Geht die Ära der Aufklärung zu Ende?

Ein Zukunftsszenario

iStock / Richinpit Das Licht der Vernunft droht unterzugehen.

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Stellen wir uns einmal vor, der Populismus nimmt weiter an Fahrt auf. Fakten verlieren in der öffentlichen Debatte an Bedeutung. Sogar der Forschungsminister begründet seine Entscheidungen mit dem vermeintlichen Volkswillen. Doch letztlich werde die Vernunft siegen, beteuert der Bestsellerautor Steven Pinker wie eh und je.

Die Terminkollision war zu befürchten, aber der eng getaktete Tourplan des 79-jährigen Psychologen und Bestsellerautors Steven Pinker ließ keine Alternative: Nur zwei Stunden, nachdem sich die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2034 in Jakarta für das Halbfinale qualifiziert hat, tritt der aus Kanada stammende Pinker in München auf. Der Saal ist dennoch mit 500 Zuschauern voll besetzt. Im Internet warten noch viel mehr: Fast eine Millionen Menschen haben den Livestream aktiviert, wie der Moderator Leon Streiter bei einem Blick auf den Wandmonitor zufrieden feststellt. Pinker spricht mit seiner Botschaft zu den Segnungen der Vernunft offenbar vielen aus dem Herzen.

Die Diskussion mit Steven Pinker ist einer der Höhepunkte im Jubiläumsjahr der Aufklärung. 250 Jahre nach Immanuel Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ wird intensiv über das Erbe und das vermeintliche Ende dieser Epoche gestritten. Der prominente Intellektuelle soll an diesem Abend in München erklären, wie der Populismus in Deutschland zurückgedrängt werden kann, der nicht auf Vernunft und Wissenschaft setzt, sondern auf den vermeintlichen Volkswillen und den gesunden Menschenverstand. Seine Managerin hatte sich lange gegen dieses Thema gewehrt, denn Pinker hat vor einigen Jahren noch den Rückgang des Populismus vorhergesagt. Ihr wäre es lieber gewesen, man hätte sich auf die allgemeine These „Fortschritt durch rationalen Diskurs“ konzentriert und die fehlgeschlagene Prognose ignoriert. Doch nachdem es Streiter gelungen war, Pinker direkt zu kontaktieren, hatten sie sich rasch geeinigt. Pinker war bereit, sich zu rechtfertigen. Fehler einzugestehen, gehört zur Redlichkeit eines Forschers dazu. Nur würde Pinker tatsächlich einen Fehler zugeben?

Auf der Leinwand im Saal sind abwechselnd Auszüge aus Pinkers 2018 veröffentlichten Buch „Enlightenment Now“ zu lesen. Dort steht zum Beispiel: „Die freiheitliche Demokratie ist eine wertvolle Errungenschaft. Bis der Messias kommt, wird sie ihre Schwierigkeiten haben. Doch es ist besser, diese Probleme zu lösen, als einen Flächenbrand in Gang zu setzen und darauf zu hoffen, dass etwas Besseres aus der Asche emporsteigt.“ Oder: „Bildung bringt junge Menschen mit anderen Kulturen in Kontakt, die anschließend schwerer zu dämonisieren sind.“ Oder: „Bildung bringt Menschen, wenn alles richtig läuft, Respekt vor überprüften Fakten und durchdachten Argumenten bei. Sie schützt daher vor Verschwörungstheorien, Argumenten auf der Grundlage von Einzelfällen und emotionaler Demagogie.“ Schon bei diesen Sätzen klatschen viele Menschen im Publikum. Dann wird das Licht gedämpft. Als die beiden Gesprächspartner auf die Bühne treten, bricht tosender Applaus aus. 

