„Reality sucks“

In der Virtuellen Realität bauen sich schon heute einige Menschen ein alternatives Leben auf. Sie leben lieber dort als in der materiellen Realität. VR Reporterin Eva Wolfangel hat vier von ihnen begleitet, in Virtuellen Welten ebenso wie in Kuwait, Israel und den USA. Sie hat gesehen: es kann gute Gründe geben, die "Matrix" vorzuziehen.

VR-​Reporterin: Eva Wolfangel berichtet aus digitalen Welten und neuen Realitäten

Endlich hört Ben nicht mehr nur das Pochen seines eigenen Herzens. Die Stimmen seiner Freunde dringen in sein Ohr. Weit entfernt noch, aber sie kommen näher, Meter um Meter. Gleich werden sie da sein. Dann wird er aus dem Schatten der Wendeltreppe hervortreten. Jetzt versteht er einzelne Fetzen der Unterhaltungen, die ersten erreichen wahrscheinlich gerade die Bar. Ben wirft einen letzten Blick zum violetten Vorhang hinter sich, durch den sich winzige blau-kalte Lichtpartikel der Straßenlaternen von draußen nach drinnen arbeiten. Auf dem dunklen Parkettboden werden sie geschluckt von den warmen Strahlen der Lampen, die über der Bar hinter der Holzverkleidung Sonnenuntergangsstimmung verbreiten. Ben schaut sich um. Ist alles perfekt? So, wie es sich gehört für so einen Tag?

Da. Das war Shoos Stimme. Sie kichert. Gefällt es ihr? Das Haus, das er ihr gebaut hat, die Bar mit der großen Fläche, auf der er heute mit ihr tanzen will - was Shoo noch nicht weiß. Ben lauscht, den Kopf leicht schief, und blinzelt aus seinem Schatten in den Raum voller Licht. Die Gäste stehen um die Bar herum und in den Ecken, sie lachen, sie erzählen Anekdoten, manche flüstern, etwas besonderes liegt in der Luft, was wird hier heute geschehen?

Als Shoo verträumt die Torte betrachtet, die sie für ihre Geburtstagstorte hält, schleicht sich Ben von hinten heran, er flüstert ihr ins Ohr „komm mit hoch.“ Shoo folgt ihm die Wendeltreppe hinauf ins Schlafzimmer. Das Bett frisch gemacht mit weißer Satin-Bettwäsche, die Gardinen zugezogen, darüber liegen schwere Samtvorhänge verspielt in Schleifen, auf dem Nachttisch eine kleine Lampe mit goldenem Sockel und warmem Licht, dunkler Parkettboden und weinrot melierte Wände. Nur ein Fetzen Nachthimmel, der durch einen Vorhangspalt dringt, wird Zeuge dessen, was die Gäste im unteren Stock nur durch einen Schrei und ein kurzes Aufschluchzen von Shoo vernehmen. Dann rennt sie die Treppe hinunter: „Ich habe mich gerade verlobt“, ruft sie in die neugierigen Gesichter, in die Avatar-Gesichter, ihre Stimme bricht ein wenig, die Gäste hören den Kloß in ihrem Hals, der sich gerade auflöst, aber sie hören vor allem die Freude in ihrer Stimme.

Das ist alles nicht echt. Zumindest nicht aus der Perspektive unserer hiesigen schnöden Realität. Der Nachthimmel besteht aus Pixeln, ebenso das romantische Schlafzimmer, die Bar und leider auch die Torte. Die Szene spielt sich in der Virtuellen Realität ab. Und doch: wer dieser Verlobungsparty beiwohnt, wer durch das große Haus schlendert und die Einrichtung bewundert, der ist ein echter Mensch, und er ist gewissermaßen auch wirklich hier. Die Gäste haben ein Headset und Kopfhörer aufgesetzt und ihre materiellen Körper zurückgelassen in ihren Wohnzimmern in London, Atlanta, Peking, Berlin oder Kairo. Ihr Bewusstsein hat einen Avatar in der virtuellen Realität bezogen, der sich anfühlt wie ihr Körper, weil sie darin stecken und durch die Welt durch dessen Augen betrachten. Weil er ihren Bewegungen folgt und weil alles um sie herum gewohnten Gesetzen der echten Welt gehorcht: Der Lichtkegel der Lampe hinter der Bar streift ihre Hand, wenn sie daran vorbei gehen, sie hören die Stimmen jener lauter, die gerade ihren Weg kreuzen – und dabei gehen sie auch in der anderen Welt der Wohnzimmer mit ihren biologischen Körpern. Doch diese andere, „echte“ Welt bleibt zurück hinter dem Virtual Reality Headset.

