Feiern bis zur Infusion

Zu tief ins Glas geschaut? In Las Vegas verspricht ein Arzt schnelle Hilfe. In einem umgebauten Reisebus bekämpft er jeden noch so schlimmen Kater.

Steve Przybilla Eine Frau liegt in einem Cocktailglas

Amanda hat es beim Feiern übertrieben. Zwei Cocktails, ein paar Shots und zum Schluss noch mehrere Flaschen Bier: Wie viel sie getrunken hat, weiß die 29-Jährige nicht mehr. Ihr Kopf kann sich jedoch noch sehr genau an die Party der letzten Nacht erinnern, denn er dröhnt gewaltig. „Sieben auf einer Skala von eins bis zehn“, klagt die junge Frau, die am Vorabend durch die Bars von Las Vegas gezogen ist.

Während ihre Freundinnen ihren Rausch noch ausschlafen, hat sich Amanda heimlich aus dem Hotel geschlichen. Ihr Ziel: „Hangover Heaven“ (zu Deutsch: „Kater-Himmel“), ein mobiler Doktor, der verspricht, jeden noch so schlimmen Kater innerhalb von 45 Minuten zu kurieren.

Mit wackeligen Beinen steigt Amanda die Treppen des umgebauten Reisebusses hoch, der als fahrbare Ausnüchterungsklinik dient. Die Scheiben sind getönt, eine Aufschrift ermahnt potenzielle Gaffer: „Ruhe! Hier kurieren Leute ihren Kater aus.“

Drinnen erwartet die „Patienten“ eine gepolsterte Sitzbank und ein Flachbildfernseher, auf dem „Hangover“ läuft, jene Komödie, in der die Sauf-Exzesse von Las Vegas auf die Spitze getrieben werden. Auf dem Tisch liegen Einmalhandschuhe, ein Blutdruck-Messgerät und – für alle Fälle – ein Stapel Spucktüten. Alternativ steht ein frisch geputztes Bord-WC für die Schnapsleichen bereit.

Ein Reisebus von der Seite. Aufschrift "Hangover Heaven"
Hangover Heaven
Steve Przybilla
Ein Reisebus von hinten.
"Ruhe!", mahnt der Bus. "Hier kurieren Leute ihren Kater aus."
Steve Przybilla
Ein umgebauter Reisebus von innen.
100.000 Dollar hat der Umbau des Reisebusses zur "Klinik" gekostet.
Steve Przybilla

Nachdem Amanda Platz genommen hat, betritt der Chef höchstpersönlich den Bus: Jason Burke, 47, Anästhesist und Gründer von „Hangover Heaven“. Die Haare schulterlang, der Blick ernst, das Gesicht faltenfrei: Dass er mit Botox nachgeholfen hat, wird er im Laufe der Behandlung noch erzählen.

Doch nun reicht er Amanda erst mal eine Decke. Den meisten fröstelt es, erzählt er, und das nicht nur wegen der Klimaanlage. Dann geht er zur Anamnese über: Wie stark sind die Kopfschmerzen? Gibt es Allergien? Wann war der letzte Drink?

„Um zwei Uhr nachts“, antwortet die junge Frau und nippt vorsichtig an der Flasche Gatorate, die ihr der Arzt hinstellt. Danach geht alles ganz schnell: Blutdruck messen, Puls kontrollieren, Nadel in den Arm. Schon fließt der Kochsalz-Vitamin-Cocktail, der die Folgen des Alkoholkonsums vertreiben soll.

Seit 2012 gibt es die mobile Klinik – damals ein Novum, berichtet der Gründer. Entsprechend riskant sei die Investition am Anfang gewesen. „Ich musste sogar meinen Ferrari verkaufen, um das Geschäft aufzubauen“, sagt Burke. Für 70.000 Dollar habe er den Bus, der zuvor einem Gospelchor gehörte, bei einem Händler erworben: einen „Eagle“ aus dem Jahr 1992, acht Zylinder, Dieselmotor.

„Damit ich darin arbeiten kann, musste ich noch einmal 100.000 Dollar reinstecken“, sagt Burke. Nun gleicht der Bus einer Luxuslimousine: Ledersofas, verspiegelte Decke, kostenloses Wlan. Und natürlich sanitäre Einrichtungen mit Frischwassertrank.

Ein Arzt verabreicht einer jungen Frau eine Infusion.
Dr. Burke verabreicht Amanda eine Infusion gegen ihren Kater.
Steve Przybilla

Die Geschäftsidee ging auf. Burke beschäftigt mittlerweile 25 Mitarbeiter. Zusätzlich zum Bus hat er eine stationäre Ambulanz eröffnet. Auch Hausbesuche sind – gegen eine Zusatzgebühr – möglich. Dann bringt Burke die Infusionen bis ins Hotelzimmer.

