Kolonialismus im Museum

Zum Symposion der Bremer Ausstellung „Der blinde Fleck“. Von Carmela Thiele

Kunsthalle Bremen Foto: Marcus Meyer

18. September 2017

Ein Hauch „Fluch der Karibik“ liegt in der Luft, stolze Schiffe schweben hoch über den Köpfen, sie könnten „Hoffnung“ oder „Zuversicht“ heißen. Was einst die Seefahrer bewegt hat, beschäftigt nun die Wissenschaft – allerdings mit anderem Ziel. Aufbruch zu neuen Welten, das bedeutet heute Ende der eurozentrischen Sicht und eines latenten Rassismus, der auch in die deutsche Kultur tief eingeschrieben ist. Im prachtvollen oberen Rathaussaal der Bremer Bürgerschaft findet die Abschlussdiskussion des Symposions „Kolonialismus im Museum - Konflikte, Potentiale, Öffentlichkeiten“ statt. Eins der Schiffsmodelle, die von der Decke herabhängen, ist neu dazugekommen, beladen mit gefüllten Jutesäcken, geschmückt mit filigranen, golden schimmernden Bordüren, von den Masten hängen zerlumpte Segel herab, als Galionsfigur dient ein gefesselter Sklave.

Gebaut hat es der schottische Künstler Hewe Locke als Teil der Ausstellung „Der blinde Fleck“, organisiert wurde sie von der Kunsthalle Bremen. Sie ist das erste Kunstmuseum in Deutschland, das ernst macht mit der Forderung nach einem Blickwechsel, nach einer kritischen Revision der Sammlung unter dem Aspekt des Kolonialismus. Finanziert über das Fellow me-Programm der Bundeskulturstiftung kämmte die Kulturwissenschaftlerin Julia Binter die Sammlung der Moderne gegen den Strich, und zwar nach allen Regeln postkolonialer Theorie, erforschte aber auch die Geschichte des Hauses, dessen Gründung sich der schöngeistigen Ambitionen in Übersee erfolgreicher Kaufleute verdankt. Sie habe versucht, Theorie in Praxis zu überführen, eröffnet Binter ihren Vortrag, aber dies sei schwieriger gewesen als gedacht. Schon das Vokabular der postcolonial studies sei ein anderes als das der Kollegen im Museum.

Expressionisten als Chauvinsten

Sie habe auf Interdisziplinarität geachtet, die Ordnungssysteme der Sammlung hinterfragt und die übliche Deutungshoheit der Wissenschaftler über die Ausstellungsobjekte durchbrochen. Sie arbeitete mit dem Afrikanischen Netzwerk Bremen e. V. (ANB) und der Universität Bremen zusammen, wo die Museumsreferentin der Stadt, die Kulturwissenschaftlerin Anna Greve, begleitend ein Seminar anbot. Und doch ist das Ergebnis an einigen Stellen schwer verständlich. Vom Museum geadelte Kunst und bisher als ethnografische Objekte betrachtete Dinge werden auf Augenhöhe gezeigt. Doch die komplexe Bedeutung der einzelnen Werke passt nicht auf ein Museumsschildchen. Für viele unvermittelt und respektlos werden Ikonen der Moderne, Bilder von Max Pechstein, Emil Nolde oder Ernst Ludwig Kirchner, als Beispiele eines unreflektierten, chauvinistischen Umgangs mit ozeanischen oder afrikanischen Kulturen dargestellt. Ihres kunsthistorischen Kontexts entledigt können diese Bilder als Belege kolonialen Denkens dienen. Nolde hatte sich zudem damit gebrüstet, dass er seine Modelle während des Malens mit der Pistole in Schach halten musste.

Das Schiffsmodell des schottischen Künstlers Hewe Locke ist vier Meter lang. (v.l.n.r. Bürgermeister Carsten Sieling, Julia Binter, Hew Locke und Prof. Dr. Christoph Grunenberg (Direktor der Kunsthalle).
Senatspressestelle
Kunsthalle Bremen/Foto: Marcus Meyer

Dieser Perspektivwechsel fällt schwer, weil es natürlich noch einiges mehr zu sagen gibt über die Künstler des Expressionismus, die ja ihrerseits ausbrechen wollten aus den Konventionen der Gesellschaft und teilweise auch marginalisiert waren. Ein Besucher spießte die einseitige Deutung der Ausstellungsmacher auf und notierte auf einem Feedback-Zettel: Expressionisten doch entartet? 