Steven Pinker, Jahrgang 1954, ist Psychologe an der Harvard University. Sein Buch „Enlightenment Now“ erscheint am 26. September unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im S. Fischer-Verlag.
Steven Pinker, Jahrgang 1954, ist Psychologe an der Harvard University. Sein Buch „Enlightenment Now“ erscheint am 26. September unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im S. Fischer-Verlag.
Rose Lincoln, Harvard University

Als sich das Publikum wieder gesetzt hat, fordert Streiter seinen Gesprächspartner gleich heraus: „Herr Professor Pinker, vor 16 Jahren haben sie geschrieben, der Populismus sei eine politische Bewegung alter Männer und werde sich mit der Zeit selbst erledigen. Damals lagen populistische Parteien in Europa ungefähr bei 13 Prozent – heute sind es 33 Prozent. Warum sind die Populisten nicht ausgestorben?“ „Guten Abend. Ich hatte gehofft, wir würden erst über die Grundlagen sprechen: darüber, was Aufklärung ist und warum sie durch den Populismus bedroht wird. Aber ich gebe Ihnen gerne eine direkte Antwort: Weil die Veränderungen in unserem Leben tiefgreifender sind, als viele das für möglich gehalten haben.“

Leon Streiter stutzt. Er hatte eine ausführliche, vorbereitete Erklärung erwartet und sich mehrere Möglichkeiten zurechtgelegt, Pinker zu unterbrechen. Nun muss er, um die kurze Antwort verständlich zu machen, doch auf die Grundlagen zu sprechen kommen: „Ich verstehe. Sie denken vielleicht an die Software, die Ihre Antworten automatisch ins Deutsche übersetzt. Sie ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich unser Alltag durch die Künstliche Intelligenz verändert hat – schneller, als es vielen lieb ist.“ Jetzt unterbricht Pinker ihn: „Genau. Zu Beginn des Jahrhunderts haben der Multilateralismus und die Globalisierung den Menschen Angst eingeflößt. Vor allem die älteren, weniger gebildeten Männer sahen sich auf dem absteigenden Ast – nicht unbedingt wirtschaftlich, sondern vor allem kulturell. Und dieser Trend setzt sich nun mit der Digitalisierung fort. Doch Mobilität und Vernetzung sind gut für die Gesellschaft – dafür müssen wir weiter kämpfen.“

„Die Aufklärung ist auch nach 250 Jahren kein Selbstläufer?“, fragt Streiter und bereut es sofort, Pinker den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt zu haben. „Nein, die Globalisierung und Digitalisierung werden wir zwar nicht mehr rückgängig machen können. Doch jede Generation muss sich aufs Neue vergewissern, wie viel ihr die Ideale der Aufklärung, wie viel ihr also Toleranz, Frieden, Rationalität und Wissenschaft gebracht haben. Und dazu sollten Sie“ – Pinker zeigt auf Streiter – „und Ihre journalistischen Kollegen etwas beitragen. Viel zu oft orientieren Sie sich in Ihren Berichten an gefühlten Wahrheiten. Sie folgen dem, von dem sie glauben, dass es die Meinung des Volkes ist. Dabei sollten Sie die Veränderungen korrekt einordnen. Wenn ein Problem auftaucht – sagen wir, dass Sprachlehrer ihren Job verlieren oder ein Wörterbuchverlag schließen muss –, wollen Sie sofort das Rad zurückdrehen. Dabei sollten Sie sich fragen, ob das unterm Strich nicht eine viel schlechtere Alternative wäre. Mir sträuben sich die Haare, wenn ich daran denke, wie viel wir verlieren würden.“

Jetzt hat Streiter einen Ansatz gefunden, um zu seiner Ausgangsfrage zurückzukehren. „Ich versuche doch gerade, etwas für das Publikum einzuordnen“, beginnt er. „Es geht mir um die Frage, wie wir uns die Wahlerfolge der populistischen Parteien erklären können. Sie haben seinerzeit argumentiert, die Wähler dieser Parteien hätten Angst, dass sie sozial und kulturell absteigen. Nun sagen Sie, die Angst sei durch die Digitalisierung gewissermaßen erneuert worden und treffe inzwischen auch jüngere Menschen. Aber ich frage mich, ob nicht Ihre zugrundeliegende Hypothese falsch sein könnte.“ Streiter macht eine Pause in der Hoffnung, dass Pinker fragt, welche Hypothese er meine. Doch Pinker antwortet: „Das ist ein wenig zugespitzt, aber für einen Journalisten haben Sie meine These angemessen zusammengefasst.“

