Groß, größer, Miami

In Florida befinden sich die größten Kreuzfahrthäfen der Welt. Die Tourismus-Industrie feiert das Wachstum. Umweltschützer sind wenig begeistert.

Steve Przybilla Kreuzfahrtschiffe in Miami, im Hintergrund Hochhäuser

Wenn der Alkohol kommt, ist das ein sicheres Zeichen: Bald wird der Anker gelichtet. Bis dahin muss die Enchantment of the Seas nicht nur alle Passagiere und deren Gepäck an Bord haben, sondern auch den Treibstoff, der Karibik-Urlauber in Gang bringt: Budweiser, Corona, Jim Beam.

Im Minutentakt schieben Gabelstapler neue Paletten in den Bauch des Kreuzfahrtschiffes. Dass man mit dieser Menge eine komplette Kleinstadt betrunken machen könnte, scheint hier niemanden zu wundern – der Koloss ist eine komplette Kleinstadt: 300 Meter lang, elf Decks, Platz für fast 2500 Passagiere.

Mit diesen Maßen ist das Schiff noch vergleichsweise klein. Am Port Miami, dem größten Kreuzfahrthafen der Welt, ist man andere Dimensionen gewohnt. Die schwimmenden Hotels, die dort anlanden, knacken locker die 4000-Passagier-Marke.

2017 stachen über 5,3 Millionen Reisende von Miami aus in See. Gleich danach folgten Port Canaveral (4,5 Millionen Passagiere) und Port Everglades (3,9 Millionen), beide ebenfalls in Florida gelegen. Selbst für die vom Erfolg verwöhnte Kreuzfahrt-Branche stechen solche Zahlen heraus.

In den Häfen selbst bedeutet der Boom vor allem eins: Arbeit. Wie von Geisterhand gesteuert wandern Hunderte von Mitarbeitern von A nach B, verladen Gepäck, entleeren Container, putzen Bullaugen, kontrollieren Bordkarten.

Jeden Morgen rückt in Miami eine ganze Lkw-Kolonne an, um Abfall und Fäkalien zu entsorgen – eine eigene Kläranlage, wie in Europa mancherorts schon üblich, gibt es am größten Kreuzfahrthafen der Welt bislang nicht. Dafür Kameras, Sprengstoff-Spürhunde und Beamte der amerikanischen Grenzpolizei, die Ausschau halten nach illegalen Einwanderern, Menschenhändlern, Drogenkurieren. Es piept und rattert und klappert in dieser seeluftgetränkten Umgebung. Die Lieferwägen übertönen die Möwen.

Ein vertautes Kreuzfahrtschiff von vorne.
Kreuzfahrtschiff in Miami
Steve Przybilla
Hafenmitarbeiter spritzen die Bullaugen eines Kreuzfahrtschiffes ab.
Nach außen hin präsentiert sich die Branche gerne als sauber.
Steve Przybilla
Kreuzfahrtschiff im Hafen von hinten.
Bevor die Schiffe in See stechen, muss viel an Bord -- unter anderem Alkohol.
Steve Przybilla

Von all dem Gewusel bekommen die Passagiere kaum etwas mit. Nachdem ihr Gepäck durchleuchtet wurde, betreten sie über fahrbare Brücken die Schiffe, ungefähr so wie im Flugzeug.

„Und doch gibt es einen Unterschied“, sagt Richard de Villiers, ein langjähriger Hafenmitarbeiter. „Hier haben die Leute noch das Gefühl, in den Urlaub zu fahren. Im Flugzeug zieht heute keiner mehr einen Blazer an; aber bei Kreuzfahrten wird immer noch auf die Etikette geachtet.“

So ganz stimmt das zwar nicht – der Anteil an Hawaii-Hemden im Terminal ist beträchtlich –, doch scheint es auf den Zugangsbrücken gemächlicher zuzugehen als am Flughafen. Ein Blick auf die Hochhäuser von Miami, ein Foto, bloß keine Hektik.

Richard de Villiers kennt diesen Mikrokosmos seit Jahrzehnten. Der 48-Jährige arbeitet heute im höheren Management des Hafens – 1986 fing er für 5,50 Dollar pro Stunde im Servicebereich an.

„Ich habe Beschwerden über verloren gegangenes Gepäck entgegengenommen“, erzählt de Villiers. Nicht gerade der dankbarste Job sei das gewesen, aber ein lehrreicher Einstieg.

Ein Mann mit Hemd, im Hintergrund Krähne.
Die maritime Wirtschaft floriert: Ein Hafenmitarbeiter am Port Miami.
Steve Przybilla

Dass Miami heute auf Platz eins bei den Passagierzahlen steht, führt de Villiers auf drei wesentliche Faktoren zurück: die Nähe zur Karibik, die Anbindung an den Flughafen und den Standort-Faktor (mehrere große Kreuzfahrtlinien, darunter Royal Carribean und Carnival Cruise Line, haben ihren Sitz in Miami).

