Unter Bäumen

Richard Powers hat mit „Die Wurzeln des Lebens“ einen streckenweise wunderbaren Roman geschrieben

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Um die vorvergangene Jahrhundertwende herum gelangte Cryphonectria parasitica in die USA. In Ostasien war der Schlauchpilz als relativ harmloser Parasit der Kastanie bekannt, an seiner neuen Wirkungsstätte löste er eine Katastrophe aus.

Angenommen wird, dass der Pilz ein einer Schiffsladung Holz steckte, die im Hafen von New York gelöscht wurde. Und er fand in der Amerikanischen Kastanie einen praktisch wehrlosen Wirt: Binnen weniger Jahrzehnte brach überall in den riesigen Kastanienbeständen des nordamerikanischen Ostens der Kastanienrindenkrebs aus, der zum Absterben unzähliger Bäume führte.

Unterschiedlichen Quellen zufolge raffte der unscheinbare Pilz bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bis zu vier Milliarden Kastanien dahin. Eine Katastrophe, die sich, wie so oft im Wald, im Zeitlupentempo vollzog. Heute gibt es in den einstigen Kastaniengebieten der USA nur noch wenige Exemplare, und die kommen kaum über das Jungwuchsstadium hinaus.

Aufgegriffen hat diese Geschichte der US-amerikanische Schriftsteller Richard Powers in seinem Roman „Die Wurzeln des Lebens“. Wo nicht der Pilz die Kastanien tötete, so beschreibt es Powers, war es der Mensch, der in Panik breite Schneisen in die Wälder trieb, um die Krankheitsausbreitung zu stoppen.

Es half nichts: „Die Äxte, mit denen sie die befallenen Äste abschlagen, verbreiten die Sporen noch weiter“, schreibt Powers. Dabei, so nimmt der 1957 geborene Schriftsteller wohl zu Recht an, wurden vermutlich auch resistente Exemplare gefällt, die die Grundlage neuer Kastanienwälder hätten bilden können. Umso mehr wird in „Die Wurzeln des Lebens“ eine weitab aller Pilzausbreitung gepflanzte Kastanie zum Symbol, fast zum Protagonisten eines Romanabschnitts.

Nun ist ein Roman zwar keine geeignete journalistische oder gar wissenschaftliche Quelle. Aber Powers hat seiner Fiktion nicht nur einen weit verzweigten Plot zu Grunde gelegt, sondern auch umfangreiche Recherche. Der Erfolgsautor hat zwar einen gut 600 Seiten starken Roman verfasst, in dem es um Bäume und Wälder geht, aber bei aller dargestellten Bewunderung, etwa für die mächtigen Douglasien im Westen der USA, und bei aller schier grenzenlosen Zuneigung der handelnden Personen für Bäume, ist „Die Wurzeln des Lebens“ zunächst kein naturromantisches Kitschwerk, sondern weist stabile Kenntnisse der Forstwirtschaft, der Biologie und der Historie und des Wandels der Waldnutzung auf.

Das Cover des Romans "Die Wurzeln des Lebens" von Richard Powers.
"Die Wurzeln des Lebens" von Richard Powers erschien auf Deutsch im S. Fischer Verlag.

Und Powers führt immer wieder auch in Bezüge zur Gegenwart, obwohl er im Kern eine Geschichte aus vergangenen Jahrzehnten erzählt. Die gewissermaßen nur gestreifte Erinnerung an das große Kastaniensterben in Nordamerika vor hundert Jahren lässt in Europa fast zwangsläufig an das Eschentriebsterben denken, das seit den frühen 1900er Jahren in Europa Eschen langsam absterben lässt. Ursache ist auch hier ein winziger Schlauchpilz. Die Forstwissenschaft vermutet, dass sich der Pilz aufgrund steigender Durchschnittstemperaturen in Europa durchsetzen konnte. Viele Eschen wurden und werden aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt – oder um das Holz noch zu nutzen, bevor weitere Organismen es zersetzen.

Zwar war die Esche nie eine Hauptbaumart in Europa, sodass sich tatsächlich gravierende wirtschaftliche Schäden auf Gebiete wie die Ortenau entlang des Oberrheins beschränken, wo einzelne Wälder aus bis zu 30 Prozent Esche bestanden.

Solche Analogien zur Gegenwart lassen sich in „Die Wurzeln des Lebens“ an vielen Stellen ziehen. Und so fehlt es auch nicht an Kritik an einer Forstwirtschaft, die in manchen Teilen der Erde noch immer aller Nachhaltigkeit spottet. Hier führen Powers, beziehungsweise seine beiden Übersetzer Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié zum Beispiel das verblüffende Wort vom „Panoramakorridor“ ein – einem vermeintlich dichten, natürlichen Wald entlang der Straße, der freilich ein eher Potemkinscher Wald ist, weil hinter der Waldfassade die abgeholzten Hügel liegen, so weit das Auge reicht.

Der Schriftsteller Richard Powers.
Der Schriftsteller Richard Powers.

