Jeden Tag eine Weltraum-Forscherin

Der Adventskalender der Weltraumreporter 2019

NASA/Tracy Caldwell Dyson Eine NASA-Astronautin in schwarzem T-Shirt schaut aus einem Fenster der Raumstation und tut so, als würde sie ihren Kopf auf den Arm aufstützen (es sieht sehr entspannt aus).

Startseite: Die WeltraumreporterNewsletter: Weltraumreport

Ptolemäus, Kopernikus, Brahe, Herschel: Die Astronomie scheint für Jahrhunderte eine Disziplin männlicher Forscher gewesen zu sein. Sie zieren bis heute historische Abhandlungen, die Wissenschaftsgeschichte fokussiert sich auf sie.

Dabei spielten Frauen schon immer eine bedeutende Rolle in der Astronomie - und nicht selten arbeiteten sie partnerschaftlich mit jenen Forschern zusammen, die später Berühmtheit erlangten. Die Rolle der Forscherinnen wurde währenddessen kaum überliefert.

Die Weltraumreporter widmen sich daher all jenen Astronominnen und Astronautinnen, die entscheidend zu unserem heutigen Weltbild beitrugen. Unseren Adventskalender können Sie auch auf Instagram oder Twitter mitverfolgen.

Weiter unten finden Sie weitere Informationen zu den Forscherinnen. Jeden Tag ergänzen wir die Liste.

1.12. Alexandrias Gelehrte

2.12. Ingenieurin von Aleppo

3.12. Muse der Sternenkunde

4.12. Astronomin von Danzig

5.12. Musikalische Astronomin

6.12. Astronomische Poetin

7.12. Autodidaktin mit Weltrang

8.12. Die erste Professorin

9.12. Ordnerin der Sterne

10.12. Die Astrofotografin

11.12. Distanzmessung im All

12.12. Die Sonnenforscherin

13.12. Die Sternenversteherin

14.12. Stoff der Sterne

Wir danken folgenden Twitter-Nutzern für den Hinweis auf einige nicht-westliche Namen in diesem Kalender: @_noujoum, @astro_neel, @astrodicticum, @emtiu, @JanneHolmen, @KaiNoeske, @nicospanoptikum, @markusnielbrock, @MarM_Official, @michaelaye, @minouette, @tomhecn, @totto_R, @TP_1024, @Vitus15792674

Astronominnen in Antike und Mittelalter

Hypatia von Alexandria: Alexandrias Gelehrte
Hypatia von Alexandria
Zeichnung Jules Maurice Gaspard / gemeinfrei

Sie war eine der gelehrtesten Frau der Antike, und wohl die bekannteste.  In ihrem Kulturkreis galten Frauen nicht viel, dennoch gelang es ihr ein unabhängiges Leben zu führen und sich in der praktisch rein männlichen Welt der Gelehrten zu etablieren.

Hypatia von Alexandria (etwa 355 bis 415) war Tochter von Theon, einem Mathematiker und Astronom, der für die bestmögliche Ausbildung seiner Tochter sorgte. Später lehrte sie selbst am Museion von Alexandria. Wie in der damaligen Zeit üblich, beschränkte sich Hypatia in ihrer Forschung und Lehrtätigkeit nicht allein auf ein einziges Fach wie die Astronomie, sondern widmete sich ebenfalls der Philosophie, Mathematik und Mechanik. Die von ihr verfassten Werke zu Geometrie, Algebra und Astronomie sind allerdings verloren gegangen.   

In der für einige Zeit recht offenen und aufgeklärten Metropole kippte die Stimmung, als Kyrill, ein fanatischer Christ, 412 Bischof von Alexandria wurde. Im Frühjahr 415 n. Chr., kurz vor Ostern, wurde Hypatia von ihren Gegnern, christlichen Mönchen, auf offener Straße auf grausame Weise ermordet. (Autorin: Felicitas Mokler)

Mariam al-Asturlabi - Ingenieurin von Aleppo
Mariam al-Asturlabi
CC-BY-SA 4.0 Germanisches Nationalmuseum / Wikimedia Commons

Sie trägt ihr Talent in ihrem Namen: Mariam Al-Astrolabiya (arabisch: مريم الأسطرلابي) baute im Aleppo des 10. Jahrhunderts astronomische Instrumente (Astrolabien). Auch ihr Vater hatte dieses Handwerk ausgeübt, doch Mariam soll das seit der Antike bekannte Gerät weiterentwickelt haben. 

