Unterwegs im #MuseumderZukunft

Das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe erprobt mit "Open Codes" radikale Besucherbeteiligung

Von Carmela Thiele

ZKM / Clemens von Wedemeyer

6. November 2017

Greifen Sie zu, sagt Christian Lölkes und zeigt auf die Obstschale, die auf einem Sideboard steht. Snacks, Getränke und Eintritt sind frei. Der 27-Jährige gehört zum Team der Ausstellung „Open Code –Leben in digitalen Welten“ im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Unablässig schwirrt er durch den Lichthof, der wie die Lounge eines Start-ups aussieht. Junge Leute sitzen an Tischen oder in ultramodernen Sitzecken über ihren Laptops, spielen Tischtennis oder erkunden eines von über 200 Kunst- und Wissenschaftsprojekten, die über das Areal verteilt sind.

So ungefähr stellen sich Theoretiker das ideale partizipative Museum vor, wo Besucherinnen und Besucher den Ausstellungsraum in Besitz nehmen, oder wie Blanca Giménez es ausdrückt, „sie Teil der Ausstellung werden“. Die Kunstwissenschaftlerin aus Valencia ist eine der drei Co-Kuratorinnen, die in Absprache mit ZKM-Chef Peter Weibel die künstlerischen Arbeiten ausgesucht haben. Das junge Team entwarf außerdem die Hashtag-Ausstellungsstruktur, die von #GenealogieDesCodes über #AlgorithmischeÖkonomie bis zu #GenetischerCode reicht.

Doch sind die Bereiche nicht wie üblich chronologisch oder thematisch geordnet, sondern als offenes Feld konzipiert, denn viele Themen überlappen sich: Die Videos des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung über autonome Fahrzeuge und Industrie 4.0 etwa sind mit #MaschinellesLernen, #Arbeit&Produktion und #AlgorithmicGovernanance markiert. Das irritiert anfangs, aber jeder kann sich selbst einen Überblick verschaffen. Das Begleitheft ist eine kleine Einführung in die Komplexität der Datenwelt, auf der Webseite ist zusätzliches Material zu den einzelnen Projekten hinterlegt, die interaktive App experience_zkm wird in etwa zwei Wochen verfügbar sein. Mit einem Sonntagsspaziergang also ist diese Ausstellung nicht abgehakt.

ein großer, hoher Raum mit Sitzmöbeln und Kunstwerken
Am Sonntagmorgen sind die Tische der open HUBs noch leer, ab Mittag sitzen da junge Leute, die zusammen Ideen entwickeln.
Carmela Thiele

Die Hashtags seien auch eine Anspielung an die Code-Welt, sagt Elektrotechnik-Student Christian, der schon seit sieben Jahren im ZKM jobbt und inzwischen bereits als Experte für 3-D-Drucker-Anwendungen im Hause gefragt ist. Die acht Themenbereiche seien in jenen acht Farben markiert, die dem Farbschema entsprechen, das Programmierer nutzen. Genauso würden die Hashtags beim Programmieren genutzt, seien aber einem großen Publikum auch durch die Sozialen Medien bekannt.

Karlsruhe ist für dieses Ausstellungsexperiment der passende Ort. Das 1997 in einer ehemaligen Munitionsfabrik eröffnete ZKM versteht sich als Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, war aber lange damit beschäftigt, sein Programm und seine Rolle dem rasanten Wandel der modernen Technologien anzupassen. Spätestens seit 2015 hat sich das ZKM als Bühne des digitalen Weltgeschehens und seiner gesellschaftlichen Folgen etabliert. Doch wurde weiter von oben nach unten kuratiert, das Publikum wie schon zuvor mit einer Vielzahl hochkomplexer, Ausstellungen gigantomanischen Ausmaßes konfrontiert, deren Input in telefonbuchdicken Katalogen in englischer Sprache erschien.

Mit dem Ausstellungsexperiment „Open Codes“ ist nun vielleicht erstmals erreicht, was Gründungsdirektor Heinrich Klotz und den Karlsruher Gründungsvätern vorschwebte, nämlich ein Kunst- und Wissenschaftszentrum, das zugleich Bürgerforum ist. Jeder Besucher findet in der Ausstellung sein Thema. Zu sehen sind frühe Rechenmaschinen und Telegrafie-Apparate, Präsentationen zum selbstfahrenden Auto, zahlreiche visualisierende Arbeiten zu speziellen Problem der Informatik und eine breite Palette künstlerischer Projekte, die von technikorientierter Medienkunst, über medienkritische Werke bis zu poetischen Zukunftsszenarien reichen.

