Die Alltagsretter

Seit Pokemon Go weiß jeder, was Augmented Reality ist. Die Technologie wird unser Leben und unsere Wahrnehmung verändern. Von Eva Wolfangel

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Das Smartphone liegt auf der Arbeitsfläche zwischen Geschirrbergen, die Milch auf dem Herd kocht gerade über – und äh, wieviele Eier muss ich nochmal trennen? Schnell auf Chefkoch.de nachlesen. Nach dem dritten Ei ist das Smartphones gründlich eingesaut. Mit schmierigen Fingern noch einmal das Muster zeichnen – jetzt ist es wenigstens für jeden Dieb an den Butterspuren zu erkennen. Und wie heiß muss der Backofen sein? Ups, diesmal waren die Finger zu glitschig- das teure Gerät landet im Spülbecken. Horrorszenarien auf dem Alltag.

„Dafür gibt es eine Lösung“, sagt Markus Funk und grinst. Er hat kürzlich an der Uni Stuttgart über Augmented Reality promoviert und freut sich, dass er seit Pokemon Go niemandem mehr lange erklären muss, was das bedeutet. Zusammen mit Studierenden der Stuttgarter Hochschule der Medien entwickelt Funk gerade eine App, die das Kochdilemma lösen könnte. Anders als bei Pokemon Go läuft diese nicht auf dem Handy, sondern direkt in der Küche der Zukunft. „Projektionsbasierte AR“ nennt Funk das: ein Computerprogramm weiß, welches Rezept gekocht werden soll, und es kennt sich in der Küche aus.

Sensoren registrieren jede Bewegung des Kochenden. Ein Projektor leuchtet stets das Produkt an, das als nächstes gebraucht wird und blendet Anweisungen auf die Arbeitsfläche. „Wiege 200 Gramm Butter ab. Nein, jetzt keine Sms schreiben: Gleich kocht die Milch über!“ Und es gibt in Zukunft vielleicht auch eine Lösung für „Omas Kartoffelsalat“, der nie so gelingt wie bei Oma: sie macht ihn einmal vor. Das System lernt daraus und leitet den Enkel Schritt für Schritt an, ihn genau gleich zuzubereiten

Mehr als Spielerei

Aber das ist erst der Anfang der Augmented Reality. „Auch wenn vieles Spielerei ist, gibt es durchaus ernsthafte Ansätze“, sagt Funk. In seiner Promotion hat er beispielsweise ein System entwickelt, das Mitarbeitern von Behindertenwerkstätten stets den nächsten Arbeitsschritt einblendet. Die Nutzer wurden nicht nur selbständiger sondern auch zufriedener, weil sie anspruchsvollere Aufgaben übernehmen konnten. Immer mehr Unternehmen setzen ähnliche Projekte mit intelligenten Brillen um.

Viele erinnern sich noch an die „Glassholes“-Debatte, an der die Googlebrille vor einigen Jahren gescheitert ist: die Träger galten als arrogant, und ihre Mitmenschen hatten Sorge, gefilmt zu werden ohne es zu wissen. Aber jetzt erlebt die Datenbrille im Hintergrund ein Comeback im Industriebereich – ganz ohne den großen Hype vom Anfang. Auch andere Unternehmen bieten Kopfdisplays an, die Arbeitern beispielsweise relevante Informationen oder Briefträgern den Weg zur richtigen Adresse einblenden.

Pokemon Go und GoogleGlass haben eine Gemeinsamkeit: Kritiker bemängeln immer wieder, dass sie gar keine „echte“ AR seien. Denn die Einblendungen passen sich nicht an die Umgebung an – die Systeme sind nicht so smart, wie sie sein könnten. „Pokemon Go ist räumlich nicht konsistent“, sagt Dieter Schmalstieg, AR-Experte von der TU Graz und Autor des Buches „Augmented Reality - Principles and Practice“. Die kleinen Monster erkennen keine Treppen, sie bewegen sich nicht perspektivisch korrekt. „Das ist ein wesentlicher Aspekt, der AR von anderen Medien unterscheidet.“

Gerüchte und Geheimnisse

So drängt sich der Verdacht auf, dass die Firma Niantic mehr Spiele- als AR-Experte ist – die sich auch auf Anfrage nicht weiter über ihreVorstellungen zu unserer Zukunft mit AR äußert. Und es gibt weitere Heimlichtuer: auch die gehypte Firma Magic Leap verrät nichts über die Brille, an der sie im Geheimen arbeitet. Gerüchteweise könnte sie die erste alltagstaugliche AR-Brille sein, da sie die Datenverarbeitung auf einen Mini-Computer auslagert, der wie ein Smartphone mit sich getragen wird. Dadurch wird die eigentliche Brille filigraner – ein wichtiger Formfaktor jenseits industrieller Anwendungen.

Und wie es sich für „echte“ AR gehört, sorgen viele Sensoren dafür, dass der Nutzer verortet und virtuelle Gegenstände perspektivisch korrekt in die Umwelt eingeblendet werden. Unter anderem diese aufwendige Sensorik machen die neue Technologie derzeit noch teuer, dennoch spinnen Forscher Zukunftsvisionen. Die Geräte könnten unser Leben verändern, indem sie unsere allwissenden Organisatoren werden. Sie wissen - wie Smartphones schon heute -, wo wir gerade sind, was wir vorhaben („immer werktags um 8.30 Uhr fährt Florian ins Büro, das wird er heute auch vorhaben“), sie kennen Verkehrslage, Wetter und unsere Vorlieben und können uns entsprechend lotsen.

