Züchte Dir eine Verpackung

Ecovative Design und ihre Bio-Komposite

Eben Bayer hat bereits den gesamten Tag mit Reden verbracht, als wir ihn auf der “Hello Tomorrow”-Konferenz in Paris treffen. Er war einer der Hauptredner auf der großen Bühne im Auditorium und wir haben Glück, dass er noch ein paar Minuten Zeit hat, bevor er zurück zum Flughafen muss. Eben hat seine Firma Ecovative Design schon vor zehn Jahren gegründet, aber er strahlt immer noch die gleiche Begeisterung aus wie die Hunderte von Gründern auf der Konferenz, die alle erreichen wollen, was Eben geschafft hat: ihr Startup in ein erfolgreiches Unternehmen umzuwandeln.

WUNDERDING: Der Name Ecovative, kommt aus Öko, wie in der Ökologie, und innovativ. Was sind die Hauptzutaten für euer Produkt?

Eben Bayer: Was wir tun, ist etwas Besonders in der Biologie. Wir machen Produkte aus lebenden Organismus. Die meisten Menschen kennen es andersherum: man nimmt Hefe in Wasser mit Zucker - dabei entsteht Bier und die Hefe wirft man weg. Nun, wir züchten eine filamentöse Hefe und die Struktur, die die Hefe bildet, ist das Endprodukt. Es ist also ein bisschen wie beim Brotbacken. Dazu nehmen wir Hanf oder Pflanzenmüll, wir mahlen es, so dass man Partikel hat, dann legt man die Hefe-Mycelzellen in diese Mischung und im Laufe von vier Tagen wachsen die Zellen durch und um die Hackschnitzel oder den Hanf und so wächst buchstäblich ein Kleber und bindet alles zusammen. Und so haben wir unsere Biokomposite geschaffen: der Körper des Organismus, in diesem Fall die Hefezellen, wird zum Produkt.

WUNDERDING: Wie hat Ecovative angefangen?

Eben Bayer: Ich habe Ecovative als Student in einer Klasse namens “Erfinderstudio” gegründet, deren Ziel es war, Erfindungen zu schaffen, die sich positiv auf die Welt auswirken könnten. Ich gründete Ecovative zusammen mit meinem Kollegen Gavin McIntyre im Keller und zehn Jahre später haben wir zwei Einrichtungen im Norden von New York und Patente in 30 verschiedenen Ländern, in denen wir unsere Produkte herstellen. Wir entwickeln Produkte für die Verpackung, für den Hochbau, für die Innenausstattung und schon bald beginnen wir, diese Technologien und Produkte in andere Regionen zu transferieren, zum Beispiel nach Israel oder in die Niederlande.

WUNDERDING: Was ist der Hauptvorteil gegenüber Kunststoffmaterialien? 

Eben Bayer: Der größte Vorteil, den ich bei gewachsenen Materialien und speziell bei Mycel-Biokompositen sehe, ist, dass sie giftfrei sind. Sie sind so gut, dass man sie sogar am Ende essen könnte. Sie sind "Cradle to Cradle" Gold-zertifiziert und am Ende ihrer Nutzungsdauer sind sie zu Hause kompostierbar. Das ist großartig für die Verpackung, denn wenn Sie in der Post Verpackung bekommen, bekommen Sie einen Nährstoff, nicht einen Schadstoff. Wenn es im Bauwesen verwendet wird, ist es stabil und effektiv, genau wie Holz. Und sollte man eines Tages das Haus abreißen müssen, wurde etwas verbaut, das nicht toxisch ist und keine schädlichen Verbindungen enthält.

WUNDERDING: Und was ist mit dem wirtschaftlichen Aspekt?

