Faserplatten zu Aktivkohle

Eine neue Recycling-Methode für eure Möbel

Act&Sorb

Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass meine geliebten IKEA-Möbel aus Holzfaserplatten, die ich als Schüler erworben hatte, nahezu nicht zu recyceln sind und dass sie wahrscheinlich eines Tages auf einer Mülldeponie verbrannt werden oder verrotten. So war ich ziemlich überrascht, als ich bei Falling Walls Venture diese unangenehme Wahrheit erfuhr. Kenny Vanreppelen und sein Startup „Act & Sorb“ haben aber vielleicht eine Lösung für dieses Problem entwickelt: mein Schreibtisch soll in Aktivkohle umgewandelt werden und dann zum Beispiel Wasser filtern und reinigen. Klingt gut, fast so gut wie Schwerter zu Pflugscharen.

Nach seinem Pitch bei Falling Walls Venture trafen wir Kenny und er erzählte uns, wie er dies möglich machen will.

WUNDERDING: Kannst Du uns einen Überblick geben, was “Act & Sorb” macht?

Kenny Vanreppelen: Viele Produkte wurden in den 70er oder 80er Jahren hergestellt und zu dieser Zeit gab es keine Notwendigkeit für Recycling-Lösungen, so dass wir zu einer "Wegwerf-Gesellschaft" wurden. Unsere Vision ist es, das zu verändern und neue Recyclingtechnologien für Produkte zu entwickeln, die derzeit nicht recyclebar sind. Aktuell arbeiten wir an der Verwertung von Faserplattenabfällen. Die Möbelindustrie und die Küchenindustrie machen eine Menge Faserplatten für ihre Produkte. Es ist ein wunderbares Produkt, das das verfügbare Holz gut nutzt. Nichtsdestotrotz wurde die Faserplatte in den 1970er Jahren entwickelt und leider gibt es für sie immer noch keine Recycling-Lösung. Mit unserer Upcycling-Lösung machen wir daraus eine hochwertige Spezialaktivkohle, die man für die Wasseraufbereitung oder die Reinigung von Chemikalien und Pharmazeutika einsetzen kann. Auf diese Weise können wir vermeiden, dass für diese Anwendungen frisches Holz verwendet wird.

WUNDERDING: Du hast in Deinem Pitch eine weiteres Anwendungsfeld im Bereich Gründächer angesprochen. Was genau entwickelt ihr auf diesem Gebiet?

Kenny Vanreppelen: Einer unserer Ingenieure forscht derzeit in seiner Doktorarbeit daran, andere Abfallstoffe zu einem Produkt zu machen, das die Nachhaltigkeit des Gründaches und die Wasserspeicherung erhöht. Derzeit sieht man in den Städten sehr viele versiegelte Flächen, die zu einem Wasserproblem führen, weil Regenwasser z.B. bei Starkregen nicht mehr versickern kann. Mit begrünten Dächern und ihrer erhöhten Wasserrückhaltefähigkeit könnten wir diese Probleme verringern. Und genau das wollen wir in Kürze angehen.

WUNDERDING: Was hat zu der Idee von Act & Sorb geführt?

Kenny Vanreppelen: Ich habe 2008 meine PhD über das Upcycling von Abfallstoffen mit Schwerpunkt auf Aktivkohle begonnen. Ich habe das Ganze dann 2016 abgeschlossen und am Ende meiner Promotion, als ich mein Haus renoviert habe, war ich mit meiner eigenen Verschwendung konfrontiert. Zu dieser Zeit nahm ich an, dass Faserplatten recyclebar wären. Aber ich musste feststellen, dass sie es gar nicht sind. Also kombinierte ich meine Doktorarbeit über Aktivkohle und meine eigenen Abfälle und nach ein paar Experimenten bemerkte ich, dass ich etwas Unglaubliches in meinen Händen hatte und so ist es auch gestartet. Das Konzept war dann in 3 Monaten fertig und das war wirklich erstaunlich.


