Coronakrise im Amazonas von Peru: „Wir sind die Lunge der Welt und bekommen keine Luft mehr“

Indigene in Not: Wegen Versäumnissen der Politik und Korruption fehlt den Menschen nun das Nötigste. Die Dunkelziffer der Kranken und Toten ist hoch

AFP PHOTO / FENEMAD / DANIEL PENA Das Bild zeigt Frauen mit zum Protest ausgestrecktem Arm und geballter Faust. Sie tragen Mundschutz aus Bananenblättern.

Vor eineinhalb Jahren begleitete ich Larry Cairuna und seinen Bruder Teddy vom Volk der Shipibo auf einer Inspektion durch die 9000 Hektar ihres Gemeinschaftslandes mitten im peruanischen Amazonasgebiet. Damals zeigten sie mir voller Stolz, wie sie mit Hilfe von Drohnen und Smartphones ihren Wald vor Abholzung schützen.

Weil sich die Nachrichten mehren, dass Indigene im Amazonas von der Corona-Pandemie katastrophal betroffen sind, wollte ich jetzt natürlich wissen, wie es den beiden geht. Reisen ist in Peru, das weltweit anteilig gesehen zu den am schwersten betroffenen Ländern zählt, derzeit nicht möglich, denn es gilt eine strenge Quarantäne. Ich habe deshalb versucht, Larry Cairuna ans Telefon zu bekommen.

 „Wir trinken Tee, den wir mit Mucura (Anm.: Petiveria alliacea) und Matico (Anm.: Kugel-Sommerflieder), Ingwer und Zitronen zusammenmischen“, erzählt mir Larry Cairuna am Telefon aus der Provinzhauptstadt Pucallpa. Um sich vor dem Coronavirus zu schützen, haben die Shipibo nur ihre traditionellen Heilmittel. Vier Personen im Dorf seien krank, mit den typischen Symptomen von Covid-19 – Kopfschmerzen, trockener Husten, Schwächegefühl.

Ob es wirklich Covid-19 ist, wissen sie nicht. Denn in ihrem Dorf Nueva Saposoa gibt es keine Möglichkeit, den Test zu machen. Die vier kranken Dorfbewohner seien auf dem Weg der Besserung. Er selber, Larry Cairuna, war auch krank. „Diese Krankheit ist kein Witz, sehr verschieden von einer normalen Erkältung."

Die tödlichen Folgen schlechter Politik

Angesteckt haben sich die Kranken durch Personen aus dem Dorf, die ins vier Bootsstunden entfernte Pucallpa gefahren sind. Für Fremde ist das Dorf seit Wochen abgesperrt, aber bestimmte Dinge bekommt man nur in der Stadt. „Wir haben hier zwar Fische, aber Salz oder Öl und Reis müssen wir kaufen."

Braunhäutiger Mann mit Hut steuert einen Aussenbordmotor im Boot, im Hintergrund grüner Regenwald
Larry Cairuna am Steuer des Bootes in Nueva Saposoa
Hildegard Willer

Nicht alle Indigenen-Dörfer am Ufer des Ucayali kommen – bisher – so glimpflich davon wie Nueva Saposoa. 45 Indigene vom Volk der Shipibo-Konibo sind bereits an Covid-19 oder an ähnlichen Symptomen gestorben. Der Verband der Indigenen des Ucayali-Flusses und Zuflüssen FECONAU fordert die peruanische Regierung deswegen dazu auf, den humanitären und Gesundheitsnotstand auszurufen.

Peru weist innerhalb Südamerikas mit die höchsten Infektions- und Todeszahlen für Covid-19 auf: 111.698 Infizierte und offiziell 3244 an Covid-19 Verstorbene waren es am 22. Mai 2020. Vergleichszahlen zu den Todesfällen im Vorjahr deuten darauf hin, dass die tatsächliche Zahl der Covid-19-Toten um ein Vielfaches höher ist – und dies, obwohl Peru sehr früh die Grenzen und Schulen geschlossen, den Notstand ausgerufen und seine Bürger*innen seit 16. März dazu verdonnert hat, zu Hause zu bleiben.