Das Astrolabium war für die Orientierung am Sternenhimmel, für Reisende und Seefahrer, unabdingbar: Werden am Rand des scheibenförmigen Instruments das aktuelle Datum und die lokale Uhrzeit eingestellt, lassen sich die Positionen der Sterne und daraus auch die Himmelsrichtungen ablesen oder im Gegenzug aus dem Ort der Gestirne Datum und Zeit. Bis heute verwenden viele Hobbyastronomen Sternenkarten, um sich am Himmel zu orientieren - eine vereinfachte Form eines Astrolabiums. (Autor: Karl Urban)

Astronominnen der frühen Neuzeit

Bild der Muse der Sternenkunde: Sophie Brahe, als alten Kupferstich, eine junge Frau im Portrait
Sophie Brahe
Public Domain, Scan von P. Hansens "Illustreret Dansk Litteraturhistorie" bind 1, Anden forøgede udgave 1902

Nur der Nachname klingt vertraut: Sophie Brahe (1559-1643) war das jüngste Kind einer dänischen Adelsfamilie. Ihr dreizehn Jahre älterer Bruder Tycho wurde als einer der Wegbereiter von Johannes Kepler bekannt. Sophie war keine Ausbildung wie Tycho vergönnt: Ihr Bruder soll sie zwar in Gartenbaukunst und Chemie unterrichtet haben, Mathematik oder Astronomie für Mädchen soll er aber für zu schwierig gehalten haben.

Sophie umschiffte solche Hürden mit ihrer Neugier: Sie ließ sich lateinische Bücher übersetzen. Bald arbeitete sie intensiv mit ihrem Bruder auch in astronomischen Belangen zusammen. Sophie und Tycho beobachteten gemeinsam für einen Fixsternkatalog, den er später veröffentlichte. Sie beobachteten die erste Supernova der Neuzeit und entdeckten 1577 einen Kometen.

Sophie Brahe soll auch mehrere astronomische Schriften verfasst haben. Diese sind aber nicht erhalten geblieben. Welchen Anteil Sophie an Tychos Arbeit hatte, ist nicht mehr feststellbar. Doch Tycho Brahe glänzte mit seinen hochgenauen Beobachtungen, noch ganz ohne Teleskop. Seine Schwester muss seine Arbeitsweise verinnerlicht und sicher exzellent ergänzt haben. Das zeigt ein Gedicht von Tycho, das dieser in späteren Jahren über seine Schwester verfasste. Sophie wird darin von Urania verkörpert, der griechischen Muse der Sternenkunde. (Autor: Karl Urban)

Kupferstich einer Frau, die schräg nach oben in ein astronomisches Messgerät blickt
Elisabetha Hevelius
Andreas Stech (1635-1697). Engraver: Isaak Saal. Book author: Johannes Hevelius (1611-1687). Printer: Simon Reiniger, gemeinfrei

Elisabetha Hevelius, geb. Koopmann, (1647-1693) gilt als eine der ersten Astronominnen. Als Tochter in einer Kaufmannsfamilie genoss sie wohl schon als Mädchen eine für ihrer Zeit unübliche Schulbildung. Denn später korrespondierte sie mit Gelehrten europaweit in einem gestochenen Latein, das sie schon früh erworben haben dürfte.

Schon als Kind hörte Elisabetha vom Wirken des Bürgermeisters Johannes Hevelius, der in Danzig in einem Gebäudekomplex eines der besten astronomischen Observatorien unterhielt. Darunter war ein Kepler-Teleskop mit einer Brennweite von 46 Metern. Als Kind muss sie ihn mehrfach besucht und von seinem nächtlichen Handwerk fasziniert gewesen sein. Mit 16 Jahren heiratete sie den mittlerweile verwittweten und 36 Jahre älteren Hevelius. Sie ging ihm von nun an zur Hand und unterstützte ihn bei der Vermessung von Sternen und des Mondes, die sie weitgehend mit Sextant, aber ohne Teleskop durchführten.

