Zwischen Alltagsstress, Umweltkrise und Epidemie: Innehalten in turbulenten Zeiten

Ein Wort zum Sonntag und zur Bedeutung von Pausen in unserem Leben

Ein Beitrag im RiffReporter-Magazin „TAKTVOLL - über die Rhythmen des Lebens“

Von Ulrike Gebhardt

In unserer Küche hängt ein Abreißkalender mit Gedichten für jeden Tag. Ein Vers bleibt nicht nur einen Tag, sondern viele Wochen an der Wand hängen und bringt uns mit dem Abreißen hoffnungslos in Verzug. Das kurze Gedicht von Angelus Silesius kommt mir vor wie ein Gruß aus ferner Zeit - hinein in das turbulente Treiben unserer Tage.

Ein Narr ist viel bemüht; des Weisen ganzes Tun,
Das zehnmal edeler, ist Lieben, Schauen, Ruhn.“

Wer war dieser Angelus Silesius? In welcher Zeit lebte er und was können wir von ihm über Rhythmus lernen?

Angelus Silesius hieß eigentlich Johannes Scheffler. Er wurde im schlesischen Breslau geboren, 1624, mitten im 30-jährigen Krieg. Sein alter Vater, der wohlhabende polnische Adelige Stanislaus Scheffler, starb, als Johannes 13 Jahre alt war. Nur zwei Jahre darauf starb auch seine Mutter Maria Hennemann. Lehrer und Verwandte kümmerten sich nun um Johannes und seine zwei jüngeren Geschwister. Schon als Junge erlebte Johannes die Schrecken des Krieges, er wurde Zeuge von Plünderungen und einer öffentlichen Enthauptung.

Mitte des 16. Jahrhunderts hatte Breslau 23.500 Einwohner. Für damalige Verhältnisse zählte das in der niederschlesischen Flusslandschaft gelegene Breslau neben etwa Köln, Danzig und Lübeck zu den Großstädten. Während des 30-jährigen Krieges halbierte sich die Einwohnerzahl Breslaus. 1710, also etwa 30 Jahre nach Schefflers Tod, lebten 40.000 Menschen in der Stadt. Die Lebenserwartung lag im Durchschnitt bei 29 Jahren. Auf der Erde lebten damals insgesamt etwa 500 Millionen Menschen, ein Bruchteil der heutigen Weltbevölkerung von 7,75 Milliarden.

Breslau war eine bedeutende Handelsstadt an der Oder. Am Fluss ankerten Schiffe, die mit Gewürzen, Getränken, Stoffen, Gold und Silber aus aller Welt beladen waren. Die Stadt bildete einen Knotenpunkt zwischen Ost und West, Nord und Süd, die Postverbindung war bis Moskau ausgebaut. „Breslau ist ein Zentrum des Nachrichtenwesens und dazu gehören ein funktionstüchtiges Druck- und Buchhandelswesen“, schreibt Klaus Gerber in seinem Buch „Das alte Breslau - Kulturgeschichte einer geistigen Metropole“. Als Scheffler geboren wird, leben Rembrandt, Galileo Galilei, Rene Descartes. In seine Lebensspanne fallen die Geburtstage von Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton. Kurz nach seinem Tod werden Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach geboren. 

Nach dem Schulabschluss 1643 begann Johannes, in Straßburg Medizin und Staatsrecht zu studieren. Es folgten Studienaufenthalte in Leyden und Padua. Während Scheffler sich im niederländischen Leyden aufhielt, muss etwas Entscheidendes passiert sein. Man vermutet, dass er wegen des toleranten religiösen Klimas dort zum ersten Mal mystische Schriften mittelalterlicher Autoren in die Hände bekam. Dazu zählten Texte der heiligen Gertrud von Helfta (1256 bis 1301/1302), Mechthild von Hackeborn (1241-1299) oder des im Geburtsjahr Schefflers verstorbenen Görlitzer Schuhmachers und Mystikers Jakob Böhme. An der Universität Padua beendete Scheffler 1648 seine Studien mit dem Doktor der Medizin und Philosophie.


Angelus Silesius auf einem alten Bild dargestellt mit Schriftrolle.
Angelus Silesius war ein bedeutender Barockdichter und Mystiker.

Was ist Mystik?

Das Wesen der Mystik ist schwierig oder unmöglich zu beschreiben. Es geht um die Erfahrung des Göttlichen im eigenen Inneren. Scheffler selbst beginnt mit Versuchen, das Unaussprechliche auszusprechen.

„Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir/Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“ 

Er nähert sich dem Geheimnisvollen in manchmal gewagten und das christliche Denken provozierenden Worten. 

„Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren/Und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren.“

Das Wort Mystik leitet sich ab vom Griechischen „myein“: schließen. Augen und Ohren schließen, damit die äußeren Einflüsse draußen bleiben, „das Eine ohne weiteres Zutun in sich wirken lassen (..) Der Stimme der Stille lauschen“, erklärt Gerhard Wehr in seinem Buch über christliche Mystiker. Um das Wesen der Mystik zu beschreiben, lässt der Theologe in dem Buch unter anderem Edith Stein zu Wort kommen. Die jüdische Gelehrte wird 1891, also knapp 270 Jahre nach Scheffler, ebenfalls in Breslau geboren. Edith Stein stirbt 1942 im KZ Auschwitz.

Das ist es, was die Kenner des inneren Lebens zu allen Zeiten erfahren haben: Sie wurden in ihr Inneres hineingezogen durch etwas, was stärker zog als die ganze äußere Welt; sie erfuhren dort den Einbruch eines neuen mächtigen, höheren Lebens, des übernatürlichen Göttlichen.

Auch Scheffler erfuhr ganz offensichtlich diesen Einbruch des Göttlichen in sein Leben. Nach dem Studium hatte er auf Vermittlung seines Schwagers Tobias Brückner eine Stellung als Leibarzt bei Herzog Silvius Nimrod von Württemberg in Oels (Schlesien) angetreten. Scheffler freundete sich in dieser Zeit mit Abraham von Frankenberg an, dem Biographen und Verleger von Jakob Böhme. Frankenberg starb 1652. Er vererbte Scheffler seine Bibliothek mit geistlicher Literatur.

Als Scheffler wenig später selbst eine Sammlung mittelalterlicher Gebetstexte veröffentlichen wollte, verweigerten sein Arbeitgeber und dessen Hofprediger Christoph Freytag die notwendige Erlaubnis dafür. Den Lutheranern waren die mystischen Texte zu „schwärmerisch“, sie wichen offenbar von der Kirchenlehre ab. Empört trat Scheffler 1653 zum römisch-katholischen Glauben über, wo er mehr Unterstützung für sein religiöses Denken bekam. Über Jahre verfasste er hitzige Streitschriften gegen die evangelische Kirche, in deren Tradition er aufgewachsen und erzogen worden war.

Johannes Scheffler nannte sich nach seinem Übertritt Angelus Silesius, übersetzt: „Schlesischer Bote“. Er wurde Hofmarschall, also oberster Verwaltungsbeamter des Fürstbischof von Breslau, der ein Gegner der lutherischen Reformation war. Außerdem beschäftigte sich der knapp 30 Jahre alte Scheffler intensiv mit der Theologie und wurde 1661 zum Priester geweiht. Als sein Arbeitgeber starb, zog er sich in das Kreuzherrenstift Sankt Matthias in Breslau zurück. Dort führte er ein Leben in Stille. Scheffler starb vermutlich an einer Lungentuberkulose, am 9. Juli 1677 wurde er in Breslau beerdigt. Das von seinem Vater ererbte Vermögen floss an wohltätige Einrichtungen.

Lernen von Angelus Silesius

Was hat uns dieser „Bote aus Schlesien“ zu sagen? Der Kirchgänger - egal welcher Konfession - hat im Gottesdienst sicher schon einige seiner Liedtexte gesungen; 

Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht, Liebe, die du mich so milde nach dem Fall hast wiederbracht: Liebe, dir ergab ich mich, dein zu bleiben ewiglich.“ (Evangelisches Gesangbuch 401)

Schefflers mystische Dichtungen seien von hohem literarischen und religiösen Wert, schreibt Gerhard Wehr. Sein wichtigstes Werk sind die fast 1700 geistlichen Sinngedichte (Epigramme) die 1657 zunächst in fünf Einzelbüchern, knapp 20 Jahre später unter dem Titel „Der cherubinische Wandersmann“ erschienen. Im fünften Buch steht Spruch 363:

Ein Narr ist viel bemüht; des Weisen ganzes Tun,

Das zehnmal edeler, ist Lieben, Schauen, Ruhn.“

Der Narr ist viel bemüht. Man ahnt, es geht nicht so sehr um den Inhalt des Tuns, es geht um die Mühe an sich, um die Mühe als Wert. Mühe klingt nach (An)Spannung, Schwere und Pflicht. Viel bemüht, „viel“ - das geschäftige Treiben, das scheinbar Normale, die Währung unserer Tage, die zu Rastlosigkeit anstiftet. 

