Legal beschnitten

Seit vielen Jahren kämpfen Gesundheitsorganisationen und Frauenrechtlerinnen gegen die Genitalverstümmelung. Jetzt droht ihnen ein gewaltiger Rückschritt: Die Beschneidung von Frauen und ästhetische Intimoperationen sind zusehends schwerer voneinander zu trennen.

Ein Artikel aus dem Online-Magazin "Unverkäuflich" von Susanne Donner

Eine Wochenzeitung nahm das Thema im ersten Akquiseanlauf. Der druckfertig redigierte Text blieb dann aber über drei Redakteurswechsel zulasten populärer Themen liegen. Drei weitere Medien lehnten ab, unter anderem mit dem Argument „zu heftig und zu feminin“. Der Text erschien schließlich im Tagesspiegel.

33 Jahre alt war die Frau aus Großbritannien, zweifache Mutter und unzufrieden mit dem Aussehen ihrer Vulva. Sie ließ sich die Schamlippen kürzen. Wie geschätzte 5000 Frauen und Mädchen hierzulande jedes Jahr. Doch danach störte sie die nun deutlich sichtbare Klitorisspitze. Sie ging zum Londoner Schönheitschirurgen Joe Daniels mit dem Wunsch, er solle ihre Klitoris kappen. Der Psychiater David Veale vom King’s College in London fand die Operation angebracht, da die Frau so sehr leide. Die beschnittene Frau sei nun glücklich und wohlauf, berichten Veale und Daniels 2011 im Fachjournal „Archives of Sexual Behaviour“.

Was die beiden Ärzte da beschreiben, ist ein Eingriff, den wir sonst Genitalverstümmelung nennen. Entsetzt reagierte die Frauengesundheitsforscherin Susan Bewley vom King’s College in London. Sie zeigte Veale und Daniels an. Denn in Großbritannien ist die Beschneidung der weiblichen Genitalien, wie in anderen europäischen Ländern auch, verboten. Drei Jahre lang ermittelte die Strafverfolgungsbehörde. Schließlich verkündete sie 2017: Veale und Daniels hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Für Bewley ist das ein Fiasko: „Das gibt grünes Licht für die legale Genitalverstümmlung unter dem Etikett der Ästhetik.“

Verschieden und doch nah - Intim-OP und Genitalverstümmelung

Expertinnen in ganz Europa sehen in dem Fall den Anfang einer verheerenden Entwicklung. „Die Beschneidung von Frauen und Intimoperationen sind nicht klar voneinander zu trennen. Weil die ästhetische Praktik erlaubt und die traditionalistische Variante geächtet oder verboten ist, besteht die große Gefahr, dass sich die Genitalverstümmelung unter dem Deckmantel der Ästhetik ausbreitet“, warnt die Schweizer Soziologin Dina Bader, die darüber ihre Doktorarbeit verfasst hat. Je mehr sich der Intim-OP-Boom herumspräche, desto mehr drohten die Kampagnen gegen Genitalverstümmelung an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Wie verheerend die Situation schon ist, macht Bader an zwei Beispielen deutlich: Geht eine weiße minderjährige Frau zu einem Intimchirurgen und beklagt, wie sehr sie unter dem Aussehen ihrer Vulva leide, schneidet er ihr diese wunschgemäß zurecht. „Das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt“, bestätigt Dominik von Lukowicz, Vorsitzender der Gesellschaft für Ästhetische und Rekonstruktive Intimchirurgie. Geht eine Minderjährige aus Afrika, dem Mittleren oder Nahen Osten hierzulande zum Intimchirurgen und möchte die Vulva entsprechend ihrer Tradition beschnitten haben, „wird das wohl jeder ablehnen“, sagt von Lukowicz. Schon deshalb, weil die Rufschädigung bei Öffentlichwerden immens wäre, fügt Bader hinzu. Aber: Was tut ein Intimchirurg für 3000 Euro, wenn seine Klientin nun vorgibt, dass sie so sehr leide und sich ohne Klitoris und innere Schamlippen hübscher fände? Wo verläuft die Trennlinie zwischen Beschneidungszwang und der Selbstbestimmung über den eigenen Körper, zwischen Unterdrückung der Frau und sexueller Befreiung?