Doch es hat wenig genützt. Peru ist zwar eines der Länder mit anhaltendem Wirtschaftswachstum in den vergangenen 20 Jahren, so dass es vom Pro-Kopf-Einkommen heute unter den Middle-Income-Ländern rangiert. Bei den Ausgaben für Gesundheit befindet sich Peru mit 333 US-Dollar pro Kopf (laut WHO-Daten von 2017) jedoch nur im unteren Mittelfeld. Das unterfinanzierte und darüber hinaus fragmentierte und schlecht dezentralisierte Gesundheitssystem Perus hat dem Coronavirus nicht standgehalten.

Besonders brutal zeigt sich dies im Amazonasgebiet. Die Spitäler in den Provinzhauptstädten Iquitos und Pucallpa sind bereits durch den Ansturm von Covid-19-Patient*innen überfordert.

Medikamente sind unerschwinglich

Von der Not der Indigenen wissen auch Ärztinnen und Ärzte im Amazonasgebiet, die ich von Recherchen kenne. Ebenfalls telefonisch erreiche ich die Ärztin Karin Fasabi aus Pucallpa, einer Stadt mit gut 300.000 Einwohner*innen.

„In unser staatliches Krankenhaus kommen ungefähr 80 Patient*innen täglich mit Covid-19-Symptomen. Viele sitzen oder liegen mit Sauerstoffflaschen vor der Tür oder unter den Bäumen“, berichtet die Ärztin. Einige Patient*innen seien am Eingang des Spitals gestorben. Es fehlt an allem: an Sauerstoffflaschen, an einfachen Medikamenten, an Schutzkleidung, an medizinischem Personal. „Wir sind 400 Ärzte in Pucallpa, 70 waren oder sind krank, drei sind gestorben.“ Auch Karin Fasabi war infiziert, verbrachte fünf Tage im Krankenhaus und danach 19 Tage zu Hause. Jetzt ist sie wieder einigermaßen gesund.

Die Preise für Medikamente sind ins Unermessliche gestiegen. Einfache Medikamente wie Paracetamol oder Atromicin-Tabletten kosten heute das 20-fache von dem, was sie vor der Pandemie kosteten. Wenn sie überhaupt zu haben sind. (Sogar in Lima gibt es sie nicht mehr. Als ich gestern in einer Apotheke nach Paracetamol fragte, bekam ich zur Antwort, dass seit einer Woche keines der Medikamente vorrätig sei, das für die Linderung von Covid-19-Symptomen vorgesehen ist – weder als Markenmedikament noch als Generikum.)

Ein nagelneues Krankenhaus steht in Pucallpa ungenutzt herum. Es wurde nie fertiggebaut, weil Korruption im Spiel war. Korruption ist in Peru ein Krebsgeschwür, das alle Ebenen umfasst: vom Präsidenten bis zum kleinen Polizisten. Es macht auch vor einer für den Spitalbau zuständigen Regionalregierung nicht Halt. Dass Korruption auch Todesopfer fordert, wurde noch nie so deutlich wie in dieser Coronakrise.

Dabei war das Gesundheitswesen schon vor Covid-19 überlastet. „Das Coronavirus hat nur überdeckt, dass wir vorher schon mit dem Dengue-Fieber am Anschlag waren", sagt Dr. Fasabi. In Pucallpa sammeln die Kirche und Privatleute inzwischen Spenden, um eine Sauerstoffabfüllanlage kaufen zu können.

„Ein Tierchen, das in meine Vene kriecht“

Besorgt sind nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch Vertreter*innen von Kirchengemeinden im peruanischen Amazonas. „Was für ein Paradox. Wir sind die Lunge der Welt und bekommen keine Luft mehr“, sagt Dominika Szkatula, die in der Amazonasregion Loreto seit Jahrzehnten bei der katholischen Kirche arbeitet. Im Moment organisiert sie Hilfslieferungen für die abgelegenen Dörfer an den Flüssen. „Die staatlichen Gesundheitsposten dort haben absolut nichts zur Verfügung." Dank Spenden hat das Apostolische Vikariat San Jose de Amazonas Sauerstoffflaschen und weitere Hilfsmittel kaufen können, die sie nun auf den Fluss schickt.