Antikapitalistische Ethik der Netz-Community

Dank der örtlichen Digital-Szene kann auch jeder mitmachen, kann coden und hacken lernen, und damit Souveränität über die eigenen Daten erlangen. Leute von Hacker-Netzwerken wie OKLab oder Entropia haben nicht nur die Ausstellungsplanung begleitet, sondern bieten auch in Zusammenarbeit mit der Museumskommunikation Workshops an, die in den Working Spaces (open HUBs) stattfinden oder halten Vorträge. Alles kostenfrei. Wichtig ist aber nicht nur das Insiderwissen, das die Hacker mitbringen, sondern die antikapitalistische Ethik der Netz-Community, in der Wissen geteilt wird, PWYW (pay what you want) ist ungeschriebenes Gesetz. Dieser Geist ist nun ins Getriebe des ZKM geschwappt.

Ein großer, hoher Raum mit einer Tischtennisplatte
In einem Seitenraum sollen noch Beete angelegt werden, die Tischtennisplatte steht schon.
Carmela Thiele

Es sei von Anfang an klar gewesen, dass aus inhaltlichen Gründen bei „Open Codes“ freier Eintritt unabdingbar sei, sagt Christiane Riedel. Die Geschäftsführerin des ZKM hat die Kosten, die durch fehlende Eintrittsgelder des bis August 2018 laufenden Projekts entstehen, im Budget mit etwa 80 bis 100.000 Euro veranschlagt. Doch ließe sich so ein Betrag nur schwer schätzen. Das von Stadt und Land unterstützte Bildungsexperiment ist nur durch eine massive Sponsoring-Aktion des ZKM möglich geworden, an der sich rund 26 Firmen, Institutionen und Privatleute beteiligt haben. Was über den PWYW-Weg erlöst werden wird, kann noch keiner vorhersagen. Viele der älteren Besucherinnen und Besucher werfen 5 und 10-Euro-Scheine in die transparente Box am Ausgang, obwohl an diesem Freitagnachmittag ab 14 Uhr das ganze ZKM sowieso gratis besucht werden kann.

Selbstlernender Algorithmus vor Gericht

Bei diesem umfassenden Bildungsangebot scheinen Kunstwerke fast verzichtbar, aber dieser Gedanke erweist sich schnell als Irrtum. Die Kunst bleibt diskret im Hintergrund, ihre subversive Botschaft erreicht die Besucher meist auf der Ebene der Imagination. Der für das alte Europa stehende, monumentale Kronleuchter aus Muranoglas von Cerith Wyn Evans etwa morst einen Text über technische Probleme der Astrofotografie in den Raum, vielleicht in der Hoffnung, Antworten aus dem Weltall zu bekommen. Und Helen Knowles entwirft eine Gerichtsverhandlung, in die Besucher in die Rolle der Geschworenen schlüpfen sollen, die über den selbstlernenden Algorithmus „Superdebthunterbot“ zu entscheiden haben. Ziel des fiktiven Programms ist das Eintreiben von Schulden, also traktierte die Maschine die Schuldner mit Job-Anzeigen und anderen indirekten Signalen, was mehreren Menschen das Leben kostete.

Je mehr Entscheidungen, Tätigkeiten und Archiv-Funktionen die Menschen an die Maschine abgeben, desto grauer malen die Künstler das Bild der Zukunft. Der Hashtag #AlgorithmicGovernance führt zu Clemens von Wedemeyers dystopischem Film „ESI0D“, der von einer Frau erzählt, die Zugang zu einem alten Datenkonto verlangt. Dafür reist sie in eine verlassene Stadt aus dem Jahre 2015. Statt Ausweiskontrolle erfolgt der Scan ihres Bewegungsmusters. Zugang zu ihrem Konto erhält sie erst nach einem Memory-Check. Echte Erinnerungen werden zum Schlüssel ihres Daten-Guthabens. Während sie ihr Geheimfach öffnet, wird sie selbst Teil der Daten und Prozesse, gelangt zurück in jene Zeit, als die Proteste gegen die Daten-Diktatur niedergeschlagen wurden.

Das Ausstellungsexperiment erfüllt viele Anforderungen, die an das Museum der Zukunft gestellt werden: Relevanz des Themas, Partizipation, Verjüngung des Kuratoren-Teams, Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, vielfältige Bildungsangebote, Raum für Initiativen von außen und nicht zuletzt eine lockere Atmosphäre, in der sich leben und lernen lässt. Bei „Open Codes“ muss nicht für Kulturgenuss gezahlt werden, vielmehr werden die Besucher belohnt, weil sie sich mit der schnelllebigen, unüberblickbaren Datenwelt auseinandersetzen. Museen seien die Bürger-Schulen der Zukunft, diese Idee proklamiert Peter Weibel schon seit Jahren. Jetzt wird sie durch das Zusammenspiel optimaler Voraussetzungen, mutiger Entscheidungen und glücklicher Zufälle Wirklichkeit.