Warum Fühlen, Denken und Handeln viel enger verbunden sind, als wir glauben

Als Wissensbuch des Jahres nominiert: „Unsere 7 Sinne – die Schlüssel zur Psyche“ von RiffReporter Rüdiger Braun. Ein Auszug.

shutterstock/piyaphong Titelbild des Buchs

Über unseren Körper, unsere Sinneswahrnehmungen und unsere Gefühle verbinden wir Innen und Außen. Unsere Sinne lassen sich schärfen und verändern. Wir sind ihnen nicht ausgeliefert, sondern durch sie lassen sich das Erleben und die Gefühle beeinflussen. Die Sinne sind der direkteste Zugang, um unsere Psyche und Intuition zu stärken.

Zwei Jahre lang legte sich Marianne regelmäßig auf die Couch eines Psychoanalytikers. Sie litt darunter, sich nur dann richtig lebendig zu fühlen, wenn ihr Partner ihr wieder und wieder versicherte, dass er sie liebte. Dies belastete ihre Beziehungen, und mehrere Trennungen innerhalb kürzester Zeit machten ihr schwer zu schaffen. Die Folge war ein diffuses Angstgefühl.

Mit ihrem an einer Eliteuniversität geschulten Verstand lernte sie, das Problem zu durchdringen. Sie begriff allmählich, dass die Ursache im schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter zu finden war, die sie als Kind häufig allein gelassen hatte. Trotzdem hatte sie den Eindruck, nicht zum Kern ihres Leidens vorzustoßen: Ihre Erkenntnisse blieben an der Oberfläche und ließen sie emotional unberührt. Nie hatte sie während der Gesprächstherapie geweint.

Die vermissten Gefühle stellten sich ein, als sie am wenigsten damit rechnete. Nach einer intensiven Behandlung bei einer Masseurin wurde Marianne wiederholt von heftigen Schluchzern geschüttelt. Plötzlich fühlte sie sich ins Alter von sieben Jahren zurückversetzt: Sie lag nach einer Blinddarmoperation auf einem Untersuchungstisch im Krankenhaus. Unsagbar einsam kam sie sich vor. Ihre Mutter war nicht aus dem Urlaub zurückgekommen, um ihr beizustehen.

„Das Gefühl, das sie lange in ihrem Kopf gesucht hatte, war stets da gewesen, versteckt in ihrem Körper“, schrieb der französische Neurologe und Psychiater David Servan-Schreiber in seinem Bestseller Die neue Medizin der Emotionen[1] über diesen Fall. Bis zu seinem frühen Krebstod war er der prominenteste Vertreter einer Richtung von Medizinern und Psychotherapeuten, die durch die Arbeit mit dem Körper und den Sinnen die Selbstheilungskräfte von Leib und Seele nutzen und anregen wollen. Sie streben eine humane Medizin ohne zeitaufwendige Gesprächstherapien und abhängig machende Psychopharmaka an, die Körper und Psyche als Einheit begreift und die Emotionen in ihre Therapiekonzepte einbezieht. Das klassische Selbstverständnis des Menschen nach dem Motto „ich denke, also bin ich“ wird zunehmend vom „ich fühle, also bin ich“ abgelöst.

Ohne Sinne wären wir lebensunfähig

Emotionale Prozesse laufen überwiegend unbewusst ab. Nur bei einem Bruchteil wird aus einer Emotion ein bewusstes Gefühl wie Freude, Wut oder Trauer. Deshalb können wir mit dem Verstand Emotionen nur sehr schwer kontrollieren oder verändern. Wesentlich leichter geht dies über körperliche Erfahrungen, war der Emotionsmedizinier David Servan-Schreiber überzeugt, denn über den Körper und unsere Sinne seien Gefühle leichter anzusprechen als über Worte. Nur so lasse sich erklären, dass unter Umständen eine intensive Massage psychisch mehr bewirken kann als eine mehrjährige Gesprächstherapie.

