Aloha für die Freiheit

Urlaubsparadies oder besetztes Land? Auf Hawaii kämpfen Separatisten für die Loslösung von den USA.

Katharina Thalmann

Wenn Bumpy Kanahele den Hügel hinaufsteigt, hat er die Freiheit schon fast erreicht. Zu seinen Füßen erstreckt sich die „Nation of Hawaii“, bestehend aus einem Dutzend Holzhäusern, einem Festsaal und einem Maschendrahtzaun, der rund ums Gelände verläuft.

Die Anwohner können sich dank Quellwasser, Bananenstauden und Süßkartoffelbeeten nahezu selbst versorgen. Sogar ein eigenes Abwassersystem existiert in diesem feuchten, immergrünen Dschungel-Camp. Nur das Wichtigste, das fehlt den Bewohnern der „Nation“ noch immer: ihr eigener Staat.

Politisch mag dieses Ziel in weiter Ferne liegen. Doch hier, in den Wäldern östlich von Honolulu, zwischen Hundezwingern, „Free Hawaii“-Bannern und ausgeschlachteten Autos, ist Kanaheles Wort schon Gesetz.

Der 63-jährige Aktivist war früher mal Golfer. „Ich hatte schon immer Probleme mit Autoritäten“, sagt Kanahele, auch wenn er in T-Shirt und kurzer Hose eher wie ein netter Onkel aussieht, der mal eben eine Runde am Strand dreht. Doch sein Blick ist hart, sein Vokabular ernst: „Wir leben in einem besetzten Land – in einem Land, in dem unser Volk ausgelöscht wird.“

Den meisten Amerikanern ist diese Sichtweise fremd. Sie kennen Hawaii als Urlaubsziel und Sehnsuchtsort, als Paradies aus Palmen, Surfer-Wellen und ewigem Sonnenschein. Auch strategisch spielt die 4000 Kilometer vom Festland entfernte Inselgruppe eine wichtige Rolle. Tausende amerikanischer Soldaten sind auf Hawaii stationiert. Im Marinehafen Pearl Harbor liegt die US-Pazifikflotte vor Anker – 1941 das Ziel eines verheerenden japanischen Flugzeugangriffs, heute ein Symbol für amerikanischen Patriotismus.

Doch Ureinwohner wie Kanahele haben einen anderen Blickwinkel. Für sie sind Amerikaner vor allem Eindringlinge, die Militärbasen bauen, Munitionsreste im Meer versenken und Hawaii zur Zielscheibe machen, sollte der Konflikt mit Nordkorea eskalieren.

„Alles, was die Amerikaner machen, ist Steuern erheben und den Kapitalismus vorantreiben“, schimpft Kanahele. Schnell fügt er hinzu: „Wir sind nicht anti-amerikanisch. Wir sind einfach nicht amerikanisch.“

Ein Mann mittleren Alters mit Jeansjacke.
Bumpy Kanahele hat in der "Nation of Hawaii" das Sagen. Seinen Führungsanspruch leitet er aus dem Erbrecht ab.
Katharina Thalmann
Die Separatisten haben sich hinter einem Zaun verbarrikadiert. Die Behörden dulden das Camp.
Katharina Thalmann
Die "Nation of Hawaii" liegt mitten im Dschungel. Das Camp besteht aus einfachen Holzhäusern und landwirtschaftlichen Nutzflächen.
Katharina Thalmann
Ein roter Aufkleber klebt auf einem Geländer, Aufschrift: "Free Hawaii"
Für die meisten Amerikaner ist Hawaii das Urlaubsparadies vor der Haustür. Einheimische aber leiden seit Langem unter Massentourismus und Militärpräsenz
Katharina Thalmann

Tatsächlich gibt es erstaunlich viele Gemeinsamkeiten zwischen den "Natives" auf Hawaii und den Native Americans auf dem Festland. Der weiße Mann brachte ihnen vor allem eins: Ärger.

Angefangen mit dem britischen Seefahrer James Cook, der die Gastfreundschaft der Insulaner derart strapazierte, dass sie ihn am Ende lynchten.

Gefolgt vom Sturz der hawaiianischen Königsfamilie 1893 durch amerikanische Plantagenbesitzer.

