Die Evolution der Strandbeesten

Theo Jansen und seine Schöpfung

Es gibt Momente, die ein ganzes Leben verändern können. Als Theo Jansen an einem warmen Septembermorgen im Jahr 1990 einen Laden betrat, um Plastikrohre für ein Kunstprojekt zu kaufen, ahnte er noch nicht, dass dieser Tag prägend für sein ganzes Leben werden würde. Zuvor hatte er er in seiner wöchentlichen Kolumne für die niederlänische Zeitung Volkskrant die Idee von “Strandlopers” entwickelt, die eigenständig dort leben und Sand aufschütten, um Holland vor den Gefahren der See zu schützen. Er beschloss ein Jahr der Umsetzung dieser Idee zu widmen. Aus dem einen Jahr sind mehr als 27 Jahre geworden, aus der Idee des “Strandlopers” sind in einem evolutionären Prozess Generationen von Strandbeesten entstanden, aufgebaut aus immer dem gleichen Material, den Plastikrohren, die am Anfang standen. 

Im Frühling 2003 habe ich Theo zum ersten Mal getroffen, in seinem Workspace in Ypenburg, einer neuen Vorstadtsiedlung von Den Haag. Und diese Begegnung sollte ein Stück weit auch mein Leben verändern. An diesem Tag hat mich die Faszination der Strandbeesten und der Gedankenwelt Theo Jansens gefangen und ich beschloss von da ab, Theos Arbeit mit der Kamera zu begleiten.

Im September habe ich Theo wieder am Strand in Scheveningen besucht und dabei sind der Film und das Interview entstanden. Wir publizieren das Interview in zwei Teilen. In Teil 1 spreche ich mit Theo über die neue Generation, 

WUNDERDING: In diesem Jahr wurde eine neue Strandbeest-Generation geschaffen, Animaris Mulus mit einer Art Raupe, den Caterpillars. Wie bewährt sich diese Generation bisher?

THEO JANSEN: Während ich hier am Strand mit den Raupen arbeitet, habe ich die Erfahrung mit dem Sand und ich sehe, wie die Raupen auf den Wind reagieren. Wenn ich versuche, die Raupen im Wind laufen zu lassen, schiebt der Wind die Raupen zur Seite - so laufen sie immer etwas schräg zum Wind. Die Kombination der Raupe mit einem klassischen Strandbeest könnte der richtige Weg sein, da die Raupen sehr viel Gewicht tragen und über sehr unebenes Gelände laufen können. Auch muss man die Verbindungen nicht schmieren und Sand kommt auch nicht in die Gelenke, weil es keine Gelenke mehr hat. Eine Raupe hat viele Vorteile, aber das klassische Laufsystem kann Segel tragen, was die Caterpillars nicht können. Vielleicht ist also die Kombination aus Raupe und klassischem Laufsystem das System, das funktioniert. Man kann es als zwei Eltern betrachten, die Kinder bekommen und ihre Gene zu einer neuen Kreation kombinieren - mehr als nur "eins und eins ist zwei". Natürlich lief nicht immer alles reibungslos, aber ich hoffe, dass die Kombination auch in Zukunft funktionieren wird.

WUNDERDING: Wie wird sich diese Generation, der Du den Namen Animaris Mulus gegeben hast, entwickeln?

THEO JANSEN: Jedes Mal, wenn etwas kaputt geht, weiß ich mehr oder weniger, wie man das Problem im nächsten Jahr lösen könnte. Also wird sich die Raupe im Winter ändern und ich werde im nächsten Jahr eine neue Variante an den Strand bringen, die etwas leichter sein und steifere Kanten haben wird, damit sie nicht die ganze Zeit kaputt geht - das ist, was über den Winter passiert. Ich arbeite auch an einer neuen Generation, die Beine haben wird und die leichter laufen sollen als die Raupen. Vielleicht ist es nicht wirklich notwendig für ihr Überleben, aber ich möchte weiter mit den Raupen arbeiten und sehen, ob das vielleicht der Beginn einer neuen Generation ist, ein weiterer Zweig auf dem Evolutionsbaum.

WUNDERDING: Du arbeitest seit 27 Jahren an der Entwicklung der Strandbeesten. Was gibt Dir die Energie weiterzumachen?

THEO JANSEN: Ich denke, es muss irgendwie in dir sein, ein irrationaler Optimist zu sein - ein Optimist ohne Grund. Das bedeutet, dass man ein bisschen naiv sein muss und nicht zu viel über die Ergebnisse nachdenken darf, sondern daran denken, die Arbeit zu genießen. Wenn man genießt, was man tut, dann ist es einfacher, weiterzumachen. Eine andere Sache mit den Strandbeesten ist, dass die Leute sie von Anfang an immer mochten. Das hat mich sehr ermutigt. Es gab viele Leute, die verstehen konnten, was ich tat, sogar Kinder. Sogar zu dem Zeitpunkt als die Strandbeesten noch gar nicht laufen konnten. Irgendwie schien mein Traum andere Menschen anzusprechen. Ich denke, die Kombination dieser Art von natürlicher Naivität in mir und der universellen Anziehungskraft des Traumes hat sich für die Strandbeesten bewährt.

WUNDERDING: Kannst Du Dich noch an die Zeit erinnern, als Du damals losgegangen bist an diesem Septembermorgen, um die ersten Plastikrohre zu kaufen, um dann das erste Strandbeest zu konstruieren?

THEO JANSEN: Ja, ich kann mich noch sehr genau daran erinnern. Ich war immer ein Träumer. Ich hatte damals auch den Traum, ein Popstar oder Rockstar zu werden - das ist offensichtlich nicht in Erfüllung gegangen. Und ich hatte schon immer diesen Traum, ein berühmter Maler zu werden, aber das hat sich auch nicht bewahrheitet. Aber zurück zu dem ersten Tier, das ich vor kurzem in einer Ausstellung in Mexiko wiedergesehen habe - es konnte seine Beine nur bewegen, wenn es auf seinem Rücken lag und es hatte ein sehr kompliziertes Beinsystem. Es sah ziemlich erbärmlich aus, muss ich sagen. Im Moment, als ich es baute, dachte ich, dass es wirklich funktionieren würde, aber aus meiner heutigen Sicht denke ich jetzt: "Wie konnte ich das jemals weiterentwickeln wollen?". Es war nur mit Plastik-Klebeband zusammengebunden und dieses Beinsystem war so kompliziert, das es nie funktioniert hätte. Aber ich weiß jetzt, dass ich in diesem Moment naiv genug war, um daran zu glauben.

WUNDERDING: Gab es Momente, in denen du trotz deiner Naivität daran gedacht hast, aufzuhören?

THEO JANSEN: Natürlich gab es diese Momente. Als Person bekommst du Nachrichten von anderen Leuten - die ganze Zeit. Manche Leute beurteilen diese Nachrichten als ein bisschen negativer als wie sie gemeint sind - sie geraten in eine Abwährtspirale und werden deprimiert. Und andere Leute sind in der Lage, sich selbst etwas vorzumachen, indem sie das, was andere Leute sagen, positiver interpretieren als es gemeint war. Sie gehen also in eine Aufwärtsspirale und werden zu Super-Optimisten. Ich gehöre zum Glück wohl zu der zweiten Sorte von Menschen und habe immer weitergemacht.

Nächste Woche publizieren wir den zweiten Teil des Interviews, in dem wir mit Theo über das Geschichtenerzählen, seinen Durchbruch und die Fortsetzung seiner Arbeit sprechen.

Eine englische Version dieser Geschichte haben wir auf unserer Wunderding-Seite veröffentlicht.