischer Ebene gut angesiedelt wäre, weiß ich nicht", sagt er, „einige der EU-Forschungszentren tendieren doch dazu, träge Schlachtschiffe zu sein." Das Geld auf nationaler Ebene einzusetzen, sei sicher eine gute Idee.

Die Forscher wünschen sich vor allem mehr Planungssicherheit. Forschung an Infektionskrankheiten ist in Europa häufig an zeitlich befristete Projekte geknüpft. „Für die nächsten zwei Jahre gibt es genug Forschungsgelder, die nach dem Schock des Ausbruchs des Coronavirus zur Verfügung gestellt wurden", sagt Hilgenfeld. Aber wenn er die Zahl der Fünf-Jahres-Projekte zu Corona anschaue, werde die Finanzierung schon dünn. Eine Laufzeit von 18 oder 24 Monate hält der Wissenschaftler für bedenklich. „Wir benötigen auf dem Feld der Infektionskrankheiten mehr Mittel für eine kontinuierliche und nachhaltige Forschung", sagt er.

Die Gründung des EZIS als feste Institution könnte dieses Problem verringern und mehr Wissenschaftler dauerhaft in die Infektionsforschung bringen. Damit ließe sich medizinische Forschung betreiben, die nicht unmittelbar auf den wirtschaftlichen Erfolg von Medikamenten ausgelegt ist. Hilgenfeld beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Entwicklung eines Wirkstoffs gegen Coronaviren. „Die Strategie war von Anfang an so ausgerichtet, dass unsere Verbindungen auch andere Coronaviren inhibieren und nicht nur Sars-CoV-2", erklärt er.

In unserem Zukunftszenario spiegelt sich diese Idee wider: Das EZIS könnte in einer Art Baukastenprinzip die Grundlagen für Medikamente gegen Viren und Bakterien entwickeln, die derzeit noch nicht gefährlich für den Menschen sind. Für ein plötzlich auftretendes Virus gebe es dann binnen kurzer Zeit eine Therapiemöglichkeit.

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