Die zweite Welle der Infodemie

Ein Zukunftsszenario

die ZukunftsReporter – Ihre Korrespondenten aus Welten, in denen wir bald leben könnten

ein Projekt von Sonja Bettel, Carina Frey, Alexander Mäder und Rainer Kurlemann

Was kommt nach Corona? Sicher ist: Wir müssen aus der Krise mehr lernen als das richtige Händewaschen. Die ZukunftsReporter haben eine Watchlist mit Themen erstellt, die sich durch Corona verändern werden und verändern müssen. In einer sechsteiligen Artikelserie greifen wir diese Themen auf und werfen einen Blick in die Zukunft.

Teil 2: Der Kampf gegen Falschinformationen und Verschwörungstheorien

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Stellen wir uns einmal vor, für die nächste Pandemie werden Vorkehrungen getroffen, um Verschwörungstheorien und Falschinformationen einzudämmen. Nach den Erfahrungen mit Corona soll eine Agentur dafür sorgen, dass die Menschen möglichst rational diskutieren. Doch die öffentliche Debatte gerät trotzdem außer Kontrolle. Von Alexander Mäder

Die schlechte Nachricht erreicht Daniela Wittstock in ihrer Küche, als sie gerade einen Tee aufsetzt. Es ist die dritte Woche des Shutdowns, ein neues Influenza-Virus breitet sich rasant aus und die Pandemie steuert noch auf ihren Höhepunkt zu. Auf dem Monitor am Kühlschrank blinkt ein rotes Warnlicht neben der Meldung ihres Mitarbeiters Nelson Suarez: „Gespräch mit der Ministerin um 10.45 Uhr!“ Wittstock nimmt den Teefilter aus der Kanne und eilt zurück an ihren Schreibtisch.

„Was will sie denn?“, fragt sie Suarez ohne Begrüßung, als die Videoverbindung steht. „Das haben sie im Ministerium nicht gesagt“, antwortet er. „Aber wenn du mich fragst, planen sie ein Statement.“ Wittstock braucht einen Moment, um das zu verdauen. Sie öffnet noch einmal den Pressespiegel, den sie am frühen Morgen bekommen hat, und klickt auf den Fall Mohammed A.: „Was wusste der Superspreader?“ lautet eine Schlagzeile und „So könnte das Virus aus Algerien nach Deutschland gekommen sein“ eine andere. Es gibt aber auch Medien, die verlangen, dass man nicht vorschnell urteilen dürfe, weil noch keine Fakten auf dem Tisch lägen.

Die Beiträge sind mit gelben Ausrufezeichen markiert, was von Wittstock erhöhte Wachsamkeit erfordert, sie aber noch nicht zum Handeln zwingt. Nach den automatischen Berechnungen ist nicht zu erwarten, dass das Narrativ der muslimischen Einschleppung der Epidemie verfängt. Die traditionellen und die sozialen Medien werden sich bald wieder anderen Themen zuwenden, das sagt zumindest die Warnfarbe Gelb. Suarez scheint ihre Gedanken zu erraten und sagt: „Du weißt doch, dass sich die Ministerin eher auf ihr Bauchgefühl verlässt als auf Zahlen.“

Eigentlich ein Grund stolz zu sein

„Bekommen wir vorher noch ein Meeting hin?“, fragt Wittstock. „Nur der enge Kreis.“ Ihr Mitarbeiter nickt. Es wäre das erste Mal in der zwölfjährigen Geschichte des Bundesforums für gesellschaftlichen Austausch, dass die Politik der Agentur in die Parade fährt und ihr das Krisenmanagement abnimmt, daher möchte seine Chefin ihre Reaktion absichern. „Fünf wären kurzfristig verfügbar“, meldet er. „Das genügt mir“, antwortet Wittstock. „Lieber die Rückendeckung von fünf Stakeholdern als gar keine.“

In den vergangenen zwölf Jahren hat die Agentur, die alle nur „das Forum“ nennen, die öffentliche Debatte neu aufgestellt. Die Organisation lädt online und analog zu Diskussionen ein und veranstaltet auch repräsentative Bürgerdialoge, wenn sie damit beauftragt wird. Weil sie dezentral organisiert ist und über ein ordentliches Budget verfügt, kann sie auch in kleinen Städten präsent sein. Mit der Zeit hat sie sich den Ruf erworben, unvoreingenommen zu informieren und ernsthaft an den Meinungen der Bürgerinnen und Bürger interessiert zu sein. In der noch jungen Influenza-Pandemie hat sich das Konzept bewährt: Die Angebote des Forums werden noch stärker nachgefragt als sonst, und die Reproduktionszahl von Verschwörungstheorien und absichtlichen Falschinformationen liegt unter 1. Mit anderen Worten: Sie laufen sich früher oder später tot.