Der kleine Unterschied

Fangen wir mit dem Faktischen an. Mit dem Anatomischen. Viele Intimchirurgen reagieren völlig brüskiert, wenn Kürzungen der Schamlippen in den Kontext von Beschneidungen gerückt werden. „Das ist etwas ganz Anderes. Wir verletzen die Klitoris nicht und uns geht es um eine Steigerung der weiblichen Schönheit und Lust“, empört sich von Lukowicz zunächst. Wer sich genauer umhört, erfährt jedoch, dass die Chirurgen die Kürzung der inneren Schamlippen fast immer mit einer Straffung des so genannten Klitorismantels kombinieren. „Sonst kann die Klitoris deutlich sichtbar wie ein Mikropenis hervorstehen“, erläutert von Lukowicz. Sehr wohl wird also auch routinemäßig an der Klitoris, jenem vorgeblichen Hotspot der weiblichen Lust, operiert. Richtig ist lediglich: Die Klitorisspitze bleibt gewöhnlich heil.

Es sei denn, die Frau wünscht es sich anders wie jene 33-Jährige aus Großbritannien. Oder: Der Operateur hält die Entfernung für angebracht: „Ich habe Bilder eines Kollegen aus Deutschland gesehen, der seiner Klientin die Klitorisspitze und die inneren Schamlippen entfernt hatte. Ich war vollkommen schockiert, weil das einer Verstümmelung gleichkommt“, sagt von Lukowicz. „Er behauptete aber, das gehöre so. Die Klientin hat sich massiv beschwert.“ Wie viele Kundinnen hat dieser Chirurg wohl schon derart verstümmelt? Viele Ärzte führen über Hundert OPs im Jahr aus.


Von Lukowicz hält den Vergleich von kosmetischen Intim-OPs und traditionalistischen Beschneidungen dennoch für unangemessen: „Bei einer Beschneidung wird immer die Klitoris entfernt, bei einer richtig ausgeführten Schönheits-OP natürlich nicht.“

Unsägliche Unkenntnis

Die Wahrheit ist eine andere. „Die Ärzte wissen nicht, wie verstümmelte Vulvas en détail aussehen. Die Klitorisspitze wird auch bei etlichen traditionellen Beschneidungen nicht vollständig entfernt“, sagt die Gynäkologin Jasmine Abdulcadir von der Klinik für weibliche Genitalmanipulationen am Universitätsklinikum in Genf. 

Die Weltgesundheitsorganisation hat vier Typen der Beschneidung anatomisch beschrieben. Am Bekanntesten ist hierzulande Typ 3, bei dem der Scheideneingang bis auf eine winzige Öffnung zum Abfluss von Monatsblut vernäht wird und manchmal die Klitorisspitze sowie die Schamlippen gekappt werden. Die häufigsten Formen weltweit sind aber Typ 1 und Typ 2. „Bei allen vier Typen muss die Klitorisspitze nicht unbedingt entfernt sein und ist es auch oft gar nicht“, betont Abdulcadir. „Chirurgisch und anatomisch passiert bei kosmetischen Intim-OPs und Beschneidungen nicht selten dasselbe“, sagt sie. „Das ist ein heikles Thema, weil die Intimchirurgen das nicht gerne hören.“

Abdulcadir ist Tochter eines somalischen Arztes und hat viele nach Typ 3 beschnittene Tanten. Am Klinikum in Genf betreut sie Hunderte beschnittener Frauen. Jeden Tag erlebt sie, wie wenig Ärzte in Europa über Beschneidungen wissen. In einer ihrer Analysen deckte sie auf, dass der Eingriff bei 48 von 129 Frauen nicht bemerkt wurde und bei 28 dem falschen Typ zugeordnet war. Es gab mehr falsche und fehlende Diagnosen als Richtige. 

Mädchen oder mündige Frauen?

Der zweite Unterschied zwischen traditionalistischer Beschneidung und kosmetischer Intim-OP soll das Alter sein. Die Beschneidung der weiblichen Genitalien aus kulturellen Gründen praktizieren Ärzte oder rituelle Beschneider im Kleinkindalter oder deutlich vor der Pubertät.

Von so jungen Klientinnen hat noch kein Intimchirurg hierzulande berichtet. „Der Altersschnitt ist 25. Aber auch ich habe Minderjährige, die zu einer Schamlippenkürzung kommen“, sagt von Lukowicz. „Wenn sie sehr leiden, die Eltern das glaubhaft versichern und das wirklich anormal aussieht, sodass sie gehänselt werden, operiere ich diese auch.“ Es gibt keine Altersgrenze, solange die Eltern einwilligen. In Großbritannien ist der Eingriff ab 9 Jahren und in Frankreich ab 12 Jahren erlaubt. Das Barbiepuppen-Ideal vom makellosen Körper beschäftigt die Heranwachsenden schon in der Grundschule. Wenn Pro-Familia-Beraterinnen dort über Sexualität aufklären, erzählen immer wieder einige Mädchen, dass sie ihre eigene Vulva scheußlich finden.