Als Johannes 1687 starb, war Elisabetha 40 Jahre alt und konnte die gemeinsame Arbeit fortsetzen. Sie vollendete und veröffentlichte posthum drei seiner Werke, darunter ein Buch mit 56 Sternkarten und ein Katalog mit 1564 Fixsternen. Da Elisabetha Kontakt mit vielen bedeutenden Astronomen unterhielt - darunter der Brite Edmond Halley - wurde ihre wissenschaftliche Leistung schon zu Lebzeiten anerkannt. (Autor: Karl Urban)

Caroline Herschel in höherem Alter, mit einem Kleid mit angedeuteter Halskrause und einer weißen Spitzenhaube
Caroline Herschel
Ölgemälde: Melchior Gommar Tieleman, gemeinfrei

Als Tochter eines Militärmusikers wuchs Caroline Herschel (1750-1848) in einem musikalischen Haus auf. Gleichzeitig betrieb ihr Vater Astronomie. Als ihr zwölf Jahre älterer Bruder Wilhelm entschied, eine Stellung als Organist in England anzunehmen, folgte sie ihm und begann eine Karriere als Sängerin.

Das Leben der beiden ändert sich, als Wilhelm 1781 den Planeten Uranus entdeckte und daraufhin in die Dienste von König Georg III. trat. Auch dorthin folgte Caroline ihrem Bruder und wurde als dessen Gehilfin angestellt. Sie baute Teleskope und schliff dafür Spiegel. Schon bald wurde sie für ihre eigenen astronomischen Leistungen bekannt: Caroline Herschel entdeckte drei Gasnebel und acht Kometen. Auch nach dem Tod ihres Bruders arbeitete sie weiter als Forscherin. Selbst in hohem Alter war ihr Rat gefragt und bekannte Gelehrte wie Carl Friedrich Gauß gingen bei ihr ein uns aus. Im Alter von 97 Jahren verstarb Caroline Herschel als europaweit anerkannte Astronomin. (Autor: Karl Urban)

Schwarz-weiß-Bild alter astronomischer Instrumente in China, eines deutet einen Drachenhals an. Darüber ein Gedicht von Wang Zhenyi: Es wird geglaubt,
Dass Frauen wie Männer sind;
Bist du nicht überzeugt,
Dass auch Töchter heroisch sein können?
Wang Zhenyi
John Thomson, Beinecke Rare Book & Manuscript Library, gemeinfrei

Sie gilt als eine der größten Universalgelehrten der späten Kaiserzeit Chinas: Wang Zhenyi oder 王贞仪 (1768-1797) wuchs mit ihren Großeltern und ihrem Vater auf. Ihr Großvater war als Bezirksgouverneur äußerst gebildet und soll 75 volle Bücherregale besessen haben. Er unterrichtete die junge Wang Zhenyi in Astronomie. Ihre Großmutter brachte ihr die Poesie näher. Ihr Vater, der selbst mehrere medizinische Werke verfasst hatte, unterrichtete sie in Medizin, Mathematik und Geografie.

Den für eine Frau ihrer Zeit unüblichen Zugang zur Bildung ergänzte Wang Zhenyi schon als junge Frau mit eigenen Studien. Sie verfasste Texte, in denen sie die Entstehung von Mond- und Sonnenfinsternissen erklärte, was sie auch durch Experimente illustriert haben soll. Sie studierte und erklärte anschaulich, warum die Punkte der Tagundnachtgleiche wandern. Außerdem  schrieb sie Bücher über Division und Multiplikation, um damals als elitär angesehenes akademisches Wissen auch einfachen Menschen zugänglich zu machen. Und sie setzte sich dafür ein, Mädchen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu geben.

Eine lange Wirkungszeit blieb Wang Zhenyi nicht vergönnt. Sie verstarb mit nur 29 Jahren an einer Krankheit. Neben ihren noch erhaltenen Schriften hinterließ sie mehrere Gedichte. (Autor: Karl Urban)

Mary Somerville
Gemälde von Mary Somerville in jungen Jahren: Autodidaktin mit Weltrang
Gemälde Thomas Phillips via Google Art Project, gemeinfrei

Obwohl sie aus einem angesehen Elternhaus stammte, wurde Mary Somerville (1780-1872) kaum eine nennenswerte Schulbildung zuteil. Ihre Mutter brachte ihr bei, aus der Bibel zu lesen. Die junge Mary trotzte dieser Benachteiligung. Sie brachte sich weitgehend selbst Griechisch und Latein bei. 

