Zwei Tage, an denen sich alles änderte

Auszug aus dem aktuellen Buch "Zuckerfrei von Anfang an" von Marianne Falck

Ich wuchs in einem Land auf, das es nicht mehr gibt. In einem Land, dem es an vielem fehlte, in dem Zucker und Fett aber im Übermaß verzehrt wurden. Das Land, von dem ich rede, war die DDR. Es herrschte Mangelwirtschaft. Weil Devisen für Rohstoffe knapp waren, fälschten Lebensmittelchemiker an Universitäten und volkseigenen Forschungsbetrieben, was das Zeug hielt. Auf Anordnung von oben sollten sie Geschmack und Konsistenz teurer Importe wie Früchte, Nüsse, Kaffee und Kakao aus dem kapitalistischen Ausland kostengünstig nachahmen. Nur merken sollte es natürlich keiner. Der Plan ging nicht ganz auf. Insbesondere funktionierte das nicht mit Kaffee, aber auch nicht mit Kakao, einer der Hauptzutaten für gute Schokolade. So landeten schokoladen-ähnliche Produkte wie die Schlager-Süßtafel in den Kaufhallen. Der Name Süßtafel – statt Schokolade – erlaubte dem Hersteller den teilweisen oder sogar völligen Verzicht auf Kakaobestandteile. Zucker war dagegen reichlich enthalten. Die Schlager-Süßtafel war zwar allgemein beliebt, nach Schokolade aber schmeckte sie nicht. Für echte Schokolade musste ich auf eines der seltenen Westpakete warten. Meist schickten unsere Freunde aus München eine Packung Bohnenkaffee, ein oder zwei Tafeln Vollmilchschokolade, eine Damenstrumpfhose für meine Mutter und andere Dinge des täglichen Bedarfs, die in der DDR nicht oder nur sehr schwer erhältlich waren. 

Wie es sich anfühlte, als Kind in einer Diktatur in Ostberlin aufzuwachsen, weiß ich noch heute

Wie es sich anfühlte, als Kind in einer Diktatur in Ostberlin aufzuwachsen, weiß ich noch heute. Dieses Gefühl vergeht nicht. Für mich brannten sich zwei Bilder besonders scharf ins Gedächtnis. Fuhr ich mit meinen Eltern in der S-Bahn durch das zwischen Schönhauser Allee und Pankow gelegene Niemandsland, drehten sich die Köpfe fast aller Fahrgäste in Richtung Westberlin. Wir konnten hinter der grauen Mauer mit den scharf gemachten Schäferhunden die andere Seite der Stadt gut erkennen. An der Fensterscheibe drückte ich mir die Nase ganz platt, ich wollte alles sehen. Bloß nichts verpassen. Die S-Bahn ratterte stoisch weiter. Und dann ist da noch diese andere Erinnerung: Wir reisten ein-, zweimal im Jahr mit dem Auto zu meinen Großeltern nach Prag und wieder zurück. Mit den tschechischen Grenzern redete nur meine tschechische Mutter, mit den DDR-Grenzern nur mein deutscher Vater. Die Anspannung meiner Eltern beim Grenzübertritt hätte Glas zerspringen lassen können. Keinen Fehler machen. Nicht auffallen. Ich durfte keinen Ton sagen.

Häufig drehten sich die Gespräche an unserem Abendbrottisch um die politische Lage. Meine Eltern besaßen kein rotes SED-Parteibuch. Als Wissenschaftler mussten sie daher berufliche Nachteile in Kauf nehmen. Wer nicht im sogenannten Reisekader war, konnte auch nicht zu wichtigen Konferenzen ins nicht sozialistische Ausland fahren. Um in den Reisekader zu kommen, musste man politisch-ideologisch »zuverlässig« sein. Der Vorgesetzte musste dafür bestätigen, dass der »Kandidat« nach erfülltem Auftrag wieder in die DDR zurückkehren würde. Insbesondere mein Vater, der als Immunologe in der Charité tätig war, hätte sich gerne mit anderen Wissenschaftlern aus westlichen Staaten ausgetauscht. Doch diese Unbedenklichkeitserklärung zum Reisen erhielt er nie. Im Gegenteil.

