Mein Leben als Avatar

Eine Reportage aus der Virtuellen Realität. Von Eva Wolfangel

Till Schüssler Eva Wolfangel mit einer VR-Brille

18. Dezember 2016

Eva Wolfangels Reportage aus der Virtuellen Realität, die ursprünglich im Magazin "Reportagen" erschien, war auf der Shortlist des Reporterpreises 2016 in der Kategorie "Beste Reportage". Sie gehört damit zu den interessantesten dieses Jahres. Es war ein Jahr, in dem durch den US-Wahlkampf die suggestive Kraft digitaler Medien zum Gegenstand der Weltpolitik wurde. Auch übergriffiges Verhalten gegenüber Frauen war Weltthema. “Mein Leben als Avatar” handelt von beidem – auch deshalb ist der Text so wichtig. Bald wird Eva Wolfangel in ihrer Koralle "Die VR-Reporterin" regelmäßig aus der "künstlichen Realität" berichten.

Noch wirkt alles ganz harmlos. Ein Sonnenstrahl landet direkt vor meinen Füßen, er hat eine weite Reise hinter sich, auch wenn es ihn eigentlich gar nicht gibt. Der Sonnenstrahl hat sich seinen Weg durch dicke Wolken vor dem Fenster gebahnt, er ist gereist auf winzigen Regentropfen von weit oben aus dem Himmel bis hier zu mir auf den Parkettboden. Warm und weich kitzelt er jetzt meinen Fuß. Ich schaue mich um: Der Raum ist würfelförmig, an drei Seiten begrenzt durch riesige Glasfronten. Die vierte Wand ist fast in der gesamten Breite ausgefüllt von einem riesigen Display, auf dem ein Film läuft. Einige Männer stehen davor und lachen.

Wo bin ich? Ich bin in der Zukunft. Und zugleich bin ich im Hier und Jetzt. Ich bin in der Realität. Und zugleich in etwas gänzlich anderem, etwas von der Qualität eines Traumes. Ich bin in der Virtuellen Realität. Es heißt, die virtuelle Realität sei unsere Zukunft und dass wir uns in zehn oder zwanzig Jahren hier begegnen werden statt weite Reisen anzutreten zu unseren Liebsten. Noch sind nur wenige Menschen unterwegs in dieser Welt, die es eigentlich nicht so richtig gibt, und die auf mich aber in diesem Moment verdammt echt wirkt.

Das Headset drückt nicht mehr, ich stehe nicht mehr im Wohnzimmer

In der nichtvirtuellen Realität stecke ich gerade unter dicken Kopfhörern und einer großen Virtual Reality Brille, die sich zuerst auf meinem Kopf schwer angefühlt hat, und stehe in meinem Wohnzimmer auf dem Parkett. Aber was ist schon wirklich: Kaum habe ich den würfelförmigen Raum mit den Glasfronten betreten, der nur in der Brille existiert, verschwindet die andere Realität. Das Headset drückt nicht mehr, ich stehe nicht mehr im Wohnzimmer, ich bin in diesem lichtdurchfluteten Raum mit dem Display an der Wand. Mache ich einen Schritt auf meinem Wohnzimmerboden, gehe ich auch in dem virtuellen Raum einen Schritt. Neige ich den Kopf, tut das auch mein Avatar, in dessen Körper ich die andere Welt erlebe.

Ich drehe mich um mich selbst und wundere mich, wie real das alles wirkt: oben, unten, links, rechts - egal wohin ich schaue, die Illusion ist so perfekt, dass mein Wohnzimmer und mit ihm die ganze andere Welt für mich verschwinden. Ich staune über die Bäume vor dem Fenster, die sich im Wind wiegen als wären sie echte Bäume, draußen plätschert friedlich ein kleiner Fluss und mündet in einen Wasserfall. Wenn ich mich dem Ausgang nähere, wird das Plätschern lauter, und auch das Vogelgezwitscher und das Rauschen der Blätter, die Gespräche der Männer im Hintergrund werden leiser. Das hier ist die "Hangout-Area": ich habe diesen Raum im Menü gewählt, weil er nach Feierabend klingt, nach guter Laune, Smalltalk, Leute kennen lernen und Seele baumeln lassen. Ich spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, auch wenn das tatsächlich nicht sein kann. Hier werden so viele Sinne bedient, dass mein Körper den Rest einfach ergänzt. Ein Frieden breitet sich in mir aus, von dem ich nicht weiß, ob er vielleicht auch nur virtuell ist.

