Schutz der Risikogruppen

Der vermeintliche Ausweg aus der Corona-Pandemie

Statt neuer Beschränkungen wegen Corona fordern viele Menschen einen Strategiewechsel. Sie wollen sich auf den Schutz der Risikogruppen beschränken. Das hört sich zwar gut an, ist ethisch aber fragwürdig. Denn wenn man den Vorschlag weiterdenkt, sieht die Zukunft für ziemlich viele Menschen gruselig aus. Ein Kommentar. 

Die Idee klingt wie die Erlösung: Wir brauchen keinen Teil-Lockdown, keine strikten Kontaktbeschränkungen. Wenn es uns gelingt, die Risikogruppen zu schützen, können alle anderen ein weitgehend normales Leben leben. Trotz Corona. Innerhalb kurzer Zeit – so die Theorie – stecken sich so viele Menschen mit dem Virus an, dass sich in der Bevölkerung eine Immunität aufbaut und die Pandemie von selbst stoppt. Wäre das nicht ein Segen? Sicher, wenn man zu den jungen gesunden Menschen gehört und tatsächlich einen milden Krankheitsverlauf erwarten darf. Aber was ist mit den anderen, mit denen, die so leicht als „Risikogruppe“ bezeichnet werden? Was heißt „besser schützen“ eigentlich für sie? Bei dieser Frage bleiben die Befürworter vage.

Schon im Frühjahr diskutiert

Die Idee wurde schon zu Beginn der Pandemie im Frühjahr diskutiert. Damals sagte zum Beispiel der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner in der FAZ, er halte viel davon, statt der gesamten Bevölkerung gezielt besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu isolieren. Denkbar wäre eine Ausgangssperre für Menschen über 70 Jahre. Der Vorschlag setzte sich damals nicht durch, der Gedanke verschwand aber nie.

Als Deutschland im Herbst angesichts dramatisch steigender Infektionszahlen über neue Beschränkungen diskutierte, brachten die Gegner den Vorschlag wieder auf den Tisch. Der Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn sagte beispielsweise im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ), es könne nicht darum gehen, „jede Infektion um jeden Preis“ zu verhindern. Stattdessen brauche es „zuallererst einen besseren Schutz der Risikogruppen“.

Anfang Oktober wurde dieser Strategiewechsel wissenschaftlich unterfüttert durch die Great Barrington Erklärung, in der sich drei Wissenschaftler der renommierten Universitäten in Harvard, Oxford und Stanford dafür aussprachen, „denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen“, damit sie eine natürliche Immunität aufbauen. Menschen, die „am stärksten gefährdet sind“ bräuchten hingegen „gezielten Schutz (Focused Protection)“.

In den beigefügten FAQ wird dieser „Schutz“ konkretisiert: Pflegeheime sollten vor allem Personal mit erworbener Immunität einsetzen und häufig PCR-Tests durchführen. Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollen sich Lebensmittel nach Hause liefern lassen. Leben mehrere Generationen zusammen, müssten die Familien spezifische Lösungen finden. Zum Beispiel könnten die Jüngeren von zu Hause arbeiten und sich mit den Alten isolieren. Oder die Alten ziehen vorübergehend mit anderen Älteren zusammen. Notfalls könnten sie in leerstehenden Hotelzimmern untergebracht werden.

Unethisch und gefährlich

Die Great Barrington Erklärung stieß sowohl auf große Zustimmung als auch auf scharfe Kritik. Die unkontrollierte Verbreitung des Virus berge das Risiko einer deutlich erhöhten Krankheitslast und Sterblichkeit in der gesamten Bevölkerung, halten Wissenschaftler aus aller Welt im John Snow Memorandum dagegen. Schließlich können auch junge Menschen schwer an Covid-19 erkranken, es ist unklar, welche Spätfolgen die Erkrankung hat und wie lange Menschen anschließend immun sind. Eine unkontrollierte Verbreitung des Coronavirus zuzulassen, bedeute „unnötige Infektionen, Leiden und Tod“ und sei „unethisch“, stellt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO fest.

Vor allem aber ist der vorgestellte Ansatz von „schützen“ zynisch, denn er sagt nichts anderes als: Mensch, wenn du dummerweise alt oder krank bist, dann schließ dich zuhause ein. Und wenn es da nicht sicher genug ist, weil du mit Menschen zusammen wohnst, die arbeiten oder zur Schule gehen, musst du ausziehen und dir was Besseres suchen. Notfalls ein Hotelzimmer. Für Monate. Die ZukunftsReporter haben diese Option in einem Szenario bereits durchgespielt.