Eigentlich ein Grund stolz zu sein, denkt sich Wittstock, die seit gut einem Jahr das Forum leitet. Wir haben ein solides Fundament für die öffentliche Debatte geschaffen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden weder in die alarmistische, noch in die verharmlosende Richtung übertrieben, die Maßnahmen zum Infektionsschutz werden transparent begründet und die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger an die Politik zurückgespiegelt. Wie könnte eine einzelne infizierte Person muslimischen Glaubens, die in Frankfurt am Samstagabend drei Clubs besucht und dort Menschen angesteckt hat, diesen Erfolg ins Wanken bringen?

Die Ministerin gießt Öl ins Feuer

Eine halbe Stunde später spricht Wittstock mit fünf Stakeholdern aus dem Lenkungskreis des Forums. Forschung, Kirchen, Gewerkschaften, Schulen und Erwachsenenbildung sind vertreten. Auf das Nachrichten-Ausbreitungsmodell, mit dem Wittstock rechnet, möchte sich keiner von ihnen verlassen. Der eher niedrige geschätzte Impact der Berichterstattung über Mohammed A. überzeugt sie nicht. „Wir steuern auf eine neue Infodemie zu“, sagt die Wissenschaftlerin. „In der Berichterstattung stecken zu viele unbegründete Andeutungen und Spekulationen.“ Der Kirchenvertreter kritisiert hingegen die Stigmatisierung der Muslime: „In den sozialen Medien geht es vorwiegend um seinen Bart und seine familiären Verbindungen nach Algerien. Ob er die Hygieneregeln eingehalten hat, ist nebensächlich.“

„Aber ein Statement der Ministerin würde doch nur Öl ins Feuer gießen“, wendet Wittstock ein. „Wir sollten lieber unser Tool zur Depolarisierung einsetzen.“ Sie ruft das Protokoll auf und geht die Stichpunkte kurz durch: die Fakten und die offenen Fragen zusammenfassen, die Ängste der Bürger erheben und als berechtigt darstellen, ebenso die Ängste der muslimischen Gemeinde in Deutschland, dabei die gemeinsamen Werte betonen – und in den nächsten Tagen mit den Religionsgemeinschaften Diskussionsrunden ausrichten. „Wird das nicht zu lange dauern?“, fragt ein Lehrer skeptisch. „Und was machen wir gegen die Falschinformationen?“, fragt die Wissenschaftlerin. „Wir müssen uns schon entscheiden“, sagt Wittstock. „Geht es darum, eine Minderheit zu schützen, oder darum, die Medien zu korrigieren?“

Um 14 Uhr tritt die Wissenschaftsministerin mit ernstem Gesicht vor die Presse. „Wir sollten Menschen nicht nach ihrem Namen oder ihrem Aussehen beurteilen“, sagt sie. „Das widerspricht den Werten unserer offenen Gesellschaft.“ Während die Ministerin spricht, meldet ein Frankfurter Labor, dass 59 Club-Besucher positiv getestet worden seien. Sie alle haben sich mit der Virusvariante infiziert, die in Nordafrika grassiert. Es ist das erste Auftreten dieses Typs nördlich der Alpen.

Wer moderiert jetzt noch die Debatte?

Binnen einer Stunde springt die Impact-Schätzung des Bundesforums von der Warnstufe Gelb auf Rot. Wittstock setzt drei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Fall Mohammed A. an. Sie mischen sich auf den sozialen Plattformen in Diskussionen ein, erstellen Factsheets für unterschiedliche Zielgruppen und vermitteln Experteninterviews an die Medien. Doch zu den für 18 Uhr einberufenen Onlinediskussionen melden sich enttäuschend wenige Menschen an. „Die Leute diskutieren schon woanders“, erklärt Nelson Suarez in einer Videoschalte.