Wie eng sind Sinne, Psyche und Denken miteinander verbunden? Dieser Frage geht Rüdiger Braun in seinem Buch nach.
Wie eng sind Sinne, Psyche und Denken miteinander verbunden? Dieser Frage geht Rüdiger Braun in seinem Buch nach.
Nejron/Deposit

Unsere Sinne sind die direkten Zugangspforten zu dem Bereich des Gehirns, in dem vor allem Emotionen und Gefühle verarbeitet werden. Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Fühlen, Körperbalance – über sie verbinden wir innen und außen. Durch unsere Wahrnehmungskanäle können wir das, was uns umgibt und unsere Psyche bewegt, überhaupt erst begreifen. Sie erschaffen unser ganz persönliches, individuelles Bild der Welt. Ohne unsere Sinne könnten wir uns nicht orientieren oder miteinander kommunizieren. Ohne sie würden wir uns nicht spüren und erkennen, wir hätten kein Gefühl für uns selbst, kein Konzept von unten und oben, von Duft und Gestank. Wir könnten uns nicht koordiniert bewegen, nicht ernähren, nicht lieben – wir wären lebensunfähig.

Experten sind sich nicht einig, wie viele Sinne es gibt. Erstaunlich hartnäckig hält sich die Auffassung, dass der Mensch über fünf Sinne verfügt: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Diese Zahl geht auf den Philosophen und frühen Naturwissenschaftler Aristoteles zurück, der im vierten Jahrhundert vor Christus lebte. Sie ist also schon etwas angestaubt und vermutlich nur deshalb immer noch so populär, weil diese Sinne von außen als Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut gut erkennbar sind. Doch zumindest ein verborgenes Sinnesorgan muss man unbedingt hinzurechnen: das tief im Innenohr versteckte Vestibularsystem, das zusammen mit dem Sehsinn und der Körperwahrnehmung unseren Gleichgewichtssinn ausmacht.

Aus der Sicht der Wahrnehmungsforscher, die einzelne Typen von Sensoren mit bestimmten physiologischen Eigenschaften unterscheiden, verfügen wir aber über mindestens 30 verschiedene Sinne. Geschmack ist nach dieser Definition nicht ein einziger Sinn, sondern setzt sich aus sechs Sinnen zusammen. Wer es genau nimmt und auch die vielfältigen chemischen Geruchsrezeptoren funktionell unterscheidet und hinzurechnet, kommt insgesamt auf die stolze Zahl von über 380 Sinnen. Der Einfachkeit halber betrachte ich in meinem Buch die sechs basalen Sinnesfunktionen und nehme als siebten Sinn die Intuition hinzu. Denn beim sogenannten Bauchgefühl handelt es sich um eine eigenständige Wahrnehmungsfähigkeit, die sich trainieren lässt und ein wertvolles Hilfsmittel bei lebenswichtigen Entscheidungen sein kann.

Schweißtreibende Sinnesforschung

Die vielfältigen Sinnessignale, die von den unterschiedlichen Sensoren ins Gehirn gesendet werden, sind untrennbar mit Emotionen und Gefühlen verknüpft. Bilder, Farben und Licht sind in der Lage, in uns ein Gefühl von Harmonie zu erzeugen und die Lust zur Kreativität zu wecken. Gaumenkitzel sind der Urquell des Wohlbefindens – Ernährung ohne Sinnesfreuden wäre auf Dauer schädlich für Bauch und Kopf. Berührung kann Wunder wirken, wenn wir uns einsam oder niedergeschlagen fühlen. Gerüche können längst vergessen geglaubte Erinnerungen wachrufen, Klänge unsere Lebensfreude steigern.

Über unser Gehör gelangen sogar Botschaften ins Gehirn, die uns mehr Ausdauer und Kraft verleihen. Das belegen unter anderem Studien über die Wirkung rhythmischer Musik des Leipziger Max-Planck-Wissenschaftlers Tom Fritz. Er und sein Team rüsteten Fitnessgeräte so um, dass sich mit ihnen neben Muskeltraining auch Musik machen ließ. Die Wissenschaftler begannen, Stepper, Bauchmuskeltrainer und Kraftstationen mit Bewegungssensoren auszustatten und mit speziell komponierten Klangschleifen zu verknüpfen: von einfachen Schlagzeugsequenzen über Techno-Loops bis hin zu Schlagerschnipseln. Diese Musikarrangements sind so programmiert, dass sie nicht falsch klingen können. Eine eigens entwickelte Software sorgt dafür, dass bei einer bestimmten Stellung der Fitnessgeräte auch eine bestimmte Klangsequenz ertönt, und passt deren Tempo an die Bewegung an.