Die Wissenschaft ließ sie nie los: Sie lernte französisch. Sie befasste sich mit sphärischer Trigonometrie und las die Principia, das Hauptwerk von Isaac Newton. Sie begann, mit Wissenschaftlern über mathematische Probleme zu korrespondieren. Der Mathematiker William Wallace empfahl ihr, sich mit Pierre-Simon Laplace zu beschäftigen, der Newtons Gedanken zur Gravitation weiterentwickelt hatte. Schließlich bat ein Bekannter Mary, die Mécanique Céleste von Laplace zu übersetzen, die als wichtigstes Werk seit Newtons Principia galt. Mary tat mehr als das: Sie erweiterte die ersten zwei Bände und übersetzte allzu mathematische Teile in verständliche Sprache. Die Übersetzung The Mechanism of the Heavens wurde ein Lehrbuch an Universitäten. 

Mary hatte ein bewegtes Leben: Sie heiratete mehrmals, bekam mehrere Kinder, von denen einige in jungen Jahren sterben. Doch was sie antrieb, war die Wissenschaft. Sie beschäftigte sich - als Autodidaktin - mit den großen Problemen ihrer Zeit. Sie argumentierte für die Existenz eines achten Planeten (Neptun wird 1846 tatsächlich entdeckt). Sie verfasste mehrere Werke über Physik, Astronomie, Geografiie und über Molekulare und Mikroskopische Forschung. Sie wurde als erste Frau überhaupt in die Royal Astronomical Society aufgenommen, gemeinsam mit Caroline Herschel. Sie gilt zurecht als eine der wichtigsten Wissenschaftlerinnen des 19. Jahrhunderts. (Autor: Karl Urban)

Astronominnen im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Eine junge Frau in einem schwarzen Kleid schaut durch ein Linsenteleskop schräg nach oben.
Maria Mitchell
H. Dassell, gemeinfrei

Sie war nicht nur eine Pionierin als Astronomin, sondern auch in Sachen Gleichberechtigung:  1835 gründete Maria Mitchell (1818-1889) ihre eigene Schule, in der sie Kinder jeder Hautfarbe gemeinsam unterrichtete, und widersetzte sich damit den damaligen gesellschaftlichen Konventionen. Maria wuchs in einer Quaker-Familie in Nantucket auf. Ihr Vater, der als Amateurastronom selbst über ein Teleskop verfügte, erkannte bald ihre Talente und führte sie früh in die Beobachtungs- und Rechenkunst ein.

Bereits mit 14 Jahren kannte sich Maria Mitchell so gut mit der Bestimmung von Sternpositionen aus, dass ihr die Seeleute von Nantucket anvertrauen, ihre Instrumente zu eichen und wichtige Berechnungen für ihre Seeroute anzustellen.

Als Astronomin befasste sie sich hauptsächlich mit der Beobachtung von Planeten und Sonnenflecken. Im Jahr 1847 fand sie einen neuen Kometen und wurde damit auch international bekannt. Diese Entdeckung trug ihr eine Goldmedaille des dänischen Königs ein.

Wenig später wurde Maria Mitchell als erste Frau in die American Association of Arts and Sciences sowie in die American Association for the Advancement of Science gewählt. 1865 wurde sie als erstes Mitglied der Fakultät Professorin an dem neu gegründeten und heute sehr renommierten Vassar College, und bald auch die Direktorin des zugehörigen Observatoriums. Sie setzte sich gezielt für die Förderung von Frauen ein und verhandelte außerdem für ihr eigenes Geschlecht ein angemessenes Gehalt. (Autorin: Felicitas Mokler)

Fotografie einer Frau, die mit eher strengem Blick schaut: Wiliamina Fleming, darunter steht: Ordnerin der Sterne
Wiliamina Fleming
gemeinfrei

Sie unser Verständnis der Sterne geprägt, obwohl sie durch einen glücklichen Zufall zur Astronomie kam: Wiliamina Fleming (1857-1911) emigrierte mit 21 Jahren mit ihrem Mann von Schottland in die USA. SIe wird von ihrem Mann verlassen und sucht als alleinerziehende Mutter eine Anstellung. Der Direktor des Harvard College Observatory stellt sie zunächst als Hausangestellte ein.