Streiter bemüht sich, die Lacher aus dem Saal zu überhören. „Mit der zugrundeliegenden Hypothese meine ich, dass Sie weiterhin glauben, mit dem ruhigen und rationalen Austausch von Argumenten sei jedes Problem zu lösen.“ „Was sollte daran falsch sein?“, fragt Pinker verwundert zurück. „Emotionen sind zwar wichtig im Leben, doch sie lösen keine Probleme. Sie verursachen sie vielmehr.“ „Das meinte ich nicht“, hakt Streiter nach. „Ich meinte, dass die Probleme, die wir heute lösen müssen, für unseren Kopf zu groß sein könnten. Dass Populisten deshalb Aufwind haben, weil sie klare Lösungen anbieten, wo sich die Aufklärung im Detail verliert. Der Klimawandel schreitet voran, Millionen Kinder leben in extremer Armut, die Meere sind überfischt und so weiter – diese Probleme werden seit Jahrzehnten diskutiert, aber nicht gelöst.“

„Okay, dann muss ich etwas Wichtiges klarstellen“, setzt Pinker an. „Nehmen wir Ihren neuen Forschungsminister, der dem populistischen Spektrum zuzurechnen ist. Wie war noch sein Name?“ Die Übersetzungssoftware gibt seinen Versuch, den Namen Stenzinger-Schedlowski auszusprechen, originalgetreu wieder. „Ich habe gehört, dass seine Entscheidungen und Ankündigungen die Wissenschaftler ziemlich verwirren: Er ist gegen Homöopathie, aber auch gegen zu viele Impfungen. Er will die Plastikproduktion reduzieren und die Kernkraft wiederbeleben, die Sie in Deutschland so verteufeln. Und er will Geld für den neuen Teilchenbeschleuniger umschichten, um eine Marsexpedition zu ermöglichen. Ich frage Sie, ist er nun gut oder schlecht für die Wissenschaft?“ Streiter schaut in den Saal. „Diese Frage gebe ich weiter an das Publikum. Wenn Sie mögen, dann sagen Sie uns jetzt Ihre Meinung.“

Über ihre Phones können die Zuschauer abstimmen. Einige Sekunden später erscheint auf der Leinwand das Ergebnis der spontanen Umfrage: 37 Prozent finden die politischen Aktivitäten des Ministers gut für die Wissenschaft, 48 Prozent finden sie schlecht. Pinker verzieht sein Gesicht, als er die Zahlen sieht. „Sie sehen, der Mann findet selbst hier bei diesem kritischen Publikum Sympathien. Dabei ist das Problem mit Ihrem Minister, dass er sich wild aussucht, woran er glaubt und was er gut findet“, sagt Pinker. „Er orientiert sich nicht an den soliden Erkenntnissen der langjährigen Forschung, sondern an seinem eigenen Urteil. Das ist grundsätzlich schlecht für die Wissenschaft, auch wenn manche seiner Thesen mit den wissenschaftlichen Empfehlungen übereinstimmen.“

Streiter will gerade fragen, ob die Wissenschaft mehr tun sollte, um für Vertrauen zu werben, als Pinker noch etwas einfällt: „Das könnten Sie“ – er zeigt erneut auf Streiter – „in Ihren Berichten häufiger erklären: dass die Alternative zum kleinteiligen und zähen Lösen unserer Probleme eine Katastrophe wäre. Mit dem gesunden Menschenverstand erreicht man gar nichts, denn in diesem Punkt haben Sie Recht, Herr Streiter: Die Herausforderungen heute sind zu groß, als dass wir sie mit den einfachen Rezepten bewältigen könnten, die einem Populisten so einfallen. Wir brauchen dafür die systematische Untersuchung und kritische Prüfung der Wissenschaft.“ Streiter liegt die Frage auf der Zunge, ob diese Haltung nicht zu elitär ist, um Menschen zu gewinnen. Hat die Wissenschaft immer Recht? Wo findet die persönliche Erfahrung der Menschen ihren Platz?