Ich will schreien. Aber wer würde mich hören?

Plötzlich wird der Sonnenstrahl von einem Schatten verdunkelt, ein großer roter Mann steht vor mir, ich habe ihn nicht kommen gesehen, aber jetzt höre ich ihn atmen, direkt neben meinem Ohr, viel zu nah. Hier stimmt etwas nicht. Seine Hand kommt näher, ich schaue an mir herunter, sehe mein blaues Kleid und seine Hand an meinem Busen. Ich habe einen weiblichen Avatar gewählt – vielleicht ein Fehler? Mein Avatar hat eine Wespentaille und sieht ansonsten aus wie ein schmaler Roboter, mit runden, unausgefüllten Augenhöhlen, die beim Reden aufleuchten. Mein weiblicher Avatar hat den Mann dazu gebracht, mich betatschen zu wollen.

Ich will schreien. Aber wer würde mich hören? In welcher Welt käme mein Schrei an? Der rote Mann steht vor mir, breitschultrig, seine grünen Augen blitzen angriffslustig, er grapscht an mir herum und sagt nichts. Er blickt mir direkt in die Augen. Prüfend? Grinst er ein bisschen? Weidet er sich an meiner Hilfslosigkeit? Will er testen, was jetzt passiert, wie ein kleines Kind? In dieses Gesicht lässt sich alles hineininterpretieren. Das fühlt sich scheiße an. Ich will einen Schritt zurück treten. Aber da sind Treppen. Was ist, wenn ich stolpere? Sind diese Stufen echt? Oder bewege ich mich auf dem ebenen Boden der anderen Welt?

Ich versuche mir zu sagen, dass das alles nicht real ist. Wie durch zähflüssigen Zement schieben sich die Gedanken an die andere Welt durch meinen Kopf, sie kommen nicht an. Dieser Raum wirkt zu echt. Aber was ist schon echt? In meinen echten Händen halt ich zwei Controller, schwarze Ringe in der Größe von Armreifen. Sie übertragen meine Bewegungen in die virtuelle Welt. Dort habe ich also keine Hände mit Fingern, sondern nur zwei Ringe. Ich versuche, den Mann wegzuschieben, aber die Controller gleiten durch ihn hindurch. "Look!", ruft er zur Seite, "schau!", ein zweiter Mann kommt dazu, ähnlich rot, ähnlich groß, jetzt stehen sie beide da und lachen. Ich höre sie Luft holen, der eine näher am rechten der andere näher am linken Ohr, der eine lacht so laut, dass er Husten muss.

Es ist nicht so, dass mich niemand gewarnt hätte

Das alles dringt in meinen Kopf, als stünden echte Menschen neben mir. Und sie sind echt. Diese Männer stehen wie ich irgendwo auf der Welt in einem Wohnzimmer, sie haben genau diese Stimmen, sie husten in Wirklichkeit, und sie grapschen soeben einer fremden Frau an den Busen, als wäre es das normalste der Welt. Ihre Avatare tragen metallische Augenbinden, die beim Reden aufleuchten. Anders als ich haben sie Hände: statt der Controller nutzen sie eine Technik, die Bewegungen ihrer echten Hände und Finger filmt und in die Virtuelle Realität überträgt. Der zweite Mann macht ein Zeichen: ein Kreis aus Zeigefinger und Daumen, der Zeigefinger der anderen Hand sticht in die Mitte. "Ficken" hieß das bei uns in der Schule früher. Ich drehe mich weg.