Doch jener Direktor Edward Pickering braucht auch an seinem Observatorium händeringend Unterstützung: Nach der Fotografie waren erste Spektrografen erfunden worden, mit denen sich die erstmals chemische Zusammensetzung einzelner Sterne vermessen ließ. Wiliamana Fleming leitete von nun an eine Gruppe von Rechnerinnen, die Tag für Tag von Fotoplatten unter dem Vergrößerungsglas die Sternspektren vermaßen und aufzeichneten. In Folge entdeckte die Forscherinnengruppe die ersten veränderlichen Sterne sowie etliche zuvor unbekannte Gasnebel. Wiliamina analysierte im Laufe der Jahre mehr rund 10.000 Spektren - mehr als alle vor ihr.

Wiliamina Fleming entdeckte dabei den heute berühmten Pferdekopfnebel und dazu 58 weitere Gasnebel. Sie fand 310 variable Sterne, deren Helligkeit schwankte, 10 Novae, also akute Helligkeitsausbrüche einzelner Sterne. Dazu entdeckte sie den ersten weißen Zwerg überhaupt - ein Objekt, das später als Leiche eines leichten Sterns erkannt werden sollte. (Autor: Karl Urban)

Fotografie, die eine Frau im Profil zeigt: weiche Züge, hochgesteckte Haare, die Astrofotografin Anni Jump Cannon
Annie Jump Cannon
New York World-Telegram and the Sun Newspaper, gemeinfrei

Ihre Mutter zeigte der jungen Annie Jump Cannon (1863-1941) die Sternbilder und ermunterte sie später, das Studium der Mathematik, Chemie und Biologie aufzunehmen. Ihr Vater war wohlhabender Senator aus Delaware und unterstützte sie auf ihrem Weg. Bereits mit 17 Jahren wechselte Annie an das Wellesley College in Massachusetts – die erste Adresse akademischer Schulen für Frauen in den USA –, um hier Physik und Astronomie zu studieren.

Wenig bekannt ist: Annie war auch eine versierte Fotografin! 1892 bereiste sie Europa mit ihrer Kamera. Dokument ihrer Reise ist eine Broschüre mit Bildern Spaniens: "In the Footsteps of Columbus". Eine Weile war Annie Lehrerin; mit 33 Jahren wurde sie Assistentin von Edward C. Pickering am Harvard College Observatory, an dem sie bis an ihr Lebensende tätig war. Hier arbeitete sie daran, Sternspektren systematisch zu erfassen. Im Laufe ihres Lebens klassifizierte Annie eine unglaubliche Zahl von 350.000 Sternen. Ihr Chef lobte sie einmal mit den Worten: „Miss Cannon ist die einzige Person auf der Welt, die diese Arbeit so präzise und schnell erledigen kann.“

Nicht in Zahlen messbar ist Annies Engagement, mit dem sie zeitlebens Frauen zu Akzeptanz und Respekt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verhalf. Heute wird das Andenken Annie Jump Cannons oft auf den Merksatz zur Reihenfolge der Spektralklassen reduziert: „Oh, Be A Fine Girl – Kiss Me!“, eine Banalisierung, die ihrem Schaffen in keiner Weise gerecht wird. 1911 wurde sie zur Kuratorin für astronomische Fotografien in Harvard ernannt. 1914 wurde sie als Ehrenmitglied der Royal Astronomical Society aufgenommen und erhielt 1921 als eine der ersten Frauen die Ehrendoktorwürde einer europäischen Universität, den Ehrendoktor in Mathematik und Astronomie der Universität Groningen. Und als erste Frau überhaupt erhielt sie 1925 die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford. (Autor: Stefan Oldenburg)

Eine verwaschene Fotografie von Henrietta Swan Leavitt, darunter; Distanzmessung im All
Henrietta Swan Leavitt
gemeinfrei

Mit ihrer akribischen Arbeit an fotografischen Sternaufnahmen legte sie die Grundlage für die extragalaktische Entfernungsmessung. Während Henrietta Swan Leavitt (1868-1921) die Sterne systematisch nach Helligkeiten klassifizierte, entdeckte sie vier Novae (neue Sterne) und 2400 veränderliche Sterne, die Hälfte aller damals bekannten Exemplare dieses Sterntypus.   

