Schöne Schande

Im krisengeplagten Detroit stehen über 80.000 Gebäude leer. Was Einheimische als peinlich empfinden, feiern Foto-Touristen als Attraktion.

Steve Przybilla Eine verlassene Fabrikhalle in Detroit

Als Jesse Welter die ersten Patronenhülsen entdeckt, hören die Kameras kurz auf zu klicken. War vielleicht doch nicht die klügste Idee, in dieser Ruine herumzustöbern, noch dazu in einer der gefährlichsten Städte der USA. Welter, der Tour-Guide, ist abgehärtet: „Sind doch nur Gummigeschosse“, erklärt er fröhlich. „Die feuert die Polizei auf Einbrecher. Seid froh, dass es nicht die Kugeln der Vorstadt-Kids sind - denn die sind echt.“

Charlotta, 16, schaut wie gebannt auf die Munition.

Fritz, 77, stützt sich verlegen auf sein Stativ.

Eben noch war die Gruppe voller Elan durch die verlassene Schule gestapft, ausgestattet mit Digitalkameras, Wollmützen und Stirnlampen. Jede Glasscherbe eine Entdeckung, jeder Klassenraum ein Motiv.

Und jetzt? Der totale Stimmungskiller. Doch Welter weiß, wie man ängstliche Touristen beruhigt: „Keine Sorge, es ist erst halb acht. Da schlafen die Betrunkenen noch.“

Tatsächlich ist das, was Jesse Welter in seinem Wohnort Detroit anbietet, nicht ungefährlich. Bevor die Foto-Safari im Beton-Dschungel losgeht, müssen alle Teilnehmer einen Haftungsausschluss unterschreiben. Festnahmen, Verletzungen und sogar der Tod - all das könnte im Extremfall passieren, wenn Gebäude, die seit Jahren leer stehen, heimlich betreten werden. Zumal die Sache nicht ganz legal ist.

Doch genau dieser Kick beschert Welter immer neue Kunden. Der 44-jährige Fotograf hat sich auf „Urban Exploration“ spezialisiert, die Erkundung von Ruinen im städtischen Raum. Davon gibt es Detroit mehr als genug. Die Stadt, in der Henry Ford einst die industrielle Fließband-Produktion einführte, hat harte Zeiten hinter sich. Viele Betriebe sind nach Fernost abgewandert; 2013 meldete Detroit Insolvenz an, die größte kommunale Pleite in der US-Geschichte.

Ein Mann mit Mütze vor einem Bus
Tour-Guide Jesse Welter.
Steve Przybilla
Hochhäuser.
Die gute Seite von Detroit: Blick vom "General Motors"-Hochhaus auf die Innenstadt.
Steve Przybilla
Blick durch eine zerbrochene Fensterscheibe auf verlassene Fabrikhäuser.
Das andere Detroit: Etwa 80.000 Gebäude stehen in der Stadt leer. Sie verfallen zu lassen, ist schlicht billiger, als sie abzureißen.
Steve Przybilla
Obwohl es wirtschaftlich wieder bergauf geht, wirken viele Viertel noch immer wie ausgestorben.
Steve Przybilla
Ein Mann mit Zigarette im Mund schaut durch eine Digitalkamera, die auf einem Stativ steht.
Der Verfall zieht Touristen an. Einheimische sprechen abschätzig von "Ruinen-Pornos", weil sich die Besucher am Elend ergötzten.
Steve Przybilla
Ein Fabrikgebäude mit eingeworfenen Fensterscheiben. Davor mehrere Straßenabsperrungen, von denen einige umgefallen sind.
In der Fisher Body Plant wurden einmal Autoteile hergestellt. Seit den 1990er-Jahren steht die Fabrik leer.
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Eine verlassene Fabrikhalle in Detroit
Eine verlassene Fabrikhalle in Detroit
Steve Przybilla

Von einst fast zwei Millionen Einwohnern (1950) sind laut der letzten Volkszählung (2014) weniger als 700.000 übrig. Das Ausbluten der Stadt hat Folgen: Über 80.000 Wohnhäuser, Schulen, Fabriken, Kirchen, Kinos und Theater gammeln seit Jahren vor sich hin. Eine offizielle Liste der Stadtverwaltung zeigt, dass seit 2014 knapp über 14.400 Häuser abgerissen wurden (Stand: Juli 2018). Sie verfallen zu lassen, ist schlichtweg billiger.

Um möglichst viele dieser Orte zu präsentieren, kutschiert Welter seine Kunden im Minibus. Nächster Stopp: Fisher Body Plant 21. In der Fabrik wurden bis in die 1990er-Jahre Autoteile gefertigt. Heute thront der Klotz verlassen in der Landschaft. Wie ein Fremdkörper wirkt er nicht, denn kaputte Fensterscheiben, Graffiti und umgeworfene Straßenschilder sind in diesem Viertel allgegenwärtig. Zu sehen ist absolut niemand, eine Stimmung wie bei „The Walking Dead“, nur ohne Zombies.

Am Vorabend hat es geschneit - gut fürs Anschleichen, weil der Schnee die Schritte dämpft. „Falls die Polizei uns anhält, flüchten wir in verschiedene Richtungen“, instruiert Welter seine Gruppe. Natürlich kennt er einen verborgenen Hintereingang, vorbei an Gestrüpp, Holzplanken, Bierdosen und benutzten Kondomen. „Passt auf, dass ihr nicht auf die Asbest-Fetzen tretet“, mahnt er noch, doch da ist die Gruppe mit ihren Kameras schon hineingestürmt.