Eben Bayer: Über die signifikanten Vorteile bei der Nachhaltigkeit und die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hinaus, ist das Verfahren tatsächlich sehr wirtschaftlich. Wir verwenden relativ preiswerte Substrate - Holzspäne oder landwirtschaftliche Abfälle, der Organismus vermehrt sich, so dass wir nicht viel von diesem Material brauchen. Die Kapitalkosten für den Bau einer Fabrik sind ebenfalls relativ gering und ich denke, das war ein wichtiger Faktor, um uns auch über Nischenaktivitäten hinaus zu bewegen. Unsere bekanntesten Kunden sind Firmen wie Dell - sie benutzen das Material, um ihre Server zu verpacken, aber es gibt viele andere kleinere Unternehmen, von denen Sie noch nie gehört haben, die unsere Verpackungen verwenden, weil es für sie funktioniert und weil es ein Vorteil für deren Kunden ist, nicht Styropor mit giftigen weißen Zeug zu bekommen.

WUNDERDING: Welche Arten von Organismen verwendet ihr, um die Biokomposite herzustellen? Arbeitet ihr mit gentechnisch veränderten Organismen?

Eben Bayer: Was wir heute verwenden sind wildlebende, nicht-gentechnisch veränderte Organismen. Trotzdem denke ich, dass es einen großen Vorteil und Nutzen bringen könnte, Organismen mit den Methoden der Synthetischen Biologie zu entwickeln. Betrachten wir zum Beispiel die Zellwandstruktur unseres Mycels. Sie ist schon stark, aber wie kann ich diese Zellwand noch stärker machen? Sie ist natürlich feuerbeständig, aber nicht völlig feuerfest. Also wie schaffen wir es, dass dieses Mycel, wenn es wächst, mehr feuerbeständige Verbindungen produziert und einlagert, um ein sicherere Struktur zu bilden? Das sind alles Bereiche, von denen ich denke, dass die synthetische Biologie sehr wirkungsvoll sein wird und wir viel Mühe und Zeit in sie investieren. In der Tat haben wir einen Zuschuss von 10 Millionen Dollar von DARPA, um unseren Organismus mit synthetischer Biologie grundsätzlich programmierbar oder ingenieurfähig zu machen. Dafür haben wir eine Forschungsabteilung bei Ecovative und wir arbeiten auch mit einer Reihe von Universitäten wie der Columbia Universität zusammen.

WUNDERDING: Was ist Deine Vision für Evocative Design und die Bio-Composites?

Eben Bayer: Für unser Verpackungsmaterial ist es mein Ziel, dafür zu sorgen, dass wir unser Produkt auf so viele verschiedene Anwendungsgebieten wie möglich übertragen. Verpackung ist von Natur aus ein regionales Geschäft und es ist oft das Letzte, woran die Leute denken, wenn sie ein Produkt entwerfen. Mein Ziel dabei ist: Wir haben bewiesen, dass es mit großen Marken funktioniert, wir haben bewiesen, dass es mit kleineren Marken funktioniert. Jetzt wollen wir Leute in Deutschland dazu bringen, es zu produzieren, wir wollen, dass Menschen in den Niederlanden und in China es produzieren. Ich möchte es an vielen verschiedenen Orten sehen. Es wird nicht in allem sein, weil es nicht die richtige Lösung für jedes Paket ist. In Bereichen, in denen Styropor verwendet wird, weil das Produkt empfindlich, zerbrechlich oder schwer ist, möchten wir unseren Kunden helfen, es dort zu ersetzen. Aber wenn Sie ein iPhone versenden, benötigen Sie eigentlich keine Plastikverpackung, sondern Papier. Deshalb würde ich es gerne überall sehen, wo Plastikschäume verwendet werden.

WUNDERDING: Du hast ein neues spezielles Produkt gerade hier um Dein Handgelenk. Was ist anders daran?

Eben Bayer: Ich freue mich riesig auf diesen Textil-Stoff, aus dem dieses Armband besteht. Es liegt irgendwo zwischen Leder und einem seidenähnlichen Material und wir beginnen gerade mit dem Skalieren. Das Material basiert auf 100% Myzel, im Gegensatz zu unseren anderen Verpackung, die ja aus einer Mischung aus Mycel und landwirtschaftlichen Abfällen bestehen. Es ist eine gereinigte Form von Myzel, in eine Struktur eingewachsen, so dass man es zu einem Textil verarbeiten kann.


Eine englische Fassung des Artikels findet ihr auf unserer WUNDERDING Webseite. Dazu weitere Artikel, Startup-Porträts und Interviews mit Gründern, CEOs und Wissenschaftlern.