Bei der Auswertung von Fotoplatten der Magellanschen Wolken fiel ihr auf, dass die Helligkeit einer ganzen Reihe von Sternen nach einem bestimmten Muster variierte, ähnlich jenem des Sterns Delta Cephei. Die Schwankungsperiode war umso länger, je heller die Sterne strahlten. Damit hatte Henrietta Swan Leavitt die Periode-Helligkeits-Beziehung entdeckt. 

Wenig später gelang es, die Entfernung ähnlicher Cepheidensterne innerhalb der Milchstraße zu bestimmen und ihre Helligkeit mittels der Parallaxenmethode zu eichen. Damit wurde klar: Die Cepheiden gehorchen einer einfachen Periode-Leuchtkraft-Beziehung. Seither steht den Astronominnen und Astronomen ein wichtiges Werkzeug zur Entfernungsbestimmung auch für Objekte außerhalb unserer Galaxis zur Verfügung - über Milliarden von Lichtjahren.  (Autorin: Felicitas Mokler)

Eine Frau mit schmalem Hut mit Krempe schaut bei hellem Tag in ein Teleskop, an dessen Seite zwei koffergroße Kameras hängen, daneben ein Passfoto von Annie Maunder, der Sonnenforscherin
Annie Maunder
Passfoto: unbekannt / gemeinfrei; großes Foto: Edith Maunder / gemeinfrei

Bei einer Reise nach Indien gelangen ihr spektakuläre Aufnahmen der Sonnenkorona. Ihre Ausbildung erhielt Annie Maunder, geb. Russel (1868-1947) in Belfast und am Girton College in Cambridge, einem der damals neu für Frauen gegründeten Bildungseinrichtungen.

Die irische Astronomin arbeitete zunächst in einer kleiner Gruppe von “Lady Computers” am Royal Observatory in Greenwich; dort wertete sie Fotos von Sonnenflecken aus und führte selbst Beobachtungen und astronomische Rechnungen durch.

Als Annie Russell 1895 den verwittweten Edward Walter Maunder heiratete, der das Department für Fotografie und Spektroskopie in Greenwich leitete, musste sie ihren Job der damaligen Gesetzeslage entsprechend aufgeben. Dennoch forschte sie als unbezahlte Assistentin weiter und organisierte gemeinsam mit ihrem Ehemann Expeditionen zu Sonnenfinsternissen in der ganzen Welt. Bei einer Exkursion nach Indien im Jahr 1898 gelangen ihr außergewöhnliche Aufnahmen eines Massenauswurfs in der Atmosphäre der Sonne. Die Instrumente dafür hatte sie eigens dafür angefertigt.

Annie und Edward führten eine Partnerschaft auf Augenhöhe, auch auf beruflicher Ebene. Sie schrieben viele Veröffentlichungen gemeinsam; und Edward Maunder widmete Annie eines seiner Bücher: „My Wife, my Helper in this Book and in all things.“ Nach dessen Tod forschte Annie Maunder unermüdlich auf dem Gebiet der Sonnenflecken weiter.

1916 wurde sie als eine der ersten Frauen in die Royal Astronomical Society (RAS) aufgenommen. Seit 2016 vergibt die RAS eine Medaille in ihrem Namen für Verdienste um die Öffentlichkeitsarbeit in der Astronomie oder den Geowissenschaften. (Autorin: Felicitas Mokler)

Im Hintergrund stehen viele gelbe, blaue und rote Punkte, ein Ausschnitt aus dem Hertzsprung-Russel-Diagramm der Sterne, mit einem Pfeil auf unsere Sonne, davor ein Passbild von Antonia Maury als junge Frau, darunter: Die Sternenversteherin
Antonia Maury
Diagramm: CC-BY-SA 3.0 User:Sch / Wikimedia Commons; Foto Maury: Vassar College, gemeinfrei

