Schutz der Risikogruppen – Die Reaktionen

Was LeserInnen über unseren Kommentar und die aktuelle Corona-Politik denken

Unser Kommentar „Schutz der Risikogruppen“ traf offenbar einen Nerv. Bei uns gingen viele Reaktionen ein – sehr zustimmende und äußerst kritische. Es schrieben LeserInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – Corona bewegt hier wie dort. Die große Resonanz freut uns, denn wir ZukunftsReporter wollen Diskussionen anregen. Uns interessiert, was unsere LeserInnen denken, wie sie argumentieren. Deshalb veröffentlichen wir die Leserbriefe. Wir haben die Reaktionen dafür sinnwahrend gekürzt. Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner kommen nicht zu Wort. 

Darum geht es:

In dem Kommentar setzen wir uns kritisch mit der Forderung „Wir müssen vor allem die Risikogruppen schützen“ auseinander. Sie beinhaltet, dass alle anderen Menschen ein weitgehend normales Leben führen. Würde sich Corona unkontrolliert ausbreiten, müssten sich Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf wegen des hohen Ansteckungsrisikos weit stärker (selbst) isolieren. Das ist nach unserer Einschätzung in vielen Fällen – etwa für pflegebedürftige Menschen – nicht möglich. Außerdem finden wir die Forderung ethisch problematisch, weil sie in eine Zweiklassengesellschaft führt. 

Die Reaktionen:

Einige LeserInnen sind der Meinung, dass schon die jetzigen Lockdown-Maßnahmen einer Isolation sehr nahe kommen:

„Aus dem eigenen Bekanntenkreis weiß ich, dass sich viele Personen aus Risikogruppen selbst isolieren, ohne erst dazu aufgefordert zu werden. Mein subjektives Gefühl ist, dass sich die vorgeschlagene Isolation nur der Risikogruppen für diese Betroffenen kaum von den aktuellen Maßnahmen unterscheidet, und die auf die Allgemeinheit bezogenen Maßnahmen eigentlich nur die Nicht-Risikogruppen zusätzlich einschränken.“ Andreas Z.*

„Eigentlich findet eine Isolation der Vulnerablen längst statt. Bei mir wird sie erzwungen durch das Verhalten meiner Mitmenschen. Das ist nicht nachvollziehbar. Weil wir durch minimale Verhaltensänderung alle an einer gewissen Freiheit teilhaben könnten. Die meisten jedoch halten sich, wenn überhaupt, nur halbherzig an die Abstands- und Hygieneregeln.“ Gabriele J.*

"Was für ein "gesellschaftliches Leben" meinen Sie eigentlich?"

„Natürlich kommt es darauf an, wie man "Schutz" definiert. Wenn Schutz wirklich nur Isolation heißt, ist das sicherlich ungerecht. Wenn Schutz aber auch bedeutet, unter Vorsichtsmaßnahmen "am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen", muss das nicht diskriminierend sein. Aber was für ein "gesellschaftliches Leben" meinen Sie eigentlich?

Davon ist nicht sehr viel übriggeblieben. Einkaufen gehen, sich auf einen Kaffee in der Stadt treffen, den Wochenmarkt besuchen ist mit Maske und Abstandsregeln mehr eine Belastung als eine Erleichterung. Kulturelle Angebote sind ohnehin weitestgehend für alle ausgesetzt. Auch hier "verpasst" die Risikoperson nicht wirklich etwas. Aber die wirtschaftliche Destabilisierung durch die derzeitigen Lockdown-Maßnahmen trifft die Risikogruppen sehr wohl über irgendwann nötig werdende Kürzungen in den Sozialsystemen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen finde ich Ihre Argumentation nicht wirklich schlüssig.“ Robert O.*

„Mich hat der letzte Abschnitt Ihres Artikels zum Schmunzeln gebracht hat, weil ich (in Ihrem Text) ohne Probleme das "Risikogruppen schützen" durch "Lockdown-Maßnahmen" ersetzen kann. Denn diese Maßnahmen sind schon eine Isolation alter und kranker Menschen. Man verwehrt diesen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ich besuche immer wieder alte Menschen in einem Alten- und Pflegeheim. Wissen Sie was die mir sagen? "Wir wären lieber tot als so isoliert, wie es aktuell der Fall ist. Und wir sind nicht gefragt worden... Das ist einfach über unsere Köpfe hinweg entschieden worden." All die genannten Auswirkungen haben wir jetzt schon für alle, und ein Ende ist faktisch nicht in Sicht. Deshalb würde ich über einen anderen Weg nachdenken wollen.“ Jochen S.* 

