Nie wieder auf die Beine

Wer ein Bein verliert, kann zwischen Dutzenden modernen Prothesen wählen. Bei vielen Amputierten landet diese bald im Schrank. Über das Scheitern der Medizintechnik.

Depositfotos Zwei Beine eines erwachsenen Mannes, der links eine Unterschenkelprothese hat und rechts sein gesundes Bein. Beide Füße stecken im Schuhen.

Ein Artikel aus dem Online-Magazin "Unverkäuflich" von Susanne Donner

Das Thema war schwer verkäuflich. Ich bot es fünf verschiedenen Redaktionen, darunter Magazinen wie auch Zeitungen und Onlinejournalen, an, für die ich regelmäßig arbeite. Diese lehnten ab oder reagierten nicht. Das Thema sei zu bedrückend, war ein Argument. Schließlich erschien dieser Artikel in gekürzter Form im Tagesspiegel - und wurde rege gelesen.

Petra W. ist eine Frau mit fein geschliffenen Nägeln und akkurat frisiertem aschblondem Haar. Eine, die sich freut, wenn man ihr sagt, sie sähe aus wie 50. Aber sie ist 87 und sitzt im Rollstuhl mit nur einem Bein, dem linken. Auf die Frage nach ihrem Befinden sagt sie: „Es ist nicht mehr schön, jetzt“, oder, „wenn man das Schlechte weglässt, geht es irgendwie gut.“ Sie bekommt dann glasige blaue Augen und rollt lieber weiter oder wechselt das Thema. Ihr Bein wurde ihr vor zwei Jahren amputiert. Damals, mit ihrem Mann an ihrer Seite, hatte sie fest vor, wieder laufen zu lernen.

Aber kaum war sie von der OP heimgekehrt, bauten sich Hürden über Hürden vor ihr auf. Ihre gesetzliche Krankenkasse wollte erst einmal gar kein Kunstbein bezahlen. Monate vergingen. Ihr Mann kämpfte. Dann bekam sei eine Prothese, das Petra W. im blauen Sack auf dem Schoß zur Physiotherapeutin fuhr. Einmal kam sie bei unserer Begegnung gerade von einem dieser Termine und hob zur Begrüßung den Sack in die Luft und sagte mit leicht entrüstetem Unterton: „Gucken Sie mal, wie schwer. Das sind fünf Kilo!“ Ihr Mann lächelte stumm. Die Physiotherapeutin hatte keine Ahnung von Kunstbeinen. Sie war beim Anlegen hilfloser als Petra W. selbst. Später hieß es, das Bein passe gar nicht. Inzwischen lag die OP schon über ein Jahr zurück. Wieder kämpfte der Mann mit der Krankenkasse. Schließlich kam ein neues Bein. Doch dann wurde Petras Mann dement, wollte nachts die Wohnung verlassen und mit dem Bus nach Hause fahren. Sie konnte ihn auf einem Bein kaum auf seinen beiden zurückhalten. Er musste in ein Pflegeheim. Petra W. hat die beiden blauen Säcke mit den Beinen seither in einen Schrank geräumt.

Man könnte denken, Petra W. habe einfach Pech gehabt. Schließlich haben Journalisten oft genug über Menschen berichtet, die dramatisch verunglückten, ein Bein verloren, aber dann bald wieder lächelnd durchs Leben liefen. Dank Prothese. Diese fortschrittsgläubigen Geschichten machen Mut und sind so schön. Wir Journalisten wählten gerne dieses immergleiche Narrativ.

Nur wenige laufen wieder

Aber es gibt gleich mehrere Experten, die sagen: So perfekt läuft das meist nicht. Recht gewöhnlich sei dagegen die Geschichte von Petra W. Normal ist: Nie wieder auf die Beine. Das weiß die Pflegewissenschaftlerin Uta Gaidys von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie hat viele hundert Amputierte befragt. Das bekräftigt Andrea Vogt-Bolm, Leiterin des unabhängigen Vereins Ampu-Vita, der Amputierten in Norddeutschland mit Rat und Tat zur Seite steht. Und schließlich die Ärztin für Unfallchirurgie Melissa Beirau. Sie hilft jeden Tag am Unfallklinikum Berlin, Unfallopfern auf einer Prothese zu gehen. 