„Wenn wir ehrlich sind, gehört zum Erfolg auch Glück dazu“, meint de Villiers.

Noch in den 1960er-Jahren war Miami derart pleite, dass die Stadt den Hafen an den Landkreis verkaufte. Ihm gehört das Gelände bis heute, wobei längst die gesamte Region an einem Strang zieht, um den maritimen Wirtschaftsmotor in Gang zu halten.

2014 wurde ein neuer Autotunnel eröffnet, der den Hafen ans Highway-Netz anschließt und die staugeplagte Innenstadt entlastet. Kostenpunkt: eine Milliarde US-Dollar. Darüber hinaus sollen zu den bestehenden sieben Terminals nach und nach weitere hinzukommen. Der neueste wird gerade für 247 Millionen Dollar von Royal Carribean gebaut und soll das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die Symphony of the Seas, beherbergen.

Eine Schranke, dahinter Baustellenfahrzeuge.
Überall wird gebaut am Hafen von Miami.
Steve Przybilla

Ähnlich sieht es am Port Canaveral aus, 350 Kilometer nördlich von Miami. Auch dort laufen die Bauarbeiten auf Hochtouren, damit ein siebtes Terminal eröffnet werden kann. Der „Masterplan“ für die nächsten 30 Jahre sieht sogar vier komplett neue Terminals vor. Geschätzte Kosten: 2,5 Milliarden Dollar.

Dass die Bauarbeiten nicht billig sind, hängt mit der Wetterlage in Florida zusammen. Tropische Stürme gehören zum Alltag; in Miami gammeln gegenüber den Kreuzfahrt-Terminals noch immer unzählige Motorboote vor sich hin, die 2017 durch Hurrikan Irma zerstört wurden.

„Vor so etwas müssen die Urlauber aber keine Angst haben“, versichert Richard de Villiers. „Sobald hier ein Sturm aufzieht, sind die Kreuzfahrtschiffe die Ersten, die sich an einen sicheren Ort verabschieden. Niemand würde es riskieren, diese Milliarden teuren Schiffe zu beschädigen. Die dürfen nicht mal einen Kratzer abbekommen.“

Ein Hafenkai mit Verladekränen, daneben ein Kleintransporter.
Die Bauarbeiten am Hafen (hier in Miami) sind nicht billig -- vor allem, weil sich die Küste zunehmend vor Stürmen schützen muss.
Steve Przybilla
Eine Wartehalle mit blauen Plastikstühlen.
Bitte Platz nehmen: Die Häfen an der Küste Miamis wachsen weiter.
Steve Przybilla

Sorgen macht sich die Hafenverwaltung eher über andere Dinge.

„Wir denken hier rund um die Uhr an die Sicherheit“, sagt de Villiers und zeigt auf ein Polizeiboot, das neben den Kreuzfahrtschiffen patrouilliert. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 seien die Sicherheitsvorkehrungen extrem verschärft worden.

„Das meiste merken die Urlauber gar nicht, weil wir ihnen keine Angst einjagen wollen“, sagt de Villiers. Aber manchmal lasse es sich eben nicht vermeiden – so wie bei einem Polizeihund, der kürzlich bei einer Reisetasche Alarm schlug.

Zum Glück Fehlalarm: „Es stellte sich heraus, dass daran noch Spuren von Schwarzpulver waren, weil der Besitzer damit auf der Jagd war“, sagt de Villiers. Florida gehört zu den US-Bundesstaaten mit den laxesten Waffengesetzen.

Kein Wunder also, dass die Sicherheitsbranche boomt. Doch nicht nur die: Nach dem Flughafen von Miami ist der Hafen der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Region.

In Cape Canaveral schätzt die Hafenverwaltung, dass fast 22.000 Arbeitsplätze am Kreuzfahrt- und Frachtgeschäft hängen; in ganz Florida schafft die Kreuzfahrt-Industrie nach Angaben des Branchenverbands CLIA knapp 150.000 Jobs. Je nach Rechenart sind es sogar noch deutlich mehr.

So nimmt allein der Hafen von Miami für sich in Anspruch, für den Erhalt von rund 324.000 Arbeitsplätzen verantwortlich zu sein, worunter aber auch Branchen gefasst werden, die indirekt am Hafen hängen.

