TIMSS: Jetzt wird es erst recht ungemütlich für Schulreformer

Ein Kommentar von BildungsForscher Jan-Martin Wiarda

01. Dezember 2016

Vor vier Wochen erst schmierten Baden-Württembergs Schüler im IQB-Ländervergleich ab, und die meisten Bildungsjournalisten hatten schnell die Ursache identifiziert: zu viele Reformen, die die Schulen durchgeschüttelt haben. „Reformitis“, diagnostizierte zum Beispiel die FAZ. Und heute nun die Ergebnisse der TIMSS-Studie. Während Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und Kultusministerkonferenz (KMK) tapfer verkünden, die deutschen Schüler hätten „das Leistungsniveau in Mathematik und Naturwissenschaften“ gehalten, ist die Wahrheit profaner: Der Aufwärtstrend ist durchbrochen. Ein Aufwärtstrend, der die deutschen Schülerleistungen seit dem Pisaschock von 2001 eigentlich von Vergleich zu Vergleich ein Stück weiter Richtung internationale Spitzengruppe befördert hatte.

Was macht das schon?, könnte man jetzt fragen. Die Ergebnisse der "Trends in International Mathematics and Science Study" sind nicht dramatisch, ein paar Pünktchen weniger in Mathematik, in den Naturwissenschaften haben die deutschen Schüler exakt das Ergebnis von vor vier Jahren wiederholt. Und doch: Es macht eine Menge. Denn das zentrale Reformversprechen lautete: „Wir muten den Schulen etwas zu, aber wir machen die Schulen dadurch besser“, und dieser Satz gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr. Dass die Reformen längst zum Erliegen gekommen sind, sich teilweise sogar in der Rückabwicklung befinden (siehe G8), dass die kausalen Zusammenhänge also etwas komplexer sein dürften, interessiert da wenig. Angesichts einer Stimmungslage an vielen Schulen, die mit „Reformmüdigkeit“ unzureichend beschrieben ist, gilt spätestens von heute an die Schlussfolgerung: „Uns wird eine Reform nach der anderen zugemutet, und am Ende bringt all das nicht mal etwas.“

Vor 15 Jahren steckten Deutschlands Schulen in der Krise, ihr Selbstverständnis war erschüttert durch Pisa. Aber es gab Hoffnung: die Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Strukturveränderungen und mutige pädagogische Konzepte. Heute steht das deutsche Bildungssystem besser da, hat den Status der Mittelmäßigkeit jedoch nie verlassen können – vor allem und gerade was Chancengerechtigkeit und die Förderung der schwächeren Schüler angeht. Doch will das so recht keiner mehr hören. Und so kapriziert sich die Politik lieber auf Initiativen für leistungsstarke Schüler: Erst gestern hatten BMBF und KMK ein neues Förderprogramm  für Begabte vorgestellt, was die WELT dennoch zum Kommentar veranlasste, für gute Schüler habe „in Deutschland niemand Zeit“. Als bestünde das eigentliche Drama unseres Bildungssystems nicht darin, dass schlechte Leistungen immer noch genauso stark wie 2007 von schlechteren Startbedingungen im Elternhaus abhängen. Heute sagte Bremens Bildungssenatorin und KMK-Präsidentin Claudia Bogedan immerhin, man müsse „sowohl am unteren als auch am oberen Ende des Leistungsspektrums ansetzen“.

Der TIMSS-Trend bei den deutschen Schülerleistungen ist negativ, und Reformen in der Breite sind nicht erwünscht: eine ungute, eine ungemütliche Mischung. Hoffentlich jedoch nur eine Momentaufnahme. Nächste Woche steht die Veröffentlichung der jüngsten Pisa-Ergebnisse an, und nun heißt es erst recht Daumen drücken: Hält der Aufwärtstrend bei den Leistungen der Neuntklässler, müssen die Reformer noch nicht ganz einpacken.

So oder so gilt, was ich nach der IQB-Debatte feststellte: Wer nicht will, dass der Begriff „Bildungsreform“ auf Jahre hinaus zum Schimpfwort wird, muss sich dringend ein paar gute Argumente einfallen lassen.

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