Aber wie viele Amputierte schaffen es eigentlich auf eine Prothese, wenn die Erfolgsgeschichten nicht so häufig sind, wie wir glauben? „Es gibt keine systematischen Daten. Es interessiert niemanden“, antwortet Beirau. Nur die Studie von Uta Gaidys von 2013 ist ihr in Erinnerung geblieben. Gaidys befragte mithilfe zweier gesetzlicher Krankenkassen 515 Amputierte und zwar bis zu vier Jahre nach der Amputation. Die allermeisten, 87,1 Prozent, hatten eine Prothese. Aber weniger als die Hälfte - 41,4 Prozent – konnte damit genug gehen, um den Alltag zu meistern. Viele liefen trotz Prothese kaum mehr als wenige Minuten. Sie brauchen einen Rollstuhl. Zwei Drittel sind nach dem Eingriff deshalb auf die Hilfe von Angehörigen oder Fremden angewiesen. Kochen, waschen, Erledigungen außer Haus – vieles gelingt ihnen fortan nicht mehr alleine. Als wichtigste Ursache ihrer Pflegebedürftigkeit beklagen sie, dass sie zu wenig laufen können.

Dabei haben viele sogar zwei verschiedene Kunstbeine, weiß Vogt-Bolm. Und aus Gaidys Studie geht hervor, dass ein großer Anteil – 87,1 Prozent – die Prothese sogar zwei bis sechs Mal pro Woche anlegt. Aber dann kommen sie offensichtlich nicht weit. „Die meisten tragen sie nur ein paar Minuten. Sonst liegen sie im berühmten blauen Sack herum“, sagt Vogt-Bolm.

In der Werbung ist die Prothese so schick wie eine Krawatte

Der Chirurg Bernhard Greitemann entfernt selbst Gliedmaßen von Patienten, und er leitet eine Rehaklinik bei Osnabrück. Ihm missfällt die Geschichte von den unnützen Prothesen: Gut 80 Prozent der Amputierten verließen seine Klinik auf der Prothese. Sie könnten laufen und Treppen steigen. Aber wie weit sie auf dem Kunstbein im Alltag wirklich kommen und wie weit sie damit Jahre später gehen, weiß er nicht, räumt er ein.

Der Marktführer der Medizintechnik Ottobock in Duderstadt habe sich geschockt gezeigt, als Gaidys ihre Studie dort persönlich vorstellte, berichtet sie. Auch für sie selbst war der Besuch ein Schock: „Ich ging in diese Eingangshalle und dachte, jetzt bin ich in einem Science-Fiction-Film. Das war unglaublich.“ Es gäbe Prothesen, die sich per Smartphone beugen und strecken. Solche, mit denen man schneller läuft als normal, solche, die beim Hinsetzen und beim Aufstehen aktiv nachhelfen. Die Werbung der Medizintechnikhersteller zeigt Amputierte im Anzug, auf der Sonnenseite der Karriere, lächelnd und dynamisch, fast so, als wäre ein künstliches Bein die neue Krawatte. 

Scheibchenweise ins Siechtum

Aber was ist dann bei Petra W. und all den anderen schief gegangen? „Die Chirurgen hören es nicht gerne. Aber ein wichtiger Grund ist, dass zu spät und dann scheibchenweise amputiert wird. Großer Zeh, Vorfuß, Unterschenkel, Oberschenkel, dann das andere Bein“, sagt Gaidys. Die Operierten seien dann durch das lange Siechtum und die ständigen Eingriffe enorm geschwächt und unfit. Wenn sie eine Prothese brauchen – ab Unterschenkel aufwärts - , schaffen sie es beim besten Willen nicht mehr. Sie enden im Rollstuhl. Der Klassiker unter ihren Betroffenen habe dutzende Eingriffe hinter sich, bestätigt Vogt-Bolm.

Der Vorwurf, es würde zu zögerlich amputiert, findet sich nie in den turnusmäßigen Presseaussendungen der Fachgesellschaften nicht wieder. Im Gegenteil: Sie plädieren gar für noch mehr Behandlungen, ehe amputiert werde. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin moniert, die meisten Amputationen bei Diabetikern ließen sich mit gefäßerhaltenden Maßnahmen abwenden, will heißen: verzögern. Die Deutsche Gesellschaft für Angiologie wiederholt dasselbe für ihr Patientenklientel, jene mit Durchblutungsstörungen. Beide Krankheiten sind mit Abstand die wichtigsten Ursachen für Amputationen.

