Gelyncht, erschossen, bombardiert

Massenproteste gegen Rassismus hat es in der Geschichte der USA immer wieder gegeben. Einige verbesserten die Lage der Afroamerikaner, andere endeten blutig.

GOMES/AFP Ein Demonstrant hält seine Hände nach oben, während im Hintergrund Polizisten in Schutzausrüstung zu sehen sind.

Rassismus, Schüsse, Plünderungen: Der jüngste Fall von Polizeigewalt gegen einen Schwarzen– und die darauffolgenden Ausschreitungen – sind in den USA kein Einzelfall. Mit trauriger Regelmäßigkeit wird das Land von Rassenunruhen heimgesucht. In der Vergangenheit haben sie häufig zu noch mehr Diskriminierung gegenüber Afroamerikanern geführt, manchmal aber auch zu deutlichen Verbesserungen. Hier eine unvollständige Chronologie:

1739: In South Carolina – damals noch britische Kolonie – kommt es zum sogenannten Stono-Aufstand. Eine Gruppe von 40 bis 60 afrikanischen Sklaven steckt mehrere Plantagen in Brand und tötet 20 Weiße. Der Aufstand führt zu noch stärkerer Diskriminierung: Der 1740 verabschiedete „Negro Act“ verbietet es Sklaven, Geld zu verdienen, sich in Gruppen zu versammeln sowie Lesen und Schreiben zu lernen.  

1822: Denmark Vesey, ein Sklave, der sich durch einen Lotterie-Gewinn seine Freiheit erkaufen konnte, plant eine großangelegte Rebellion in Charleston. Mehrere Tausend Schwarze sollen ein Waffenlager überfallen, so viele Weiße wie möglich töten und anschließend die Stadt niederbrennen. Der Plan fliegt auf, weil Vesey aus den eigenen Reihen verraten wird. In den darauffolgenden Monaten werden über 130 Schwarze verhaftet. 35 von ihnen werden erhängt, darunter ihr Anführer.

1831: Der Sklave und Prediger Nat Turner erschlägt zunächst seinen Besitzer und dessen Frau. Mit Äxten und Beilen bewaffnet ziehen Turner und seine Anhänger danach von Plantage zu Plantage. Sie töten über 50 Weiße, darunter Frauen und Kinder. Erst das Militär kann die Männer stoppen. Turner kann zunächst fliehen, wird aber einige Wochen später gefasst. Die meisten seiner Mitstreiter werden auf der Stelle erschossen. Er selbst kommt vor Gericht. Das Urteil: Tod durch Strang.

1921: Tulsa, US-Bundesstaat Oklahoma: Der schwarze Schuhputzer Dick Rowland wird beschuldigt, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben. Nachdem die Lokalzeitung über den Vorfall berichtet, bildet sich ein weißer Mob vor dem Gerichtsgebäude – obwohl die Sklaverei 1865 offiziell abgeschafft wurde, sind Lynchmorde an Schwarzen bis weit ins 20. Jahrhundert an der Tagesordnung. Um Rowland zu beschützen, begeben sich 30 bewaffnete Afroamerikaner in die Stadt. Bei der darauffolgenden Konfrontation brennen Weiße den schwarzen Stadtteil Greenwood nieder. Fast 10.000 Menschen verlieren ihre Wohnung, die genaue Zahl der Toten ist unklar.

1960er-Jahre: In Vietnam kämpfen Amerikaner jeglicher Hautfarbe Seite an Seite; zu Hause stehen sie sich oft unversöhnlich gegenüber. Die Bürgerrechtsbewegung treibt Hunderttausende Schwarze (und einige Weiße) auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die Rassentrennung in Bussen, Kinos und Restaurants und fordern ein Ende der Diskriminierung im Wahl- und Bildungssystem. 1964 wird mit dem „Civil Rights Act“ die Rassentrennung formal beendet, 1965 folgt der „Voting Rights Act“ – ein großer Erfolg der friedlichen Proteste.

1968: Der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King wird in Memphis erschossen. Daraufhin kommt es zu massiven Unruhen in mehr als hundert Städten. 36 Personen werden getötet, über 2000 verletzt. Die Regierung setzt das Militär ein. Erst nach sechs Tagen beruhigt sich die Lage.

1985: Es sind Szenen wie im Krieg: In Philadelphia bombardiert und beschießt die Polizei das Haus der sogenannten „Move“-Kommune. Die schwarze Widerstandsgruppe hatte sich zuvor mehrere gewalttätige Zusammenstöße mit der Polizei geliefert. Elf Personen verbrennen, darunter fünf Kinder.

1991: Ein Mann filmt in Los Angeles eine Gruppe von Polizisten, die immer wieder auf den am Boden liegenden Afroamerikaner Rodney King einschlagen. Als 1992 ein Gericht die Beamten freispricht, kommt es zu den blutigsten Rassenunruhen in der Geschichte der USA: Über 50 Menschen werden getötet, mehr als 2000 verletzt. Die Unruhen führten langfristig zu tiefgreifenden Reformen bei der Polizei von Los Angeles: Waren 1992 noch 60 Prozent aller Beamten weiß, sind es heute nur noch 30 Prozent.

2013: In Florida erschießt ein Angehöriger einer Bürgerwehr den 17-jährigen Schwarzen Trayvon Martin, angeblich aus Notwehr. Wie sich herausstellt, war Martin nach dem Einkaufen zu Fuß auf dem Heimweg – unbewaffnet. Als ein Gericht den Schützen freispricht, führt dies zu Protesten im ganzen Land. Es ist die Geburtsstunde der „Black Lives Matter“-Bewegung.

2014: Gleich zwei tödliche Polizeieinsätze erschüttern die schwarze Gemeinde in den USA. In Ferguson im US-Bundesstaat Missouri wird der 18-jährige Schüler Michael Brown erschossen. In New York nehmen Polizeibeamte Eric Garner in einen Würgegriff, woraufhin der Asthmatiker stirbt. Weil die beteiligten Polizisten in beiden Fällen auf freiem Fuß bleiben, kommt es zu Massendemonstrationen, die teilweise in Gewalt umschlagen. In der Folge statten immer mehr Polizeipräsidien ihre Beamten mit Bodycams aus. Das Misstrauen bleibt.

2020: Der Tod von George Floyd in Minneapolis löst erneut landesweite Massenproteste aus. Der 46-jährige Türsteher war gestorben, nachdem ein Polizist während einer Kontrolle minutenlang auf seinem Hals gekniet hatte. Mehrere Handyvideos dokumentieren den Übergriff.

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