Eine Vielzahl von Versuchsteilnehmern testete in den vergangenen acht Jahren diese Geräte. Die Ergebnisse sind verblüffend: Die Testpersonen auf den klingenden Schweißtreibern empfanden die Anstrengung nur halb so belastend wie Probanden, die an herkömmlichen Geräten trainierten und von Musik nur passiv berieselt wurden. Besonders überraschend: Die Teilnehmer an den Musikmaschinen hatten deutlich mehr Kraft und Ausdauer. Ihre Muskeln waren elastischer, verbrauchten weniger Energie und entspannten sich in den Erholungsphasen stärker. Dadurch waren sie insgesamt leistungsfähiger. Selbst das Immunsystem wurde positiv angeregt, wie Blutuntersuchungen zeigten. Tom Fritz stellte zudem fest, dass die Kombination von Bewegung und Musik glücklich macht. Die Versuchspersonen berichteten über eine verbesserte Stimmung und eine Art Hochgefühl, das manchmal sogar noch Stunden nach dem Training zu bemerken war.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Verbindung von Fühlen, Denken und Handeln viel enger ist, als man bislang vermutet hat. Hirnforscher begreifen heute unser Denkorgan nicht mehr als eine übergeordnete Instanz, die Sinnesreize nach einem starren genetischen Muster verarbeitet und auf diese Weise die Wirklichkeit konstruiert. Unsere „Schaltzentrale“ im Kopf gilt vielmehr als eine flexible Struktur, die sich erst durch den Einfluss äußerer Reize und sinnlicher Wahrnehmung organisiert und immer wieder neu orientiert.

Die Macht von Scham und Schämen

Die zentrale Schnittstelle zwischen dem körperlichen Erleben und der Verarbeitung der Wahrnehmung im Gehirn ist das sogenannte limbische System. Dieses Gefühlszentrum im Innern unseres Gehirns unterscheidet sich in Form und Funktion erheblich von der Großhirnrinde, mit der wir analysieren, planen, nachdenken oder Informationen speichern. Das emotionale Gehirn hat zum Körper einen viel besseren Draht als das rationale Großhirn. Es bewertet jede Wahrnehmung als wichtig oder belanglos, nützlich oder schädlich, angenehm oder unangenehm. Es kontrolliert die Ausschüttung von Hormonen, die entscheidend dazu beitragen, wie wir uns fühlen, und beeinflusst maßgeblich das unwillkürliche (oder autonome) Nervensystem, das die grundlegenden Funktionen des Organismus regelt: Atmung und Herzschlag, Aktivität und Schlaf oder Anspannung und Entspannung. Seine Leitungen führen in erster Linie zu den inneren Organen, zu den Blutgefäßen und winzigen Hautmuskeln, die unsere Körperhaare aufrichten. Zusammen bewirken das Gefühlshirn und das autonome Nervensystem beispielsweise, dass uns bei Angst buchstäblich die Haare zu Berge stehen, wir vor Scham erröten oder das Gefühl empfinden, Schmetterlinge im Bauch zu haben, wenn wir verliebt sind.