Das Entfernen einer Gliedmaße gilt als Versagen des Arztes. Deshalb wird sie so lange erhalten, bis nichts anderes mehr geht. Diese Vorgehensweise ist nebenbei auch die einträglichste, stellt Gaidys klar: Beinerhaltende Behandlungen und mehrere Scheibchenamputationen bringen weitaus mehr Geld als eine einmalige Amputation. Und weil es für Chefärzte verschiedenen Gesundheitsökonomen zufolge umso mehr Gehalt gibt, je mehr sie behandeln, setzt das einen Anreiz für diese Vorgehensweise.

In guter Absicht gegen die Prothese

„Immer wieder ist von Salamitaktik die Rede“, sagt Unfallchirurg Bernhard Greitemann und räumt damit indirekt ein, dass es unter Ärzten sogar ein Wort für die Praxis gibt. Doch dann folgt das klare Dementi: „Diese Kritik trifft so nicht zu. Natürlich gibt es Revisionen nach Amputationen. Aber oberstes Ziel muss auch aus Gründen der Mobilität der Erhalt der Gliedmaßen sein. Ohne Vorfuß kann man ohne Prothese laufen, ohne Oberschenkel nicht mehr.“

Er sieht den Missstand an anderer Stelle der Gesundheitsversorgung. Die Amputierten unterfallen in zwei Klassen: die gesetzlich Versicherten und die Berufsunfallopfer. Wer beruflich bedingt etwa auf dem Weg zur Arbeit verunglückte und ein Bein verlor, für den wird alles getan, damit er wieder auf die Beine kommt. Die Berufsgenossenschaft will keine teure Berufsunfähigkeit bezahlen und erstattet dafür gewöhnlich anstandslos Prothesen und die Rehabilitation. „Diese Menschen lernen fast immer auf einer Prothese zu laufen“, sagt Beirau.  

Aber die meisten Amputierten zählen nicht zu den Glücklichen. Sie haben ihr Bein aufgrund eines Diabetes oder einer Durchblutungsstörung, seltener infolge eines Tumors verloren. Die gesetzliche Krankenkasse muss in diesen Fällen aufkommen. „Standard ist, dass die Erstattung der Prothese dann insbesondere bei den Über-60-Jährigen erst einmal abgelehnt wird. Dann muss man ein Widerspruchsverfahren einleiten“, schildert Beirau. Das zieht sich hin. Unterdessen hockt der amputierte Patient bereits im Rollstuhl in seiner Wohnung. Die wenigen vorhandenen Muskeln schwinden. Er beginnt seinen Alltag mit fremder Hilfe im Rollstuhl zu bestreiten. Dann bewilligt die Krankenkasse womöglich nach Monaten ein Kunstbein. Nun muss ein Orthopädietechniker dieses Konstrukt anfertigen. Wieder vergehen Monate vom Kostenvoranschlag bis zum fertigen Produkt. Dann haben die gesetzlich versicherten Amputierten endlich ihr Bein, aber niemand der ihnen erklärt, wie man damit läuft. Lokal ansässige Physiotherapeuten kennen sich oft nicht mit Prothesen aus, sagt Beirau. Eine Rehabilitation wird selten von vornherein bewilligt. Wieder müssen die gesetzlich Versicherten kämpfen. Sollten sie je in einer Rehaeinrichtung landen, sind sie körperlich fast immer so schwach, dass drei Wochen Kur – so viel wird routinemäßig gewährt – laut Beirau definitiv nicht reichen, um sich auf dem Rollstuhl in den freien Stand hoch zu stemmen. „Auf einer Prothese laufen zu lernen, ist selbst für einen frisch operierten Leistungssportler knochenarte Arbeit, für die er starken Willen braucht.“ Und Greitemann ergänzt: „Krebspatienten werden oft sehr hoch amputiert. Sie sind zwar meist jung, aber auch für sie ist es schwierig, auf einer Prothese laufen zu lernen.“


Wer einen Unfall hatte, gehört zu den gut Versorgten

Nur Unfallopfer bekommen nach der Amputation ungefragt das Intensivprogramm. Am Unfallklinikum Berlin hat jeder Patient sogar seinen eigenen Therapeuten. Das Training findet in kleinen Gruppen von drei bis fünf Personen statt. „Das ist Luxus. Wenn die gesetzlich Versicherten das bekämen, könnten viel mehr Amputierte besser laufen“, meint Beirau. Die Versehrten trainieren die Arm- und Beinmuskeln im Fitnessstudio. Sie bekommen täglich Physiotherapie und lernen in der Gehschule an Spezialgeräten laufen. „Die Krönung ist, mit der Prothese auf eine Matte zu fallen und wieder alleine aufzustehen. Davor haben viele im Alltag Angst“, erklärt Greitemann.  