Politisch ermöglicht hat das Projekt die Bürgerschaft Bremens, die im Februar 2016 das „Bremer Erinnerungskonzept Kolonialismus“ beschlossen hat. Zur öffentlichen Tagung waren internationale Museumskollegen eingeladen, um über ihre Erfahrungen auf diesem Feld zu berichten. Darunter ist auch Heike Hartmann, Kuratorin der Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im Deutschen Historischen Museum, die 135 000 Menschen angezogen hat. Sie zitiert aus dem 700 Seiten umfassenden Besucherbuch, was tief blicken läßt in die Seele von uns Deutschen. Viele fanden die Dokumentation „überfällig“, es überwogen jedoch Vokabeln wie „abwegig“, „tendenziös“ oder „Geschichtsklitterung“. Die Begründungen ähnelten sich: Die „erst“ seit 1884 aufgebauten deutschen Kolonien hätten ja auch zivilisatorischen Errungenschaften nach Deutsch-Südwest-Afrika, Deutsch-Ostafrika und Togo gebracht, Bildung, Eisenbahnstrecken und Infrastruktur. Diese positiven Effekte würden in der Schau vernachlässigt.

Nachfahren der Sammler lehnten Mitarbeit ab

Als Zeichen der Überlegenheit der deutschen Kultur schickten die Kolonialherren ethnografische Objekte nach Hause, wo umfangreiche Privatsammlungen entstanden, die heute in unseren Völkerkundemuseen – ihres politischen Hintergrunds beraubt – weiterhin als Projektionsfläche multipler Sehnsüchte dienen. Als eines der ersten Museen dieser Art hat das Landesmuseum Hannover Herkunft und Entstehungsgeschichte seines ethnografischen Bestandes offengelegt. Die Stadt sei zwar nicht direkt in die deutsche Kolonialpolitik involviert gewesen, habe sich aber durch „besonderen“ Kolonialeifer ausgezeichnet, sagt der Kurator der Ausstellung „Heikles Erbe, Koloniale Spuren bis zur Gegenwart“ Alexis von Poser. So wurden Straßen nach dem Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika, Paul Emil von Lettow-Vorbeck, benannt oder nach Jesco von Puttkammer, dem Gouverneur von Kamerun. Bürger sammelten Hofkunst aus Kamerun, rituelle Tanzmasken aus Neuirland, Waffen von den Salomon-Inseln oder Musikinstrumente aus Westafrika, ohne sich um die Herkunft zu sorgen. Die Nachfahren dieser Sammler lehnten die Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsteam jedoch ab, berichtet von Poser. Per Telefon sei von Seiten der Bevölkerung eine Welle Kolonial-Nostalgie ins Museum geschwappt.

Anders als in Deutschland, wo man sich erst seit wenigen Jahren seiner kolonialen Vergangenheit auf ganzer Linie stellt, wird anderswo in Europa schon weiter gedacht. Wayne Modest, Leiter der Forschungsabteilung des Tropenmuseums in Amsterdam, agiert bereits auf einem anderen Level. „Kolonialgeschichte als zeitlich abgeschlossene Phasen darzustellen ist einfach“, bemerkt er. Jetzt gehe es darum, die Auswirkungen von Sklavenhandel und kolonialer Expansion zu benennen. Der aus Jamaika stammende, mit mehreren Professorentiteln ausgestattete Anthropologe und Kulturwissenschaftler fungiert derzeit für die deutschen Museen als eine Art Detektor für unreflektiertes revanchistisches Gedankengut. Modest fällt dies sofort auf. So werde er oftmals nicht nur als Experte eingeladen, sondern aufgrund seiner Hautfarbe - was ihn aber eher zu amüsieren scheint. Auch seine Wissenschaftlermentalität ist eine andere. Er interessiere sich für Gefühle, Objektivität gebe es nicht, sagt er. Museen müssten politisch sein, nicht parteipolitisch, sondern offen für die Zusammenarbeit mit Aktivisten, mit jungen Leuten, und auf die Geschehnisse in der Welt Bezug nehmen. „Horizon of Hope“ ist sein Motto.

Es passt auch für Virginie Kamche, Vorsitzende des ANB, die das Abschlussgespräch im Rathaus moderiert. „Wie bekommen wir alle ins Boot?“, fragt die seit 1995 in Bremen lebende Diplom-Informatikerin. Eine einfache Antwort hat niemand parat. Unter den Tagungsteilnehmern entspinnt sich dafür ein konzentriertes Gespräch über die Rolle des Museums. Fazit: In ihren Ausstellungen müssten die Kuratoren klar Stellung beziehen. Nur so sei eine echte Debatte über ein schwieriges Thema wie Kolonialismus möglich.