Doch über den Knopf in seinem Ohr bittet die Regie Streiter, den Kurzfilm über das Leben Pinkers anzumoderieren. Die sekundengenaue Zuschaueranalyse hat ergeben, dass Pinker sein Publikum überzeugt hat. Nun will es mehr über sein Engagement erfahren. Ein Heimspiel für ihn, denkt Streiter. Die Populisten und ihre Anhänger haben offenbar nicht zugeschaut.


Mehr über die Wähler populistischer Parteien und ihre Motive erläutern wir Ihnen im zweiten Teil des Beitrags. Uns interessiert Ihre Meinung: Bitte schreiben Sie uns unter hallo@zukunftsreporter.online, wie Sie die Zukunft des Populismus und der Aufklärung sehen. Die Reaktionen unserer Leserinnen und Leser fassen wir in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“ demnächst zusammen.

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Die AfD ist mit 92 Abgeordneten im Bundestag vertreten. Sie sitzen am rechten Rand des Plenarsaals.
Die AfD ist mit 92 Abgeordneten im Bundestag vertreten. Sie sitzen am rechten Rand des Plenarsaals.
iStock / dstaerk

Eine hilfreiche Definition von Populismus geht auf den Politologen Jan-Werner Müller von der Princeton University zurück. In seinem Buch „Was ist Populismus?“ schreibt er, dass es beim Populismus nicht zwingend um Emotionalisierung oder Vereinfachung gehe. Auch demokratisch eingestellte Menschen können schlecht argumentieren oder an die niederen Instinkte appellieren. Was Populisten auszeichnet und zu einer Gefahr für die Demokratie mache, sei: dass sie für sich in Anspruch nehmen, als einzige den Volkswillen zu vertreten. Andere Meinungen sind in ihren Augen gegen das Volk gerichtet, und alle, die sich ihnen nicht anschließen, stehen außerhalb des Volks. Das würgt die demokratische Debatte über die beste politische Lösung ab und es führt zu einer Fundamentalkritik des politischen Systems. Werner fasst den Gedankengang der Populisten so zusammen: „Da Populisten die schweigende Mehrheit (eigentlich: alle) vertreten, kann mit den Institutionen etwas nicht in Ordnung sein, da die Populisten sonst ja längst an der Macht wären.“ Und wenn die Populisten einmal an der Macht sein sollten, akzeptieren sie keine Opposition, denn die vertritt ja nicht den Volkswillen. Werner schränkt zwar ein, dass populistische Parteien in der Praxis durchaus Koalitionen eingehen, aber er sagt: Ihrem Selbstverständnis nach sind sie nicht bloß eine weitere Partei, sondern etwas Besonderes – „die 100 Prozent“.

Auf die politischen Inhalte kommt es bei der Definition des Populismus nicht an. Was das Volk will, müssen die Populisten nicht unbedingt vom Volk erfragen: Sie konstruieren sich ihr Volk vielmehr, schreibt Werner. „Aber sie brauchen ein moralisches Unterscheidungskriterium, welches das gute Volk von den schlechten Eliten trennt.“ Das Volk können zum Beispiel die fleißigen Arbeiter sein oder die tugendhaften Bürger. Der Historiker Rolf-Ulrich Kunze vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bezeichnet den Populismus daher als inhaltlich „leer“. Kunze ist Autor des Buchs „Nation und Nationalismus“ und bringt im kommenden Jahr ein Lehrbuch zu diesem Thema heraus. Darin beschreibt er den Populismus als ein politisch verführerisches Instrument. „Der Populismus ist die mächtigste Ressource zur Erzeugung von Akzeptanz“, sagt er im Interview. „Er ist eine ständige Versuchung.“ Die populistische Strategie könne man mit ganz verschiedenen politischen Themen verknüpfen. Und das geschehe immer wieder, seit im 19. Jahrhundert die repräsentative Demokratie entstand. Beim Wiener Kongress 1815 machten die Mächtigen die Neuordnung Europas noch unter sich aus. Doch schon einige Jahrzehnte später suchten sie nach Akzeptanz in der Bevölkerung. Um 1900 hatten populistische Bewegungen in den meisten westlichen Ländern Konjunktur und trieben die Regierungen vor sich her.