Die Zwei-Klassen-Reha ist ein sich selbst erhaltendes System. Manches Berufsunfallopfer bekommt zum x-ten Mal eine Kur, mitunter sogar als Auflage für die Bewilligung einer neuen Prothese. Jörg Stein (Name geändert) ist so ein Fall. Schon 1975 verlor er in seiner Ausbildung sein Bein bei einem Motorradunfall. Seither ist er oberschenkelamputiert. Stein, 67, hat zwei Rollstühle und schon immer eine Prothese, die stets die Berufsgenossenschaft bezahlte. Nun hat er neues Prothesenmodell erhalten und per Auflage mal wieder eine Kur vor sich.

Es geht auch mit dem Scooter

Aufnahmegespräch in der Unfallklinik Berlin: Stein schiebt den Stumpf des linken Oberschenkels in den Schaft der Prothese. Er verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere. „So jetzt gehen Sie mal von hier bis zur Wand dort drüben“, sagt Beirau. Stein wankt langsam hinter dem Stuhl hervor. Er zieht das linke Bein nach, als wäre es aus Holz, starr und unbeweglich. Aber er trägt eine der modernsten Prothesen, mit der Treppen steigen und Nachstellschritte kein Problem wären, wenn der Träger erlernt hat, wie er das Kniegelenk belasten muss, damit es sich beugt und streckt. „Dafür muss er mit der Ferse auftreten und sich dann vom Ballen abdrücken, also Kraft aufwenden. Er hat es sich anders angewöhnt“, sagt Orthopädietechniker Christian Hartz. Stein hält sich an einem Geländer fest, als er humpelnd und schwankend vor den Augen der Experten eine schiefe Ebene hinaufläuft. Dann führen ein paar Stufen abwärts. Der beleibte Mann stoppt und schnauft hörbar. Ins Klinikum ist er mit dem Scooter, einem elektrisch fahrenden Rollstuhl, gekommen. Er zögert. „Festhalten ist erlaubt“, ruft Beirau. „Da müsste ich jetzt üben“, entgegnet Stein. Doch dann setzt er mit leiser Angst im Gesicht den gesunden Fuß auf die Stufe und führt das Kunstbein starr seitlich nach. „Wie weit kommen Sie denn mit der Prothese alleine?“, fragt Beirau. Stein schwitzt. „Ich benutze noch eine Krücke. Also, ein paar Meter.“ Betretenes Schweigen in der Runde. „Da haben wir etwas zu tun“, meint Beirau zu den Kollegen und zum Patienten: „Was wollen Sie denn erreichen?“ „Schon besser laufen lernen“, antwortet Stein tonlos und fügt hinzu. „Ich habe da allerdings meine Zweifel.“

Der Patient sei nicht sonderlich motiviert für die Reha, stellt Beirau fest. „Ein Kassenpatient würde weinen, wenn er das wüsste.“ „50 Prozent des Erfolgs ergibt sich aus der Einstellung“, sagt Hartz. Mangelnde Motivation ist der dritte wichtige Grund, weshalb es viele nicht mehr auf die Beine schaffen.

Nachdem Petra W. ihren Mann in die Demenz verlor und er anderthalb Jahre für eine Prothese gekämpft hatte, war auch ihr Wille für das Laufen lernen gebrochen. Wenn man an ihrer Wohnungstür läutet, drückt sie jetzt mühsam die schwere Tür einen Spalt breit auf. Dann verkantet sich der Rollstuhl meistens, und wir reden durch den Spalt. Einmal brüllt im Hintergrund das Fernsehgerät. „Mir ist die Fernbedienung heruntergefallen“, erklärte sie. Über ihr Kunstbein reden wir lieber nicht mehr. Sonst kommen ihr die Tränen.

Dieser Artikel erschien im Online-Magazin "Unverkäuflich" von Susanne Donner. Darin erscheinen Beiträge die klassische Medien nicht abdrucken wollten oder zumindest vielfach ablehnten. Die Leser aber lieben oft genau diese unkonventionellen, kritischen Beiträge. Mehr davon? Dann fördern Sie das Projekt mit dem Knopf unten rechts.

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