Wie wenig wir uns dieser Macht entziehen können, zeigen Versuche amerikanischer Wissenschaftler am Monell Chemical Senses Center in Philadelphia – einem der weltweit führenden Institute für Geruchs- und Geschmacksforschung. Dort arbeiteten mehrere Jahre Geruchsexperten daran, einen unerträglichen Gestank zu entwickeln. Er sollte zwar gesundheitlich unbedenklich sein, aber jeden Menschen sofort in die Flucht schlagen. Pamela Dalton, eine Psychologin des Zentrums, beschrieb, dass dies gar nicht so einfach gewesen sei, denn was wir als wirklich abstoßend empfinden, ist zu einem großen Teil von persönlichen Erfahrungen abhängig. Die abscheuliche Mixtur, die die Monell-Forscher schließlich kreierten, nannten sie „Stinksuppe“. Die genaue Rezeptur ist geheim, doch sie enthält Geruchskomponenten von Fäkalien und Erbrochenem, von Aas und dem Geruch eines Tankstellenklos. Die mutigen Testpersonen, die sich von den Wissenschaftlern im Labor damit konfrontieren ließen, reagierten alle mehr oder weniger auf die gleiche Weise: Innerhalb von Sekundenbruchteilen begann ihr Herz zu rasen, der Schweiß trat ihnen aus den Poren, sie rangen nach Luft und rissen sich nach wenigen Sekunden die luftdichte Kappe vom Kopf, in die der pestialische Gestank zusammen mit der Atemluft einströmte.

Der Geruchssinn sei das Sinnessystem, das mit den Hirnzentren für Gefühle und Triebe am direktesten verbunden ist, erklärt Hans Hatt von der Ruhr-Universität Bochum dieses Phänomen. Das Team des Duftforschers konnte nachweisen, dass Geruchswahrnehmungen selbst unsere Träume beeinflussen können. Im Schlaflabor sorgte Orangenduft einhellig für angenehme Traumbilder, Fäulnisgeruch verursachte jedoch extrem negative Träume.

Das Rythmusgefühl sitzt tief in unserem Inneren –  und wird zur Therapie eingesetzt.
Das Rythmusgefühl sitzt tief in unserem Inneren – und wird zur Therapie eingesetzt.
Viktor Cap/Deposit

Wie äußerst wichtig die sinnliche Wahrnehmung und das Erleben von Freude, Liebe, Wut, Trauer, Zu- oder Abneigung dafür sind, wie wir uns in der Welt zurechtfinden, zeigen Untersuchungen des aus Portugal stammenden und seit über vier Jahrzehnten in den USA lebenden Neurologen António Damásio: Über Jahre verfolgte er das Schicksal eines Patienten, den er Elliot Smith nennt[2]. Ihm war ein gutartiger Tumor aus der rechten Gehirnhälfte entfernt worden. Auf den ersten Blick war die Operation erfolgreich gewesen. Er erholte sich prächtig, sein Gedächtnis und seine Intelligenz waren unbeeinträchtigt, sodass er seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Doch Elliot war nicht mehr er selbst. Es fiel ihm sehr schwer, auch nur die einfachste Entscheidung zu treffen. Er verzettelte sich und verlor Ziele aus den Augen. Morgens musste er aus dem Bett gescheucht werden. Auf der Arbeit vertrödelte er endlos Zeit mit der Überlegung, womit er zuerst beginnen sollte. Nachdem er seinen Job verloren hatte, stürzte er sich in ein waghalsiges Geschäft nach dem anderen und ging pleite.

Körper und Geist sind eins

Damásio fand heraus, dass bei der Operation versehentlich Verbindungen durchtrennt wurden, die einen Bereich im Frontalhirn, in dem Körperempfindungen verarbeitet und Entscheidungen gefällt werden, mit dem Emotionszentrum im Kernbereich des Gehirns verbinden. Zahlreiche psychologische Untersuchungen belegten: Elliot war völlig emotionslos. Als Folge konnte er nicht mehr beurteilen, was richtig und was falsch, wichtig oder belanglos war. Er hatte kein Bauchgefühl mehr, das ihn vor riskanten Geschäften warnte, und kein Gespür, das ihm half, windige Geschäftspartner zu entlarven.

Seine Studien mit Elliot und anderen Patienten führten António Damásio zur Hypothese der sogenannten somatischen Marker – Soma ist das griechische Wort für Körper. Damásio umschreibt damit sämtliche Körperempfindungen, die unser Denken und Handeln begleiten können: wohlige Wärme im Bauch, ein weites Gefühl in der Brust, ein Kloß im Hals, ein Zucken in den Mund- oder Augenwinkeln, ein angenehmes Kribbeln oder die Verspannung bestimmter Muskeln. Jedes Erlebnis wird auf diese Weise mit einem positiven oder negativen Prädikat versehen. Man könnte es als emotionales Etikett bezeichnen. So entsteht im Lauf des Lebens eine Art Ratgeber, was erstrebenswert ist oder welchen Situationen man besser aus dem Weg gehen sollte. Unsere Sinne sind die Schlüssel zu diesen emotionalen Erfahrungsmustern.

