Kreativität aus der Konserve

Wie künstlerisch ist die Künstliche Intelligenz?

Computer können Bilder malen und Geschichten schreiben. Doch auf welchem Niveau? Drei Studierende aus Stuttgart machen einen Turing-Test: Können wir die Kunstwerke der Künstlichen Intelligenz noch entlarven? Ein Gastbeitrag von Anna Fritz, Alexander Jacob und Melchior Weinmann

Der britische Mathematiker Alan Turing (1912-1954) gehört zu den Gründervätern der Künstlichen Intelligenz. Ihn beschäftigte die Frage, ob Maschinen denken können. Um diese Frage zu beantworten, erfand er einen Test, der darin besteht, eine Versuchsperson mit einem Menschen und einem Computer chatten zu lassen. Anschließend muss die Versuchsperson entscheiden, welcher Gesprächspartner Mensch und welcher Maschine war. Turing selbst bezeichnete den Test für den Computer als bestanden, wenn sich mehr als 30 Prozent der Versuchspersonen täuschen lassen.

Heute ist Künstliche Intelligenz längst mehr als ein Modewort, und ein Großteil der als KI bezeichneten Technik erhält diese Bezeichnung ausschließlich aus PR-Gründen. Der Begriff der Intelligenz ist schon für Menschen nicht geklärt. Wie soll er da auf Computer angewendet werden?

Als intelligent bezeichnen wir die Fähigkeit, abstrakt und vernünftig zu denken. Vorausgesetzt wird sowohl die Fähigkeit, Wissen zu transferieren, als auch, aus Gedanken zweckvolles Handeln abzuleiten.

Letztlich sind KI-Systeme nichts weiter als Algorithmen, die mathematisch Probleme lösen oder Lösungswege finden. Das geschieht aber erst, wenn der Mensch Informationen eingibt. Ohne vorgegebene Beispiele kann eine Künstliche Intelligenz derzeit noch nicht selbst lernen. Es handelt sich also um algorithmisch getriebene Datenverarbeitung, wobei heutzutage neuronale Netze eine beliebte Methode sind. Diese sind flexibel und beinahe universal einsetzbar. Neuronale Netze orientieren sich an biologischen Gehirnfunktionen und deren Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten.

Neuronale Netze sind eine abstrakte Nachbildung der Informationsverarbeitung von Neuronen im organischen Nervensystem und heute eine der meistgenutzten KI-Technologien, welche meist in Form von Deep Learning auftritt.

Die heutigen KIs sind kritisch betrachtet höchstens eine Vorstufe der Wunschvorstellung eines tatsächlich intelligenten Systems. In Zukunft hofft man, Systeme entwickeln zu können, die fähig sind, durch universelle Intelligenz auch unbekannte Probleme zu lösen. Dies würde man als starke Künstliche Intelligenz bezeichnen.

Die heutige KI ist hingegen durchweg schwach. Obwohl anzuzweifeln ist, dass Maschinen wirklich intelligent sind, können sie aber schon heute komplexe Sätze bilden und in vielen Bereichen täuschend echt die Leistung eines Menschen simulieren. Wir, drei Studierende der Universität Stuttgart und der Stuttgarter Hochschule der Medien, haben daher Turings Test abgewandelt: Wir wollten wissen, wie gut der Unterschied zwischen Mensch und Maschine erkennbar ist, wenn es um Kreativität geht.

Wir haben während einer Kunstvernissage in Stuttgart (Kunschd. Exstase. Techno. 23.11.2019) drei Versuchspersonen Bilder des Berliner Künstlers Roman Lipski, ein Lied (‚Sariel‘ von Two Steps from Hell) und einen Text (geschrieben von einer Sechstklässlerin) vorgeführt. Zur Gegenüberstellung ein Kunstwerk, das eine von Lipski genutzte KI auf Basis seiner Werke generiert hat, ein Lied aus der Feder einer KI (‚Free Spirit’ von aiva.ai) und einen Text, geschrieben von der KI GTP2, sprachlich auf Mittelstufen-Niveau. Die letztgenannte Software kann von Internetnutzern kostenlos ausprobiert werden, indem man dem Programm ein paar englische Sätze als Vorlage liefert.

Unsere Versuchspersonen kommen aus verschiedenen Berufen, arbeiten jedoch alle kreativ. Interviewt wurden eine Germanistikstudentin, ein Architekturstudent und ein Nachwuchsregisseur. Ihren Turing-Test haben wir im Video festgehalten.

Kreativität aus der künstlichen Feder

Einige Arbeitsplätze werden in Zukunft höchstwahrscheinlich durch den Einsatz der Künstlichen Intelligenzen wegfallen. Fraglich ist allerdings, ob dies ausschließlich leicht automatisierbare Berufe betrifft oder ob auch kreativere Berufe betroffen sind. Kreativität und Kunst werden häufig als die letzte Bastion des Menschen bezeichnet. Können also Maschinen kreativ sein oder ist Kreativität ausschließlich dem Menschen überlassen?

Kreativität bedeutet in erster Linie: das Erschaffen von etwas Neuem, oft auch als kommunikativer Akt zwischen Schaffendem und Rezipierendem bezeichnet.

