Vorsicht, bissig!

In den USA ist die Zombie-Serie „The Walking Dead“ ein Riesenerfolg. Darüber freut sich nicht zuletzt der Bundesstaat Georgia, in dem die Sendung gedreht wird. Ein Besuch im Land der Untoten.

Steve Przybilla Eine Frau steht vor einem Geschäft und winkt. Neben ihr steht ein Pappaufsteller, der aussieht wie der Schauspieler Andrew Lincoln aus der TV-Serie "The Walking Dead"

Zombies lieben Pferde, zumindest wenn sie an ihnen nagen können. Aufmerksame Fernsehzuschauer wissen das spätestens seit der ersten Folge von „The Walking Dead“ (zu Deutsch: die wandelnden Toten). ). Gleich zu Beginn sieht man, wie Rick, der Held der TV-Serie, ins Zentrum von Atlanta geritten kommt. Die Südstaaten-Metropole scheint verlassen: Nichts als Hochhäuser, Autowracks und umherwehender Müll. Bis die Zombies das Pferd entdecken – und Appetit bekommen.

Im echten Leben sieht die Stelle nicht weniger apokalyptisch aus. In Atlanta, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia, ist es feucht und diesig. Die oberen Etagen der Hochhäuser verschwinden im Nebel. Dazwischen ein kleiner Rangierbahnhof, der von Gras überwuchert wird. Anders gesagt: die perfekte Zombie-Idylle.

Noch bevor Charlie Lounge etwas sagen kann, klicken jetzt die Smartphones. Schließlich könnte schon bald die Sonne hervorkommen, und das Ende der Welt ist doch bitteschön düster und grau.

Charlie ist hauptberuflich Schauspieler. Er trägt ein besticktes Hemd, Westernstiefel und eine Jeansjacke. Seine blond-graue Mähne reicht ihm bis zur Schulter. „Ist doch klar, dass ich hauptsächlich Zombies, Obdachlose und Säufer spiele“, sagt der 51-Jährige und lacht. „Bei mir müssen sie gar nicht viel verändern.“

An diesem Tag verdient sich Lounge mit einer Stadtführung etwas hinzu. Im Bus werden Zombie-Fans zu all jenen Orten gebracht, die in „The Walking Dead“ eine Rolle spielen. Und das sind in Atlanta, der selbst ernannten Hauptstadt des amerikanischen Horrorfilm-Business, eine ganze Menge.

Ein Mann steht vor einer Glastür, daneben Schaulustige mit gezückten Handys.
In der Fernsehserie lauern hinter dieser Glasscheibe massenhaft Zombies. Heute drängt es die Lebendigen dorthin.
Steve Przybilla
Ein Highway führt in die Stadt, im Hintergrund Hochhäuser.
Die Anfänge der Serie spielen in der Südstaaten-Metropole Atlanta.
Steve Przybilla
Ein Mann in Jeansjacke mit Mikro vor dem Mund.
Charlie Lounge führt Fans an die Orte, die sie aus ihrer Lieblingsserie kennen.
Steve Przybilla
Eine Gruppe von Menschen steht vor einem Kleinbus.
Auch im echten Leben sehen die Industriegebiete von Atlanta ziemlich trostlos aus.
Steve Przybilla

In den USA ist „The Walking Dead“ ein großer Erfolg. Seit 2010 läuft die Serie, in der sich eine Gruppe von Überlebenden gegen beißwütige Zombies und marodierende Menschen zur Wehr setzen muss. Schon die Pilotfolge bescherte dem Sender AMC mit 5,3 Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote aller Zeiten. Auch in Deutschland kommt der Mix aus Brutalität und unterschwelliger Gesellschaftskritik gut an.

Charlies Bus holpert. Auch ohne Weltuntergang sind die Straßen von Atlanta nicht die besten. Draußen zieht ein Viertel namens Mechanicsville vorbei. „Früher haben die Leute hier bei Ford gearbeitet“, erzählt der Stadtführer. „Als das Werk zumachte, ging es bergab.“ Viele Häuser stehen leer oder sind mit Graffiti besprüht, in manchen Eingängen haben Obdachlose ihre Schlafsäcke aufgeschlagen. Nicht mal die Polizeiwache ist echt. „Das Schild wurde für eine Produktion angebracht“, erzählt Charlie, der die Gegend als „perfekte Film-Location“ bezeichnet.

Alles andere als perfekt ist die Situation für ärmere Einwohner. Nachdem in Atlanta 1996 die Olympischen Sommerspiele ausgetragen wurden, stellte die Stadt den sozialen Wohnungsbau komplett ein. Bauland war plötzlich profitabel geworden, weil junge Leute in die hippe Stadt ziehen wollten, die sie aus dem Fernsehen kannten.