Die modernen Neurowissenschaften bestätigen eine alte Erkenntnis: Körperliche und seelische Vorgänge bilden eine unauflösliche Einheit und bedingen sich gegenseitig. Jede tief empfundene Angst oder Freude findet einen körperlichen Ausdruck. Und im Gegenzug lassen sich durch eine bestimmte Mimik und Körperhaltung entsprechende Gefühle erzeugen. Gute Schauspieler nutzen diese Erkenntnis, um in ihren Rollen besonders authentisch zu wirken. Jeder kann das lernen und anwenden.

Unsere sinnlichen Erfahrungen können Quellen von Wohlgefühl und Genuss sein. Über sie lässt sich unsere Befindlichkeit verbessern. In der Psychotherapie werden die Sinne als Zugänge zur Seele zunehmend entdeckt, beobachtet der englische Therapeut und Forscher David Aldridge, einer der erfahrensten Experten im Bereich der Musiktherapie. Die Wirkung von Musik- und Kunsttherapie gilt heute weitgehend als gesichert. Sie funktioniert aber nicht bei jedem auf Anhieb gleich gut. Denn auch wenn unsere Sinnesorgane und unser Gehirn im Prinzip identisch arbeiten, hat jeder Mensch seine individuelle Sicht auf die Welt.

Deshalb müssen therapeutische Methoden, die sinnliche Erlebnisse und Körpererfahrungen einbeziehen, sehr individuell und aufmerksam angewendet werden. Für David Aldridge ist es hierbei wichtig, dass Emotionen nicht einfach nur ausgelebt werden, sondern ein Lernprozess in Gang gesetzt wird, um Emotionen und Gefühle zu formen. David Aldridge versteht diesen Appell nicht nur im Hinblick auf die therapeutische Arbeit, sondern auch im gesellschaftlichen Zusammenhang und als Anregung für jeden Einzelnen. So lassen sich Ängste beispielsweise auflösen und Wut kann als Energie genutzt werden, ohne zerstörerisch zu wirken.

Wir können Sinneswahrnehmungen schärfen

Ununterbrochen strömen scheinbar vernachlässigbare Sinneseindrücke auf uns ein, sogar im Schlaf. Von den meisten bekommen wir nicht das Geringste mit. Dennoch wirken sie auf uns, verändern unsere Gefühle und unser Denken. Sie interagieren mit unserem Unterbewusstsein und beeinflussen unser Verhalten. Für die unauflösbaren Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist hat die moderne Forschung einen neuen Begriff gefunden: Embodiment. Laut These einiger Kognitionswissenschaftler, die das bewusste und unbewusste Erleben erforschen, braucht das Bewusstsein einen Körper, eine Verleiblichung. Aus ihrer Sicht beeinflussen Körperzustände psychische Zustände und umgekehrt. Eine Entstehung von Bewusstsein, ohne dass Sinne oder Sensoren einen Kontakt zur umgebenden Welt herstellen, sei demnach unmöglich. Auch für den Emotionsforscher António Damásio ist die Entstehung von Bewusstsein, Seele und Geist unabdingbar mit der Existenz eines „fühlenden Körpers“ verknüpft. „Gefühle“, so Damásio, „lassen sich nicht simulieren, solange man Fleisch nicht simulieren kann, und solange man nicht simulieren kann, wie das Gehirn das Fleisch spürt, nachdem das Gehirn auf das Fleisch eingewirkt hat.“[3]

Rüdiger Braun und sein Werk, das zum Wissenschaftsbuch des Jahres nominiert wurde. Das Publikum darf bei diesem Preis mitbestimmen (Link zur Abstimmung siehe unten)
Rüdiger Braun und sein Werk, das zum Wissenschaftsbuch des Jahres nominiert wurde. Das Publikum darf bei diesem Preis mitbestimmen (Link zur Abstimmung siehe unten)
Koesel-Verlag