Ihre letzte Hoffnung hat Daniela Wittstock auf eine frühere Kommilitonin gesetzt, die eines der größten Nachrichtenportale des Landes leitet. „Sollen wir den Fall mal öffentlich diskutieren?“, hat sie am Nachmittag gefragt. Nun kommt die Absage: „Das wäre wirklich wichtig“, antwortet die Chefredakteurin. „Aber wir stehen gerade unter Beschuss, weil wir angeblich die Situation verharmlosen. Wir seien wie das Forum, heißt es. Ich muss gleich ein Statement aufnehmen und mich von euch abgrenzen.“

Wittstock flucht leise, als sie die Nachricht von ihrem Bildschirm wischt. Ihr Partner legt ihr die Hand auf die Schulter, sie hat ihn nicht hereinkommen hören. „Hast du heute Abend noch zu tun?“, fragt er. „So, wie’s aussieht, nicht“, antwortet sie grimmig. „Organisiert heute also jemand anderes die Debatte?“ Sie lacht kurz auf. „Nein, die Debatte überlassen wir dem Spiel der Kräfte.“

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Die Annahmen, auf denen das Zukunftsszenario beruht

Für einen Infektionsausbruch, der zur Stigmatisierung von Minderheiten führt, gibt es ein aktuelles Beispiel: In Südkorea hat ein 29-jähriger Mann, der laut Medienberichten homosexuell sein soll, Anfang Mai mehrere Clubs besucht und dabei möglicherweise viele Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt. Mehr als 100 Gäste der Clubs wurden jedenfalls positiv getestet. Wie CNN berichtet, steht die LGBTQ-Bewegung in Südkorea seitdem noch stärker unter Druck als ohnehin schon. Viele Menschen hätten versucht, den Corona-Test zu umgehen, um nicht mit der Schwulenszene in Verbindung gebracht zu werden.

Das Zukunftsszenario geht davon aus, dass Deutschland die Corona-Pandemie zwar glimpflich übersteht, aber nach der Krise dennoch darüber debattiert, wie sich die Kommunikation verbessern lässt. Politik und Wissenschaft fordern, die Bürgerinnen und Bürger vor Falschinformationen zu schützen, weil die Desinformation inzwischen professionell organisiert wird. Und die Wirtschaft errechnet, dass sie wegen der zu schnellen Lockerung der Schutzmaßnahmen letztlich länger mit Einschränkungen leben musste und dadurch zusätzlich Geld verlor. Letztlich gehe es darum, so sagt man einhellig, dass die politische Willensbildung von Rationalität, Solidarität und Verantwortung geprägt bleibe. Die Akteure haben aber unterschiedliche Ziele: Die Wissenschaft will in der öffentlichen Debatte nicht zum Spielball der Interessen werden, die Politik will die Krisensituation überschaubar und beherrschbar machen, und die Zivilgesellschaft möchte verhindern, dass Grundwerte unter die Räder kommen.

Es gibt viele Organisationen, die sich schon heute für eine bessere Kommunikation einsetzen: etwa die Landesmedienanstalten, die Zentralen für politische Bildung und gesundheitliche Aufklärung, die Initiative Wissenschaft im Dialog und das Science Media Center Germany, um nur einige zu nennen. Um das Szenario gedanklich freier ausgestalten zu können, hat der Autor jedoch eine neue Einrichtung gewählt. Stakeholder aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens gründen das Bundesforum für gesellschaftlichen Austausch. Die Agentur soll in der Zeit bis zur nächsten Krise – es muss nicht unbedingt eine Pandemie sein – die nötige Infrastruktur aufbauen und die Kommunikation erproben. Für das Zukunftsszenario wird vorausgesetzt, dass ihr das gelingt. Auf dieser Grundlage will der Autor ausloten, wie weit diese Kommunikationsstrategie trägt.