Als Powers Leser lernt man aber auch ganz einfach faszinierende Bäume kennen, wie den Banyanbaum, eine in den Tropen beheimatete Feigenart, die zunächst als Schmarotzer auf Wirtsbäumen lebt, aus Luftwurzeln aber eigene Stämme bildet und den Wirt schließlich erdrückt.

Auf den ersten 200 Seiten des Romans stellt Powers dem Leser neun menschliche Protagonisten vor, mit vollkommen unterschiedlichen Biografien. Da ist der Airforce-Soldat Douglas Pavlicek, der über Vietnam aus einem Flugzeug stürzt und vom besagten Banyanbaum „aufgefangen“ wird. Da ist Mimi Ma, Tochter eines chinesischen Auswanderers, der verzweifelte, weil sein Maulbeerbaum in der neuen Heimat nicht gedeihen wollte. Oder Nicholas Hoel, dessen Großvater, einst jene Kastanie pflanzte, die dem Rindenkrebs ein Schnippchen schlug. Alle diese Leben sind in irgendeiner Art von Bäumen geprägt, wenn auch nicht immer so direkt wie bei der Studentin Olivia Vandergriff, in deren Geschichte Powers die Biografie der Umweltaktivistin Julia Butterfly Hill aufgreift, die ab Dezember 1997 für zwei Jahre einen 1000 Jahre alten Redwood besetzte, um ihn vor der Fällung zu bewahren.

Und natürlich Patricia Westerford, eine Wissenschaftlerin, die in langen Versuchsreihen die Kommunikation der Bäume über Duftstoffe entdeckt und in Deutschland wohl unweigerlich an Peter Wohlleben denken lässt, der die Kommunikation im Wald einerseits mit seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ Hunderttausenden Lesern näher brachte, aber auch Kritik auf sich zog, die Biologie der Wälder zu vereinfachen und zu vermenschlichen.

Dabei ist die „Sprache“ der Bäume kein Hirngespinst. Zu Beginn der Neunzigerjahre raunte man in forstlichen Kreisen bereits, dass Bäume sich gegenseitig „warnen“ könnten, wenn ein Schädling einem Artgenossen drohe. Oder ein Holzfäller.

Peter Wohlleben dagegen bezieht sich schon deutlich griffiger auf den 2007 von Marcus Anhäuser (Autor der RiffReporter-Koralle #CRISPRhistory) geschriebenen Artikel „Der stumme Schrei der Limabohne“. In diesem Bericht vom 23. Jahreskongress der International Society of Chemical Ecology (ISCE) beschreibt Anhäuser die Taktik der Limabohne, bei Gefahr per Nektarproduktion Ameisen anzulocken, die ganz nebenbei die Angreifer vertreiben sollen. Dabei stellten sich die Forscher auch dem Rätsel, warum die Limabohne so vermeintlich sozial agiert und auch Nachbarpflanzen mit „beschützt“, mit denen sie um Nährstoffe und Wasser konkurriert. Die Lösung: diese Strategie diene nicht vor allem der sehr sozial erscheinenden Warnung der Nachbarpflanzen, sondern der Information der eigenen Blätter auf dem kurzen Luftweg. Die Information anderer Pflanzen wäre demnach ein Nebeneffekt.

Dem Reiz, darin ein soziales Verhalten der Pflanzen zu sehen, erliegt natürlich auch Richard Powers. Man mag es ihm verzeihen, denn unter dieser Prämisse fasst er Wald als umfassendes Ökosystem mit dem wunderbaren Satz „Alles im Wald ist Wald“ zusammen – und nimmt man einen Knoten aus diesem Netz heraus, wird es löchrig und instabil.

Dass im ersten Drittel dieses Romans alle zwanzig, dreißig Seiten eine neue Geschichte beginnt, macht „Die Wurzeln des Lebens“ erst einmal etwas mühsam zu lesen. Zugleich breitet Powers aber auch eine Fülle von Wissen aus, die einen immer wieder abschweifen, nachlesen, vertiefen lässt. Zudem hat er sich zumindest zum Teil sehr berührende Biografien samt ihrer Baumbezüge ausgedacht.

Auf den verbleibenden 400 Seiten verbinden sich diese Handlungsstränge. Und hier beginnt auch, was manche Rezensenten als oberflächlich und kitschig gerügt haben: Menschen, hier die Aktivisten, die in den 1990er Jahren in Kalifornien für den Erhalt alter Mammutbaumwälder kämpften, erscheinen zunächst als Träumer, bevor sie zu den Mitteln ihrer Gegner greifen und dabei verlieren.

Im letzten Drittel büßt „Die Wurzeln des Lebens“ an Dringlichkeit und sprachlicher Dichte ein. Die Stärke des Buchs ist eben nicht sein Plot, dennoch ist es mit viel Gewinn zu lesen: wer sich für Wälder interessiert, kann viele Impulse für weitere Lektüre herausziehen.


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