Antonia Maury (1866-1952) ist nach Williamina Fleming (9.12.) und Annie Jump Cannon (10.12.) die dritte Forscherin aus dem Kreis des Harvard-Astronomen Edward C. Pickering, die wir im Rahmen des Adventskalenders der Weltraumreporter vorstellen. Auch Antonia Maury arbeitete an einer Klassifizierung der Sterne. Anders als ihre Kolleginnen war sie aber zudem stark an theoretischer Arbeit interessiert, was ein angespanntes Verhältnis mit ihrem Chef zur Folge hatte. Eine ihrer späteren Kolleginnen am Harvard College Observatory, Dorrit Hoffleit, sagte über Antonia Maury: „Sie war eine der originellsten Denkerinnen aller bei Pickering beschäftigten Frauen; aber anstatt ihre Versuche zu ermutigen, Beobachtungen zu interpretieren, war er nur irritiert von ihrer Unabhängigkeit und dem Verlassen der zugewiesenen und erwarteten Routinearbeit“.

Antonia Maury gab trotz vieler Karriereumwege nicht auf und arbeitete an verschiedenen Forschungseinrichtungen weiter an einer Klassifizierung der Sterne. Meilensteine ihrer Erfolge sind die Mitarbeit am 1897 veröffentlichten Henry-Draper-Katalog oder ihre Erkenntnis, rote Sterne – nach der sogenannten „c-Charakteristik“ – zu differenzieren. Sie hatte erkannt, dass es sich trotz ähnlicher Spektren um grundverschiedene Sterne handelt, um Zwergsterne und um Rote Riesen. Der dänische Astronom Ejnar Hertzsprung griff dies 1905 in seiner Klassifikation auf, und sagte: „Meiner Meinung nach ist die Trennung von Antonia Maury von den c- und ac-Sternen der wichtigste Fortschritt in der Sternenklassifizierung seit den Versuchen von Vogel und Secchi“.

Wer mit dem Fernrohr zum Mond blickt, kann im Nordosten einen kleinen, aber markanten Einschlagkrater erkennen, der nach Antonia Maury und ihrem Cousin Matthew Fontaine Maury, einem Astronom und Geologen, benannt ist. (Autor: Stefan Oldenburg)

Fotografie von Cecilia Payne-Gaposchkin in Nahaufnahme, darunter steht: Stoff der Sterne
Cecilia Payne-Gaposchkin
Smithsonian Institution / Flickr Commons

Sie hat die Astronomie maßgeblich umgekrempelt: Cecilia Payne-Gaposchkin (1900-1979) beginnt sich für die Gestirne zu interessieren, als sie einen Vortrag von Arthur Eddington hört, der Einsteins Relativitätstheorie mit astronomischen Beobachtungen bewiesen hatte. Cecilia will von da an Astronomin werden – doch sie darf als Frau im England der 1920er Jahre keinen Abschluss machen. Sie emigriert deshalb in die USA und macht schließlich als erste Frau an einem College der Harvard-Universität eine Doktorarbeit.

Das Ergebnis ihrer Arbeit wird zunächst zurückgewiesen: Ihr gelingt es darin, die bereits bekannten spektralen Klassen verschiedener Sterne zu erklären. Diese hängen von der Temperatur und verschiedener Anregungszustände einzelner Elemente ab. Damit kann Cecilia zum ersten Mal zeigen, dass Sterne wie die Sonne hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium bestehen. Einer ihrer Gutachter ist  der Astrophysiker Henry Norris Russell, der ihr Ergebnis ablehnt – denn man geht noch davon aus, dass die Sonne chemisch der Erde stark ähnelt. Wenige Jahre später kommt er auf anderem Weg aber zum gleichen Ergebnis.

Cecilia Payne-Gaposchkin bleibt ihr Leben lang in Harvard, muss sich aber zunächst mit kleineren wissenschaftlichen Jobs begnügen. Dennoch schreibt sie in dieser Zeit mehrere bis heute maßgebliche Studien und Bücher zur Sternentwicklung in der Milchstraße. Erst 1956 wird sie schließlich volle Professorin für Astronomie. (Autor: Karl Urban)

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Die Weltraumreporter