Über Machtgefälle zwischen Starken und Schwachen, zwischen Großkonzernen und Verbrauchern, berichte ich seit Jahren in meiner Arbeit als Journalistin und Filmemacherin. Sicherlich beeinflusst mich meine Kindheit, das Aufwachsen in einem Unrechtsstaat, bis heute. Auf jeden Fall bewegte mich das Schreiben dieses Buches dazu, wieder zurückzublicken in die 1980er-Jahre, in die Zeit, als ich selbst noch ein Kind war.

Die Berliner Mauer ist gefallen. Ein DDR-Polizist beobachtet mit dem Fernglas die Besucherströme.
Ein DDR-Polizist überwacht die Aktivitäten an der geöffneten Berliner Mauer mit einem Fernglas.
National Archives at College Park/ Department of Defense

Der Alltag in der DDR also war durch Versorgungsprobleme gekennzeichnet. Dies betraf Möbel, Kleidung, Fahrzeuge, Unterhaltungselektronik ebenso wie Lebensmittel. Nein, hungern musste niemand, Schweinefleisch, Kartoffeln und Brot gab es immer. Grundnahrungsmittel waren sehr billig. Das Brötchen, in Berlin liebevoll Schrippe genannt, kostete von Anfang bis Ende der DDR fünf Pfennige. Immer und überall. Dennoch sorgte die Grundversorgung nicht gerade für Begeisterungsstürme bei den DDR-Bürgern. Auch bei mir nicht. Immer wieder mussten meine Eltern und ich mich vor Geschäften in Schlangen anstellen, wenn beliebte Produkte kurzzeitig ins Angebot kamen. Dabei hatte ich es noch gut in Berlin, dem »Schaufenster der Republik«. In der Provinz war die Versorgungslage nämlich deutlich schlechter. Es gab noch weniger, die Schlangen waren noch länger. Im Alter von neun Jahren zog ich mit meinen Eltern ins Umland von Berlin und konnte mich selbst davon überzeugen. In meiner Erinnerung lagen in dem örtlichen Gemüseladen lediglich Zwiebeln, Kohl und Kartoffeln ständig aus. Hörte ich also von einer Nachbarin, dass die begehrten Orangen aus Kuba eingetroffen waren, so rannte ich los. Um mir dann vor dem Geschäft mit dem Einkaufsnetz die Beine in den Bauch zu stehen, so lang war die Schlange. Trotzdem hatten wir immer genug zu essen. Neben Mischbrot und zu viel Fleisch sowie Wurst landeten vor allem frisches Gemüse und Obst aus eigenem Anbau auf unseren Tellern. Das war nicht selbstverständlich, denn Gemüse und Obst waren tatsächlich Mangelware in der DDR. Doch meine Eltern werkelten gerne in unserem Garten. So bin ich mit allem, was wir an heimischen Kräutern, Gemüse und Obst erwirtschaften konnten, groß geworden.

Ich weiß, wie viel Spaß und zugleich Arbeit es macht, vier lange Erdbeerbeete im Sommer abzuernten, wie eine frisch aus der Erde gezogene Karotte schmeckt, wie herrlich eine Suppe aus gelben Bohnen duftet, und welche Köstlichkeiten man aus Walnüssen, Äpfeln, Pflaumen und Brombeeren zubereiten kann. Zucker verwendeten wir lediglich zum Backen von Kuchen oder für das feine Gebäck zu Weihnachten, für das Einkochen von Erdbeermarmelade und für Johannisbeersaft. Süßigkeiten gab es selten. Manchmal rührte ich mir in den Ferien eine Kaltschale aus der Packung an oder probierte aus Neugier eine Tütensuppe. Meine Eltern jedoch kauften – abgesehen von wenigen Süßigkeiten – keine industriellen Fertiglebensmittel. Nie. Dann kam der 9. November 1989. Und damit änderte sich plötzlich vieles. 

Aus einer Cola-Dose fallen Zuckerkörner. Cola enthält sehr viel Zucker.
Meine Eltern und ich testeten in der Nachwendezeit viele Westprodukte. Nicht alle waren so zuckrig wie diese Cola.

