Gastgeber der Weißen

Besucherparks, Casinos, Kultur-Concierge: Amerikanische Ureinwohner haben den Tourismus für sich entdeckt. Manche Stämme drohen daran zu zerbrechen.

Steve Przybilla Graffiti zeigt einen Indianer

Das Licht ist gedimmt. Nur schemenhaft sind Gemälde mit Pferdeköpfen und Wüstenpflanzen zu erkennen. Aus dem Lautsprecher plätschert ein Wasserfall, übertönt von leisem Flötenspiel und dem monotonen Surren der Klimaanlage.

Kumiko Niimi lässt diesen Moment wirken. Dann greift die Physiotherapeutin zu einem vorgewärmten Gefäß und trägt zähflüssigen, blauen Lehm auf. Sie flüstert: „Vor langer Zeit lebte ein Vogel, dessen Federn hässlich und stumpf waren. Er badete vier Mal in einem wunderschönen blauen See, den er wegen seiner Farbe über alles liebte.“

Bevor Niimi zum Ende der Legende kommt, ist der Patient schon eingeschlafen. Die blaue Erde hat ihre Wirkung entfaltet.

Was hinter den schweren Vorhängen des Behandlungsraums geschieht, hat mit Hokuspokus nichts zu tun. Im Sheraton Wild Horse Pass Resort, einer Ferienanlage mit 500 Zimmern in der Wüste Arizonas, praktizieren Niimi und ihre Kollegen jahrhundertealte Indianerbräuche.

Das Hotel wird vom Starwood-Konzern geführt, gehört aber den Stämmen der Pima und Maricopa, die in der Sonora-Wüste seit jeher zu Hause sind. Und das soll die Architektur auch eindrucksvoll widerspiegeln.

Hotelanlage mit Pool
Das Wild Horse Pass Resort soll die Architektur der Indianer widerspiegeln.
Steve Przybilla

 „Sehen Sie nur zu den Türen“, sagt Rosie Rivera und lässt die neu eingetroffenen Gäste einen Moment grübeln. „Die meisten sind nach Osten hin ausgerichtet. So huldigen wir den Sonnenaufgang, in dem wir die Geister unserer Vorfahren erkennen.“

Rosie Rivera gehört zum Stamm der Pima: ein Volk, das in seiner über 6000 Jahre alten Geschichte das Korbflechten perfektioniert hat. Als „Kultur-Concierge“ verbindet Rivera die Traditionen ihres Volkes mit dem modernen Tourismus.

„Ich versuche Gästen unsere Geschichte und unsere Bräuche näherzubringen“, sagt die junge Frau, deren Karriere als Zimmermädchen begann. Die Begegnung mit der fremden Kultur soll wiederum zahlungskräftige Kunden in die Stammesgebiete locken, die Reisende bisher vor allem wegen ihrer Casinos ansteuern.

In den meisten Reservaten ist Glücksspiel erlaubt – oft die einzige Einnahmequelle für eine Bevölkerungsgruppe, die bis heute an den Folgen des Unrechts leidet, das ihnen der weiße Mann angetan hat.

„Unsere Vorfahren benutzten ein ausgefeiltes Bewässerungssystem, das uns Unabhängigkeit und reiche Ernten bescherte“, erzählt Rivera, während sie durch die Hotellobby schlendert. „Je mehr Weiße aber nach Westen drängten, desto weniger Wasser blieb für uns. Als sie schließlich den Fluss umleiteten, trockneten unsere Felder komplett aus.“

Rivera spielt auf das späte 19. Jahrhundert an. Im großen Treck nach Westen vereinigten sich Goldsucher, politisch Verfolgte und religiöse Eiferer zu einem für die Indianer fatalen Menschenstrom.

Eine junge Frau lächelt in die Kamera.
Rosie Rivera arbeitet als Kultur-Concierge im Hotel.
Steve Przybilla

"Anders als andere Stämme griffen die Pima und Maricopa aber nicht zu den Waffen, sondern begrüßten die Fremden in Freundschaft“, erzählt Rivera, wohl auch eine Anspielung auf die Gastfreundschaft, die das heutige Resort darstellen soll.

Damals nützte die Freundlichkeit jedoch wenig. Hungersnöte führten die Gemeinschaft an den Rand ihrer Existenz. Die US-Regierung schickte Dosennahrung – und verschlimmerte das Leid nur. Heute haben Riveras Mitbürger eine der höchsten Diabetes-A-Raten der Welt.

Umso erstaunlicher: Verglichen mit anderen Native Americans geht es den beiden Stämmen noch verhältnismäßig gut. Alkoholismus und Arbeitslosenquoten von über 90 Prozent sind in vielen Reservaten keine Seltenheit. Bei den Pima und Maricopa liegt der Wert bei 33 Prozent, immer noch viermal mehr als der amerikanische Durchschnitt.