Sie alle haben Controller in der Hand, die sich in der virtuellen Welt in echte Hände verwandeln, mit denen sie sich ein Stück Kuchen nehmen können, mit virtuellen Sektgläsern anstoßen oder mit denen sie Shoo umarmen können - was gerade viele tun, um ihr zur Verlobung zu gratulieren. Fast alle haben verfolgt, wie sich das Paar in den Virtuellen Räumen von Altspace VR kennen gelernt hat, einem Treffpunkt in der Virtuellen Realität, wie sie dort gemeinsam Kunstwerke gestalteten und Partys feierten, und wie schnell klar wurde, dass sie zusammengehören. Wie sie schließlich stets gemeinsam auftauchten, immer öfter im Partnerlook, immer dicht beieinander, stets das Glück in ihren Stimmen. Shoo die Aufgedrehte, Ben der Ruhige. Allen ist klar: das alles ist echt. Und vor allem eines ist echt: die Liebe zwischen Ben und Shoo.

Eine zweite Realität

Die beiden hätten nie gedacht, dass eines Tages ihr Realitätsbegriff in Frage stehen würde. Doch dazu führt diese neue Form der Realität: sie stellt derzeit vieles auf den Kopf, was wir für gegeben hielten. Der Traum ist alt, aber nun ist die Technik weit genug und auch für Konsumenten erschwinglich, so dass es erstmals im Leben der Menschheit die Möglichkeit gibt, sich zwischen mehreren Realitäten zu entscheiden – jenseits von Phantasiereisen, Wahnvorstellungen oder Drogentrips. „Die virtuelle Realität ist genauso real wie die physische Welt“, sagt der Australische Philosoph David Chalmers in einem TED-Talk, „es muss keinerlei Illusion daran beteiligt sein, wenn wir die virtuelle Realität nutzen.“ Der Philosoph beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Theorie des Bewusstseins und der Frage, wie echt eigentlich die physische Welt ist. Woher wissen wir, dass sie nicht nur eine Simulation ist? Darüber streiten Philosophen seit René Decartes Gedankenexperiment im 17. Jahrhundert: wir könnten ebenso gut in einer Illusion leben, gesteuert und getäuscht von einem Dämon. Können wir sicher sein, dass die reale Welt nicht nur ein Produkt unseres Gehirns ist? 

Spätestens mit dem Film „The Matrix“ hat diese Frage die breite Öffentlichkeit erreicht. Und die virtuelle Realität zwingt uns erneut dazu, uns damit zu beschäftigen. Die Immersion, das Gefühl des totalen Eingetauchtseins, ist so hoch, dass Zweifel aufkommen, ob es überhaupt relevante Unterschiede gibt zur echten Welt. Chalmers sagt Nein: „Die virtuelle Realität ist keine zweite Klasse Realität.“ Sie stehe der echten in nichts nach.

Ben hat sich noch wenig Gedanken über die Klassifikation seiner Realitäten gemacht. Aber eines ist klar: dieses echte Leben, das ihn, den Entwickler besonderer Effekte für Gruselfilme, gerade in Atlanta, USA, festhält – dieses Leben ist alles andere als erste Klasse. Und das liegt nicht am Job, der ihm Spaß macht, sondern an Shoo, genau genommen an ihrem Fehlen in dieser Realität: sie ist so verdammt weit weg. In dieser Realität sitzt Ben an einem Oktober-Abend in seiner kahlen neuen Wohnung, in der vor allem ein Computer steht, viele Kabel, Headsets, Sensoren in den Ecken des Raumes.

Ein junger Mann mit Vollbart und beginnender Glatze trägt eineine VR-Headset auf dem Kopf. Er steht in einem leeren, kahlen Raum. Die Jalousien vor den Fenstern sind geschlossen.
Bens Wohnung in Atlanta ist weitgehend leer: er ist gerade erst hier her gezogen. Weil er wegen seines Berufs oft umziehen muss, hat er wenige Freunde in seiner materiellen Realität.
Eva Wolfangel
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Eva Wolfangel
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Eva Wolfangel

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VR Reporterin Eva Wolfangel (www.ewo.name) ist eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin und berichtet hier regelmäßig aus virtuellen Welten und über aktuelle Entwicklungen im Digitalen, die unsere Zukunft prägen werden. Neben einigen kostenlosen Leseproben bietet sie auch bezahlpflichtige Inhalte an. Wer immer auf dem aktuellen Stand und als erster informiert sein will, dem legt sie ihr Abo ans Herz: für 1,99€/Monat sind alle Texte frei geschaltet und sofort zu lesen. Wer sich nur für manche Texte interessiert, kann sie auch einzeln kaufen - einfach mit einem Klick auf das entsprechende Kästchen. Beides ist eine großartige Unterstützung für Recherche, Faktenprüfung und die Schreibarbeit und sorgt für die Zukunftsfähigkeit von hochwertigem und seriösem Journalismus.

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