Wanka gegen gezielte Abwerbung von US-Forschern

Ministerin distanziert sich von Aktion des französischen Präsidenten Macron

Von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Berlin, 29. Juni 2017

Deutschland wird im Gegensatz zu Frankreich nicht gezielt um Wissenschaftler werben, die infolge der Forschungspolitik von US-Präsident Donald Trump die USA verlassen wollen. “Wir machen keine Kampagne, wir zahlen kein Geld”, um Forscher wegen der politischen Situation in den USA zum Wegzug zu bewegen, sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des neuen Rahmenprogramms “Erforschung von Universum und Materie”.

Wanka ließ erkennen, dass sie entsprechende Bemühungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron sehr kritisch sieht und distanzierte sich von diesen. Zu einem “Miteinander von Staaten” gehöre es, “dass man so eine Abwerbeaktion nicht macht”, sagte die Ministerin. Macron hatte bereits in seiner Präsidentschaftskampagne in einem Video amerikanische Forscher und Ingenieure vor allem in den Bereichen Energie und Klima dazu aufgefordert, die USA zu verlassen und ihre Zukunft in Frankreich zu suchen. Nach seinem Wahlsieg hatte der neu ernannte Präsident diesen Aufruf wiederholt und mit dem gegen Donald Trump gerichteten Slogan “Let’s make the planet great again” weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt.

Wanka hielt nun dagegen: “Unsere Wissenschaftspolitik ist, nicht von anderen abzuwerben.” Dies gelte auch für andere Länder als die USA. So müsse man verhindern, dass etwa die Ukraine akademisch ausblute. Wenn ukrainische Forscher in Deutschland arbeiteten, müsse das Ziel auch sein, dass sie nach temporären Aufenthalten zurückkehrten und Forschungskooperationen mit Deutschland von ihrer Heimat aus fortsetzten.

Deutschland habe ein großes Interesse an einer funktionierenden Wissenschaft in den USA, betonte Wanka. Sie wünsche sich, dass die Situation für Wissenschaftler in den USA gut bleibe. “Das ist wichtiger” als mögliche kurzfristige Vorteile für Deutschland, sagte sie. Die Ministerin kritisierte zugleich die Forschungspolitik von Donald Trump, der in Kürze zum G20-Gipfel nach Deutschland kommt. Trumps geplante Mittelkürzungen für die Wissenschaft lägen bei minus 20 Prozent im Durchschnitt, bei Klima und erneuerbaren Energien noch deutlich darüber. “Die Erdbeobachtung wird ganz stark eingeschränkt”, sagte die Ministerin. Das sei für die Wissenschaft auf der ganzen Welt schade. “Wir brauchen es, dass überall geforscht wird.” Noch sei aber offen, ob Trump sich im Kongress mit seinen Plänen durchsetze.

Hochschulen stärker mit Großforschungseinrichtungen verbinden

Statt eines Abwerbeaufrufs setzt Wanka für Deutschland auf regulär vorhandene gute Arbeitsbedingungen für Forscher. Die frühere Abwanderungswelle deutscher Wissenschaftler in die USA sei schon lange gestoppt. Schon seit dem Jahr 2000 gebe es beim sogenannten brain drain eine “Umkehrung” und “totale Veränderung”. Deutschland gehöre zu den beliebtesten Zielländern von Studenten und auch Wissenschaftlern, obwohl Englisch nicht die Muttersprache sei.

Wanka stellte in Berlin ein neues Forschungsrahmenprogramm vor, das bereits bestehende Ausgaben neu zusammenfasst und mit Schwerpunkten versieht. Für das Programm “Erforschung von Universum und Materie” stehen demnach für die nächsten zehn Jahre verlässlich Mittel zur Verfügung, beginnend mit einem Startbetrag von 1,5 Milliarden Euro im kommenden Jahr, der Jahr für Jahr anwachse. Gefördert werden mit den Mitteln Forschungsprojekte, aber auch Großforschungsanlagen wie etwa das Teleskop “Alma” in der Atacama-Wüste, das “Karlsruhe Tritium Neutrino Experiment” als “feinste Waage der Welt”, das Neutrino-Observatorium IceCube in der Antarktis und der Röntgenlaser XFEL in Hamburg. Ein wichtiges Ziel des Programms sei, Hochschulen stärker mit diesen Großforschungseinrichtungen zu verbinden, sagte Wanka.

Zwei bei der Vorstellung anwesende Forscher bestätigten Wankas Aussage, dass Deutschland und Europa insgesamt mit guten Bedingungen für internationale Wissenschaftler aufwarten könne. Matthias Steinmetz, Wissenschaftlicher Vorstand des Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP), sagte, Europa bekomme in der Astronomie international sehr gute Noten. So seien die europäischen Weltraumteleskope produktiver als das Hubble-Teleskop der NASA. Concetti Sfienti, Kernphysikerin und Dekanin des Fachbereichs Physik der Universität Mainz, sagte, im Gegensatz zu den USA und anderen europäischen Ländern wie ihrem Heimatland Italien herrsche in Deutschland eine wissenschaftsfreundliche Atmosphäre. Forscher hätten sehr positive Entwicklungsmöglichkeiten.

Foto: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (2. von rechts) mit Matthias Steinmetz (2.v.l.), Concetti Sfienti (r.) und Moderatorin.