Die traditionellen und sozialen Medien sind nicht Teil dieses neuen Kommunikationssystems. Die großen IT-Firmen sehen sich ohnehin nur als Intermediäre, als Überbringer von Nachrichten. Nur zögerlich übernehmen sie Verantwortung für die Inhalte, die in ihren Plattformen ein Massenpublikum erreichen. Und die klassischen Medien von der Lokalzeitung bis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk – so die Prämisse dieses Szenarios – werden es ablehnen, sich zum Sprachrohr der Mächtigen umfunktionieren zu lassen.

Diese Annahmen können sich am Ende als falsch herausstellen, aber sie sind nicht unbegründet, wie die folgenden Belege zeigen sollen:

  • Zum Umgang mit einer Pandemie gehört eine transparente Kommunikation. In einer ethischen Leitlinie von 2016 hebt die Weltgesundheitsorganisation WHO hervor, dass die Behörden sicherstellen sollen, dass ihre regelmäßigen Botschaften von allen verstanden werden – unter Umständen durch speziell formulierte Botschaften an einzelne Gruppen. Die Behörden sollen auch betonen, wenn ihre Entscheidungen auf unsicheren Daten beruhen, sie sollen Falschinformationen entgegentreten und Medienvertreter fachlich fortbilden. Grundsätzlich stellt sich die WHO aber einen Dialog mit der Öffentlichkeit vor: „Frühzeitig mit betroffenen Gemeinschaften Kontakt aufzunehmen und die Interessen aller potenziell betroffenen Menschen zu berücksichtigen, kann eine wichtige Rolle dabei spielen, Vertrauen aufzubauen und die Gemeinschaften in die Lage zu versetzen, sich an einem echten Dialog zu beteiligen.“ Auch im deutschen Nationalen Pandemieplan von 2017 ist dieser Auftrag zum Dialog zu finden: „Rückmeldungen, Fragen und Kritik sollten wahr- und ernst genommen und transparent dargestellt werden, um damit den Informationsbedürfnissen aller angesprochenen Zielgruppen Rechnung zu tragen.“
  • Doch vielfach geteilte Falschinformationen in sozialen Medien, wirkungsvolle Videos mit Verschwörungstheorien und einige gut besuchte „Hygienedemos“ im Mai lassen manche zweifeln, dass die bisherige Kommunikationsstrategie aufgeht. Der Corona-Monitor, eine wöchentliche Umfrage zur Krise, hat im Mai ermittelt, dass zehn Prozent der Befragten sowohl glauben, Corona sei menschengemacht, als auch glauben, Corona sei ein Schwindel, obwohl die beiden Überzeugungen nicht zusammenpassen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Ende März davor gewarnt, dass versucht werde, Meinungen zu manipulieren und die Gesundheit der Bürger zu gefährden. Und im April veröffentlichten Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger einen offenen Brief, in dem sie von einer „Infodemie“ sprechen. In beiden Appellen stehen die sozialen Netzwerke im Fokus.
  • Auch die traditionellen Medien sind in der Corona-Krise kritisiert worden. Der Medienforscher Stephan Ruß-Mohl hat entsprechende Statements im April zusammengetragen: Zu den Kritikpunkten zählen ein unreflektierter Umgang mit angsteinflößenden Bildern und Grafiken sowie das lange Ausbleiben einer vielfältigen Diskussion über das Krisenmanagement der Regierungen. In einem späteren Kommentar unterstreicht Ruß-Mohl seine Bedenken, dass der eigentlich systemrelevante Journalismus wissenschaftliches Wissen nicht gut genug einordnen könne. Das liege an „uns allen, soweit wir gedankenlos erwarten, dass erstklassiger, unabhängiger Journalismus gratis bereitgestellt werden kann und sich allein aus Werbeerlösen oder aus Staatsknete finanzieren lässt“.
  • Der öffentliche Druck zu schrittweisen Lockerungen ab Mitte April war so groß, dass ein alternatives Ziel des Krisenmanagements fast aus dem Blick geriet: die Neuinfektionen auf ein so niedriges Maß zu bringen, dass in jedem Einzelfall die Kontaktpersonen ermittelt und isoliert werden können. Ein solches Vorgehen hat beispielsweise Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation empfohlen. Im „Zeit“-Interview erklärt sie, dass davon auch die Wirtschaft profitiere: „Jede unentdeckte Infektion ist ein potenzielles Risiko für einen Betrieb. Sie kann dazu führen, dass eine ganze Abteilung vorübergehend in Quarantäne gehen muss. Solch ein Ausfall kostet Geld. Je geringer die Zahl der Neuinfektionen, desto besser können die Betriebe arbeiten.“ Eine Simulation des ifo-Instituts und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung unterstreicht diese Empfehlung: Darin haben die Forscher errechnet, dass die wirtschaftlichen Kosten ansteigen, wenn die Reproduktionszahl des Erregers bei 1 oder darüber liegt. Wirtschaftlich am günstigsten sei eine Reproduktionszahl um 0,75, wie sie in Deutschland nach den Ausbrüchen Mitte Juni seit einigen Tagen wieder zu beobachten ist. Das Zukunftsszenario geht davon aus, dass wir uns im Rückblick wünschen werden, wir wären etwas länger streng mit uns selbst gewesen, weil das die wirtschaftlichen Gesamtkosten gesenkt hätte. Das Bundesforum soll sich also auch dafür einsetzen, dass ökonomisch sinnvolle Entscheidungen möglich werden.