Trotzdem haben die Indianer aus Arizona einen klaren Vorteil: Während andere Stämme fernab jeglicher Zivilisation liegen, schließt ihr Gebiet unmittelbar an die Metropole Phoenix an. Dort ist Bauland knapp und teuer, weshalb Investoren vermehrt aufs Stammesland schielen.

Der neueste Coup: ein Outletcenter mit Boutiquen, Schuhläden und Restaurants mitten im Reservat. Über 800 Arbeitsplätze wurden geschaffen, 90 Markengeschäfte eingeweiht. Die Shoppingmeile liegt weniger als zehn Minuten vom Feriendorf entfernt, das sich schon seit einigen Jahren als feste Größe etabliert hat.

„Der Gewinn kommt immer der ganzen Gemeinschaft zugute“, sagt Rivera stolz. Am meisten freue es sie, „dass bei unserem Wirtschaftskonzept die eigene Kultur im Mittelpunkt steht.“

Ein leer stehendes Haus
Desolater Anblick im Apache-Reservat: Viele Stämme leiden unter Alkoholismus und Diabetes.
Steve Przybilla

Wandmalereien, Bastkörbe, handgemachte Teppiche: Tatsächlich erinnert im Hotel an jeder Ecke etwas an die Indianer. Am Pool stimmt ein Schamane ein Lied an, während im Spa-Bereich eine traditionelle Heilerin ihrer Arbeit nachgeht.

„Der Starwood-Konzern musste bei diesem Resort viele Zugeständnisse machen“, beteuert Rivera. „Sie sind von ihren Normen abgewichen, um unseren Wünschen entgegenzukommen.“

Stellt sich nur die Frage: Wie viel ist echt, wie viel nur Show? Was hat ein Urlaubsparadies mit Cocktailbar, Fünf-Sterne-Restaurant und Wüsten-Golfplatz noch mit authentischem Stammesleben zu tun?

Die Kultur-Concierge zuckt mit den Schultern: „Wenn etwas unsere Traditionen verdrängt, dann sicher kein Hotel. Da brauche ich mir nur meine Neffen anzusehen, die den ganzen Tag nichts anderes tun als mit ihrem Handy zu spielen.“

Doch ist es wirklich so einfach? 90 Prozent des Umsatzes – das sind rund 40 Millionen Euro pro Jahr – fließen laut Unternehmensangaben direkt ins Reservat. Aber nur ein Viertel der 450 Hotelangestellten sind Native Americans.

Hotelsprecherin Stephanie Sanstead wundert’s nicht: „Sie hatten den unbedingten Willen, dieses Resort zu bauen, mussten die Gastfreundschaft jedoch erst lernen.“ Manche Rollen, sagt die weiße Amerikanerin, seien für die Indianer schlichtweg ungewohnt. „Viele haben ein Problem damit, direkt mit Gästen zu interagieren. In der Indianerkultur gilt es als respektlos, jemandem in die Augen zu sehen.“

Hotelanlage mit Golfplatz
Ein Golfplatz gehört zur Hotelanlage dazu - mitten in der Wüste.
Steve Przybilla

Die Lösung des Hotel-Managements: Alle Mitarbeiter absolvieren ein intensives Kultur-Training, bevor sie auf die Gäste losgelassen werden. Diejenigen, die ihre Traditionen vermitteln wollen, passen sich also abermals den Erwartungen der Mehrheit an.

Die Hotelsprecherin hält dagegen: „Ganz ohne Kompromisse geht es nicht. Wir müssen unsere hohen Standards aufrechterhalten, ohne die Stämme zu weit zu fordern.“ Immerhin seien es hauptsächlich Geschäftsreisende, die im Wild Horse Pass Resort nächtigten – und offenbar kein überragendes Interesse an der indianischen Lebensweise haben.

„Es könnten schon mehr sein, die meine Führung buchen“, formuliert es Kultur-Concierge Rivera. Gefolgt von einem höflichen Nachschub: „Meine Zeit ist ja auch begrenzt. Wenn jeder Gast eine Führung wollte, käme ich gar nicht hinterher.“

Noch deutlicher wird die Gratwanderung zwischen Indianer-Wahrheit und Hotel-Kulisse in den Gästezimmern. Da gibt es schneeweiße Bettlaken, verziert mit stilisierten Bastkörben, dem Symbol des Pima-Stammes. Da sollen verschnörkelte Blumenvasen an die Töpfer-Tradition der Maricopa erinnern. Und in der Speisekarte finden sich exotisch klingende Rubriken wie „Veh-puh“ (Vorspeise) und „Hai-chu-hugi“ (Hauptgericht).