Dass Kreativität allerdings weit mehr meint als das Erschaffen selbst, sagen die zwei Experten, die im Rahmen des Projekts interviewt wurden.

Ulrike Pompe-Alama ist Professorin der Philosophie an der Universität Stuttgart, ihre Fachgebiete sind die Wissenschaftstheorie, die Reflexion der Computersimulationstechnologie und die theoretische Philosophie. Sie beschreibt Kreativität als einen „kommunikativen Akt zwischen Erschaffer und Betrachter“. Eine Maschine könne im Gegensatz zum Menschen nicht den Effekt des Erzeugnisses auf den Betrachter einkalkulieren, außerdem sei ihr dieser auch egal.

Roman Lipski ist ein Maler aus Berlin, der in seiner Kunst versucht, mit der Maschine in einen Dialog zu treten und das für ihn erschaffene intelligente System als Inspirationsquelle zu nutzen. Seine Werke wurden unter anderem für den im Video angewandten Test genutzt. Ulrike Pompe-Alama sowie Roman Lipski sind sich einig, dass Kreativität für den Menschen erlernbar ist, es jedoch viele Umstände gibt, die diese verhindern oder behindern können. Lipski kritisiert in diesem Zusammenhang die Gesellschaft: Unser System sei nicht flexibel genug, um sich Individuen anzupassen.

Die Künstliche Intelligenz ist in den Augen des Malers im Übrigen gar nicht kreativ: „Was ich von ihr als Output bekomme, ist Mathematik pur. Das sind nur Variationen von meinen eigenen Werken.“ Pompe-Alama spricht von einem Wertverlust, da die Erzeugnisse einer KI beliebig oft reproduzierbar wären. Sie verweist bezüglich der Erlernbarkeit von Kreativität außerdem auf den Einfluss von Emotionen und Lebenserfahrung. Bei einer KI sind diese Einflüsse nicht gegeben. Das sieht auch Lipksi so. Für ihn fehle der KI schlicht die intrinsische Motivation, der eigene, auch von Gefühlen geleitete Wille, um echte Kreativität hervorzubringen.

Auch wenn im Zusammenhang zwischen Künstlicher Intelligenz und Kreativität die Phrase des ‚Geistes der Maschine‘ diskutiert wird, haben die heutigen KIs jedoch keinen eigenen Geist. Selbst bei zukünftigen, eventuell starken KIs wäre das unsicher und wahrscheinlich nicht notwendig. Einen Menschen wird eine KI somit so schnell nicht ersetzen.

Die KI als kreativer Assistent

Maschinen fällt oft leicht, was Menschen schwerfällt. Umgekehrt ist es jedoch genauso. Künstliche Intelligenz sollte (vor allem) in kreativen Berufen als Input und als Unterstützung des Menschen gesehen werden, da dieser durch die Arbeitserleichterung durch die KI meist schneller und effizienter arbeiten kann. So sieht das auch Pompe-Alama: „Die KIs heute sind nur ein Werkzeug aber mehr als ein bloßes Instrument.“ Ein Instrument, das auch Roman Lipski für sich entdeckt hat. Für ihn ist klar: „Kreativität behalten wir. Wir werden nicht ersetzt, wir werden unterstützt.“ Die KI selbst ist heute nicht in der Lage, etwas Originelles und Neues zu erschaffen. Vielmehr handelt es sich um Varianten von bereits Vorhandenem. Ohne Input (Eingabe der Trainingsdaten) des Menschen kann keine KI kreativ kreieren.

Auch im kreativen Bereich kann sich durch Künstliche Intelligenz also viel verändern, da die Technologie der KI einiges ermöglicht und zum Beispiel zu einer Produktivitätssteigerung führen kann. Jedoch haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu befürchten, dass in naher Zukunft all unsere Filme, Musikstücke und Kunstwerke nur noch das Ergebnis algorithmischer Verarbeitung sind. Arbeitsplätze in diesem Bereich werden vermutlich nicht ersetzt, jedoch kann der menschliche Arbeitsaufwand oftmals deutlich reduziert werden. Es werden Kapazitäten frei, die man gerade in kreativen Berufen für andere Dinge verwenden kann. Das denkt auch der Künstler Roman Lipski: „Mithilfe der KI kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, also auf das Auswählen und das Malen und dadurch kommt die Entschleunigung.“

Alexander Jacob studiert Medienwirtschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er produzierte den Videobeitrag für dieses Projekt. Anna Fritz studiert Germanistik und Anglistik an der Universität Stuttgart und ist Mitglied der Universitätszeitung. Sie ist die Autorin des Textes. Melchior Weinmann studiert im Master Elektro- und Informationstechnik an der Universität Stuttgart. Er war primär für die fachlichen Aspekte der KI-Systeme und ihrer Funktionsweisen zuständig.

In einem weiteren Projekt zur Künstlichen Intelligenz haben Studierende Bürgerinnen und Bürger um ihre Meinung gebeten und präsentieren die Antworten in Form einer virtuellen Busreise. Beide Projekte entstanden im Rahmen eines Bürgerdialogs der ZukunftsReporter in Stuttgart.

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