Wo einst sozial Schwache wohnten, entstanden nagelneue Appartement-Komplexe. Die Auswirkungen sieht man noch heute, zum Beispiel in Mechanicsville, wo besonders Schwarze unter Obdachlosigkeit leiden. Für die Filmbranche ist die Stadt dafür umso attraktiver: Je heruntergekommener die Viertel, desto schauriger die Atmosphäre – zumal leer stehende Häuser die billigsten Drehorte sind.

Der Bus hält neben einem abgestellten Eisenbahnwaggon. In der vierten Staffel diente er als Kulisse für „Terminus“, jenen Ort, an dem Menschen wie Vieh geschlachtet wurden. „Während des Drehs haben sich hier 300 Menschen versammelt“, erzählt Charlie. „Und das um drei Uhr nachts.“ Im Film-Business gebe es für solche Hardcore-Fans eine Bezeichnung: Set-Stalker.

Vorbei an Schnapsläden und ausgeschlachteten Autos geht es wieder in eine bessere Gegend. Ein großes Gebäude mit Glasfassade taucht auf, das Zentrum für darstellende Künste. In der Serie stellt es die amerikanische Seuchenbehörde CDC dar, die tatsächlich ihren Sitz in Atlanta hat, allerdings am anderen Ende der Stadt.  „Freut ihr euch, dass alles noch steht?“, fragt Charlie, denn im Film zerstört sich das Gebäude auf spektakuläre Art selbst. Wieder klicken die Smartphones.

Ein mehrgeschossiges verglastes Gebäude.
Dieses Glasgebäude stellt im Film die Seuchenschutzbehörde CDC dar. In Wahrheit ist es das Zentrum für darstellende Kunst.
Steve Przybilla
Ein leer stehendes Fabrikgebäude.
In diesem vermeintlichen Krankenhaus wacht der Held der Serie in der ersten Folge auf. Heute krankt das Gebäude selbst am Verfall.
Steve Przybilla

Dass „The Walking Dead“ ausgerechnet in Atlanta spielt, ist kein Zufall. Seit mehreren Jahren setzt der Bundesstaat Georgia alles daran, Filmproduktionen in die Region zu locken. 2008 wurde dafür sogar ein eigenes Gesetz beschlossen: Projekte mit einem Budget von mehr als 500.000 Dollar bekommen 20 Prozent ihrer Steuern erlassen, wenn sie in Georgia drehen. Wird im Abspann das Logo des Bundesstaates gezeigt, fallen noch einmal zehn Prozent weg.

Langfristig soll dadurch ein Teil der Branche von Hollywood in den Süden wandern. Immerhin bestehen Filmcrews aus Hunderten von Schauspielern, Statisten, Assistenten und Zulieferern, die alle ihr Geld am Drehort ausgeben. Solche Anreize sind beliebt, verführen aber auch zur Korruption. Im Bundesstaat Louisiana, in dem es eine ähnliche Regelung gibt, wurden in den vergangenen Jahren mehrere Personen wegen Betrugs verhaftet. Vertreter der Filmbranche hatten falsche Rechnungen ausgestellt und Subventionen in die eigene Tasche gesteckt.

In Georgia freuen sich die meisten über den unverhofften Ansturm der Zombie-Fans. In Newnan, einer Kleinstadt rund 45 Autominuten von Atlanta entfernt, versammeln sich Anwohner jeden Sonntagabend zum kollektiven Serien-Gucken in der Kneipe – fast wie beim „Tatort“ in Deutschland. Im Internet sezieren Fans jede Folge bis ins Kleinste, um möglichen Drehorten auf die Spur zu kommen. Meist haben sie dabei den richtigen Riecher, wenngleich die Orte im Fernsehen oft anders heißen als in der Realität.

So steht auch die Kleinstadt Senoia plötzlich im Mittelpunkt des internationalen Zombie-Tourismus. Schon vor Jahren haben sich die Einwohner ein offizielles Motto gegeben: „Der perfekte Ort. Fürs Leben.“ Die Ironie daran: So richtig bekannt wurde Senoia erst, seitdem die Kameraleute von „The Walking Dead“ angerückt sind – und dabei stand eher der Tod im Mittelpunkt. Die Filmcrew verwandelte die Einkaufsstraße in das fiktive Örtchen Woodbury, das in der Serie von einem brutalen Lokalpolitiker, dem „Governor“, regiert wird.

Doch auch im echten Leben haben die Einwohner einen Vertreter gewählt, der mit wandelnden Toten etwas anfangen kann. „Die Filmleute haben unser Leben ganz schön umgekrempelt“, sagt Bürgermeister Larry Owens (65), der mit dem Governor zumindest eine Gemeinsamkeit hat: Um ihn herum wimmelt es von Zombies. „Sogar meine Frau ist einer“, sagt Owens und holt sein Handy hervor. Auf dem Display erscheint das kunstblutbeschmierte Gesicht einer Dame, die Touristen erschreckt.