Wäre ein Bundesforum der richtige Weg zu einer besseren politischen Willensbildung? Für diese hoffnungsvolle Sichtweise spricht, dass die Agentur einen Schwerpunkt auf die Diskussionskultur legt: Auf zahlreichen Wegen lässt das Forum Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu Wort kommen und arbeitet die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den Perspektiven heraus. Solche Deliberationsverfahren können hilfreich sein, um Gräben zwischen politischen Lagern zu überbrücken, argumentieren Forscherinnen und Forscher aus der Politikwissenschaft und Philosophie, die in diesem KlimaSocial-Beitrag vorgestellt werden. Verschiedene Redaktionen suchen derzeit nach Wegen, um die öffentliche Debatte produktiver zu gestalten: beispielsweise die Initiative „Deutschland spricht“ von Zeit-Online und die App „Diskutier mit mir“, die Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten zusammenbringen, oder die Redaktion von The Buzzard, die unterschiedliche Perspektiven zu politischen Fragen kuratiert. Doch gegen die optimistische Sichtweise spricht, dass die traditionellen und sozialen Medien nicht Teil des Bundesforums sind und eine andere Diskussionskultur verfolgen könnten: Sie könnten polarisieren und zuspitzen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen und noch etwas Geld zu verdienen. Sie könnten sich auch gegen das Forum stellen.

Zum Schluss ein Kommentar des Autors: Zentral für die demokratische Debatte ist nicht, dass sie rational abläuft, sondern dass sich jede und jeder frei einbringen kann. Vor allem die weniger lauten Stimmen müssen gehört werden oder zumindest hörbar sein. Redaktionen können dazu beitragen, eine freie und faire Diskussion aufrechtzuerhalten, und aus dieser gesellschaftlichen Verantwortung sollte man sie nicht entlassen. Eine ähnliche Empfehlung hat die Datenethikkommission im Oktober 2019 der Bundesregierung gegeben – allerdings gemünzt auf die sozialen Medien: Die Plattformen sollten dazu verpflichtet werden, „den Nutzern zumindest als zusätzliches Angebot auch einen Zugriff auf eine tendenzfreie, ausgewogene und die plurale Meinungsvielfalt abbildende Zusammenstellung von Beiträgen und Informationen zu verschaffen“.

Drei Expert*innen schätzen das Zukunftsszenario ein

1. Eine übergeordnete Vernunftagentur?

Elisabeth Hoffmann, Leiterin Presse und Kommunikation der TU Braunschweig

Anfang 2019 sorgten einhundert Lungenärzte in Deutschland für Wirbel. Mit ihrer Kritik an den Grenzwerten für Stickstoffoxid und Feinstaub in Deutschland erhielten sie viel mediale Aufmerksamkeit. Während Wissenschaftsredaktionen sich sogleich ans Werk machten, nachrechneten und prüften, war aus der Wissenschaft selbst tagelang kaum etwas zu hören. Die Falschinformationen im Statement und mit ihnen entsprechende politische Schlussfolgerungen hatten ordentlich Zeit, sich auszubreiten. Es war beschämend. Die Idee aus dem Kreis der Wissenschafts-PR, eine „schnelle Eingreiftruppe“ gegen solche Falschinformationen zu gründen, schien mir damals sehr verlockend. Man könnte das öffentliche Grundrauschen beobachten und, wie im hier sehr gut entwickelten Szenario beschrieben, bei Bedarf gegenhalten. Mit eben den beschriebenen Mitteln: Factsheets und Expertenstatements aufbieten, Debatten organisieren, Falschinformationen richtigstellen.