„Es ist wirklich wie im Film“, sagt der Arzt. Er erzählt von Stripperinnen, Prostituierten und Kunden, die zum vereinbarten Termin nicht erschienen, weil sie in der Ausnüchterungszelle saßen. „Einmal hatte ich eine Patientin, die noch am selben Tag heiraten wollte, aber kaum stehen konnte. Wir haben sie wieder auf die Beine gebracht.“

Schwer zu sagen, ob die Anekdoten wirklich alle stimmen oder nur das Geschäft ankurbeln sollen. Dass in Las Vegas die Leute gerne über die Stränge schlagen, ist indessen unbestritten. Die strengen Konventionen der amerikanischen Gesellschaft scheinen hier außer Kraft.

Anders als in den meisten Bundesstaaten ist in Nevada nicht nur das Glücksspiel legal, sondern auch Prostitution. Zwischen einarmigen Banditen und Roulette-Tischen darf sogar geraucht werden – normalerweise ein absolutes No-Go im politisch korrekten Amerika.

Die Kombination aus Alkohol, Geld und dem Bedürfnis, mal richtig die Sau rauszulassen, sorgt dafür, dass Burkes Bus immer gut gefüllt ist. „In den letzten fünf Jahren habe ich 50.000 Liter Infusionen verabreicht“, erzählt er stolz.

Ein Mann steht vor einem Bus
Kater-Doktor Jason Burke
Steve Przybilla

Natürlich stößt die Kater-Klinik nicht überall auf Gegenliebe. Kritiker werfen Burke vor, die Folgen des Trinkens zu verharmlosen und durch seine Werbeversprechen den Alkoholismus zu fördern.

Michael Roy, Direktor einer Entzugsklinik in Los Angeles, warnte im Fernsehsender NBC davor, die Warnsignale des Körpers medikamentös zu unterdrücken. Ein Kater sei „hilfreich, weil er dazu beiträgt, das exzessive Trinken nicht zu wiederholen“, betonte der Experte. Der „Hangover Heaven“ vermittele jedoch genau den gegenteiligen Eindruck: Alles nicht so schlimm, nach ein paar Infusionen kann’s an der Bar weitergehen.

Jason Burke weist solche Vorwürfe energisch zurück. „Die Leute trinken doch sowieso“, sagt der Mediziner. „Viele kurieren ihren Kater mit Alkohol oder sogar mit Kokain. Da ist unsere Methode deutlich besser.“ Zumal in seiner Klinik ausgebildete Krankenschwestern und Ärzte arbeiteten, die etwas von der Materie verstünden. „Letztendlich helfen wir unserer Wirtschaft“, behauptet der Anästhesist. „Wer einen Kater hat, bleibt schließlich im Bett statt zur Arbeit zu gehen.“

Laut einer Studie der US-Gesundheitsbehörde Center for Disease Control (CDC) ist dieses Argument gar nicht so absurd, wie es zunächst klingt. Demnach entstand in den USA allein im Jahr 2010 ein wirtschaftlicher Schaden von 250 Milliarden Dollar, hervorgerufen durch Alkoholkonsum. In dieser Summe sind aber die Kosten inbegriffen, die Krankenhaus-Behandlungen und Bußgelder nach sich ziehen – dagegen kann selbst der „Hangover Heaven“ nichts ausrichten.

Nahaufnahme einer Infusion.
Die Rezeptur für den Anti-Kater-Cocktail hat Burke selbst entwickelt.
Steve Przybilla

Ob sie nun zur Arbeit gehen oder nicht: Ein schlechtes Gewissen haben die meisten nach ihren Gelagen trotzdem. Kaum jemand möchte offen über seine Behandlung im „Hangover Heaven“ sprechen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas.“

So wollen auch die drei Herren, die als Nächstes eine Infusion bekommen, ihre Namen nicht verraten. Sie seien geschäftlich in der Stadt, murmelt ein Mitt-Vierziger mit großen Schatten unter den Augen. „Abends haben wir auf den erfolgreichen Vertrag noch angestoßen.“ Und jetzt? „Bereuen wir nichts.“

Nach knapp einer Stunde hat auch Amanda ihre Behandlung hinter sich. „Danke, Doktor“, sagt die junge Frau ehrfürchtig, als Burke ihr die Nadel aus dem Arm zieht und zum Abschied eine Magnesiumtablette verteilt. „Meine Kopfschmerzen sind komplett verschwunden. Ich fühle mich, als könnte ich einen Marathon laufen.“

Greift sie deshalb nun wieder zur Flasche? „Ein bisschen Partymachen wäre schon eine Möglichkeit“, antwortet die 29-Jährige, schreckt beim Blick auf die Rechnung aber dann doch zurück. 199 Dollar kostet die Kater-Kur – wenn das mal keine neuen Kopfschmerzen verursacht.

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Dieser Beitrag gehört zur Koralle "America First: Verrücktes Land. Faszinierende Geschichten". Der Text ist zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

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