Bis hin zur unrühmlichen Annexion des Landes, das 1959 als 50. Bundesstaat eingegliedert wurde – ein Unrecht, für das sich US-Präsident Bill Clinton erst Jahrzehnte später entschuldigte.

Die meisten Hawaiianer haben sich mit ihrer Geschichte inzwischen arrangiert. Nicht so Bumpy Kanahele. Und diese Sturheit zahlt sich offenbar aus. Das 20 Hektar große Gelände, auf dem seine „Nation“ liegt, stellt die hawaiianische Landesregierung als Pacht zur Verfügung.

„Die Cops lassen uns in Ruhe“, sagt Kanahele, „weil sie wissen, dass wir hier etwas Gutes tun.“ Zur Bestätigung zeigt er auf zwei große Familienzelte, in denen sich Camping-Möbel und Matratzen stapeln. „Hier leben Obdachlose, die vorher am Strand gezeltet haben. Wir haben sie aufgenommen, weil sie Bürger unserer Nation sind.“

Noch aber ist das "Staatsgebiet“ überschaubar. Aktuell leben nur etwa 80 Personen auf dem Gelände. Auch das Staatsoberhaupt wohnt ein paar Häuser die Straße hinunter. „Aber wir haben Großes vor“, sagt er. Eine eigene Schule, ein eigenes Krankenhaus, eine eigene Bank.

Bis jetzt erstreckt sich die medizinische Versorgung jedoch auf ein Gewächshaus voller Cannabis, das die Bewohner „als Naturheilmittel“ einsetzen. „Damit haben wir sogar schon Krebs geheilt“, behauptet Kanahele, der insgesamt viele Dinge spirituell oder traditionell erklärt. So auch seine eigene Regierung. Demokratisch gewählt wurde er nämlich nicht, stattdessen ernannt durchs Erbrecht. „Meine Vorfahren waren Könige. Ich trage das in mir.“

Im Alltag müssen die hehren Ziele manchmal zurücktreten. Die meisten Aktivisten haben Jobs außerhalb der Nation; ältere Bewohner beziehen eine staatliche Rente. „Manche sehen darin einen Widerspruch“, sagt der freiheitsliebende Monarch. „Aber das ist Quatsch. Die Regierung hat uns so lange ausgebeutet – die schuldet uns Geld, und wir sollten es nehmen.“

Ganz so genau nehmen es die Aktivisten aber nicht. Die meisten haben Jobs außerhalb ihrer "Nation"; viele beziehen eine staatliche Rente.
Katharina Thalmann

Überhaupt, die Widersprüche: Längst nicht alle Separatisten folgen dem gleichen Ziel wie die Nation. Auf Hawaii existieren unzählige Gruppen: Manche wollen die Monarchie wiederherstellen, andere eine parlamentarische Demokratie errichten. Und wieder andere existieren nur als Facebook-Gruppen, die über „kolonialistische Weiße“ herziehen („Haole, go home!“).

Auf Kauai, der grünsten und regenreichsten Insel Hawaiis, verkauft ein älterer Herr Hähnchen am Straßenrand. Die Plakate und Fahnen neben dem Grill bewerben aber nicht nur den Imbiss. Auch die Idee eines freien Hawaii sollen sich die Kunden auf der Zunge zergehen lassen.

Keohokui Kauihana, der Grillmeister, kommt gleich zur Sache. „Jeder Hawaiianer ist verpflichtet, unserer Königin zu folgen“, sagt er und verweist auf die gestürzte Monarchie von 1893. „Die meisten aber laufen den Amerikanern hinterher, obwohl sie Kriegsverbrecher sind.“

Was er dagegen tut? Protestieren und Hähnchen grillen. Und dafür keine Steuern zahlen. Eine Genehmigung für seinen Stand besitzt Kauihana nicht, jedenfalls keine offizielle. „Das Königreich hat mir eine Verkaufslizenz ausgestellt“, sagt er, „das reicht mir.“

Von anderen Gruppen wie der Nation hält der 64-Jährige wenig. Die seien zu weich, zu kompromissbereit, hätten sich hinter ihren fahnenbehangenen Zäunen bequem eingerichtet. „Das sind Marionetten“, sagt Kauihana, „genau wie Trump eine Marionette der Konzerne ist.“ Die Regierung schaffe es nicht einmal, die Waffengewalt einzudämmen. „Aber uns wollen sie vorschreiben, wie wir zu leben haben.“