Eine Kleinstadt.
Die Kleinstadt Senoia, besser bekannt als "Alexandria", sieht genau so aus wie im Fernsehen. Minus der Zombies natürlich.
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Zwei Männer in einer Kneipe.
Bürgermeister Larry Owens (rechts) unterstützt den Pro-Zombie-Kurs in seiner Stadt. Manche Anwohner sind genervt vom ganzen Trubel.
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Ein in den Boden eingelassener Stolperstein mit der Aufschrift "The Walking Dead"
Bürgersteig in Senoia
Steve Przybilla

Noch vor wenigen Jahren wirkte Senoia wie ausgestorben. Im der Senoia Coffee Company, einem Straßencafé, hängt ein Foto aus dem Jahr 2000. Es zeigt die Einkaufsstraße mit leer stehenden Geschäften und verlassenen Bürgersteigen. Ein Bild der Vergangenheit.

„Heute haben wir eine Warteliste für Neueröffnungen“, sagt Owens. „Unsere zwei Pensionen sind fast immer ausgebucht.“ Aus der ganzen Welt kämen nun Besucher vorbei, um die Schauplätze ihrer Lieblingssendung zu sehen. Den Bürgermeister macht’s glücklich: „Allein durch Stadtführungen nehmen wir rund 100.000 Dollar pro Jahr ein. Dadurch konnten wir sogar Steuern senken.“

Mit amerikanischem Geschäftssinn haben sich die Anwohner auf die Untoten eingestellt. In der Senoia Coffee Company wird „Zombie-Café“ geröstet, die Kellnerin serviert im Walking-Dead-Shirt. Im Senoia Mercantile, einem Tante-Emma-Laden, gibt es neben Apfel-Cider und Pfirsich-Marmelade nun auch Postkarten mit blutiger Schrift. Nicht zu vergessen der „Woodbury-Shoppe“, ein Geschäft, das erst seit 2013 existiert und ausschließlich Fan-Artikel vertreibt.

„Ich habe mich sofort in die Serie verliebt“, sagt Inhaberin Carrie Cottrill (48), die ihren Job als Lehrerin aufgegeben hat, um sich mit Souvenirs selbstständig zu machen. Statt Schulbüchern liegen nun T-Shirts, Schlüsselanhänger, Flipflops und Poster auf ihrem Schreibtisch – natürlich mit aufgedruckten Zombies. „Es läuft wie von selbst“, schwärmt Cottrill. „Ich muss nicht mal Werbung machen.“

Das Fernsehen hat Senoia verändert. Zum Guten, sagen die einen. In ein Irrenhaus, finden die anderen. Zuletzt hat die Produktionsfirma eine komplette Kleinstadt in Sichtweite der Main Street nachgebaut. Dort, in "Alexandria", spielen die jüngsten Folgen. Weil die Dreharbeiten geheim sind, wird die Kulisse durch eine Mauer abgeschirmt. Ein Wachmann passt Tag und Nacht auf, dass niemand darüber klettert.

„Die Hardcore-Fans versuchen alles“, sagt Mike Riley (65), der als Location Manager die Drehorte für die Serie auskundschaftet. An Senoia gefällt ihm die Offenheit der Anwohner, die sich mit dem Spektakel gut arrangiert hätten. Zumindest die meisten. „Es gibt auch welche, denen es zu viel wird, wenn Kameraleute vor ihrer Tür stehen. Das müssen wir respektieren.“

Ein Mann mittleren Alters mit einer Regieklappe in der Hand.
Location Manager Mike Riley kundschaftet Orte aus, die sich als Filmkulisse eignen.
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Ein Schluck Zombie-Kaffee hilft bei der Verdauung.
Steve Przybilla

Manchmal müssen die Zombies sogar ganz zu Hause bleiben. So wie diesen Sommer, als der Stadtrat eine Anfrage für einen „Zombie-Walk“ erhielt. Zu solchen Events strömen Tausende von Fans herbei, um als wandelnde Leichen durch die Straßen zu laufen. Das war selbst dem TV-affinen Bürgermeister zu viel, der Parkplatzprobleme und überlaufene Straßen befürchtete. Von genervten Anwohnern ganz zu schweigen.

Andere können von den Untoten gar nicht genug bekommen – oder sie mutieren sogar selbst zum Zombie. Michelle Flanagan zum Beispiel. Die 51-Jährige hat als Statistin mitgespielt und verteilt in Senoia inzwischen Autogrammkarten. „Zombie zu spielen, ist gar nicht schwer“, sagt die Darstellerin. „Einfach immer hin- und herschwanken, als ob du besoffen wärst.“ In der Pilotfolge war sie einer der Zombies, die den berittenen Rick attackierten. „Das Fleisch war köstlich, wie beim Barbecue“, sagt Flanagan. „Da haben sich die Caterer richtig Mühe gegeben.“

Womit nun eine Sache auch endlich geklärt wäre: die Frage, warum Zombies so gerne Pferde mögen.

Der Text ist zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

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