„Ich denke, Ihre Argumentation hat einige Schwachstellen. Zum einen ist es so, dass die jüngere Generation aktuell die deutlich höhere Last trägt. Aufgrund der Agilität trifft sie die Schließung unterschiedlicher Einrichtungen vermehrt. Zum anderen werden sie zum Beispiel als Folge von Schulschließungen aber auch wegen der finanziellen Auswirkungen der Krise ihr Leben lang mit den Folgen konfrontiert. Generell ist unser Credo jetzt immer "Schütze den Anderen", oder gibt es auch mal ein "Schütze dich selbst, wenn es dir wichtig und richtig erscheint"? Selbstschutz bedeutet nicht, dass man nicht mehr am Leben teilnehmen kann, aber eben anders wie zum Beispiel zwingend mit FFP2-Maske. Holger F.*

„Aus der Sicht von Kindern ist es auch nicht schön, zuhause aufzuwachsen in einer 80qm Wohnung mit vier Geschwistern. Es ist schrecklich, andauernd zu denken, dass man vielleicht durch ein Spiel mit einer Freundin oder einem Freund seine Großeltern auf dem Gewissen hat. Es ist zutiefst beunruhigend seinen Job zu verlieren und nicht zu wissen, von welchem Geld man die Online-Einkäufe bezahlen soll. Es gibt kein gesellschaftliches Leben mehr.“ Alois L.*

In anderen Zuschriften wird deutlich, wie stark einige LeserInnen mit den Corona-Maßnahmen insgesamt hadern: 

„Ich stimme Ihnen zu: die sogenannten Risikogruppen zu isolieren ist unmenschlich, aber die momentane Situation – Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte, finanzielle und gesundheitliche und bildungsmäßige Schädigung der Bevölkerung – ist ebenso unmenschlich. Krankheiten, egal wie sie heißen, sind Teil unseres Daseins. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir mit dem Prinzip Krankheit und der dazu gehörenden Gesundheitsvorsorge umgehen. Wir sollten auf keinen Fall, die einen Kranken (in diesem Fall Covid-19-Patienten), die anderen Kranken (alle übrigen) und die Gesunden gegeneinander ausspielen oder höher werten – genau das tun wir aber zurzeit.

Vielleicht liegt der Lösungsweg für alle darin, dass jeder für seine Gesundheit wieder Verantwortung übernimmt. Ein Mensch, der eine schwere Infektion akzeptiert, weil ihm seine Sozialkontakte wichtiger sind, ist genauso zu respektieren wie ein Mensch, der sich unbedingt schützen will. Risikogruppen zu schützen, kann auch heißen, jeden selbst entscheiden zu lassen, wieviel Risiko er/sie leben will und alle im Raum stehenden Konsequenzen zu tragen – das nennt man Leben und freie Entscheidung.“ Carola H.*

„Ich kann dank Ihres Berichtes die ethische Idee hinter dem Lockdown besser nachvollziehen. Allerdings, was soll die Lösung sein? Wenn man alle nicht gefährdeten Personengruppen in "Sippenhaft" nimmt, dann hat das schwere Folgen für die Wirtschaft und Spätfolgen für das Gesundheitssystem. Trifft der Lockdown dann die Risikogruppen von morgen? Und all die Menschen die ihr Hab und Gut verlieren oder harte finanzielle Einbußen haben. Alte Menschen die man nicht mehr besuchen darf. Wo soll hier die Ethik sein?“ Sebastian D.*

Wir Älteren haben uns Zeit unseres Lebens selbst geschützt; selbst schützen müssen, wir schaffen das auch weiterhin

„Noch stehe ich erst kurz vor der 70, aber bin trotzdem erbost über diese Schutzideen. Wir Älteren haben uns Zeit unseres Lebens selbst geschützt; selbst schützen müssen, wir schaffen das auch weiterhin. Was soll die ganze Heuchelei? Egal ob Influenza oder sonstige Gefahren, niemals hat sich die Politik darum geschert, wie Risikogruppen damit umgehen. Die viel größere Risikogruppe sind aktuell die Kinder, deren physische und psychische Gesundheit systematisch angegriffen wird, ohne jeglichen nachgewiesenen Nutzen. Und die können sich nicht selber schützen.“ Gudrun W.*

„Sie kommen zu der Einschätzung, ein Strategiewechsel hin zum Schutz der Risikogruppen wäre "zynisch, unethisch und gefährlich". Das kann man so sehen, wenn man den Kontext vergisst, in dem wir uns befinden. Die ständigen unberechenbaren und auf einer rein technischen und nicht verifizierten Grundlage ausgerufenen Lockdowns haben für die gesamte Bevölkerung genau das bewirkt, was Sie nicht wollen. Alle Menschen "müssen zu Hause bleiben", "werden massiv in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt".