Ansonsten entspricht die Ausstattung exakt dem, was in jedem guten amerikanischen Hotel geboten wird: vier Kopfkissen pro Bett, Flachbild-Fernseher, Klimaanlage, Badewanne und Dusche. Der Blick vom Balkon fällt aufs Poolgelände und den (in der Wüste gelegenen) Golfplatz, der jeden Morgen und Abend aufwändig bewässert wird.

Schon kurz nach Sonnenaufgang huschen dort Baseball-Mützen und weiße Poloshirts über das grüne Gras. Wer die kulturelle Begegnung wirklich ernst nimmt, spricht wohl am ehesten mit dem Zimmerservice, denn in diesem Bereich arbeitet der Großteil der indianischen Belegschaft.

Eine Bierflasche liegt im Wüstensand.
90 Prozent des Hotelumsatzes fließen ins Reservat - ein willkommenes Zubrot.
Steve Przybilla

Wie schwierig es für die Natives ist, Tradition und Tourismus zu verbinden, sieht man überall in Arizona. Mehr als ein Viertel der Fläche gehört den Ureinwohnern, aufgeteilt auf 22 Stämme. Während einige mit der Vermarktung ihrer Lebensweise kein Problem haben, lehnen andere den Kommerz kategorisch ab.

Am Rande der Highways sieht man immer wieder kleine Holzbarracken – manchmal auch nur Anhänger oder geöffnete Kofferräume –, aus denen bunte Fahnen wehen. „Handelsposten“ ist darauf zu lesen: Hier bieten Indianer ihre selbst gemachten Armbänder, Ketten und Ohrringe an.

Der Straßenverkauf macht für mache Stämme bis zu 70 Prozent ihres Umsatzes aus. Vor allem die medizinische Versorgung und das Schulsystem gelten in vielen Reservaten als marode. Der Blackwater Community School, die im selben Reservat liegt wie das Wild Horse Pass Resort, droht wegen Geldmangels sogar der Rauswurf mehrerer Lehrer.

Kaum verwunderlich also, dass viele Indianer den Fremdenverkehr als letzten Rettungsanker begrüßen und dabei Mutter Natur schon mal aus den Augen verlieren. Der Hualapai-Stamm ging voran und ließ eine gläserne Aussichtsplattform am Rande des Grand Canyon errichten.

Schon das sorgte für heftige Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern. Andere Stämme wollen nachziehen und ebenfalls ihre eigenen Resorts, Vergnügungsparks und Touri-Hotspots bauen.

Blick in die Schlucht des Grand Canyon
Heiliges Land oder Touri-Hotspot? Am Grand Canyon sind sich die Natives uneinig darüber, wie sie ihr Land entwickeln sollen.
Steve Przybilla

Zurück im Resort: Die deutsche Urlauberin Elisabeth Straßmeir ist mit ihrem Mann und ihren beiden Neffen eingetroffen. „Wir sind schon zum zweiten Mal hier“, sagt die 53-jährige Berlinerin, die ihre zweiwöchige Rundreise im Reservat ausklingen lässt.

Dass es zu den Native Americans geht, war für die Deutschen eine bewusste Entscheidung: „Die Weißen haben so viel Leid über die Indianer gebracht. Da ist es unsere Pflicht, ihnen durch den Tourismus zumindest ein wenig zu helfen.“

Dass die Eingeborenen dadurch ihre Seele verkaufen, glaubt Straßmeir nicht: „Letztlich läuft es darauf hinaus, ob sie sich öffnen oder in Armut leben wollen. Hier müssen sie sich zumindest nicht verstellen, weil sie unter ihresgleichen sind.“

Im Spa-Bereich ist derweil die blaue Erde ist abgewaschen, das Massageöl eingezogen. Kumiko Niimi kommt zum Ende der Behandlung. „Move-sape“, vielen Dank, sagt sie in der Sprache der Pima, die nicht ihre eigene ist.

„Ich komme aus Japan“, verrät die Physiotherapeutin und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. „Erst habe ich die amerikanische Lebensweise gelernt, nun die der Indianer. Das macht für mich keinen Unterschied.“ Dann schaltet sie das Licht ein und übergibt eine Pappkarte, auf der die Legende des blauen Vogels nachzulesen ist.

„Move-sape“, wiederholt sie und schaut dem Besucher zum Abschied tief in die Augen. Ob das wohl auch eine Pima gemacht hätte?

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Dieser Beitrag gehört zur Koralle "America First: Verrücktes Land. Faszinierende Geschichten". Der Text ist zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen und wurde behutsam aktualisiert.

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