Wir können an vielen anderen Stellen beobachten, wie Falschinformationen systematisch und professionell verbreitet und politisch instrumentalisiert werden. Ist der Gedanke an eine solche professionelle und evidenzgestützte Zentralagentur mit dezentralen Ablegern nicht zwingend?

Trotzdem ist mir mulmig bei dem Gedanken an ein Forum, wie es hier geschildert wird. In wessen Auftrag handelt es? Welche Ziele verfolgt es? Soll es die übergeordnete Vernunftagentur geben, die immer eingreift, wenn die öffentlichen Diskussionen in die falsche Richtung gehen oder zu eskalieren drohen? Wer legt denn die Grenzwerte für welche Themen fest, wer programmiert die entsprechende KI, die die Ampel auf Grün, Gelb oder Rot setzt? Und was konkret wäre dann die Mission? Die Vernunft verteidigen oder „die Wissenschaft allgemein“? Für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Vielfalt eintreten? Den Klimawandel entschleunigen? Geht das überhaupt gleichzeitig?

Eine solche Agentur hätte immer die paternalistische Attitüde, die mich auch in der transformativen Wissenschaft stört. Das Modell des Forums geht davon aus, dass wir auf der Basis von neutralen oder wissenschaftsgestützten Fakten und Argumenten eine bessere Gesellschaft erschaffen können. Es meint, dass alle vernünftig werden, wenn sie sich nur gut informieren und offen austauschen können. Dabei gibt es viele Menschen, die keine Zeit für Lektüre oder keine Lust auf moderierte Debatten haben. Selbst die Ministerin im Szenario glaubt lieber ihrem Bauchgefühl als den evidenzbasierten Tools der Agentur. Und auch die Beiratsmitglieder argumentieren spontan und jeweils im Eigeninteresse.

Tun wir das nicht alle? Mal ehrlich: Niemand von uns hat die Chance, sich wirklich über alle Aspekte zum Beispiel einer Pandemie ausreichend zu informieren. Als Bürgerinnen und Bürger spüren wir mehr und mehr unsere Abhängigkeit von Erkenntnissen und Technologien, die wir nicht verstehen. Dort, wo wir nicht genug wissen, müssen wir entscheiden, wem wir vertrauen. Ich persönlich würde dem Forum erst mal grundsätzlich soweit Glauben schenken, wie ich seinen Auftraggebern vertraue. Damit wäre nicht viel gewonnen. Denn ein Bundesforum, zur Transparenz verpflichtet, könnte ja immer nur diejenigen erreichen, die die Arbeit der Bundesregierung bereits grundsätzlich befürworten. Ähnlich wäre es mit einem Forum im Auftrag der Wissenschaft oder anderer Stakeholder.

Eineinhalb Jahre nach dem Feinstaub-Fiasko bin ich allerdings deutlich optimistischer, was die Kommunikationsfähigkeit der Wissenschaft angeht. Wir sind heute weiter. Viele Menschen haben durch Corona einen Crashkurs in Wissenschaftspropädeutik absolviert. Wissenschaftler*innen haben ihr Wissen wie auch die bestehenden Wissenslücken und Unsicherheiten enorm früh öffentlich geteilt und sich der Diskussion gestellt. Sie sind als Personen couragiert in Erscheinung getreten und haben sich nicht hinter ihren Pressesprechern oder einer Agentur versteckt (auch dann nicht, wenn sie von einer Agentur – schlecht – beraten wurden). Was sie brauchen, ist nicht eine Zentralagentur, sondern ganz konkret den Rückhalt und die Unterstützung ihrer Einrichtungen und der jeweiligen Fachcommunity.