Was können wir aus der Geschichte lernen? Rolf-Ulrich Kunze sieht – bei aller wissenschaftlichen Vorsicht, da sich die Geschichte nicht exakt wiederholt – eine historische Parallele zur heutigen Situation: den Wunsch, die Kontrolle zurückzugewinnen. Um einen Eindruck von der Epoche um 1900 zu geben, zitiert er seinen Kollegen Joachim Radkau von der Universität Bielefeld, der in seinem Buch „Das nervöse Zeitalter“ die Neurasthenie beschrieb: eine damals neu etablierte Krankheit von Männern, eine Mischung aus Aggressivität und Defensivität. In einem Tagebucheintrag aus dieser Zeit wird zum Beispiel die fatalistische Haltung vertreten, dass Deutschland von den Russen früher oder später angegriffen werde und man die Folgen höchstens noch mildern könne, indem man den Russen zuvorkomme. „In ähnlicher Weise könnten sich Menschen heute durch technische Entwicklungen bedrängt sehen, die sie nicht steuern können“, sagt Kunze. Allerdings spielt für den heutigen Populismus auch eine Rolle, dass die Parteien in Deutschland seit der Wende zusammen etwa die Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben. „Politische Kommunikation findet zwar statt, aber nicht mehr im Ortsverein der Partei“, sagt Kunze. „Die Parteien müssen daher nach Wegen suchen, die Kommunikation auch in den neuen Medien zu gestalten.“ Dass die neuen Medien und sozialen Netzwerke die aktuelle Situation von früheren deutlich unterscheiden, sagt auch die Politologin Suzanne Schüttemeyer von der Universität Halle-Wittenberg. Im Unterschied zu früher fühlen sich heute viele Menschen besonders gut informiert und vertreten ihre Meinung entsprechend lautstark, auch wenn sie in der eigenen Echokammer womöglich nur gefilterte Informationen erhalten.

Zu den Ursachen des aktuellen Aufstiegs der Populisten in vielen Ländern befragt, betont die Politologin Suzanne Schüttemeyer zunächst einmal, dass viele Faktoren zusammenspielen und es große Unterschiede zwischen den Ländern gibt. Und dann erklärt sie: „In Deutschland haben wir traditionell eine ablehnende Einstellung gegenüber den Parteien, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Sie spüren das zum Beispiel, wenn Bundestagsdebatten, in denen – zumeist bei sogenannten Gewissensfragen – die Fraktionsdisziplin aufgehoben ist, als Sternstunden des Parlaments bezeichnet werden.“ Der Anti-Parteien-Effekt sei zwar seit dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahrzehnte in den Hintergrund getreten, doch heute breite sich die Sorge um einen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg wieder aus – und die politischen Institutionen würden dafür verantwortlich gemacht. Es gehe zwar nur wenigen Menschen tatsächlich schlecht, sagt Schüttemeyer. „Vielmehr haben sie Angst, dass es ihnen und dem ganzen Land bald schlechter gehen könnte. Dann heißt es: Ihr kümmert euch nicht um uns.“ In Zahlen: Nur zwölf Prozent der Personen, die 2016 die AfD wählen wollten, schätzten ihre wirtschaftliche Lage als schlecht ein. Aber ein Drittel glaubte, dass sie künftig schlechter werden würde, und zwei Drittel nahmen das für die allgemeine ökonomische Entwicklung an.

Zur Frage, wer populistische Parteien wählt, verweist Suzanne Schüttemeyer auf die „Zeitschrift für Parlamentsfragen“, deren Chefredakteurin sie ist. Dort ist in zwei Beiträgen die Bundestagswahl 2017 analysiert worden, bei der die AfD mit 12,6 Prozent drittstärkste Kraft wurde. Der emeritierte Politologe Eckhard Jesse hat für einen Beitrag dort die repräsentativen Wahlkreise ausgewertet, in denen bei Bundestagswahlen die Stimmzettel mit Alter und Geschlecht der Wahlberechtigten gekennzeichnet werden. Nach diesen Zahlen hatte die AfD im September 2017 den stärksten Zuwachs bei Männern und Frauen zwischen 35 und 69 Jahren: In diesen Altersklassen wählten mehr als 19 Prozent der Männer die AfD und mehr als 11 Prozent der Frauen. Im Durchschnitt kam die AfD bei Männern auf 16,3 und bei Frauen auf 9,2 Prozent. Unter den ostdeutschen Männern wurde die AfD mit 27,6 Prozent sogar die stärkste Partei. In einem weiteren Beitrag haben Knut Bergmann, Matthias Diermeier und Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft die Wahlergebnisse aller Wahlkreise analysiert, um so gut es geht einige Hypothesen zu testen, mit denen der Erfolg der AfD erklärt wird. Die bisherigen Studien ergeben noch kein konsistentes Bild. Und auch das Fazit der aktuellen Analyse lautet: „Es ist kein eindeutiges Muster erkennbar.“ Im Einzelnen haben die Forscher untersucht:

