"Alte Wälder gibt es so gut wie keine"

Interview mit dem Anthrakologen Dr. Oliver Nelle

Oliver Nelle Charakteristische Zellstruktur - Aufnahme von Eschenholzkohle mit der Stereolupe im Auflicht bei 20 facher Vergrößerung

Die Anthrakologie als Wissenschaft hat ihre Anfänge im 19. Jahrhundert. In den 1970er Jahren hat sie sich in Frankreich entwickelt und etabliert. Weltweit gibt es etwa 500 Anthrakologen, in Deutschland lediglich ein Dutzend. Einer von ihnen ist Dr. Oliver Nelle, Leiter des Dendrochronologischen Labors des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, in Hemmenhofen am Bodensee. Im Interview erklärt er, was es mit dem relativ unbekannten Forschungsfeld auf sich hat.

Was ist Anthrakologie und wozu dient sie?

Anthrakologie ist die Wissenschaft von der Holzkohleuntersuchung. Sie dient der Rekonstruktion der vergangenen Umwelt und der prähistorischen und historischen Waldnutzung. Dabei wird die Holzart mikroskopisch untersucht, in Verbindung mit der Radiokarbondatierung. Oder es wird die Menge von Holzkohle gemessen, etwa in Böden oder in Torfen.

Bei welchen Ereignissen entsteht Holzkohle?

Holzkohle entsteht immer dann wenn Holz unter Luftabschluss stark erhitzt wird, in der Regel in Kontakt mit Feuer. Das nennt man trockene Destillation, weil das im Holz enthaltene Wasser und andere flüchtige Stoffe verdampfen. Übrig bleibt fast reiner Kohlenstoff. Die meisten Menschen kennen Holzkohle als Energieträger, der gezielt im Kohlenmeiler hergestellt wird. Doch Holzkohle entsteht auch als Nebenprodukt bei jedem Lagerfeuer oder anderen Brandereignissen, wie etwa Wald- oder Hausbränden.

Woran erkennen Sie die Baumart, von der die Holzkohle stammt?

Jede Baumart hat eine besondere Anatomie, also Zellstruktur. Diese bleibt bei der Verkohlung erhalten und wir können die Zellen und ihre Muster mit Auflichtmikroskopen bei 20 bis 500 facher Vergrößerung an frischen Bruchflächen betrachten und der Art zuordnen.


Charakteristische Zellstruktur - Aufnahme von Eschenholzkohle mit der Stereolupe im Auflicht bei 20 facher Vergrößerung
Charakteristische Zellstruktur - Aufnahme von Eschenholzkohle mit der Stereolupe im Auflicht bei 20 facher Vergrößerung
Oliver Nelle

Wie können Sie mit Ihren Erkenntnissen den Archäologen helfen?

In der Archäologie ist man zunehmend an der Rekonstruktion der Lebensverhältnisse und des Wirtschaftsraumes der Menschen interessiert. Dazu können wir beitragen, indem wir die ehemalige Holznutzung untersuchen. Auch können wir helfen, Befunde zu interpretieren, etwa, ob es sich bei einer bestimmten Ausgrabungsstruktur um eine Feuerstelle, Abfallgrube oder Reste von Bauholz handelt. Das geht sowohl über die Holzart als auch über weitere Informationen, etwa zum Durchmesser beziehungsweise der Holzstärke des verwendeten Holzes.

Kann Holzkohle Geschichten erzählen?

Ja. Anhand der genutzten Hölzer, analysiert über die Holzkohlen, können wir die Landschaftsoffenheit beispielsweise im Umfeld einer bronzezeitlichen Siedlung feststellen, also ob die Siedlung im Wald lag oder in einer teilweise geöffneten Landschaft. Oder wir können Holzkohle in Seesedimenten quantifizieren, das heißt je nach Tiefe und damit Zeitstellung je Schicht die Menge messen. So können wir sagen, wann in der Umgebung ein Waldbrand passiert ist.

Gibt es noch andere Methoden, historische Waldentwicklung zu erforschen?

Neben der Holzkohleanalyse spielt die Pollenanalyse eine große Rolle. Hier werden Pollenkörner, die etwa im Seeschlamm oder in Torfen erhalten blieben, anhand ihrer spezifischen Form bestimmt und gezählt. Und man kann in solchen Ablagerungen, wir sprechen auch von „Paläoarchiven“, weitere sogenannte Großreste von Pflanzen finden, etwa Blätter und Früchte und Samen.

Was sind die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden?

Die Pollenanalyse umfasst alle Pflanzen, also Kräuter wie Bäume, auch Farne und Algen, und einiges mehr. Die auf einen See regnenden Pollenkörner und Sporen, die dann absinken und im Schlamm erhalten bleiben, sind in ihrer Zusammensetzung nicht vom Menschen beeinflusst. Der Nachteil ist, dass Pollenkörner auch von größerer Entfernung heranwehen können, sodass die genaue Quelle unklar bleibt. Bei Großresten wie Blättern, Holz oder Holzkohle sind wir uns meist relativ sicher, dass sie aus der näheren Umgebung stammen. Wir können mit ihnen also das direkte Vorkommen belegen. In einer Siedlung allerdings wurde Holz wieder von außen hereingebracht, vielleicht bestimmte Holzarten für bestimmte Anwendungen. Dann müssen wir genau überlegen, wie diese Funde zu interpretieren sind hinsichtlich der damaligen Umwelt. Wir sprechen hier vom „menschlichen Filter“.