Auf einer Strasse im Regen sieht man eine Schlange von Menschen, viele mit aufgespannten Regenschirmen
Menschen in Iquitos stehen für eine Sauerstoffflasche an
Dominika Szkatula

Auch in der Stadt Iquitos ist die Situation kritisch. Neun Mal mehr Covid-19-Tote als offiziell angegeben soll es in Iquitos geben, berichtet das Nachrichtenportal Ojo Publico. „Die meisten kommen nie in die Nähe eines Krankenhauses, sondern sterben zu Hause“, sagt Pfarrer Miguel Angel Cadenas, der seit vielen Jahren in Iquitos tätig ist. Seiner Meinung nach haben die peruanischen Behörden nie versucht, der Bevölkerung im Amazonasgebiet zu erklären, warum sie sich vor dem Coronavirus hüten müsse. „Ein Besucher sagte mir, das Virus sei wie ein Tierchen, das in die Vene kriecht“, erzählt Cadenas als Beispiel dafür, wie anders die Amazonas-Bewohner*innen eine Krankheit wahrnehmen.

In allen Teilen des peruanischen Amazonasgebiet protestierten Indigenen-Verbände in den vergangenen Wochen gegen die ausbleibende staatliche Unterstützung, um ihre Gemeinschaften vor dem Virus zu schützen. Im Departamento Madre de Dios protestierten Shipibo-Frauen mit einem Bananenblatt als Mundschutz für eine bessere staatliche Versorgung. (siehe Titelbild). Der Verband der Shipibo-Indigenen FECONAU fordert, dass das peruanische Gesundheitsministerium eine kulturell angepasste Behandlung für die Covid-19-Kranken garantiert. Der Indigenenverband kritisiert außerdem, dass die ansässigen Erdöl- und Palmölfirmen trotz allgemeinem Lockdown ihren Betrieb wieder aufgenommen haben.

Tagelöhner*innen ohne Tageslohn

Die armen Tagelöhner*innen dagegen dürfen nicht arbeiten. Wie überall in Peru leben auch in Iquitos und Pucallpa mindestens 70 Prozent der Bewohner*innen von ihren Tageseinnahmen. Die offenen Märkte sind ein wichtiger Arbeitsort für die informell Beschäftigten. Und leider haben sie sich auch als gefährliche Ansteckungsorte erwiesen.

Der Markt von Belén in Iquitos – der in jedem Peru-Reiseführer als exotisches Muss geführt wird – wurde inzwischen geschlossen. Damit sind unzählige Menschen ohne Arbeit und Einkommen. Sie versuchen jetzt verzweifelt, irgendwie Geld zu verdienen – oft auch auf illegale Weise, zum Beispiel mit dem Verkauf von Drogen.

Ein Lager mit Wasserflaschen, Klopapier und Kartons, ein Mann und eine Frau stellen die Waren zusammen.
Mitarbeitende der katholischen Kirche in Iquitos stellen Hilfspakete für die Dörfer an den Amazonaszuflüssen zusammen
Dominika Szkatula

Der peruanische Staat hat zwar weit gehende Hilfspakete für die Bevölkerung geschnürt – aber dabei nicht bedacht, dass nur 41 Prozent der erwachsenen Peruaner*innen ein Bankkonto besitzen. Bankfilialen sind im Land sehr ungleich verteilt. Gerade in den ärmeren Städten und Stadtteilen, wo viele Menschen eine Hilfszahlung bekamen, haben die Banken am wenigsten Filialen. So wurden neben den Märkten vor allem die Banken zu Orten , wo sich die Menschen versammelten und gegenseitig infizierten.

„Ich habe eben meinen bono agrícola abgeholt“, meldet Larry Cairuna erfreut. Er meint damit die Corona-Subvention für Landbewohner*innen. Warum er die Zahlung bekommen hat und andere Dorfbewohner*innen nicht, kann er nicht sagen.

Die Auszahlung der Hilfsleistungen erweist sich als große administrative Herausforderung. Die Vergabekriterien sind wegen der fehlenden Register undurchsichtig. Aber Larry Cairuna hatte Glück und ist irgendwie in ein staatliches Verzeichnis gerutscht. Er durfte seine umgerechnet rund 200 Euro abheben. „Wir haben alle aufgepasst vor der Bank und Abstand gewahrt", beteuert Larry Cairuna, „sie haben nur je fünf Leute reingelassen.“

Dann steigt er wieder in sein Boot steigt und fährt nach Nueva Saposoa zurück. In der Hoffnung, dort keine neuen Covid-19-Infizierten anzutreffen.

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Südamerika-Reporterinnen

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