Nahaufnahme eines älteren Mannes
Keohokui Kauihana sagt, er zahle aus Protest gegen die "amerikanische Besatzung" keine Steuern.
Katharina Thalmann
Der Aktivist lässt keinen Zweifel daran, was er von den USA hält.
Katharina Thalmann
Ein älterer Herr grillt Hähnchen.
Freiheitsaktivist Keohokui Kauihana an seinem Hähnchenstand.
Katharina Thalmann
Ein Nummernschild mit der Aufschrift "Kingdom of Hawaii"
Die Separatisten machen aus ihrer politischen Haltung keinen Hehl - zum Beispiel mit einem selbstgemachten Nummernschild nach Reichsbürger-Manier.
Katharina Thalmann

Mehr will der leidenschaftliche Imbissverkäufer dann doch nicht sagen. „Aber hier ist jemand, der dir alles in deiner Sprache erklärt“, sagt er und zeigt auf das Zelt neben dem Grill.

Drinnen, auf einem Plastikstuhl, sitzt Susanne Gottschalk. Die 57-jährige Deutsche lebt seit über 20 Jahren auf Hawaii. Ursprünglich kam sie mit ihrem Ex-Mann, einem US-Soldaten, auf die Inselgruppe. Über Infoabende entdeckte sie ihr Interesse an der Unabhängigkeitsbewegung. „Für mich ist das eine Frage der Moral“, sagt Gottschalk. „Ich kann doch als Einwanderin nicht auch noch gegen die Natives arbeiten.“

Also engagiert sie sich zusammen mit Kauihana für eine Gruppe, die sich „Lawful Hawaiian Government“ nennt und eine jährliche Legislativ-Versammlung abhält. „Die Amerikaner nehmen uns nicht ernst“, sagt Gottschalk, „aber ich glaube an unseren Erfolg. Das Völkerrecht ist auf unserer Seite.“

Natürlich sehen das nicht alle Einheimischen so, gerade wenn das lauteste Plädoyer für ein unabhängiges Hawaii von einer Zugezogenen kommt. Schon mehrfach sei sie als „fucking haole“, beschimpft worden, als bescheuerte Weiße. „Dann antworte ich: Einer muss doch für eure Sache kämpfen, wenn ihr es selbst nicht tut.“

Ein Schild lehnt an einem Zaun, Aufschrift: "Come in and ask me about war crimes in Hawaii"
Protestcamp am Straßenrand auf der Insel Kauai
Katharina Thalmann

In der „Nation of Hawaii“ erzählt Bumpy Kanahele unterdessen von seinem neuesten Projekt. Um finanziell unabhängig zu werden, haben er und seine Mitstreiter eine Krypto-Währung, die Aloha Coin, ins Leben gerufen.

„Wir sind wie Wakanda“, sagt der selbst ernannte König und lacht. Wakanda ist im Kinofilm Black Panther ein technologisch weit überlegener, von der Außenwelt unterschätzter afrikanischer Staat. „Vielleicht haben wir aktuell sogar Glück“, ergänzt er. „Obama hat viel geredet und nichts bewirkt. Aber Trump? Der ist so verrückt, dass er uns unser Land vielleicht wirklich überlässt.“

Man mag schmunzeln über solche Sprüche. Über den Anführer, der ein Reich regiert, in dem Cannabis und Süßkartoffeln wachsen. Über den Hähnchenverkäufer, der Kunden am Grillstand missioniert. Über die Deutsche, die Einheimischen erzählen will, was das Beste für sie ist.

Und doch ist die Sache ernster, als es auf den ersten Blick scheint.

Zum Abschied holt Bumpy Kanahele sein Handy hervor. Er öffnet ein Video, das den Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York zeigt. Als Gastredner am Mikrofon: Kanaheles Neffe Brandon, der sich an den Ausschuss für indigene Völker richtet.

„Er sitzt da nicht als Amerikaner, sondern als Vertreter eines souveränen Staates“, sagt Kanahele, und seine Augen leuchten vor Stolz.

Schon bald werde das auch die Mehrheit der Inselbewohner so sehen – vereint unter seiner Herrschaft, in der „Nation of Hawaii“.

America First