Ein Zaun mit einem Schild, das besagt "Zutritt verboten"
Bis hier hin und nicht weiter: Seit dem 11. September 2001 wurden die Sicherheitsbestimmungen an US-amerikanischen Häfen verschärft.
Steve Przybilla
Eine leere Wartehalle mit Stühlen und Metalldetektoren.
Für Passagiere sind die Kontrollen dementsprechend streng. Wie am Flughafen wird das Gepäck durchleuchtet, bevor man an Bord darf.
Steve Przybilla

Doch was für die Wirtschaft gut ist, macht der Natur noch lange keine Freude.

2014 kam es zu einem massiven Korallensterben vor der Küste Miamis. Eine Studie, an der Wissenschaftler der US-Meeresschutzbehörde NOAA gearbeitet hatten, benannte den Hafen als Verursacher. Genauer gesagt: die Vertiefung des Zufahrtskanals, durch die der Meeresboden über zwei Jahre hinweg aufgewirbelt worden war.

Auch die Kreuzfahrt-Unternehmen agieren nicht immer so umweltbewusst, wie sie es in ihren Hochglanzbroschüren behaupten. 2016 wurde das Unternehmen „Princess Cruise Lines“ von einem Gericht in Miami zu einer Strafe von 40 Millionen Dollar verurteilt. Die Schiffe hatten mit Öl verunreinigtes Wasser illegal im Meer entsorgt und Berichte gefälscht.

„Wir haben seit 1970 über 80 Prozent unserer Korallen verloren“, sagt Rachel Silverstein, Direktorin der Umweltorganisation Miami Waterkeeper. Der Schlamm und die kontaminierte Erde, die beim Hafenausbau entstanden seien, hätten viele Korallen regelrecht begraben.

„Dabei ist dieses Riff nicht nur extrem wichtig für unser Ökosystem, sondern auch ein großer Wirtschaftsfaktor“, betont Silverstein. Immerhin kämen viele Touristen nach Florida, um eine intakte Natur vorzufinden. „Die Leute wollen surfen, tauchen, schwimmen. Sie wollen und brauchen ein lebendes Ökosystem.“

Ein Strand mit Meer.
Das ungebremste Wachstum schadet dem Ökosystem. Hier ein Strand direkt neben dem Hafen von Cape Canaveral.
Steve Przybilla

In den betreffenden Häfen wiegeln die Verantwortlichen ab.

„Wir geben zehn Prozent unseres gesamten Baubudgets für Umweltschutz aus“, sagt Richard de Villiers. Die „Sache mit den Korallen“ sei traurig, aber vielleicht auch auf andere Faktoren zurückzuführen, zum Beispiel auf den Anstieg der Meerestemperatur.

Auch im Port Canaveral spricht man lieber über andere Dinge. „Ab 2020 werden wir der erste Hafen in Florida sein, der Schiffe mit Flüssiggas betankt“, sagt Bobby Giangrisostomi, der zuständige Direktor für den Kreuzfahrt-Sektor.

Auf den Umweltschutz angesprochen, fällt Giangrisostomi vor allem die „fantastische Landschaftsgestaltung“ des Hafens ein: ein eigener Strand für Kreuzfahrt-Passagiere, daneben eine Angelstelle und Restaurants mit Blick aufs Wasser.

Ökologische Probleme? „Die Verschmutzung der Meere ist schlimm“, seufzt Giangrisostomi. Die Reisenden könnten sich im Aussichtsturm des Hafens einige Delfin-Skulpturen ansehen, gefertigt aus am Strand gefundenem Plastikmüll.

Zugangsplattformen für Kreuzfahrt-Passagiere ragen aus einem Gebäude. Im Vordergrund ein Baustellenfahrzeug.
Bauen, bauen, bauen, hier ein neuer Terminal in Miami. Mit Korallensterben wollen die Verantwortlichen nichts zu tun haben.
Steve Przybilla

Während Port Canaveral die Vertiefung seiner Zufahrtswege schon hinter sich hat, steht dies anderswo in Florida noch bevor. Längst haben auch die Wettbewerber angekündigt, nachziehen zu wollen: mehr Terminals, mehr Schiffe, mehr Passagiere. So plant Port Everglades ein eigenes Vertiefungsprojekt für 374 Millionen Dollar.

Der Umweltschützerin Rachel Silverstein schwant nichts Gutes. „Wir müssen endlich aus unseren Fehlern lernen“, sagt Silverstein. „Es kann nicht sein, dass sogar staatliche Behörden vor den Folgen solcher Bauarbeiten warnen und sie trotzdem einfach so durchgezogen werden.“

Wer am Ende Recht behält, ist offen. Fest steht nur: Die Kreuzfahrtbranche wächst weiter. 2019 rechnet sie mit einem neuen Passagierrekord.

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Dieser Beitrag gehört zur Koralle "America First: Verrücktes Land. Faszinierende Geschichten". Der Text wurde zuerst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.

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