Zu dem „Viel“ fallen mir zwei Worte ein, die für das Leben heute nach meinem Empfinden recht typisch sind: Flut und Hitze.

Flut

Laut Duden der „Im Wechsel der Gezeiten ansteigende oder bereits wieder angestiegene Wasserstand.“ Im Unterschied dazu leben wir inmitten permanenter Flut. Keine Ebbe weit und breit. Eine Flut an Konsumgütern, Autos, Nahrungsmitteln, Möglichkeiten, Daten, eine Flut an Informationen. Es kostet Kraft, sich gegen diese Flut zu stemmen, um nicht mitgerissen zu werden. Wo finde ich Halt, wo kann ich innehalten, um eigene, klare Gedanken zu fassen? Um zu spüren, was will ich: Welche Wünsche habe ich, was ist in mir, was entspricht mir?

Hitze

Laut Duden eine „Sehr starke, als unangenehm empfundene Wärme“. Hitzige Debatten, hitzige Gemüter, ein hitziges Klima, unter dem alle Lebewesen leiden. Leider trägt auch meine Zunft, tragen manche Medienleute dazu bei, dass sich das gesellschaftliche Klima ungut erwärmt. Manchmal habe ich den Eindruck, Ereignisse oder Entwicklungen werden regelrecht herbei geschrieben oder herbei geredet. Das Geschäft mit der Neuigkeit überschlägt sich, kaum etwas wird einmal „gelassen“, Entscheidungen selten ruhig abgewartet.


Auch Johannes Scheffler hatte eine hitzige Seite. Weil ihm sein Arbeitgeber aus Glaubensgründen die Buchveröffentlichung nicht erlaubte, wetterte er sein Leben lang gegen die lutherische Kirche. Aber in Scheffler gab es eben auch diesen anderen Flügel, diese andere Seite, des Weisen, des wissenden, kundigen Menschen.

Der Wunsch, ganz zu sein und nicht zerstückelt zu leben, ist als ein ursprüngliches Bedürfnis des Menschen anzusehen. Es ist der Wunsch wachsender Liebe, immer größere Einheiten zusammenzubinden. Der individuelle Wunsch, selber ein Ganzes zu sein, verbindet sich mit dem Wunsch, das Ganze zu erfahren, seiner ansichtig zu werden, das Tao zu erkennen. Dass Gott sei alles in allem, ist die christliche Formulierung dieser Sehnsucht. Nicht nur mein Leben soll erfüllt, ohne Verstümmelung meiner Möglichkeiten sein, alles Leben und das Leben aller.“ 

(Dorothee Sölle, 1929 bis 2003, evangelische Theologin und Dichterin, in Gerhard Wehrs „Christliche Mystiker“)

An den Vers vom Narr und vom Weisen schließt sich im letzten, 5. Buch des „Cherubinischen Wandersmann“ Spruch 364 „Wer in dem Wirken ruht“ an.

Der Weise, welcher sich hat über sich gebracht,

Der ruhet, wenn er läuft, und wirkt, wenn er betrachtet.“

Dieses Tun ist eingebettet in eine Grundruhe. Der Weise hat „sich über sich gebracht“. Dem Weisen geht es nicht mehr um sich selbst, um eigene Erfolge, um Anerkennung durch andere, Lob und Lohn. Er handelt aus einer anderen Motivation heraus. Mit liebendem Blick schauen, zugewandt, ein Ereignis, Menschen anblicken, nicht über sie hinweg, in Ruhe handeln, unaufgeregt handeln. Vielmehr eines solchen Tuns wünsche ich mir für unsere Zeit.

Wo liegt die Quelle für solches Handeln?

„Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen her dazu kam, entkleidetes Sein zurückzuziehen und da in der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.“ (Friedrich Wilhelm Joseph Schelling 1775 bis 1854)

Ein Rückzug in dieses Innere ermöglich ein Handeln aus der Ruhe heraus. Die Welt um uns herum jedoch, mit ihrem meist hektischen Treiben, will uns oft etwas anderes weismachen: Wir bräuchten erst noch dieses oder jenes, Gut, Kenntnis oder Fähigkeit, um klüger, glücklicher, gesünder zu werden.

Aber:

„Mensch, alles, was du willst,
Ist schon zuvor in dir,
Es lieget nur an dem,
Dass du’s nicht wirkst hierfür.“

(Angelus Silesius)


Quellen (zusätzlich zu den im Text genannten):

"Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts", Herausgeber Harald Steinhagen und Benno von Wiese, Erich Schmidt Verlag, Berlin 1984


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