Auf die Beine: Was es braucht

Weniger als die Hälfte der Amputierten läuft auf einer Prothese. Eine fundamentale Misere. Was muss passieren, damit mehr Menschen auf die Beine kommen?

Ein Artikel aus dem Online-Magazin "Unverkäuflich" von Susanne Donner

Nicht einmal jeder zweite Beinamputierte läuft auf einer Prothese und das oft nur wenige Minuten am Tag. Über diesen folgenschweren Missstand berichtete der Beitrag „Nie wieder auf die Beine“ im Online-Magazin „Unverkäuflich“. Über 50.000 Leser interessierte der Artikel. Rund zwei Dutzend Briefe gingen ein. Viele schilderten ein persönliches Schicksal oder brachten eigene Erfahrungen ein. Die meisten bestätigten: Wer amputiert ist, schafft es oft nicht mehr auf die Beine, obwohl das meist ein großer Wunsch war. Glücklich schätzen sich jene, die es doch geschafft haben, das aber nach eigener Einschätzung oft auf besondere Umstände zurückführen.

Eines ist klar: Es darf nicht sein, dass es Medizintechnik en masse gibt, die den Betroffenen viel zu selten hilft. Es darf nicht sein, dass Amputierte Prothesen im Schrank liegen haben, die sie nicht benutzen. Es darf auch deshalb nicht sein, weil die Solidargemeinschaft die edlen Stücke von mitunter fünfstelligem Wert bezahlt. Die Misere ist im Übrigen immer wieder Gegenstand von Petitionen.

Versäumnisse davor und danach

Die Recherchen wie auch die Leserbriefe machen deutlich, die fundamentalen Probleme liegen in der Gesundheitsversorgung und im Gesundheitssystem. Die Betroffenen werden vor der Amputation weder ehrlich beraten noch körperlich auf eine Prothese vorbereitet. Mangelnde Fitness und der Schock über die hohe Hürde rauben ihnen dann nach der Amputation die Motivation. Rehabilitationsmaßnahmen sind mit drei Wochen viel zu kurz und werden zu spät, immer wieder nur nach Kämpfen mit der Krankenkasse gewährt. Physiotherapeuten vor Ort kennen sich mit Prothesen und dem nötigen Training nicht aus. Kaum zuhause sind die Amputierten auf sich alleine gestellt – auf einem Bein. Das ist fatal und die einzige Lösung dann der Rollstuhl.

Um die Misere anzugehen, bedarf es eines Modellprojektes, um Krankenkassen zu einer anderen Versorgung von Amputierten zu bewegen. Darin müssen Psychologen, Chirurgen, Prothesenhersteller und Prothesenbauer, Physiotherapeuten, Rehabilitationszentren und kundige Organisationen zusammenarbeiten und mindestens folgende Punkte berücksichtigen:

·        Vor der Amputation: Fundierte Aufklärung der Patienten, auch darüber, wie viel eigenes Engagement nötig ist, um auf einer Prothese laufen zu lernen.

·        Psychologische Beratung und Ermittlung jener Patienten, die auf einer Prothese laufen lernen wollen.

·        Better in, better out: Körperliche Ertüchtigung der Patienten schon vor der Amputation

·        Nach der Amputation: Schnellstmögliche Rehabilitation und frühestmögliche Versorgung mit einer Interimsprothese

·        Rehabilitationsdauer vorzugsweise von sechs Wochen oder mehr

·        Frühzeitige Einbindung ortsansässiger und kundiger Physiotherapeuten

·        Nachbetreuung und Unterstützung zu Hause

Alle sind schon da

Das ist machbar! Unter den Zuschriften auf den Beitrag „Nie wieder auf die Beine“ sind auch schon geeignete Akteure: der Prothesenhersteller Ottobock und die Stiftung Redline als Geldgeber, die sich ausdrücklich in der Finanzierung der Prothesen anerbot. Eine Physiotherapeutin vom Prothesenversorger Pohlig aus dem Raum Nürnberg wies auf gute Nachsorgekonzepte hin – ein idealer Ansatzpunkt für den Aufbau eines Netzwerks kundiger Physiotherapeuten.

Der Verein Ampu Vita könnte bei der Beratung der Patienten vor der Amputation und danach begleitend tätig werden. Er stellt schon heute vor der Amputation gemeinsam mit Patienten, der Familie und der Klinik einen Plan mit möglichen Rehazielen auf. Die unabhängige Organisation unterstützt und berät in allen Fragen rund um die Amputation und bietet Gehtraining, Muskelaufbau, Wassergymnastik und andere Bewegungskurse an.

Und nicht zuletzt: Die ETH Zürich baut seit November 2019 ein Kompetenzzentrum für ganzheitliche Rehabilitation auf, das eigene Fördermittel einwirbt und genau dieselbe Stoßrichtung verfolgt: „Medizintechnik kommt zu wenig bei den Nutzern an. Es gibt eine Lücke, die wir schließen wollen“, sagt der Initiator Robert Riener, Professor für sensomotorische Systeme der ETH. Bis zu acht Professuren und ein neuer Masterstudiengang sollen sich ganz diesem Ziel widmen.

Nichts für die Abstellkammer

Jenseits eines Modellprojektes zur besseren Prothesenversorgung brachte eine Leserin noch einen wichtigen Gedanken ein: Es ist nicht im Sinne der Solidargemeinschaft, wenn Medizinprodukte erstattet, aber nicht benutzt werden können. Bei Schlafapnoegeräten hängt die Finanzierung seitens der gesetzlichen Krankenkassen teils von der digital erfassten Nutzung ab. Würden Prothesen nurmehr abhängig von ihrer Verwendung erstattet, kann man sich sicher sein, dass die Strukturen eher heute als morgen geschaffen würden, damit viel mehr Amputierte auf ihrer Prothese laufen können.   

Dieser Beitrag gehört zum Online-Magazin "Unverkäuflich", weil das Thema ungewöhnlich viele Medien ablehnten. Wollen Sie mehr Unverkäufliches, dann unterstützen Sie das Projekt mit dem Knopf unten.

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