Hendrik Streeck plädiert zwar nicht wie die Great Barrington Unterzeichner für eine vollständige Öffnung der Gesellschaft, fordert aber mehr Ge- als Verbote. In einem gemeinsamen Positionspapier mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung kritisiert er den Teil-Lockdown. Solches „Stotterbremsen“ werde am Ende mehr schaden als nützen, sagte er im SZ-Interview. Aus seiner Sicht brauche es „zuallererst einen besseren Schutz der Risikogruppen“. Da ist er wieder: der Schutz der Risikogruppen.

Streeck schlägt vor, Schnelltestschleusen an Altersheimen zu errichten und Personal und Besucher nur mit negativem Test und mit FFP2-Maske den Zutritt zu gewähren. Man könne auch der Rentnerin zuhause Schnelltests und Masken geben, damit sie Besuch von der Enkelin bekommen kann. Für den Einkauf ließe sich Nachbarschaftshilfe organisieren. Mehr Schutz und Unterstützung – das klingt gut. Aber es bleiben viele Fragen offen.

Ein Viertel der Bevölkerung

Vorneweg: Die Risikogruppe ist ziemlich groß. 23,7 Millionen Menschen in Deutschland sind 60 Jahre und älter – und haben damit laut Robert Koch Institut (RKI) ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Das entspricht mehr als einem Viertel der Bevölkerung. 21,9 Millionen Männer und Frauen leiden an mindestens einer der Vorerkrankungen die mit einem Risiko schwerer Verläufe einhergeht, hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) ausgerechnet. Oft kommen hohes Alter und Vorerkrankungen zusammen. Aber auch junge Familienväter haben Diabetes. Auch berufstätige Frauen leiden unter schwerem Asthma. Ein Drittel der Vorerkrankten (34 Prozent) ist jünger als 60 Jahre. All diese Menschen müssten also besonders geschützt werden. Wie das gelingen kann – unklar.

Soll der herzkranke Vater seine Kinder nur noch nach einem Test sehen dürfen, oder werden die Kinder über Monate mitisoliert und zum Homeschooling verpflichtet? Müssen alle Diabetiker ins Homeoffice oder sich beurlauben lassen? Was passiert mit den 2,6 Millionen pflegebedürftigen Menschen, die zuhause von Angehörigen versorgt werden? Sie sind tagtäglich auf Unterstützung angewiesen und können ihre sozialen Kontakte gar nicht einschränken – und es ist unrealistisch, dass pflegende Angehörige vor jedem Kontakt einen Schnelltest machen. Müssen sie ebenfalls alle sozialen Kontakte, selbst die zur eigenen Familie, aufgeben, weil sie jemanden pflegen?

Massive Einschränkung

„Risikogruppen schützen“ läuft auf eine Isolation alter und kranker Menschen hinaus. Man verwehrt all diesen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Betroffenen werden massiv in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt.

Der Position liege „eine äußerst negative Denkweise über ältere und pflegebedürftige Menschen zugrunde: Man muss Schwache und Alte isolieren, damit die übrige Gesellschaft möglichst normal leben kann“, kritisiert der Pflegeschutzbund BIVA. „Für Menschen ist der soziale Kontakt und die soziale Teilhabe ein zentraler Wert. Das gilt natürlich auch für Risikogruppen“, stellt „Wir pflegen“, die Interessenvertretung pflegender Angehöriger, fest.

Die Forderung, das gesellschaftliche Leben weiter zu öffnen und vor allem die Risikogruppen zu schützen, führt in eine Zweiklassengesellschaft. Die einen dürfen raus, arbeiten, zur Schule, in Kneipen, zum Fußball und ins Kino gehen, die anderen müssen – zu ihrem eigenen Schutz – zu Hause bleiben. Dieses Konzept stellt die Grundwerte unserer Gesellschaft fundamental infrage. Das kann keine adäquate Antwort auf die Pandemie sein.

Der Kommentar hat viele Reaktionen ausgelöst. Wir veröffentlichen eine Auswahl der Leserbriefe in gekürzter Form in einem anderen Artikel.

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