Alexander Schlichter

WUNDERDING: Was hat Dir aus Deinem wissenschaftlichen Hintergrund geholfen, während Du das Ganze aus dem Labor in ein Produkt verwandelt hast und schließlich ein Geschäft aufgebaut hast?

Kenny Vanreppelen: Das ist eine gute Frage, denn schon im gesamten Verlauf meines Ingenieur-Studiums in Belgien wurden wir stark dazu ermutigt, Soft Skills zu entwickeln und auch Kurse für Business Development zu belegen. Diese Kurse waren es dann, die mir am Ende des Studiums halfen, die Idee zu entwickeln und das Startup zu gründen.

Als ich dann meine Doktorarbeit im Fachbereich Chemie begann, war das erste, was ich tat, ein Modell zu entwickeln. Mit diesem Modell wollte ich berechnen, ob eine Fabrik wirtschaftlich rentabel sein würde. Ich habe dann viele Abfallströme in Belgien ausgewählt, einige Vorversuche gemacht und diese Ergebnisse in meine Bewertung aufgenommen. Und so habe ich das Problem eingegrenzt. Also hatte ich eine erste Idee, wie ich anfangen soll. Im ersten Jahr meiner Promotion habe ich mit diesem Ansatz dann gleich einen Preis gewonnen, denn mein Vorgehen war für einen Chemiker sehr unüblich. Immer wenn ich dann mein Projekt vor Vertretern aus der Industrie präsentierte, bekam ich zuhören: „Oh, er begann mit einer Business-Idee, um etwas in der Kreislaufwirtschaft zu entwickeln“. Das war für die ein sehr ungewöhnlicher neuer Ansatz, eine echte Revolution.

WUNDERDING: Was waren dann die ersten Schritte in die Selbstständigkeit?

Kenny Vanreppelen: Als ich die Technologie entwickelte, war das erste, was ich tat, nach einem Team und Mitgründern Ausschau zu halten. Das waren dann die Menschen, die ich in den ersten Jahren meiner Doktorarbeit in der Branche kennengelernt habe. Sie hatten sehr gute Verbindungen und 30 Jahre Erfahrung in großen pharmazeutischer und chemischen Unternehmen. Sie hatten in Führungspositionen gearbeitet, hatten auf der untersten Ebene angefangen und sich bis nach Oben hochgearbeitet und so wissen sie, wie man ein Unternehmen entwickelt. Und diese Kombination ist sehr wertvoll. Darüber hinaus wurden wir am Anfang von dem europäischen Business Accelerator InnoEnergy ausgewählt und wir erhielten sehr wertvolles Feedback und viel Coaching mit ihnen, um unsere Geschäftsfähigkeiten zu entwickeln. So ist alles Schritt für Schritt gewachsen.

WUNDERDING: Was stand am Anfang eurer Startup-Gründung und was sind die nächsten großen Schritte?

Kenny Vanreppelen: Am Anfang des Unternehmens im Jahr 2015 stand natürlich die Arbeit im Labor im Vordergrund. Wir entwickelten unseren internen Prototyp, der ein paar Kilogramm pro Stunde umsetzen konnte. Im Mai dieses Jahres haben wir dann erste industrielle Demonstrationstests durchgeführt und es ist uns gelungen, die Technologie auf 150 kg Faserplatten pro Stunde zu skalieren. Und wir haben bewiesen, dass unser interner Prototyp die gleichen Ergebnisse und die gleiche "Arbeitsfähigkeit" wie der industrielle Maßstab aufweist. Jetzt sind wir bereit, eine kommerzielle Installation zu starten. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, eine Anlage mit drei Tonnen pro Stunde zu errichten, also drei Tonnen Abfallfaserplatten pro Stunde und bis Ende 2019 wollen wir damit beginnen. Das ist der nächste Schritt, wofür nun das Kapital und die geeigneten Projektpartner suchen.