„Solche Systeme könnten mich so lenken, dass ich immer an eine grüne Ampel komme“, sagt Schmalstieg. Und das unauffällig per Einblendung direkt ins Auge, ohne dass die Interaktion mit der realen Welt beeinträchtigt wird: wir müssten nicht mehr ständig auf ein Smartphone schauen. „Informationen werden Bestandteil der realen Welt“, sagt Schmalstieg: wir sind immer gut informiert und gleichzeitig stets präsent für Freunde, Familie oder Kollegen. Wird das unsere Wahrnehmung ändern? „Es wird zu einer noch stärkeren Symbiose mit den digitalen Geräten führen“, sagt Schmalstieg. Und das wird wohl den ein oder anderen Kulturpessimisten auf den Plan rufen. „Es wird sicher auch seine Schattenseiten haben, aber noch ist kein Volk ausgestorben wegen neuer ziviler Kulturtechniken.“


Wie schnell einem Augemented Reality auch zu viel werden kann, zeigt dieses Video von Kelichi Matsuda eindrücklich:

Mindestens zwei ehrgeizige Projekte sind aus dieser Zukunft gerade zu uns herübergeschwappt: die Augmented-Reality-Brille Microsoft Hololens ist seit kurzem auf dem Markt – allerdings für 3000 Dollar. Das Gerät sieht in der Tat eher nach einer Brille aus als die globigen Virtual-Reality-Headsets, auch wenn es nicht gerade filigran ist: seine Gläser sind gleichzeitig durchsichtig und fungieren als Display direkt vor den Augen. Apps und virtuelle Objekte, die der Nutzer unter anderem mittels Blickbewegungen, Sprache und Gesten auswählen kann, erscheinen direkt im Raum. Experten sehen diese derzeit vorallem in der kommerziellen Anwendung. Für wesentlich weniger Geld können Nutzer künftig an Googles „Projekt Tango“ teilhaben: das funktioniert auf dem neuesten Lenovo-Smartphone (500 Euro) und vermisst den Raum mittels zweier Kameras und eines Infrarot-Sensors in Echtzeit. Dabei werden die Bewegungen des Nutzers über Bilderkennung seines Umfelds verfolgt und in die erweiterte Realität übertragen: das Gerät erstellt ein 3-D-Modell des Raumes.

Virtuelle Gegenstände können dadurch in die echte Welt integriert werden: eine beliebte Demo zeigt ein Spiel, in dem ein Nutzer in einem echten Supermarkt zwischen den Puppenregalen mit Starwars-Sturmtruppen kämpft. Arglose Kunden laufen mit Einkaufswagen an ihm vorbei – sie können die Kämpfer nicht sehen. Aber auch Google hat kommerzielle Anwendungen im Blick: Kunden können beispielsweise neue Möbel in ihre realen Wohnzimmer projizieren und testen, ob ihnen diese gefallen. Diese Idee hatte übrigens ein deutsches Startup bereits vor elf Jahren: Metaio ließ Ikea-Möbel in den Wohnzimmern der Kunden erscheinen. Metaio wurde allerdings 2015 von Apple gekauft, seither ist es still geworden. Auch Apple arbeitet wie viele große Unternehmen noch im Geheimen an der neuen Technologie.

Gefahr der Überdosis AR

Viele Forscher prophezeien der erweiterten Realität eine größere Relevanz als der virtuellen, weil sie keine Konkurrenz zur realen Welt darstellt. Gleichzeitig warnen sie: es kann auch zu viel werden. „Es gibt jede Menge AR-Apps, bei denen man denkt: wenn die Leute das die ganze Zeit benutzen, werden sie verrückt“, sagt Markus Funk. Im Video „Hyper reality“ des Londoner Designers Keiichi Matsuda kann man prima mitleiden mit einer jungen Frau, die per AR-Brille durch ihr Leben gelotst wird. Jeder Anruf wird eingeblendet, jede Nachricht, an der Bushaltestelle folgt die leuchtenden Pfeilen zum Ausgang, die Geschäfte in der Innenstadt schreien sie förmlich an, Werbeanzeigen und Kaufauforderungen blenden sich in ihr Sichtfeld, ebenso Verkehrsregeln: „bitte Straße freimachen“, ein virtueller Zaun erscheint am Straßenrand, der Verkehr brummt an ihr vorbei.

Im Laden überblenden Sonderangebote die Regale, kleine Wesen springen vor ihrer Nase im Einkaufswagen herum und rufen ihr zu, welcher Einkauf die meisten Punkte gibt. Was für eine Erleichterung, als das System zusammenbricht und hinter all den Einblendungen ein ganz normaler Supermarkt erscheint. Aber der Kundenservice ist schon dran, die bunten Einblendungen poppen wieder auf. „Kann ich von vorne anfangen?“, fragt sie verzweifelt. „Charakter wirklich löschen?“ lautet die Antwort. Was ist hier real? Die Verwirrung.