Es ist nicht so, dass mich niemand gewarnt hätte. In unzähligen Gesprächen mit Entwicklern, Philosophen und Psychologen habe ich vor allem eines immer wieder gehört: die Virtuelle Realität wirkt echt, fast zu echt. Gamer berichten von allzu brutalen Killerspielen, manche haben Probleme, einen virtuellen Mord zu verarbeiten, andere warnen mich: Missbrauch in dieser Realität fühlt sich so echt an, dass Menschen Traumata davontragen – die sich in der echten Welt fortsetzen. Wieder andere schwärmen von den Möglichkeiten der sozialen Interaktion, gerade so wie im richtigen Leben. Forscher versichern mir: In Zukunft, wenn diese neue Technologie massentauglich wird, dann werden wir nicht nur dreidimensionale Computerspiele spielen. Menschen, die zu weit auseinander leben, um sich real zu treffen, können in dieser virtuellen Welt gemeinsam Abenteuer erleben, musizieren, Filme anschauen oder einfach nur reden. Raum und Zeit werden überwunden. Ich denke bei diesen Gesprächen immer an meine Freundin in Neuseeland und meinen Bruder in Brasilien, mit denen ich nur wenig Kontakt habe, weil mir beim Telefonieren, Mailen und Chatten etwas fehlt. Social Virtual Reality - das klingt wie ein schöner Traum.

Wie fühlt sich diese Zukunft an? Ich will es wissen und finde: AltspaceVR, den bisher größten Chatroom der virtuellen Realität, klein noch, doch von großem Optimismus getragen. Optimismus nicht nur seiner ersten Nutzer sondern vor allem US-amerikanischer Risikokapitalgeber. Die virtuelle Realität scheint ihnen eine super Investition für ihr völlig unvirtuelles Geld. Über ein Forum suche ich Nutzer von AltspaceVR, ich frage: Wer ist hier die Zukunft? Keiner möchte sich mit mir im echten Leben treffen. Einer schreibt: "Wenn du wissen willst, wer die Zukunft ist, musst du unbedingt Crystal treffen! Sie ist sehr bekannt in der Community." Crystal, die Zukunft, das klingt geheimnisvoll. Ich nehme mir vor, Crystal zu finden und begebe mich auf die Reise in diese weit entfernte andere Welt.

Die nächsten Tage verbringe ich atemlos. Ich werde wieder zum Kind mit täglich wechselnden Spielkameraden: Wir erkunden die vielen verschiedenen Räume in Altspace, den Welcome-Bereich, eine Taverne, wir entdecken, was wir mit unseren Avataren alles machen können, beamen und fliegen, irren durch ein Labyrinth und kämpfen Schwertkämpfe, die auch in echt den ganzen Körper beanspruchen: Wenn ich ein Schwert in der Taverne schwinge, schwinge ich auch in Wirklichkeit in meinem Wohnzimmer meinen Arm mit dem Controller. Durchbricht ein anderer Kämpfer meine Deckung, ducke ich mich weg und kauere auf dem Wohnzimmerboden, der für mich gerade nicht existiert, schließlich stehe ich auf den knarzenden Holzbrettern der Taverne. Zum Glück schaut grad keiner zu in dieser echten Welt, denke ich manchmal, wenn sich der zähe Strom der Erinnerung an mein anderes Leben kurz in den Vordergrund drängt.

Ich werde besser darin mich wegzubeamen, das ist der Notausgang in der Virtuellen Realität

Manche Nutzer sind so begeistert von der Technik, von ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten in der Virtuellen Realität, dass sie jegliche Grenzen überschreiten. Sie rennen durch Nutzer hindurch, sie fuchteln mit ihren Händen vor den Augen anderer herum oder begrapschen fremde Frauen. Ich werde besser darin mich wegzubeamen, das ist der Notausgang in der Virtuellen Realität: Ich muss nur mit meinen Controllern auf eine Stelle im Raum zeigen und einen Knopf drücken, schon lande ich an genau dieser Stelle.

Das kann gefährlich sein: Eines Tages habe ich mich gemeinsam mit meinen neuen Spielkameraden auf einen Felsen gebeamt, vor meinen Füßen geht es hunderte Meter in die Tiefe. Unten sehe ich die Pyramide, die gestern noch riesig und unüberwindlich vor mir stand, jetzt sieht sie winzig klein aus, die Menschen auf ihr wie Läuse. Ich drehe vorsichtig den Kopf: hinter mir ist der Fels, keine Fluchtmöglichkeit. Ich zittere, kann mich nicht bewegen, denke kurz an diese andere Welt, die so weit weg ist, in der ich auf einem soliden Wohnzimmerfußboden stehe. Oder doch nicht? Der Gedanke beruhigt mich nicht. Das hier fühlt sich echter an. Ich erstarre. Mein Körper signalisiert mir: Gefahr!

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