-         Ist die AfD eine Partei der Arbeitslosen? Das sieht nicht so aus, denn es gibt keine deutlichen Unterschiede zwischen den AfD-Ergebnissen in Wahlkreisen mit hoher und in Wahlkreisen mit niedriger Arbeitslosenquote.  In Wahlkreisen, in denen die Arbeitslosigkeit seit 2012 gestiegen ist, und in solchen, in denen sie sank, erzielte die AfD im Durchschnitt ähnliche Ergebnisse. Die AfD ist also nicht nur dort stark geworden, wo zuletzt viele Menschen arbeitslos wurden.

-         Ist die AfD eine Partei der Abstiegssorgen? Das halten die Forscher für möglich. Die Partei ist in den Wahlkreisen besonders stark, in denen viele Menschen in der Industrie arbeiten. Möglicherweise ist dort die Angst verbreitet, dass im Zuge der Globalisierung Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, spekulieren die Autoren. Der tatsächliche Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie hatte allerdings keinen Einfluss auf das Abschneiden der AfD. Als Gegenbeispiele nennen die Forscher Ingolstadt und Zwickau, wo in den letzten Jahren die Zahl der Arbeitsplätze in der Industrie zugenommen hat. Trotzdem holte die AfD dort mit 15 bzw. 26 Prozent sehr gute Ergebnisse.

-         Ist die AfD eine Partei der Abgehängten? Als ungefähres Kriterium kann dafür der Rückgang der Bevölkerung in einem Wahlkreis dienen. Das Ergebnis der Analyse: Wer in diesen Gegenden zurückbleibt, wählt tatsächlich häufiger AfD. Besonders stark ist dieser Effekt in Ostdeutschland.

-         Ist die AfD vor allem dort gewählt worden, wo seit September 2015 viele Flüchtlinge eintrafen? Diese Frage lässt sich noch nicht beantworten, da die letzten Zensus-Zahlen, die für diese Studie berücksichtigt werden konnten, vom Dezember 2015 stammen.

Einen wichtigen Aspekt der politischen Arbeit der AfD hat das Institut für Parlamentsfragen untersucht, das von Suzanne Schüttemeyer geleitet wird. Zwischen September 2016 und Juli 2017 hat ein Team bei allen größeren Parteien untersucht, wie sie ihre Kandidaten für die Bundestagswahl auswählen. Die Forscher haben insgesamt 125 Versammlungen protokolliert, mehr als 10.000 Fragebögen von Delegierten ausfüllen lassen und mehr als 400 vertiefende Interviews geführt. Die Ergebnisse: Die AfD war bemüht, flächendeckend Kandidaten aufzustellen, was ihr auch bis auf ein Dutzend Wahlkreise gelungen ist. „Alle Parteien verlangen von den Kandidaten großen persönlichen Einsatz“, sagt Benjamin Höhne, der stellvertretende Leiter des Instituts. „Das tut sich nicht jeder an, wenn es keine Chance gibt, tatsächlich gewählt zu werden.“ Bei der AfD sei hinzugekommen, dass allen klar war: „Wer als AfD-Kandidat antritt, muss mit Anfeindungen rechnen. Aber die Partei hat genügend Feindbilder gefunden – das etablierte Parteienkartell, wie es die Populisten bezeichnen, und die vermeintlich staatstreuen Medien – und das schweißt zusammen.“ Bei der AfD registrierten die Forscher das höchste Demokratieniveau: Dort wurde den Bewerbern und den Fragestellern viel Zeit eingeräumt, so dass die Parteitage auch zwei oder drei Wochenenden in Anspruch nehmen konnten. Zudem handelte es sich oft um Mitglieder-, nicht um Delegiertenversammlungen – aus Höhnes Sicht ein Vorbild für andere Parteien, um politisches Engagement zu fördern. „Die AfD fordert mehr direkte Demokratie und hat das auch intern umgesetzt“, berichtet er. „Man merkte: Denen geht es um die Sache, sonst würden sie sich die wirklich langen Auseinandersetzungen nicht antun.“ Allerdings ist die AfD noch eine junge Partei, die viel ausprobiert. Höhne rechnet damit, dass das Demokratieniveau mit der Zeit reduziert wird, weil es ein beträchtlicher Kostenfaktor ist. Andere rechtspopulistische Parteien in Europa werden durchaus straff geführt, etwa die Partei von Geert Wilders in den Niederlanden.