Zurzeit wird allen Menschen die Fähigkeit zur Eigenverantwortung abgesprochen. Prof. Streeck hat wiederholt darauf hingewiesen, dass man positiv arbeiten soll, also nicht mit Verboten, sondern mit Vorschlägen und Angeboten – dies widerspiegelt sich auch in seinen Ideen zum Schutz von krankheitsanfälligen Menschen, egal ob sie alt oder jung sind. Viele Menschen denken wie ich, aber es gibt keine Möglichkeit, dies in einen öffentlichen Diskurs einzubringen. Gerade dieser ist aber notwendig, damit die Gesellschaft als Ganzes lebensfähig und versöhnt bleibt. So wie jetzt kann es doch nicht weitergehen. Wir als Gesellschaft müssen alle zusammen einen geeigneten Ausweg finden und nicht wie das Kaninchen vor der Schlange hocken bleiben und auf eine Wunderheilung warten.“ Angelika B.*

Unser Text stieß auch auf Zustimmung:

„Ich staune immer wieder, wie schnell das Recht auf Selbstbestimmung für Alte und Schwache ausgehebelt wurde. Sind diese Menschen gefragt worden, ob sie geschützt werden wollen? Wer das Grundgesetz ernst nimmt, verweigert keinem Menschen, egal ob er alt, geistig oder körperlich eingeschränkt ist, das Recht auf ein selbstbestimmtes würdiges Leben. Isolation macht nachweislich krank und kann zum Tod führen. Isolation ist kein Schutz!“ Christine B.*

„Wie wäre es, wenn alle Älteren aus den sogenannten Risikogruppen sich weigerten, ihre Enkel zu betreuen? Das gäbe einen Aufstand der Jüngeren. Im Übrigen bin ich kein Risiko für andere. Wir Rentner sind inzwischen keine kleine Gruppe mehr, sondern schon ein richtiger Tsunami, wenn es sein muss.“ Thilo K.* 

"Mit Sicherheit möchte ich niemanden gefährden, möchte selber aber ebenso wenig durch weitere Isolation gefährdet werden."

„Die Strategie und Konsequenzen der sogenannten Herdenimmunität werden ja oft – und leider auch von namhaften Wissenschaftlern – nicht zu Ende gedacht, einschließlich der ethisch-moralischen Abgründe, die sich da auftun.“ Christian T.*

„Mit Ihrem Bericht haben Sie völlig Recht. Es gibt in Deutschland einen sehr hohen Anteil an Menschen unter 60 Jahren, welche ebenso zur Risikogruppe dazugezählt werden müssten: Diabetiker, Bluthochdruckpatienten und Menschen mit überstandenen Vorerkrankungen und schweren Operationen. Wenn wir Vorerkrankten nicht unseren Dienst in dieser Situation leisten würden, bräche das ganze System völlig zusammen.“ Armin W.*

„Ich habe Psychologie studiert, Theater gespielt, gesungen, getanzt, drei Kinder großgezogen, war Sekretärin eines bekannten Politikers, bin Schriftstellerin und male mittlerweile mit links, weil ich Multiple Sklerose habe und sogar für draußen einen Rollstuhl brauche. Ich gehöre demnach zum eloquenten Teil der Gesellschaft, die geschützt werden muss. Ich bin ein aktiver Mensch, bin nicht mehr viel draußen, weil behinderungsgerechte Plätze immer noch fehlen. Mit Sicherheit möchte ich niemanden gefährden, möchte selber aber ebenso wenig durch weitere Isolation gefährdet werden.“ Louise L.*

* Alle Absender sind uns namentlich bekannt. Da wir aber persönlich angeschrieben wurden, haben wir die Nachnamen zur Wahrung der Anonymität abgekürzt. 

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