Als wir das erste Mal nach Westberlin fuhren, hatten wir das Begrüßungsgeld in der Tasche und zwei Ziele. Wir wollten den Flughafen in Tegel und den Ku’damm besuchen. Nachdem wir etlichen Flugzeugen beim Starten und Landen zugeschaut hatten (mein Vater wollte früher einmal Pilot werden), ging ich also mit meinen Eltern in den kleinen Supermarkt im Flughafengebäude. Freudestrahlend verließ ich ihn mit Schaumküssen und Gummibärchen in der Hand. Wir fuhren weiter mit unserem Auto Richtung Ku’damm. Irgendwo, mitten in der Stadt, wurden wir aus dem regen Verkehrsstrom gewunken. Warum mein Vater, der am Steuer saß, überhaupt darauf reagierte, weiß ich nicht. Es war ja schließlich nicht die Polizei. Sondern Coca-Cola. Die netten Mitarbeiter des Getränkekonzerns überreichten uns vier Pakete mit Getränkedosen und ein Plakat. Ich fand das damals toll. Coca-Cola! Das schmeckte nach Westen. Nach Amerika. Nach Freiheit.

Wie ich bei der Recherche für dieses Buch feststellte, war das natürlich kein Zufall. Die Westberliner Dependance von Coca-Cola bewies in diesem historischen Moment ihren Sinn für eine außerordentlich gute Gelegenheit, die Marke noch bekannter zu machen. Der Getränkehersteller schickte bereits einen Tag nach dem Mauerfall mehrere Laster vollgeladen mit Coca-Cola auf die Meile am Kurfürstendamm, zu der die Menschen strömten, um die Grenzöffnung zu feiern und sich »den Westen« anzuschauen.

Die nächsten Wochen schlürfte ich also die zuckrige Brause. Ich trank sie aber nicht einfach zu Hause, sondern nahm die kleinen roten Dosen mit zum Schulsport. Denn dann war ja »Zeit für Coca-Cola«. Genau so wünschte es sich seit Anfang der 1980er-Jahre der Hersteller: »Sport, Freizeit, Lebensfreude und Genuss finden in der Coca-Cola-Werbung zu einem gemeinsamen Nenner.« Diese Botschaft hatte ich selbstverständlich verstanden, konnte sie durch die Mauer aber erst einige Jahre später in die Tat umsetzen. Sport ist gleich Spaß ist gleich Cola. Das konnte sich jedes Kind merken. Und wieder öffnete ich eine Dose.

Viele bunte Cerealien liegen nebeneinander. Doch Fruit Loops sind nicht nur bunt, sondern auch stark gezuckert.
Cerealien können es mit ihrem hohen Zuckergehalt häufig mit pappsüßen Desserts aufnehmen.

Meine Eltern und ich testeten in der Folgezeit viele Westprodukte. Das Einkaufen machte wieder Spaß, das Warten vor den Geschäften war Geschichte – so wie die DDR. Meine Eltern, die vorher nie Fertiglebensmittel gekauft hatten, schleppten wöchentlich vom Discounter exotisch schmeckenden Maracuja-Passionsfrucht-Nektar (mit zugesetztem Zucker), Mirácoli-Spaghetti (mit zugesetztem Zucker), Dosenravioli (auch die: mit zugesetztem Zucker) nach Hause.

Rückblickend betrachtet waren meine Eltern als DDR-Bürger und ich als Kind die perfekten Marketingopfer. In der Nachwendezeit klingelten regelmäßig Vertreter an unserer Haustür, im Briefkasten stapelte sich Werbepost. Die große Zeit der Gewinnspiele und Kaffeefahrten brach an. Das interessierte meine Eltern alles nicht. Dagegen waren sie komplett immun, Vertreter wurden weggeschickt, die Reklamebriefchen landeten sofort im Mülleimer. Wir kauften keinen neuen Fernseher und auch kein neues Auto. Im Supermarkt aber, wohin meine Eltern ja gehen mussten, um Nahrungsmittel zu besorgen, da lockte und verführte die bunte Warenwelt. Zum Glück brachten sie wenigstens die Fertigmahlzeiten bald nicht mehr nach Hause. Ich glaube sogar, dass ich nicht ganz unschuldig daran war. Ich fand die Dosenravioli einfach ziemlich eklig. Viel lieber kochte ich, wenn ich aus der Schule kam. Die gezuckerten Fruchtjoghurts, Cerealien, Fruchtsäfte und Müsliriegel aber blieben, als vermeintlich gesunder Baustein in einer vollwertigen Ernährung. Es sollte noch etwas dauern, bis ich dem vielen Zucker auf die Schliche kam. (...)

Marianne Falck, "Zuckerfrei von Anfang an", HEYNE-Verlag, 2020, ISBN 978-3453605237, 12,99 Euro (broschiert)


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