Die letzte Eiszeit endete vor etwa 10.000 Jahren. Zu dieser Zeit bestand die meiste Fläche Mitteleuropas aus Tundra. Wie haben sich die Wälder seither entwickelt?

Nach der letzten Eiszeit, mit zunehmender Erwärmung, konnten sich wieder geschlossene Wälder bilden. Diese waren anfangs von Kiefern und Birken aufgebaut und entsprechend licht. Später kamen weitere Baumarten aus ihren südlichen Refugien hinzu, der Wald wurde immer dichter, und Mitteleuropa war bis auf wenige Stellen, wo es zu nass oder zu trocken für Bäume war, von Wald überzogen. Oder bis auf wenige Stellen, die der jagende und sammelnde Mensch zeitweise ein wenig auflichtete. Mit der Sesshaftwerdung änderte sich dies, der zunehmende Holz- und Flächenbedarf der Siedler führte zu einem Auflichten der Waldlandschaft.

Das Neolithikum, die Jungsteinzeit, beginnt in Mitteleuropa etwa 5600 Jahre vor Christus und ist gekennzeichnet vom Übergang der Jäger- und Sammlerkultur zu Ackerbau und Viehzucht. Wie hat der Mensch seither die Waldentwicklung beeinflusst?

Zuerst haben die Menschen die Wälder aufgelichtet, Holz zum Bauen und Kochen eingeschlagen und somit indirekt Baumarten gefördert, die lichtbedürftig sind. Diese nahmen dann zeitweise zu. Allmählich wurde dann auch eine planmäßige Waldbewirtschaftung eingeführt, etwa mit regelmäßiger Rotation des Einschlages, wie wir es mindestens seit dem Mittelalter kennen und Mittelwaldwirtschaft oder Niederwaldwirtschaft nennen. Später kamen gezielte Pflanzungen hinzu, und schließlich wurde die nachhaltige Forstwirtschaft eingeführt, mit der strikten Trennung von Wald und Offenland. Davor wurde auch das Vieh im Wald geweidet, was für den Wald häufig schädlicher war als der Holzeinschlag.

Wie alt sind unsere ältesten Wälder?

Wenn Sie dies auf die Waldkontinuität beziehen, also wie lange auf einer bestimmten Fläche Wald stand und nicht zwischendurch ein Acker oder eine Weide, dann gibt es ganz ganz wenige Wälder, die in kleinen Teilen über 10 000 Jahre alt sind. Deutlich mehr Waldbestände sind dann vielleicht 500 Jahre alt, oder auch „nur“ 300 Jahre. Aber „alte“ Wälder, im Sinne einer mehrtausendjährigen Kontinuität, gibt es so gut wie keine.

Was war Ihr interessantester Fund?

Zusammen mit Pollendaten konnten wir in Norddeutschland anhand von Holzkohlen zeigen, dass ein kleiner Teil eines heutigen nicht sehr großen Waldgebietes wohl seit der Wiederbewaldung nach der letzten Eiszeit immer bewaldet war, also ein „alter Wald“ im wahrsten Sinne des Wortes. Ein „Einzelfund“ ist mir in besonderer Erinnerung: eine winzige Kohle von Wacholder, die wir in einem Bodenprofil bei Kiel fanden, und deren Alter wir mit Hilfe der Radiokarbondatierung auf 40.000 Jahre bestimmen konnten, also von einem Baum oder Strauch, der in einer wärmeren Periode der letzten Eiszeit vielleicht am Rande des Eises wachsen konnte. Auch konnten wir in Bodenproben südlich des Harzes sehr alte Buchenkohlen finden, die eigentlich zu früh im Sinne der nacheiszeitlichen Einwanderung der Rotbuche sind.

Ist die Anthrakologie eine aussterbende Wissenschaft?

Nein, ganz im Gegenteil, wir erleben eine weitere, lebendige Entwicklung dieser, was ihre Breite und paläoökologischen Möglichkeiten angeht, jungen Wissenschaft. Die Zahl der Publikationen stieg mit Ende des 20. Jahrhundert/Beginn des 21. Jahrhunderts stark an. Auch in Deutschland wird diese Forschungsrichtung weiter an Bedeutung gewinnen.

Dr. Oliver Nelle - Leiter des Dendrochronologischen Labors des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart
Dr. Oliver Nelle - Leiter des Dendrochronologischen Labors des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart
Oliver Nelle

Dr. Oliver Nelle leitet das Dendrochronologische Labor des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, in Hemmenhofen am Bodensee. Er untersucht mit seinem Team archäologische Hölzer aus Baden-Württemberg, bestimmt die Holzart, datiert Hölzer anhand ihrer Wuchsmuster, und forscht zu Fragen der Mensch-Umwelt-Interaktion insbesondere zu Zeiten und in Räumen der prähistorischen Pfahlbauten in Südwestdeutschland.

Die WaldReporter

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