Beschneidungen aus traditionellen Motiven und Intim-OPs werden in unterschiedlichem Alter ausgeführt. Aber die Volljährigkeit markiert keineswegs die Grenze. 

Ist das schön?

Auf den ersten Blick unterscheiden sich vor allem die Beweggründe zwischen beiden Praktiken. Intim-OPs zielen auf eine schöne Scham. Seit der Intimrasur kommt die Vulva zum Vorschein. Zugleich hat die „massenhafte Verbreitung von Pornografie eine neue Norm geschaffen, wie diese aussehen soll“, sagt die Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann aus Düsseldorf. Die Geschlechtsorgane der Pornodarstellerinnen seien durchweg operiert. Deren Genitalien erinnerten anatomisch an die extremste Form der traditionalistischen Beschneidung. Zwei bleiche, flache äußere Schamlippen, dazwischen nur ein Schlitz, der Scheidenausgang winzig klein. Natürlich ist das nicht.

Intimchirurgen werben damit, dass sich die Klientinnen mit der neuen Vulva schöner fühlten und sogar mehr Lust empfänden. Eine operierte 42-Jährige aus München bestätigt, dass sie sich nun endlich beim Sex fallen lassen könne. Zuvor fand sie ihre Scham ekelig. Systematische Untersuchungen zum Empfinden der Frauen nach Intimoperationen gibt es aber kaum. Und immer wieder warnen Fachgesellschaften auch vor Komplikationen und Beschwerden nach dem Eingriff. „Mit der OP wird ein genormtes Schönheitsideal bedient und ein Komplex im Kopf behandelt, deshalb fühlen sich die Frauen danach glücklich“, urteilt Kirchmann. Sie fände eine Sexualtherapie vor dem Eingriff angebracht: „Diese Frauen haben keine liebevolle Beziehung zu ihrem eigenen Körper.“

„Bei der Beschneidung von Mädchen im Nahen und Mittleren Osten und in einigen afrikanischen Ländern geht es darum, die sexuelle Lust der Frauen zu untergraben“, sagt von Lukowicz. Väter und Mütter würden ihre Töchter unfreiwillig zur Beschneiderin zerren, so das gängige Bild. 

Eine andere Ideologie

Aber das ist ein Stereotyp. Keineswegs geht jede Beschneidung mit Gewalt einher. Etliche Frauen haben die soziale Norm akzeptiert und verinnerlicht. „Wenn man mit den beschnittenen Frauen spricht, hört man immer wieder, dass diese es oft eben auch schön finden“, betont Bader. Jasmine Abdulcadir bestätigt das. Sie brauche oft sehr viele Sitzungen der Aufklärungsarbeit, um nach Typ 3 beschnittene Frauen darin zu bestärken, dass sie sich wohl fühlen können, wenn ihr Scheideneingang nicht wieder verschlossen wird. In den Herkunftsländern ist die Praktik argumentativ verquickt mit dort erstrebenswerten Idealen: Die Beschneidung helfe der Frau, keusch in die Ehe zu gehen. Und schöner sei eine beschnittene Vulva obendrein.

Die argumentative Verpackung, die Intimeingriffe unter die Frauen zu bringen, ist hier wie dort schiere Manipulation. „Wo ist der Unterschied? Hier lassen sich mehr und mehr Frauen aufgrund eines gesellschaftlichen Drucks beschneiden. Dort eigentlich auch“, denkt Kirchmann laut nach. Mit der Ausweitung der Praktik unterwerfen sich Frauen einer Idee, wie sie sein sollen. Sie geben auf, wie sie sind.   

Dies ist ein Artikel aus dem Online-Magazin "Unverkäuflich" von Susanne Donner. Den klassischen Medien war das Thema vielfach zu feminin und zu heftig. Deshalb erscheint es hier. Wenn Sie mehr Beiträge abseits des journalistischen Mainstreams lesen wollen, fördern Sie das Projekt unten rechts.

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Unverkäuflich

Unverkäuflich

Ungern gedruckt, gern gelesen