Ich selbst bezweifle, dass Maschinen irgendwann denken können wie wir oder gar über ein höheres Bewusstsein verfügen, wenn sie nicht durch etwas, das einem Körper ähnlich ist, mit ihrer Außenwelt verbunden sind. Und ich bin davon überzeugt, dass wir unser Bewusstsein erweitern können, indem wir unsere Sinne intensiver nutzen. Die Beispiele in diesem Buch belegen, dass wir unseren Wahrnehmungen und Emotionen glücklicherweise nicht hilflos ausgeliefert sind. Vieles, was un- oder unterbewusst ist, können wir ins Bewusstsein holen.

Wir können Sinneswahrnehmungen schärfen und vertiefen und damit unseren Blick auf die Welt und die Menschen verändern. Ein zentraler Schlüssel dafür ist Achtsamkeit. Einige führende Wissenschaftler wie die Harvard-Sozialpsychologin Ellen Langer[4] verstehen Achtsamkeit als Gegenentwurf zu einem zunehmend hektischerem und getriebenerem Leben. Sie plädiert für eine Kultur der Aufmerksamkeit, der Wachheit, des bewussten Spürens, für die Kunst, die feinen Unterschiede wahrzunehmen und die Intelligenz unseres Körpers zu nutzen, damit wir uns selbst besser verstehen.

Meditation am Steuer

Wie gut das machbar ist und wie Achtsamkeit zu mehr Sinnlichkeit und zu einem besseren Lebensgefühl führen kann, habe ich besonders intensiv nach einem Zen-Training im Meditationszentrum Benediktushof in Holzkirchen bei Würzburg erlebt. Nach Abschluss des Kurses blieb noch etwas Zeit für eine Extrarunde Meditation und für achtsames Gehen im nahe gelegenen Wald. Ich ging, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Jeden Schritt versuchte ich bewusst zu setzen, meine Antennen waren auf Empfang gestellt. Die Meditationsübungen der vorausgegangenen Tage hatten mich bereit gemacht, den Moment intensiver zu erleben, als ich das bisher kannte. Meine Sinne waren wie blank poliert. Ich freute mich über den würzigen Geruch des Bärlauchs und die Sonne, die den Boden zum Dampfen brachte. Die Verschiedenartigkeit und Vielfalt der einzelnen Vogelstimmen wurden mir bewusst.

Doch wie tief greifend die Meditation meine Wahrnehmung verändert hatte, merkte ich erst, als ich am folgenden Tag mit meinem Auto quer durch Hamburg fahren musste. Ich saß so entspannt wie nie am Steuer und kam ohne jeden Stress ans Ziel. Positiver Nebeneffekt: der „Bordcomputer“ zeigt einen rekordverdächtig niedrigeren Verbrauchswert.

Damals entstand die Idee für das Buch. Darin stelle ich aktuelle Forschungsergebnisse und Behandlungsmethoden vor, die die therapeutische Praxis in den nächsten Jahren revolutionieren könnten: abenteuerliche Exkursionen über die Sinne zur Seele, die zeigen, wie sich mit den Botschaften des Körpers die Psyche stärken lässt.

QUELLEN:

  1. Servan-Schreiber, David: Die neue Medizin der Emotionen. München, 2015.
  2. Damásio, António: Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Berlin, 2004.
  3. Damásio, António: Ich fühle, also bin ich. München, 2000.
  4. Langer, Ellen J.: Die Uhr zurückdrehen? Gesund alt werden durch die heilsame Wirkung der Aufmerksamkeit. Paderborn, 2011.

Das Buch „Unsere 7 Sinne – die Schlüssel zur Psyche" ist im Kösel-Verlag erschienen und kostet xx Euro. Aktuell steht das Buch zur Wahl als „Wissensbuch des Jahres" der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft". Zusätzlich zur Arbeit einer 11köpfigen Jury stimmt das Publikum mit ab.

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