Wo der Samen hinfällt

Waldphabet, Teil 1: die Kadaververjüngung

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Nachschlagewerke gehören zu den letzten Bastionen neutraler Sprache. Im Lexikon werden Begriffe sachlich und klar erklärt. Punkt. Da kommt es einem Donnerschlag gleich, wenn sich doch einmal eine Wertung einschleicht.

Ein solches Donnern meint man auf Seite 456 des „Kosmos Wald- und Forstlexikons“ in seiner vierten Auflage von 2009 zu vernehmen. Eine „unpassende Bezeichnung“ sei das, poltert der Autor förmlich.

Das so gescholtene Wort ist die Kadaververjüngung. Das ist ungerecht, denn hat man seinen Sinn erst durchblickt, vergisst man es nie wieder. Dazu ist es viel zu bildhaft.

Es schadet nicht, die beiden Wörter erst einmal separat zu betrachten. Als Verjüngung wird im Wald der Baumnachwuchs bezeichnet, der auf natürlichem Wege heranwächst, ausgesät oder angepflanzt wird.

Auf Fichtenholz am Wegrand wachsen junge Fichten.
Auf einem liegengebliebenen Stück Fichtenstamm wachsen junge Fichten heran.

Die Naturverjüngung gliedert sich noch einmal in Aufschlag und Anflug. Der Aufschlag besteht aus Samen, die so schwer sind, das sie schlicht vom Baum herab plumpsen. Eicheln und Kastanien gehören dazu. Der Anflug ist dagegen leicht und teils mit verblüffenden Flugeigenschaften ausgestattet, wie etwa Fichtensamen oder die hübschen „Hubschrauber“ des Ahorns.

Manchmal landet so ein Samen auf einem Baumstumpf, der schon einige Jahre vor sich hin modert, oder auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes. Und schon sind wir beim zweiten Begriff, dem Kadaver.

Irgendwie hat der erzürnte Lexikonautor ja Recht, denn als Kadaver will der Duden ausschließlich Leichen bezeichnet wissen, ob menschliche oder tierische. Keinesfalls aber tote Pflanzen.

Trotzdem ist die Kadaververjüngung ein wunderbares Bild, denn der Sämling, der seine Wurzeln ins modrig-weiche Holz des toten Baumes schlägt, handelt ähnlich wie der Aasfresser, der sich an der Tierleiche labt.

Zu Beginn einer Kadaververjüngung ergibt es ein fast schon poetisches Bild, wenn der wenige Jahre alte Wildling auf dem schwärzlich-schmierigen oder bemoosten Holz steht. Schon in einigen Jahren werden sich die Wurzeln ausbreiten, über das Totholz „herabfließen“ und sich in den Boden vorarbeiten.

Und einige Jahrzehnte später entsteht daraus ein seltenes und sehr bizarres Bild. Dann nämlich wird der Kadaver vollkommen verrottet und verschwunden sein. Die Wurzeln aber, die den Baumleichnam überwachsen hatten, werden ihre Gestalt behalten und wie breitbeinig über einer seltsamen Höhle stehen.

Die aus Sicht der Lexikon-Autoren passendere Bezeichnung wäre übrigens die Moderholzverjüngung. Aber, ganz ehrlich, dieses Wort zieht den viel Kürzeren.

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