Welche Maßnahmen gegen Populismus sind denkbar und sinnvoll? Jan-Werner Müller, Rolf-Ulrich Kunze und Suzanne Schüttemeyer machen Vorschläge:

-         Sind Populisten ein notwendiges Korrektiv für eine Demokratie, deren Regierung den Kontakt zum Volk zu verlieren droht? Rolf-Ulrich Kunze hält es zumindest für sinnvoll, dass man sich nun fragt, warum so viele Menschen im Populismus eine Lösung für ihre Probleme sehen: „Sie haben das Gefühl, dass ihre Stimme nicht mehr zählt“, sagt er. „Das kann als Weckruf für die Demokratie gesehen werden.“ Allerdings sei damit allein noch keine Strategie gegen den Populismus formuliert. Jan-Werner Müller gesteht dem Populismus immerhin so viel zu: Er sei „ein Phänomen, das uns dazu zwingt, darüber nachzudenken, was wir von der Demokratie eigentlich erwarten.“

-         Ein Rat von Rolf-Ulrich Kunze lautet: „Wir können die vernunftorientierte Kommunikation stärken.“ Allerdings gleitet Populismus leicht in Verschwörungstheorien ab, weswegen dieser Strategie Grenzen gesetzt sind. Kunze warnt: „Populisten sind nicht am Bohren dicker Bretter interessiert, sondern suchen sich immer neue Feindbilder und Skandale. Sie werden nicht an ihren Erfolgen gemessen, sondern an der Intensität der Kommunikation. Damit hinterlassen sie eine Schneise der Verwüstung, und andere müssen hinter ihnen aufräumen.“ Auch Jan-Werner Müller fordert eine Auseinandersetzung mit Populisten: „In Fällen, in denen Populisten Volksverhetzung betreiben oder gar zur Gewalt rufen, greift das Strafrecht. In allen anderen jedoch – so persönlich unangenehm oder politisch unappetitlich dies auch sein mag – muss man nun mal die Ansprüche, und nicht nur die vermeintlichen Ängste, der Bürger ernst nehmen.“

-         Suzanne Schüttemeyer findet sogar, die Bürger, Medien und Parteien hätten es in der Hand, wie weit die Populisten kommen. „Wir müssen uns gegen das Bild der abgehobenen Eliten wenden“, sagt sie. „Auch im alltäglichen Umfeld müssen wir dagegenhalten, wenn antidemokratische Gedanken geäußert werden.“ Der Streit über die Abweisung von Flüchtlingen an der Grenze im Juni und Juli 2018 mit Seehofers Rücktrittsdrohung sei ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Denn die CSU habe hierbei das Vorurteil bestätigt, dass politische Diskussionen als egomanische Machtkämpfe innerhalb der Elite ausgetragen werden.

-         Rolf-Ulrich Kunze empfiehlt außerdem, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu betonen: „Je intensiver sie in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im Verein oder in der Kirche empfunden werden, umso größer ist die Hemmung, an scharfe Lösungen zu glauben, weil man eher an konkrete Menschen denkt als an abstrakte Regelungen.“


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