Act&Sorb

WUNDERDING: Die Suche nach Finanzierung ist eine der wichtigsten Aufgaben für jeden Gründer. Was ist dein Ansatz dazu?

Kenny Vanreppelen: Ich beschreibe es gerne wie folgt: du bist auf einem Fußballplatz, aber es gibt nicht nur einen Ball, sondern du hast zehn Bälle und du musst alle Bälle in die Luft werfen und kein Ball darf runterfallen. Das ist das, was ich tue. Wenn du ein Startup gründest, musst du sehr anpassungsfähig und sehr schnell sein und alle Bereiche gleichzeitig bearbeiten. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk in diesem Moment darauf, die richtigen Partner zu finden, aber ich arbeite auch immer noch mit dem Ingenieur im Labor und ich helfe ihm, um unsere Qualität noch zu steigern. Mein persönliches Hauptaugenmerk liegt aber im Moment auf der Geschäftsentwicklung zusammen mit meinen beiden anderen Partnern. Wir schauen uns in ganz Europa um und besuchen Projekte und Veranstaltungen wie diese, nur um Leute kennenzulernen und unseren Geschäftsplan zu erklären und ihn weiter auszuarbeiten. Und diese Weiterentwicklung muss du ständig auf allen Ebenen weitertreiben. Wenn du dich nur auf einen Teil konzentrierst, wirst du scheitern.

WUNDERDING: Hast Du jemanden in Deiner Familie mit einem unternehmerischen Hintergrund?

Kenny Vanreppelen: Mein Vater war nur ein fleißiger Belgier, meine Mutter genauso, sie arbeitet für eine Firma. Es gibt in unserer Familie niemanden, der ein Unternehmer, ein Geschäftsmann oder was auch immer ist. Und ich glaube auch nicht, dass das der Schlüssel ist zur eigenen erfolgreichen Startup-Gründung ist. Ende 2014, als ich die Idee hatte, dachte ich immer noch daran, dass ich als Forschungsleiter oder F & E-Spezialist in einem großen Unternehmen arbeiten würde. Und in nur einem Monat habe ich mich dann komplett verändert, meine ganze Situation und mein ganzes Leben einfach gewechselt und mir ein Ziel gesteckt, das ich erreichen will: wir werden mit einer wissenschaftlichen Idee ein Startup gründen und damit wirtschaftlich erfolgreich sein.

WUNDERDING: Was ist Deine persönliche Vision und Mission für Deine Firma?

Kenny Vanreppelen: Einer meiner Berater sagt jedes Mal: wenn Du erfolgreich sein willst, brauchst Du eine Mission, Du brauchst Ehrgeiz und eine gute Strategie. Unsere Mission ist es, Recyclingtechnologien für nicht wiederverwertbare Abfälle zu entwickeln und diese möglichst kaskadenartig und mit größtmöglicher Wertschöpfung für eine Kreislaufwirtschaft nutzbar zu machen. Und wenn du ein Startup wie unseres aufbauen willst im Bereich Clean-Tech, musst du eine große Fabrik bauen. Es ist nicht so, dass du zwei Laptops brauchst, um darauf eine App zu programmieren - du brauchst wirklich eine große Einrichtung.

WUNDERDING: Und wo siehst Du Dich selbst in einigen Jahren?

Kenny Vanreppelen: Lass mich einen kulturellen Blick darauf werfen: als Belgier sind wir immer sehr bescheiden und klein. Also wenn du mich fragst "Was willst du? Willst du CEO von mehr als 100 Leuten sein? ", dann habe als Belgier erst einmal Probleme damit. Aber ja, wir werden es angehen und unser Geschäft Schritt für Schritt aufbauen!

WUNDERDING: Vielen Dank für das Gespräch!

Eine englische Ausgabe des Interviews ist auf dem englischsprachigen Teil von WUNDERDING erschienen.


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