Ich glaube immer noch, dass wir gegen Falschinformationen schnell eingreifen müssen, als Expertinnen und Experten – für die Fakten und für die Kommunikation darüber. Aber nicht mit einer „Truppe“ sondern mit mehreren vielen, die transparent und mutig für die jeweils eigenen Themen und Interessen eintreten. Die Wissenschaften jedenfalls sind es allemal wert, das wir für sie einstehen.

2. Die Informationsspaltung geht weiter

Oliver Kannenberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Parlamentarismusforschung (IParl), Berlin

Zum Thema Partizipation: Es mangelt gegenwärtig nicht an Online-Plattformen und Online-Portalen. Die Einführung eines neuen Bundesforums, um Menschen mit verschiedenen Standpunkten zusammenzubringen und diskutieren zu lassen, müsste also einen realen Mehrwert bieten. Die Informationsspaltung einzudämmen, also dem Auseinanderdriften von realen wie vermeintlichen Fakten entgegenzuwirken, wäre sicherlich ein solcher Mehrwert. Ob das Forum dafür die richtige Institution wäre, sehe ich aber kritisch.

Selbst wenn die Frage geklärt wäre, ob ein weiterer Kommunikationsraum notwendig ist, um eine „Infodemie“ einzudämmen, stellt sich für mich die Frage nach der Partizipationsrate. In den Erläuterungen zum Zukunftsszenario steht: „Zentral für die demokratische Debatte ist nicht, dass sie rational abläuft, sondern dass sich jede und jeder frei einbringen kann.“ Der Erfolg eines solchen Bundesforums ist mit der breiten Akzeptanz in der Bevölkerung verknüpft. Die Menschen, die an einer ausgewogenen Debatte interessiert sind und daran partizipieren wollen, sind nicht jene, die eher Meinung ausdrücken und Bestätigung erlangen wollen, wie es in den sozialen Medien und manchen Kommentarspalten etablierter Zeitungen zum Ausdruck kommt. Gelingt es einem solchen Forum gleichzeitig alle Seiten zu berücksichtigen und partizipieren zu lassen und dennoch das qualitative hochwertige Maß an Berichterstattung und Faktensicherung zu garantieren?

Einige Zweifel habe ich zudem hinsichtlich der Akzeptanz in der Bevölkerung auf einer staatlichen Plattform zu diskutieren, eventuell sogar mit Klarnamen. Gerade in der Gruppe der Systemkritischen, die bereits Vorbehalte gegenüber der Presse und dem öffentlichen Rundfunk hegen, wäre es wohl sehr schwierig, diese zur Partizipation zu animieren. Zudem erinnert mich die Zusammensetzung des Expertenrats sehr an eine bereits etablierte Institution, die weit entfernt davon ist, in der öffentlichen Debatte kritiklos betrachtet zu werden: dem Rundfunkrat (oder Fernsehrat, Hörfunkrat). Bestehende Vorbehalte würden eventuell weiter verstärkt werden.

Sollte die angestrebte breite Partizipationsbasis nicht gelingen, könnte lediglich eine weitere Plattform für eine gewisse Klientel bereitgestellt werden, die sich auch auf anderen Wegen vernetzt und damit zur Informationsspaltung beiträgt.

Zum Thema Willensbildung: Wäre ein Bundesforum der richtige Weg zu einer besseren politischen Willensbildung, würde es bereits bestehende Formen konsultativer Bürgerbeteiligung ergänzen oder fortführen? Das Institut für Parlamentarismusforschung war bereits an einem solchen Modell, dem Bürgerrat Demokratie, beteiligt. Diese Modelle weiter zu befördern ist nicht nur wünschenswert, sondern könnte in naher bis mittlerer Zukunft eine Notwendigkeit darstellen. Schließlich leiden die etablierten Arenen der Willensbildung, allen voran die politischen Parteien, seit Jahren an einem starken Mitglieder- oder Beteiligungsrückgang.