Johann Seila, 53, ist so entzückt, dass er anfängt zu philosophieren. „Die Architektur sagt so viel über diese Stadt - und die amerikanische Gesellschaft“, findet der Finne, der wegen eines Konzerts nach Detroit gekommen ist. Zusammen mit Tochter Charlotta, 16, legt er einen Zwischenstopp in den Ruinen ein. „Warum“, fragt er, „sollte man sich für den Untergang längst vergangener Reiche interessieren? Hier kann man ihn live erleben.“  

Rosie Lemons, 61, kommt aus einem Vorort von Detroit. In der Volkshochschule hat sie ihre Liebe zur Fotografie entdeckt - und macht die Tour nun schon zum zweiten Mal mit. „Am Anfang war mir etwas mulmig zumute“, sagt Lemons. „Dabei ist doch alles ganz entspannt.“

Was sie motiviert? „Schöne Bilder zu machen“, sagt Lemons. „Diese Orte haben ihren ganz eigenen Charme.“ Auch viele Profi-Fotografen sind dieser Meinung. Bildbände wie „Detroit Disassembled“ (Andrew Moore) oder „Lost Detroit“ (Dan Austin/Sean Doerr) haben in den vergangenen Jahren viel Beachtung gefunden - und mit dazu beigetragen, dass die Stadt unter Ruinen-Fotografen heute so beliebt ist.

Eine ältere Frau mit einem Stativ auf der Schulter.
Rosie Lemons macht die Tour schon zum zweiten Mal. "Diese Orte haben ihren eigenen Charme", sagt die 61-Jährige.
Steve Przybilla

In der Fabrikhalle riecht es moderig, ein Mix aus Motorenöl, Lack und Schimmel. Trotz der Kälte herrscht reger Betrieb. Im Erdgeschoss knattert ein Generator, den eine Gruppe junger Hobbyfilmer aufgestellt hat. Weiter oben überlegen zwei Texaner, wie sie eine halb eingestürzte Wand, die Jugendlichen als Skaterbahn dient, am besten in Szene setzen. Man grüßt sich, man hilft sich - eine verschworene Gemeinschaft, diese Urban Explorers.

Doch längst nicht alle mögen das ungewöhnliche Hobby. „Fuck you, Jesse Welter“, ist gleich auf mehreren Graffiti in der Fabrikhalle zu lesen. „Dich und deinen Hipsterbus.“

Kritik kommt auch von denen, die sich gewählter ausdrücken. Der Detroiter Literaturdozent John Patrick Leary beklagt in einem Aufsatz, dass Ruinen-Fotografie „Armut ästhetisiert ohne nach ihren Ursachen zu fragen, Orte dramatisiert und niemals die Menschen ausfindig macht, die diese Orte bewohnen.“

Unter Einheimischen hat sich der wenig schmeichelhafte Begriff „Ruinen-Porno“ eingebürgert. Den Urban Explorers gehe es nur um die Lust an der Sensation, lautet ein gängiger Vorwurf. Auch Jesse Welter kennt den Ausdruck, mag ihn aber überhaupt nicht. „Das klingt, als würden wir hier sonst was veranstalten“, verteidigt sich der Guide. „Dabei machen wir nur Fotos von der Welt, wie sie ist - und dafür sind doch nicht wir verantwortlich.“

Ein eingeschneiter Basketballkorb samt Aufhängung liegt auf dem Boden.
In dieser Turnhalle wird schon lange kein Sport mehr getrieben.
Steve Przybilla
Eine verlassene Turnhalle, deren Wände mit Graffiti übersät sind
Die Urban Explorers besuchen Schulen...
Steve Przybilla
Ein Mann steht in einem verlassenen Klassenraum und fotografiert.
Etwa die Hälfte aller Schulen in Detroit steht leer.
Steve Przybilla
Leer stehende Kirche mit Schutt auf dem Boden, im Hintergrund eine Frau vor einem Stativ.
Verlassene Kirchen sind ebenfalls ein beliebtes Fotomotiv.
Steve Przybilla
Eine mit Graffiti versehene Wand mit einem Loch in der Mitte. Hinter dem Loch ist eine leer stehende Fabrikhalle zu sehen, in der ein Mann mit Kamera in der Hand steht.
In manchen Ruinen haben Metalldiebe die Wände aufgehackt.
Steve Przybilla

Das Fremdenverkehrsamt bietet selbst keine Ruinen-Touren an. Verdammen will man die Urban Explorers aber nicht, immerhin geben auch sie ihr Geld in der Stadt aus. „Jeder hat eigene Vorlieben“, sagt Renee Monforton, Sprecherin von „Visit Detroit“. Wie viele der jährlich 1,6 Millionen Besucher wegen der verlassenen Häuser kommen, wisse sie nicht. „Wenn es ihnen aber nur um die Ruinen ginge, wäre das eine veraltete Sichtweise. Schließlich geht es in Detroit wieder aufwärts.“

Nach fünf Stunden und vier Gebäuden ist die Foto-Safari vorbei. Die Finger sind durchgefroren, die Speicherkarten prall gefüllt. Über ein Treppenhaus ohne Geländer tasten sich alle wieder ins Erdgeschoss vor.

Nur Welter bleibt kurz am Aufzugsschacht stehen und schaut in die Tiefe. „Body Check“, meint er nüchtern. „Kann sein, dass mal wieder jemand eine Leiche entsorgt hat.“

-- Der Text ist zuerst bei Spiegel online erschienen.

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