Dennoch sollte die Funktion der Parteien für die anvisierten Ziele der Bundesagentur nicht unterschätzt werden. Sie leisten eben die Artikulation unterschiedlicher Ansichten, verhandeln nach innen wie außen politische Standpunkte und besetzen aus ihrer Mitte heraus Positionen. Gleichzeitig prägen sie die Rahmenbedingungen der öffentlichen Debatte, indem sie rechtliche Möglichkeiten und Grenzen setzen und über Ministerien und andere staatliche Einrichtungen Diskussionsgrundlagen schaffen. Willensbildung findet zweifelsohne in zahlreichen Kommunikationsarenen einer Gesellschaft statt. Die konkrete Übersetzung in politisches Handeln ist nach wie vor größtenteils den Parteien überlassen. Die Ergänzung durch konsultative Bürgerforen, die dazu neigen, die Partizipation ressourcenstarker Bevölkerungsteile zu bevorteilen, ist dabei gerne gesehen und wird auch zunehmend von den Parteien selber organisiert.

Ich sehe das Ziel, „die weniger lauten Stimmen hörbar zu machen“ und eine „freie und faire Diskussion“ zu ermöglichen, eher in der Verbindung aus Repräsentation und Konsultation über Parteien, Verbände, Medien, zivilgesellschaftliche Akteure und dezentrale Bürgerforen. Die Einrichtung einer Zentralinstanz würde nach meiner Einschätzung nicht zielführend sein.

3. Dringt nicht durch den medialen Lärm

Markus Weißkopf, Geschäftsführer der Wissenschaft im Dialog gGmbH, Berlin

Das „Forum“ ist sicherlich ein interessantes Gedankenspiel, das in ähnlicher Form auch bereits an einigen Stellen in der Wissenschaftskommunikations-Community diskutiert wurde. In Großbritannien verfolgt beispielsweise die Organisation Sciencewise einen ähnlichen Ansatz. Und auch viele der Aktivitäten, die bei Wissenschaft im Dialog und anderswo stattfinden, binden mehr und mehr auch zivilgesellschaftliche Organisationen ein und tragen den Dialog zu aktuellen und kontroversen Themen auch in ländlichere Gebiete. Dabei verfügen diese – anders als im gewählten Beispiel – allerdings nicht über ein „ordentliches Budget“… Das bedeutet, dass die aktuellen Aktivitäten (zumindest nicht in der Einzelbetrachtung) eben nicht die Reichweite des hier skizzierten „Forums“ erreichen und auch nicht akut auf Krisensituationen reagieren können.

Allerdings bin ich eher skeptisch, ob eine Ad-hoc-Reaktion in Krisenzeiten eine zentrale Aufgabe eines „Forums“ sein sollte oder könnte. Es ist nur schwer vorstellbar, dass eine derartige Organisation im Zweifel gegen Kampagnen in den sozialen Medien oder von traditionellen Medien eine Chance hat oder auch nur durch den normalen medialen „Lärm“ in einer derartigen Situation dringt.

Letztlich müsste es vielleicht mehr darum gehen, in „normalen Zeiten“ (die durchaus auch schon kontroverse Debatten mit sich bringen können) Dialoge unter Einbezug vieler Stakeholder zu führen, die nicht nur ein elitäres Publikum in den Hochschulstandorten erreichen. Wie gesagt, geschieht das heute bereits an vielen Stellen. Die Frage ist dann eher, ob wir im Sinne eines pluralistischen Ansatzes diese Initiativen stärken sollten, oder doch eher ein Zentralorgan wie das Forum. Generell kann ein verstärkter Dialog gerade in Nicht-Krisenzeiten die bereits in den Siggener Papieren beschriebene „Bullshit-Resilienz“ der Gesellschaft stärken, aber auch den jeweiligen Akteuren ihre gesellschaftliche Verantwortung deutlicher machen. Dies wäre meines Erachtens die beste Vorsorge, um in einer Krisensituation einen offenen und sachorientierten gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen. ●


Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-​​Koralle „die ZukunftsReporter“. Er wurde durch den Covis-10/Sars-CoV-2-Recherchefonds der Wissenschaftspressekonferenz e.V. unterstützt und basiert auf einer Watchlist der ZukunftsReporter zu Themen, die sich durch Corona verändern werden oder verändern müssen. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gerne einen kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind. Uns interessiert Ihre Meinung: Bitte schreiben Sie uns unter [email protected]

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